Nordmazedonien

von Helma Fuge

"Herkunft sind die süß-bitteren Zufälle, die uns hierhin dorthin getragen haben. Sie ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat.“*
Ich denke an den langen, warmen Sommer in Nordmazedonien zurück, mittlerweile mit etwas Temperatur- und Breitengraden Abstand, und frage mich, ob ich ihn wirklich erlebt habe, finde ihn ein bisschen verrückt, bin versunken und beeindruckt. Beeindruckt davon, wie es möglich ist, an Orte zu gehen, die man bis dato nicht einmal auf der Landkarte richtig verorten konnte, und deren Namen keine Assoziation hervorrief, die dann aber irgendwie vertraut und kurzweilig heimatlich wurden. - Heimat, das ist ein Wort, an das ich in diesem Sommer besonders große Fragen hatte. Zum Beispiel die: Hat sie eine Flagge? Kann sie vertauscht werden? Und warum hat sie so viel Macht über unsere Freiheit und Einfluss auf unsere Identität?

Den ersten Monat, meine Famulatur, verbrachte ich in der Uni-Klinik Mutter Theres, begleitete Dr. Sead (Präsident der IPPNW Nordmazedoniens) bei seiner Arbeit in der Pulmonologie. Er stellte mir Patient*innen vor, sowohl auf Station als auch in seiner ambulante Sprechstunde. Dank meiner und seiner Englischkenntnisse verstand ich die Vorgehensweisen und Krankengeschichten weitestgehend, konnte die Patient*innen mit untersuchen und mich mit ihnen sogar gelegentlich auf Deutsch, sonst auf Mimik und Gestik verständigen:) Das Klima auf der Station war sehr freundlich und angenehm, ein entspanntes Miteinander. Da Dr. Sead gute Kontakte zu den anderen Kolleg*innen hatte, konnte ich teilweise auch bei der Arbeit anderer Ärzt*innen dabei sein, wie zum Beispiel bei Dr. Maria in der Bronchoskopie. Die Tage in der Pulmo waren abwechslungsreich, zwischendrin bot sich immer wieder die Gelegenheit, sich mit Dr. Sead auch über Geschichte und Politik des Landes auszutauschen.
Die zweite Hälfte der Famu entschied ich, in der Gynäkologie zu sein. Dort arbeiteten viele junge Assistenzärztinnen, die mich, nachdem sie das Einverständnis der Patientinnen eingeholt hatten, zu vielen Untersuchungen mitnahmen und sich in ihren freien Minuten zwischendrin viel Zeit zum Erklären nahmen. Ich sah viele Ultraschalle, gynäkologische Untersuchungen, Fruchtwasserpunktionen und nachdem ich erfolgreich nachweisen konnte, nicht von MRSA besiedelt zu sein, durfte ich auch mit in den Geburtssaal gehen. Das war eine sehr besondere Erfahrung für mich - also Schwangerschaft von allen Seiten sehen zu dürfen und so viele Abteilungen und Menschen des dort arbeitenden medizinischen Personals, als auch die schwangeren Frauen kennen zu lernen und nebenbei noch den Zauber neu geborener Wesen zu erleben.
Insgesamt wurde mir überall bereitwillig sehr viel erklärt, ich wurde aber in diesen Wochen auch dabei herausgefordert, Antworten und Möglichkeiten selbst zu erfragen - war also auch auf eine für mich neue Weise gelegentlich auf mich gestellt...- Freiheit vs. Eigeninitivative :)
Wie ich den zweiten Monat verbringen würde, entschied sich erst vor Ort, da lange die Frage im Raum stand, wie und wo man überhaupt in so kurzer Zeit sich „sinnvoll“ in ein Projekt einbringen könnte. Beim Nachbereitunsseminar sprachen wir später viel über diese Vorstellung und Erwartung an das „E“ in f&e und darüber, dass das ganz unterschiedlich aussehen kann.
Ich wollte gern Gruppen kennenlernen, die im Umweltschutz aktiv sind, hatte aber durch das Sommerloch wenig Kontakt zu diesen aufbauen können. So entschied ich mich dazu, den Monat, wie mein Vorgänger, beim Roten Kreuz zu verbringen. Dort war ich zwei Wochen mit dem Team unterwegs, das im Norden an der Grenze zu Serbien Menschen auf der Flucht medizinische Versorgung zur Verfügung stellt und war bei den täglichen Abläufen in der vorrübergehenden Unterkunft involviert.
Ich lernte außerdem ein zweites Projekt des roten Kreuzes - die Tageseinrichtung für ältere Menschen - kennen, in der ich bei anfallenden Aufgaben (wie zB. Übersetzungsarbeiten) und täglichem Programm ein kurzer, aber sehr willkommen geheißener Teil des Teams war.
Was bewegte mich denn zu dieser Reise?, wurde ich oft gefragt. Ich weiß es nicht mehr sicher. Im Vorhinein hatte ich anderes zu suchen gedacht, als ich im Nachhinein gefunden habe. Im Vorhinein wollte ich den „Balkan“ kennen lernen (-jetzt kann ich schmunzeln über dieses Vorhaben – ich weiß ja nicht einmal, was „Deutschland“ ist?), wollte in fremder Umgebung allein sein (können), mich darin wieder-, zurecht, oder was ganz Neues finden, und durch den Zugang der Medizin ein gesellschaftliches und politisches System kennen lernen.
Im Nachhinein habe ich in diesen Monaten auch viel davon gefunden: Auseinandersetzung mit mir und meiner Herkunft. Zu erfahren, was für mich und mein Gegenüber „Ich komme aus…“ zu sagen, bedeutet und nicht bedeutet. Das war Anlass zur Reflektion von Lebensweisen, Perspektiven und Privilegien - und so entstand auf eine unerwartete Weise ein Zusammenhang zwischen mir und Menschen und Orten Nordmazedoniens, der sicherlich vielerorts hätte entstehen können, und für den ich sehr dankbar bin.
Jetzt, nach dem Sommer, bin ich nicht viel schlauer, in der Frage, was der Balkan ist, wie man sich als Tourist*in richtig verhalten kann, und ab wann man keine*r (mehr) ist… Ich habe hauptsächlich noch mehr Fragen gesammelt… Aber auch Ahnungen, ein etwas größeres Verständnis für gesellschaftliches Zusammenleben und für die dortige politische Situation bekommen, für geschichtliche Verstrickung, ein Interesse zu einer Region entwickelt und den Gedanken, dass wir/ich dieser (wie auch anderen) Regionen viel näher sind als gedacht, dass wir vielleicht allem und allen näher sind als gedacht, auch weil der Zufall uns überall hätte hin platzieren können. Und ich habe durch all den Input und Austausch im Rahmen des f&e Programms neben vielen Gedankenanstößen auch unglaublich inspirierende und nährende Begegnungen gehabt, durch die ich fürs weitere Studieren und alles, was danach folgt, viel neue Motivation geschöpft habe :)
„Jedes Zuhause ist ein zufälliges (…). Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will. Glück hat, wer sich geographische Wünsche erfüllt.“*
Bekräftigt bin ich in der Erkenntnis, dass wir Möglichkeiten, ja Verpflichtungen haben, uns hier vor Ort politisch einzusetzen – gegen die bitter-süßen Zufälle, die uns unsere Herkunft beschert…

*Zitate aus Saša Stanišić „Herkunft“



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Ansprechpartnerin

Susanne Dyhr, IPPNW-Referentin für Soziale Verantwortung
Susanne Dyhr
Referentin für Soziale Verantwortung
Tel. 030/698074 - 17
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