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Serbien

von Anna Sarachi

Da ich mich bei f&e hauptsächlich aus Interesse am Programm, als an einem bestimmten Land, beworben habe, war ich sehr gespannt, als ich eine Mail mit der Zusage bekam. „Serbien“ stand da in großen Buchstaben. Meine Vorbereitung bestand folglich darin Serbisch zu lernen und mir Dokumentationen über den Jugoslawienkrieg anzusehen, um meine mangelnden Kenntnisse über die Vergangenheit des Landes etwas auszubessern.

Kurze Zeit später wurde mir der Kontakt zu Dragan vermittelt, einem ippnw-Arzt. Er betreut die Austauschstudenten des Programms schon jahrelang, für ihn hat das gewissermaßen Tradition. So war auch er derjenige, der mich am Flughafen von Belgrad abholte. Er hatte sich im Vorfeld um eine Unterkunft für mich gekümmert und dem engagierten ippnw Studenten Filip überlassen mir eine Famulatur zu organisieren.

Meine Famulatur leistete ich im Kinderkrankenhaus in New Belgrade ab. Filip begleitete mich am ersten Tag zur Klinik. Ich traf den Stellvertretenden Leiter des Krankenhauses und wir besprachen, wo ich mein Praktikum machen wolle. Wir einigten uns darauf, dass ich in der Kardiologie anfangen würde und dann wochenweise rotiere, um möglichst viele Eindrücke zu sammeln. Am Ende hat es mir allerdings so gut gefallen, dass ich die gesamte Zeit in der Kardiologie geblieben bin. Von vorne herein hatte ich mich darauf eingestellt, dass ich durch die Sprachbarriere nicht so viel von der Famulatur mitnehmen würde. Das stellte sich auf der einen Seite als wahr heraus, denn natürlich hatte ich keine eigenen Patienten und konnte den für mich zuständigen Ärzten keine Arbeit abnehmen. Dennoch habe ich viel gelernt, was vor allem an den tollen Ärzten lag, die sich sehr engagiert zeigten und häufig die Zeit nahmen, mir Sachen zu erklären.

So verbachte ich die Mon- und Freitage vor allem in der Ambulanz von Dr. Prijic, mit dem ich die Patienten gemeinsam untersuchte und der mir meist eine Zusammenfassung der Anamnese auf Englisch lieferte. Nebenbei besprachen wir gesehene Krankheitsbilder und er zeigte mir, wie man ein Herzecho macht, was ich dann an den Patienten üben durfte. Dienstags und Donnerstag musste ich etwas Eigeninitiative zeigen. Hauptsächlich liefen Herzechos in den Funktionsbereichen und stellte ich mich dazu und probierte etwas zu lernen. Nebenbei hatte ich immer mein Handy mit der Amboss-App dabei und las so viel zu den Krankheitsbildern nach, die ich sah. Das war zwar manchmal etwas trocken, aber half mir sehr, besonders, da man mit der Zeit ähnliche Krankheiten öfter sah und schon wusste, worauf man zu achten hatte. Mittwochs war in der Klinik der Herzkathether-Tag. Deshalb war ich eigentlich die ganze Zeit im Kathetherlabor und ließ mir von den Assistenzärztinnen, netten Anästhesisten oder den interventionellen Kardiologen erklären, was gerade mit welcher Indikation zu welchem Outcome gemacht wurde/wird. Zwar musste ich öfters Initiative zeigen und Fragen stellen, wenn mir etwas unklar war oder mich interessierte, aber habe dafür eigentlich immer Antwort bekommen, die nicht allzu selten meine Erwartung in den Schatten stellte.

Da meine Famulatur etwas passiv war, wollte ich mir ein Sozialprojekt suchen, bei dem ich richtig anpacken konnte. Nach ein wenig Recherche vor Ort kam ich auf eine NGO, die mit/für Flüchtende in einem Vorort von Belgrad arbeitet und hauptsächlich durch internationale, junge Freiwillige am Laufen gehalten wird. Jeden Tag haben wir Mittagessen für ein 30min entferntes Flüchtlingscamp gekocht. Dazu musste man in der Küche Gemüse schneiden, Abwaschen und Putzen. Zudem waren Leute benötigt, die ins Camp fuhren und halfen, das Essen zu verteilen und im Anschluss daran an den angebotenen „activities“ für die Campbewohner teilnahmen. Daneben wurde ein community center unweit des Camps eröffnet, hier konnte ich Deutsch, Französisch und Erste Hilfe unterrichten. Neben diesen Aktivitäten war die NGO auch sonst offen gestaltet und wenn man Lust hatte, konnte man sich in verschiedenen Bereichen einbringen. Ob im workshop Möbel für das community center bauen, beim Fundraising und social media-Team mithelfen, im Warenhaus die gespendeten Klamotten sortieren und ordnen, oder ein eigenes Projekt starten, Engagement war immer willkommen. Die Zeit in dem Projekt erlebte ich als sehr wertvoll und intensiv. Es war schön einmal ganz aktiv helfen zu können und hat mich noch einmal auf eine neue Weise für die Themen Migration, Flucht und Asyl sensibilisiert.

Ich war bei der Familie von Freunden von Dragan (dem ippnw-Arzt) untergebracht. In einem der reichsten Viertel Belgrads wohnte ich in einer wunderschönen Wohnung zusammen mit Tanya, einer bereits in Rente gegangenen Menschenrechtsanwältin. Sie, genau wie ihre mit Dragan befreundete Tochter Masa, nahm mich sehr herzlich auf. Ich lernte die ganze Familie kennen und verbrachte öfters Abende mit Tanya und Tara, der dreijährigen Tochter von Masa. Insgesamt hatte ich so ein echtes zu-Hause-Gefühl und dazu viele spannende Gespräche mit interessanten Perspektiven auf die verschiedensten Themen. Auch mit Dragan und Filip unternahm ich hier und da etwas. Dazu lernte ich selber ein paar Leute in der Stadt kennen und unternahm später auch viel mit anderen Freiwilligen aus der NGO.

Darüber hinaus hat Belgrad als Hauptstadt viel zu bieten. Zahlreiche Cafés, Bars, Konzerte, Parties und Events gaben einem gute Möglichkeiten sich nach der Arbeit die Zeit zu vertreiben. Fazit: Alles in allem bin ich sehr froh am f&e-Programm teilgenommen zu haben. Öfters hatte ich Gespräche und Begegnungen mit Menschen, die mir sehr lehrreich und wichtig erschienen. Dankbar stellte ich dann fest, dass ich diese Menschen niemals kennengelernt und diese Gespräche niemals geführt hätte, wenn ich in Deutschland geblieben wäre. Ich habe das Gefühl, einige wertvolle Erfahrungen gemacht zu haben und wahrhaftig etwas über meinen Tellerrand hinausgeschaut zu haben. 

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