Palästina

von Noemie Rozeh

Warum ich Palästina/Israel gewählt habe? Das war eine ziemlich spontane Entscheidung. Eine meiner besten Entscheidungen!
Über das Meer und durch den Himmel kam ich gemeinsam mit Miriam in das heilige Land. Dort begegneten wir direkt den anderen ReCaP-Mitglieder aus Europa, mit denen wir den ganzen Monat verbringen würden. Das Refugee Camp Project ist von Medizinstudenten in Palästina organisiert worden. Zwei Studentinnen warteten auf uns am Damascusgate und begleiteten uns im Bus nach Betlehem.

Betlehem besteht nicht nur aus Schafen und einer Krippe, sondern aus 30 000 Einwohnern und 3 Stadtteilen: Beit Sahour, der vorwiegend christlich orthodox ist, Beit Jala, und Bethlehem im engeren Sinne.
Es ist eine sehr lebendige Stadt, in der überall Obst und Gemüse, Stoffe, Gewürze, Brot, Falafel, Holzfiguren und vieles mehr zum Verkauf stehen, und wo die Straßen tagsüber trotz der Hitze überfüllt sind. Nachdem man sich durch die Menschenmasse bis zum Ende der Handelsstraße hindurchmanövriert hat, kommt man an der Geburtskirche an, wo Touristen gebeugt durch die schmalen Türen verschwinden. Die Häuser sind aus hellen beigen Steinen gebaut, und manchmal kann man über die Dachterrasse einen wunderschönen Blick auf die mit Olivenbaum bepflanzten Nachbarhügel werfen. Leider gehört seit 2003 zum Ausblick auch die Mauer…
 
In der ersten Woche mit ReCaP wurde uns die Universität von Abu Dis vorgestellt, ein Dorf das einst ein Teil Jerusalems war. Daher stammt auch der Name Al-Quds University („Die Heilige“, arabischer Name Jerusalems). Wir lernten uns durch Spiele besser kennen, und bekamen die ersten Berichte darüber zu hören, was es für die Menschen bedeutet, unter israelischer Besatzung zu leben. „Five broken Cameras“ ,ein Film, den wir uns ansahen, hat mich sehr bewegt. Man konnte sich während des Zuschauens nicht einfach beruhigen mit Gedanken wie :„Es war zu einer anderen Zeit“ oder „Die Szene spielt so weit weg von mir. Was kann ich schon tun?“. Die palästinensischen Studenten organisierten uns am Nachmittag Arabischunterricht, so dass wir ein paar Basics zur Unterhaltung benutzen konnten.
Danach rotierten wir in Gruppen von zwei oder drei Personen zwischen vier unterschiedlichen Krankenhäusern in Bethlehem, welche teilweise von den Vereinten Nationen finanziert werden. Neben der Zeit im Krankenhaus und den tollen Momenten, die wir entspannt auf einem Dach unter der Sonne mit einem Lemon-and-Mint-Getränk verbrachten, ging es auch darum, uns die politische Situation näher zu bringen. Häufig brauchte ich Zeit um alles nochmal zu besprechen und zu reflektieren, nachdem wir durch ein Flüchtlingslager gelaufen waren, oder Erfahrungsbereichte angehört hatten. Es war beeindruckend, zu erfahren, wie stark die Nabka von 1948 in den Gedächtnissen der Palästinenser geblieben ist. Schlüssel     und Eigentumsnachweis werden sorgfältig aufbewahrt.
Die vier Wochen in Palästina waren für mich eine wertvolle Erfahrung von Gemeinschaftsleben, eine Erfahrung der Politik und der der Medizin, aber auch des alltäglichen Lebens in dieser Region. Es war spannend zu hören und zu erleben, wie einiges anders ablief, als ich es gewohnt bin, z.B. das Medizinstudium oder der Straßenverkehr, aber auch wie groß bei allen Unterschieden die Gemeinsamkeiten bleiben.
Dank der ReCaP-Assoziation und den vielen Ausflügen kam ich in Kontakt mit vielen Leuten. Einige, denen ich nur einmal begegnete; andere, denen ich immer wieder begegnete und viele, die für immer in meinem Herzen bleiben werden. Sami, der mit seinem typischen Tablett, der immer fröhlich die Händler und Touristen mit schmackhaften Tee und arabischen Kaffee versorgte. Assem, der Stoffverkäufer, der von 8h-19h immer einen Platz zum Quatschen anbot. Said, der weise Antiquar, der jedes Mal einen neuen Schatz im Laden und neue Geschichten parat hatte. Majd, eine fantastische Freundin und Medizinstudentin, die mir so viel beigebracht hat…
Für den zweiten Monat hatte ich einen Famulaturplatz im Al-Maqased Krankenhaus gefunden: Das größte Krankenhaus Palästinas, das den meisten Palästinenser nicht frei zugänglich ist, weil es auf der anderen Mauerseite steht. In Jerusalem, oben auf dem Ölberg, befindet sich diese durch internationale Spenden finanzierte rosafarbene Uniklinik. Dort war ich zwei Wochen auf der Station für Innere Medizin, und zwei weitere Wochen in der Pädiatrie. Kein Arabisch zu beherrschen war natürlich in dieser Situation kein Vorteil. Für Studierende aus dem Ausland ist es allerdings eine Erleichterung, dass in Palästina das Medizinstudium in englischer Sprache stattfindet. Erstaunlicherweise gab es aber kaum einen Patienten, der Englisch verstehen konnte. So ließ ich mir oft bei der Arztvisite die Gespräche von Medizinstudenten übersetzen. Die große Anzahl an Medizinstudenten war eine Herausforderung für das Krankenhaus und verschaffte mir den vielleicht paradoxen Eindruck eines sehr lebhaften Ortes. Es war für mich die Gelegenheit, viele verschiedene nette Leute kennen zu lernen und über Religion, Feminismus, Kultur, Politik und Katzen zu reden.
Am frühen Nachmittag war meine Arbeitszeit beendet, und so hatte ich am Nachmittag noch Zeit, um Freunde zu besuchen, die Stadt zu besichtigen und Sport zu treiben.
Jerusalem ist eine besondere Stadt: In einigen Stadtteilen lebten mehrheitlich Araber, aber gleich im Nachbarviertel wohnten nur orthodoxe Juden, an ihren Locken, Hut und Anzug gut erkennbar. Insbesondere in der Gegend um die Altstadt, in welcher Angehörige dieser beiden Religionen zusammenleben sollten, waren viele israelische Soldaten zu sehen. An ihre Anwesenheit konnte ich mich nicht gewöhnen.

Ich erlebte das Tanzen des Dabka, das ist der traditionelle Tanz in Palästina, den jeder schon mal zu einer Hochzeit getanzt hat, ob Mann oder Frau. Es war für mich faszinierend, wie sich die Tänzergruppe aus Jugendlichen so leichtfüßig bewegte, wie bei diesen lauten Liedern ihre Beine flitzten und schwebten und wie alles von stampfenden Füßen rhythmisiert wurden. Begabt war ich da insbesondere hinter meiner Kamera. Darüber hinaus hatte ich auch das Glück, in den letzten Wochen noch ein Volleyball-Team zu finden, mit dem ich mich gut verstand.

Fragte man mich nach meiner Rückkehr, wie es gewesen sei, so war diese Frage schwierig zu beantworten. Palästina war für mich eine emotionale Erfahrung, zwischen Spaß und Trauer, Entsetzen und Reflektion. Ich hatte plötzlich einen anderen Blick auf die Welt und dieser Blick erschien mir bewusster.


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Ansprechpartnerin

Susanne Dyhr, IPPNW-Referentin für Soziale Verantwortung
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