Palästina

von Miriam Machill

Es ist März 2019, der letzte Tag der Bewerbungsfrist für das f&e-Programm und ich überlege schon seit Monaten, ob ich meine wahrscheinlich letzten Sommerferien mit so einem besonderen Programm, bestehend aus einer Famulatur, eingebettet in einen weiteren Monat des kulturellen oder auch ganz individuellen persönlichen Kennenlernens und Entdeckens ausfüllen möchte. Und dann nicht zu vergessen, dass ich damit auch in eine intensivere Vor- und Nachbereitung, sowohl für meine eigene Reise, als auch für das darauf folgende Jahr eingebunden sein würde. Das „Engagieren“ wäre also nicht primär in meiner Reise, sondern vor allem in der Zeit danach zu finden. Schließlich bewarb ich mich gerade wegen dieses Rahmenprogramms, wurde glücklicherweise genommen und kann nun über zwei wundervolle Monate voller neuer Eindrücke berichten:

Ich durfte mit f&e nach Bethlehem in Palästina reisen. Dies war mein Erstwunsch und ich war durch diese Platzvergabe extrem vorfreudig. Meine Freunde und Familie waren da ein wenig reservierter: „Kannst du dir nicht einfach mal ein Land ohne Krisenherde und gewisse Sicherheitsrisiken in den Kopf setzen?“ Aber ich wollte herausfinden, ob unser hiesiges Bild über den Nahen Osten durch sehr spezifische Berichterstattung nicht stark verzerrt sei. Ich war einfach neugierig auf Palästina, worüber bei einem früheren 10 tägigen Israel-Schüleraustausch seltsamerweise kein einziges Wort gefallen war. Also brach ich unbeirrt und sehr gespannt Anfang August auf, um direkt mit meinem „ProjektMonat“ zu starten. Dieser bestand aus dem „ReCaP - Refugee-Camp-Project“. Dahinter verbarg sich ein kompletter Monat, den Noémie (f&e-lerin) und ich sowie acht weitere Medizinstudierenden aus aller Welt mit palästinensischen Medizinstudierenden der Al Quds Universität verbrachten.

- Projektteil
Zwischen Vorträgen zur Situation palästinensischer Wissenschaftler sowie der politischen Lage, einem Besuch des Museums über palästinensische Gefangene, dem allnachmittäglichen Arabischunterricht in Kleingruppen oder auch einer Schnitzeljagd quer durch die ganze Uni, bei der man nach disziplinierten Medizinstudierenden vergeblich Ausschau hielt, lernen wir uns in der ersten Woche kennen und waren bereits nach dieser kurzen Zeit zu einer festen Gruppe zusammengewachsen. Es folgten Hospitationen in einem öffentlichen Krankenhaus in Bethlehem und UNRWA- Kliniken (einer medizinischen Unterorganisation der UN). Letztere sind vor allem für die Versorgung der Menschen mit Flüchtlingsstatus zuständig. Mal gab es viel zu sehen, mal suchten wir zusammen mit unseren palästinensischen Kolleg*innen nach irgendwelchen spannenden Konsultationen oder schlicht nach einem Arzt / einer Ärztin. Während dieser Besuche ergaben sich sehr interessante Gespräche wie zum Beispiel über das Gesundheitssystem in Palästina, das Impfprogramm oder die schwierige Frage, in wieweit Kinder, die nun in der dritten Generation in einem Flüchtlingslager leben, auch weiterhin den Status „Flüchtling“ und somit gesonderten Zugang zur medizinischen Versorgung erhalten sollten. Doch wir waren nicht nur in den Gesundheitseinrichtungen Bethlehems. Es gab immer wieder Ausflüge in andere palästinensische Städte. So besuchten wir zum Beispiel Ramallah. Dort besichtigten wir das Machmud Darwish Museum (berühmter palästinensischer Dichter), versuchten uns im Erlernen des traditionellen palästinensischen Tanzes Debkeh (‚Dabka‘) und hörten einem ernsten Vortrag von der Organisation ‚Defence for Children‘ zu, welcher uns über die aktuelle Situation zu den immer wieder stattfindenden Verhaftungen von palästinensischen Kindern und deren Folgen ins Bild setzte. Abends wurden wir von der Familie einer Medizinstudentin zum Essen eingeladen und wir konnten die vielen Eindrücke des Tages in entspannter Atmosphäre Revue passieren lassen.

Mit der Zeit entstanden Freundschaften und wir beließen es nicht bei den bereits geplanten Programmpunkten. Als wir über ‚Eid‘, dem muslimischen Opferfest, ein paar Tage frei hatten, reisten wir internationalen Gäste nach Haifa und Akko in Israel. Angefangen mit der Schwierigkeit, an einem Sabbat, dem wöchentlichen jüdischen Feiertag, in Jerusalem eine bezahlbare Reisemöglichkeit in die Küstenstädte zu organisieren über den witzigen Eindruck, den wir als völlig diverse und noch dazu große Reisegruppe in dem Hostel hinterließen bis hin zu einem schönen Tag am Strand und einer lustigen Rückreise mit der Bahn war das ein weiteres Erlebnis, das unseren Gruppenzusammenhalt stärkte. Die Zeit verging wie im Flug! Nach vielen langen Tagen und Abenden, an denen wir über das Erlebte sprachen, gemeinsam kochten und bis weit in die Nacht ins Gespräch vertieft auf dem Balkon saßen, nahmen wir Ende des Monats schweren Herzens von unserer vielfältigen, lustigen aber auch ernsthaften, sehr beeindruckenden Zeit mit der internationalen Studierendengruppe Abschied.

- Famulatur
Noémie und ich blieben - wie natürlich unsere palästinensischen Freunde auch - zurück in Bethlehem und es brach der zweite Monat unseres f&e Programms an. Für mich hieß das, dass ich eine Famulatur im „Caritas Baby Hospital“, einem kleinen privaten Kinderkrankenhaus machen durfte. Die Atmosphäre dort war sehr familiär. Jeden Morgen startete mein Tag mit der Frühbesprechung der Ärzte, die glücklicherweise überwiegend auf englisch war. Dann ging es ein wenig später mit auf Station zur Visite. Anschließend lag es an mir, die Zeit bis zur ‚Lecture‘, also kleinen Lehrvorträgen für die palästinensischen Medizinstudierenden, die mit mir im Krankenhaus waren, sinnvoll zu füllen. Häufig nutzte ich die Gelegenheit und löcherte Ärzte als auch meine studentischen Kolleg*innen mit Fragen. Oder aber wir vertrödelten die Zeit mit Herumsitzen oder mit der Suche nach etwas zu tun. Wie man jetzt vielleicht heraushört, fand  nicht immer so viel Spannendes statt und auch die Visiten waren nach zwei Wochen nicht mehr so packend. Also nutzte ich die Gelegenheit, ein wenig in andere Zweige des Krankenhauses hineinzuschnuppern. So schaute ich mir die Ambulanz an, hospitierte in diesem Rahmen in der Radiologie und durfte auch mal selbst einen Hüftultraschall bei einem Kleinkind durchführen. Ebenfalls spannend war das krankenhauseigene Labor und mein Tag bei einem der wenigen Endokrinologen Palästinas, der regelmäßig seine Sprechstunden in dem Krankenhaus anbietet.

- Zeit für eigene Entdeckungen
Da es wie gesagt ein sehr kleines Krankenhaus ist und schon am Vormittag die Frage nach weiterer Beschäftigung auftrat, ist es sicher verständlich, dass ich gegen frühen Nachmittag, also nach unserer Lecture, mit den anderen Medizinstudierenden nach Hause ging. Dadurch konnte ich meinen Nachmittag recht frei gestalten. Häufig blieb ich für eine halbe Stunde oder auch länger bei Said im Laden hängen. Der Antiquitätenhändler hatte viel zu erzählen und es war sehr spannend, sein Land durch seine Augen betrachten zu können. Auch bei Ahmad, einem anderen Ladenbesitzer, lernte ich bei Kaffee oder Tee viele Geschichten kennen. Von den Schwierigkeiten der kleinen Ladenbesitzer in Bethlehem über die Gepflogenheiten des Verlobungs- und Heiratsprozesses bis hin zu den Veränderungen der letzten Jahre in der Stadt und dem Land kam vieles zur Sprache. Zudem, begeistert von unserer kleinen Einheit „Debkeh“ aus ReCaP, besuchten Noémie und ich zweimal die Woche einen Debkeh-Tanz-Kurs und versuchten den schnellen Erklärungen und vor allem den noch viel schnelleren Schritt- und Sprungfolgen der anderen Tänzer*innen zu folgen. Nach so einem Tag ließen wir zwei uns oft am Abend frisches Chrubus (arabisches Brot) mit Za‘atar (Thymian mit Sesam), Humus und Öl schmecken.

- Zwei Seiten
In meinen letzten anderthalb Wochen stieß schließlich Karla (f&e-lerin aus Israel) zu uns nach Bethlehem. Das war sehr schön, denn es eröffnete mir nochmals andere Aspekte des NahostKonflikts, weitere Perspektiven sowie auch andere Einblicke. Ich konnte so im geschützten Rahmen
die Sichtweise von Menschen der ‚anderen Seite‘ (Israelis) kennenlernen. Das tat mir sehr gut, denn selbst wenn ich die Zeit gehabt hätte - zu diesem Zeitpunkt des Programms hatte ich nicht mehr die emotionale Kraft, eigene Erfahrungen in Israel und entsprechend engere Bekanntschaften zu machen. Ohne längere Verarbeitungspause hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut so unbefangen, offen und vor allem weitestgehend unvoreingenommen nach Israel zu reisen, wie ich es eigentlich tun möchte, wenn ich ein anderes Land bereise. Denn diese zwei Monate waren für mich sehr intensiv. Ich habe so viele Gespräche über so viele verschiedene Themen in diesem vielfältigen und vielschichtigen Land führen können - das wäre mir mit einer klassischen Reise durch Palästina nicht möglich gewesen. Vieles des Erlebten ist nicht oder nur schwer vom Grundkonflikt der Region zu trennen. Mauern, Zäune und Checkpoints prägen direkt oder indirekt den Alltag vieler Palästinenser. Doch obwohl ich täglich an der Mauer mit ihren Wachtürmen vorbeigegangen bin, ist dieses symbolträchtige Konstrukt nicht das Erste, an das ich beim Gedanken an Palästina denke. Ich bin mir sicher, dass dieser Sommer für mich nur der Anfang einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Nahen Osten war und ich mich definitiv weiter damit befassen werde. So möchte ich irgendwann in Zukunft eine längere Reise nach Israel unternehmen, um auch die ‚andere Seite‘ mitsamt ihrer Lebenswirklichkeit kennenzulernen.
Doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt bin ich einfach dankbar für die Zeit in Palästina, dankbar für die Freundschaften, die ich dort geschlossen habe und dafür, dass ich all diese Eindrücke weitergeben darf.

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Ansprechpartnerin

Susanne Dyhr, IPPNW-Referentin für Soziale Verantwortung
Susanne Dyhr
Referentin für Soziale Verantwortung
Tel. 030/698074 - 17
Email: dyhr@ippnw.de

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