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Kenia II

von Vivian Thompson

Es war ein ähnliches Gefühl wie den Studienplatz für Medizin zu bekommen. Das klingt übertrieben aber mein Magen zog sich genauso zusammen und meine Finger wurden ganz zitterig als ich die Email mit Marens Zusage bekam. Ich würde den Sommer in Kenia verbringen und eine einmalige Möglichkeit bekommen das Gesundheitssystem dort auf eine interne Art kennen zu lernen. Eine solche Auslandserfahrung habe ich mir lange gewünscht und dann auch noch mit dem f&e Programm, dass mich schon lange im Hinterkopf beschäftigt hatte. Immer wieder hatte ich mit dem Gedanken gespielt mich zu bewerben und immer wieder kamen Selbstzweifel. Sind meine Intentionen die richtigen und bin ich wirklich der richtige Mensch dafür. Wieder hier angekommen merke ich wie lieb ich dieses Land gewonnen habe und wie ich jetzt schon den Trubel Nairobis, der mir am Anfang unserer Zeit dort den letzten Nerv geraubt hat, vermisse, wenn ich wieder durch die vergleichbar sehr ruhigen Straßen Wittens laufe.

Ich war unglaublich froh zusammen mit Laura diese Reise anzutreten. Trotz unterschiedlichem Hintergrund und sehr verschiedenen Persönlichkeiten waren unsere Sorgen und Erfahrungen doch häufig sehr identisch. Und immer wieder konnten wir uns gegenseitig aufbauen, wenn mal etwas schief lief oder gemeinsam freuen, wenn wir etwas erlebten, dass uns gleichermaßen beeindruckte oder fesselte.

Wir entschieden uns in der gleichen Stadt am indischen Ozean die Famulatur zu machen. In unterschiedlichen Fachrichtungen sammelten wir unglaublich viele Erfahrungen und hatten viel zu bereden, wenn wir uns zum Mittagessen trafen oder auf dem Heimweg zurück zu unserer herzlichen Gastgeberin Iwaret, einer Ärztin und aktuell wissenschaftlichen Mitarbeiterin für das KEMRI Wellcome Trust Forschungsinstitut, waren. Nie ging uns der Gesprächsstoff aus. Bald waren wir auch bei den Kellnern in unseren beiden Lieblingscafes in Kilifi bekannt und tauchte einer von uns alleine auf fragten schon alle besorgt, wo denn Laura oder Vivian waren.

Meine ersten 2 Wochen verbrachte ich in der Notaufnahme. Das Team dort war klein und schnell lernte ich alle kennen. Es gab unglaublich viel zu tun, dadurch dass das Kilifi District Hospital als größtes Bezirkskrankenhaus einen großen Einzugsbereich hatte. Menschen mit den unterschiedlichsten und für mich häufig noch sehr unbekannten Erkrankungen kamen tagtäglich in Begleitung vieler Verwandter in die Notaufnahme. Ich musste mich erstmalig mit der Versorgung eines Schlangenbisses und der Deeskalation einer malignen Hypertonie mit anderen Medikamenten, als ich es gewohnt war, auseinandersetzen. Die Einarbeitung verlief zügig und ich war sehr dankbar bei allem zuschauen und mithelfen zu dürfen. Viele Situationen mussten anders gehandelt werden, als ich es gewohnt war und meine anfängliche Unsicherheit wich später dem Respekt der Menschen, die hier arbeiten. Durch einen Mangel an Fachkräften haben viele der Angestellten ein sehr hohes Arbeitspensum eingehalten und waren trotzdem mit einer sehr ansteckenden Motivation bei der Arbeit.

Gleiches begegnete mir in der Anästhesie, wo ich die nächsten zwei Wochen der Famulatur verbrachte. Gerade die Lehre hatte unter den Anästhesisten einen hohen Stellenwert und immer wieder wurde man ausgefragt und genau beobachtet, ob man auch wirklich verstanden hatte, was einem erklärt wurde. Die typischen Krankheitsbilder, die ich aus Deutschland kannte, wurden ersetzt durch Sichelzellkrisen, Tuberkulose und Fälle schwerer Osteomylitis, die hier sehr häufig und dadurch sehr routiniert behandelt wurden. Nach einem Famulaturtag war ich oft wie gerädert und froh auch mal auf der Couch zu liegen und mich von Nachrichten und den Erzählungen aus der Gynäkologie und Pädiatrie berieseln zu lassen.

An den Wochenenden hatten wir dann Zeit, einige Ort an der wunderschönen Küste von Kenia zu besuchen. Der Besuch von den Ruinen Gede, einer swahili-muslimischen Siedlung aus dem Mittelalter, war sehr fesselnd. Ich musste traurig feststellen, wie wenig ich mich mit der Geschichte Kenias auseinandergesetzt hatte und war begeistert durch die Ruinen zu laufen und von einem jungen Studenten, der dort als Guide arbeitete, die Geschichte dieses Ortes zu hören.

Die Zeit in der Hauptstadt Kenias war ganz besonders und ganz anders als in Kilifi. Wir saßen im Zug von Mombasa und Nairobi und sahen ein letztes Mal Elefanten, als wir durch den National Park fuhren und dann von Bahnhof auch ganz schnell und problemlos ins Zentrum der Stadt kamen. Der übliche Trubel einer Großstadt im Vergleich zum ländlichen Gebiet empfing uns und es fiel mir zunächst schwer mich daran zu gewöhnen. So hatte ich doch die Ruhe der Küste sehr verinnerlicht. Jeden Tag hatten wir ein anderes Programm und mussten uns schnell auf Änderungen einstellen. Der etwas strukturiertere Arbeitsalltag in der Klinik hatte mich geprägt.

Das Projekt in Nairobi war stark an die Kurse des Medical Peace Work orientiert. Mit einer Gruppendiskussion der Studentengruppe des IPPNW der Kenyatta University über „Crisis in a community hospital“ starteten wir in die Woche. Die Diskussion half uns Themen zu detektieren, mit denen vier uns die kommenden 3 Wochen beschäftigen wollten. Dazu gehörten der Fachkräftemangel, die Versorgung psychisch erkrankter Menschen, die große Schere zwischen Arm und Reich und Probleme, die durch einen Mangel an finanziellen Mitteln im öffentlichen Gesundheitssektor entstehen. Innerhalb der Gespräche der nächsten Wochen würden wir diesbezüglich mehr Informationen bekommen und freuten uns schon auf die Gespräche.

Zwei weitere Themen, die in diesen drei Wochen bearbeitet wurden waren mit den Begriffen „Urban Settlement“ und „Disarmament“ betitelt. Im Rahmen der „Urban Settlement“ Thematik besuchten wir gemeinsam unterschiedliche Viertel von Nairobi und sahen uns an, wo und wie unterschiedliche Menschen in dieser schnell wachsenden Stadt lebten. Im Botschaftenviertel besuchten wir eine Mall, im Kibera Slum trafen wir uns mit einer ehrenamtlichen Sozialarbeiterin, die uns viel über ihre Arbeit mit Familien, die dort lebten, erzählte. Auf einer Konferenz zum Weltfriedenstag gingen wir zu einer Konferenz von südsudanesischen Flüchtlingen, die über ihre Stellung und Rolle in der kenianischen Gesellschaft eine Podiumsdiskussion organisiert hatten.

Die ersten zwei Wochen waren wir sehr viel unterwegs und verbrachten die meiste Zeit in bunten Bussen, die das Radio häufig ein bisschen zu laut aufdrehten. Über den Lärm hinweg kamen die spannendsten Gespräche mit Kelvin und Kuria, zwei Studenten der IPPNW-Gruppe, zustande. Abends kochten wir häufig zusammen, machten Sport und besprachen die vielen Informationen, die wir über den Tag gewonnen hatten. Ein Highlight in diesen zwei Wochen war ein Termin im Gesundheitsministerium, wo wir die Chance bekamen, viele Dinge anzusprechen, die uns schon lange beschäftigt hatten. Wie sehen Zukunftspläne in Hinsicht einer flächendeckenden Krankenversicherung aus und warum fehlen häufig Standardmedikamente in den öffentlichen Krankenhäusern.

Zu der Thematik des Disarmament trafen wir Mitarbeiter der NGO SRIC (Security Research and Information Center). Diese NGO führt Forschungsprojekte und Interventionen zur zivilen Entwaffnung durch und konnte in verschiedenen Gebieten des Nordens Kenia Erfolge erzielen. Hauptaugenmerk liegt dabei darauf, das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber der Polizei wiederherzustellen.

Sowohl in der Klinik, als auch im Medical Peace Work Projekt habe ich unglaublich viel gelernt und an jeder Stelle wurde meine Neugier weiter entfacht. Wir konnten unglaublich viele Kontakte knüpfen und ich hoffe sehr für die Zukunft, dass das f&e Programm an unsere Erfahrungen anknüpft und gemeinsame Projekte entstehen. Die Zeit in Kenia ist eine Zeit geworden, die mich nachhaltig beschäftigen wird. Ich konnte neue enge Freundschaften schließen und hoffe, alles Gelernte weitergeben zu können.

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