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Israel

von Ricarda Münch

Es ist interessant zu beobachten, wie vertraut Orte einem schon vorkommen können, selbst wenn man erst einmal an ihnen war. Der Flughafen in Tel Aviv rief Erinnerungen an meinen letzten Aufenthalt in Israel wach. Ich erinnerte mich genau an die Passkontrollschalter, an das lange und etwas nervöse Warten auf die Befragung zu den eigenen Reiseabsichten. Ich wollte dieses Land, das ich vor drei Jahren schon einmal bereist hatte, besser kennenlernen, mehr über das Leben der Menschen vor Ort lernen, über jüdische Alltagskultur und die Lage in diesem angespannten Flecken der Welt. Vom Bahnhof in Tel Aviv nahm ich den Bus Richtung Süden, um nach Ajami zu gelangen, einem Vorort von Jaffa, der alten arabischen Hafenstadt südlich von Tel Aviv. Ich hatte das WG-Zimmer über die Freundin einer Freundin gefunden, die den Sommer über nicht in Israel war. Meine erste Busfahrt war exemplarisch für die zahlreichen weiteren Busfahrten während meiner Zeit in Tel Aviv: die völlige Überforderung, hebräische Anzeigen zu entziffern, das permanente Abchecken mit dem GPS, wo ich mich gerade befinde und die ständige Angst, den Ausstieg zu verpassen, sodass wenig Zeit blieb, die Umgebung zu betrachten. Von den modernen Hochhäusern im Zentrum Tel Avivs, dieser High-Tech-Start-up-Stadt, bewegte ich mich immer mehr zu alten leicht heruntergekommenen Häusern aus osmanischer Zeit neben kleinen einfachen flachen Häusern, teilweise mit Hühnern oder Ziegen im Vorgarten. Ajami, vielen Israelis bekannt durch einen gleichnamigen Kinofilm, in dem es um die dortige Drogenszene und Kriminalität geht, hat keinen guten Ruf. Die Antwort auf die Frage nach meinem derzeitigen Wohnort löste daher bei den meisten Israelis irgendetwas zwischen Besorgnis und Unverständnis aus. Ajami ist bestimmt kein Ort, der einen mit offenen Armen empfängt und schnell ein Gefühl von zu Hause vermittelt, aber dennoch bin ich auch froh um diesen einen Monat, den ich dort verbracht habe: ich kam mit einer Seite Israels in Berührung, die ich allein in Tel Aviv nicht kennengelernt hätte. Täglich die Unterschiede zwischen dem geschäftigen hedonistischen Zentrum Tel Avivs und den einfachen fast ländlich anmutenden Häusern mit den arabischen Großfamilien in Ajami zu erleben, zeigte mir immer wieder aufs Neue die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Menschen in Israel.

Zu meiner Famulatur in einem psychiatrischen Krankenhaus in HodHasharon, einem Vorort im Norden Tel Avivs, war es von Ajami aus ein weiter Weg. Mit dem Bus hätte ich planmäßig fast anderthalb Stunden gebraucht, doch wie ich schnell merkte, bedeutete das in Wirklichkeit oft mindestens zwei Stunden. Allerdings hatte ich großes Glück und konnte dank des Engagements Daphnas, der verantwortlichen Ärztin für das f&e-Programm vor Ort, die einen jungen neuen Assistenzarzt aus Jaffa ausfindig gemacht hatte, jeden Morgen mit ihm zum Krankenhaus fahren, was mir über eine Stunde Fahrtzeit ersparte. Nicht nur eine angenehme Mitfahrgelegenheit bot er mir, sondern viel Zeit für interessante Gespräche über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der jüngeren Generation in Israel. Die Fahrt in das psychiatrische Krankenhaus, in dem ich sechs Wochen verbringen sollte, kam mir oft vor, wie die Fahrt in eine andere Welt. Raus aus dem hektischen Zentrum Tel Avivs, weg vom wunderschönen Mittelmeerstrand, an den Rand von HodHasharon, einem grauen nichtssagenden Vorort aus Hochhäusern, auf einen staubigen Parkplatz neben einem Erdbeerfeld. Der Name des Krankenhauses, Shalvata, ist wohl ein Wortspiel mit dem hebräischen Wort Shalva, wie mir erklärt wurde, was so viel wie Ruhe bedeutet. Ein ruhiger Ort ist Shalvata tatsächlich, eine kleine grüne Oase mit vielen Rasenflächen und Bäumen und mehreren kleineren Gebäuden in einer sonst staubigen trockenen Umgebung. Zum Krankenhaus gehören neben drei Erwachsenen-Stationen eine jugendpsychiatrische Station mit Schule, eine Tagesklinik, mehrere Ambulanzen, eine Notaufnahme und eine Rehabilitationseinrichtung. Meine Famulatur spielte sich je nach den Kapazitäten der Ärzt*innen zwischen gerontopsychiatrischer Ambulanz, jugendpsychiatrischer Station und Notaufnahme ab. In der Gerontopsychiatrie verbrachte ich die meiste Zeit mit Dr. Daphna Shefet, einer beeindruckenden und sehr engagierten Psychiaterin, die die Ambulanz leitete. Ich schaute und hörte bei ihren Patientengesprächen zu, die sich natürlich in der Regel auf Hebräisch abspielten, aber dank ihrer Simultanübersetzungen meist dennoch für mich verständlich waren. Die häufigsten Krankheitsbilder waren, dem Alter der Patient*innen entsprechend, Demenz oder Depression, aber auch bipolare Störungen und Schizophrenie gehörten zum Spektrum. Etwa ein Viertel der Patient*innen waren Holocaustüberlebende. Wie Daphna mir erklärte, führten viele von ihnen nach ihrer Emigration nach Israel ein völlig normales Leben, gründeten Familien, zogen Kinder groß, hatten einen Beruf. Gerade im Alter aber, wenn das soziale Netz dünner wird, die Kinder ein eigenständiges Leben führen und mitunter der/die Partner*in schon verstorben und viel Zeit zum Nachdenken ist, kommen bei vielen die Traumatisierungen aus ihrer Kindheit oder Jugend wieder hoch.

Für mich waren diese Begegnungen immer besonders aufwühlend, gerade wenn die Patient*innen noch Deutsch sprachen und sich mit mir zeitweise auf Deutsch unterhielten. Mit jemandem zu sprechen, der Auschwitz überlebt hat, ist etwas ganz anderes als nur darüber zu lesen. In der Gerontopsychiatrie lernte ich viel über die Vergangenheit der Patient*innen und damit unwillkürlich über geschichtliche Ereignisse und ihre Auswirkungen auf konkrete einzelne Schicksale, aber auch über aktuelle Herausforderungen der israelischen Gesellschaft. Auch in Israel gibt es einen Mangel an Pflegekräften, sodass häufig Pflegerinnen aus Indien oder Thailand ohne große Sprachkenntnisse dorthin kommen und eine Rundum-Betreuung pflegebedürftiger Menschen leisten, ähnlich wie Pflegerinnen aus osteuropäischen Ländern in Deutschland. Wenn ich nicht in der Gerontopsychiatrie war, verbrachte ich meine Tage auf der jugendpsychiatrischen Station oder in der Notaufnahme. Auf der jugendpsychiatrischen Station nahm ich hauptsächlich am Freizeitprogramm der Jugendlichen teil, die gerade Sommerferien hatten. Immer wieder hatte ich aber auch Gelegenheit, bei einem sogenannten „intake“ zuzuhören, bei dem etwa zwei Wochen nach der Aufnahme eines/r Patient*in zunächst alle Therapeut*innen, Ärzt*innen und Pfleger*innen zusammenkamen um sich über den/die Patient*in auszutauschen und anschließend in einem Gespräch mit dem/der Patient*in herauszufinden, wie das weitere therapeutische Vorgehen aussehen solle. Insgesamt konnte ein solcher intake auch mal bis zu anderthalb Stunden dauern und tiefe Einblicke in die Geschichte der/s jeweiligen Patientin/en geben. Die meiste Zeit verbrachte ich jedoch in der Ergotherapie und versuchte, beim Basteln, Nähen, Malen und Spielen mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen, was mir allerdings, auch aufgrund der Sprachbarriere, nicht immer ganz leicht fiel. Insgesamt wurde ich von allen Mitarbeiter*innen in Shalvata äußerst herzlich aufgenommen. Da ich zu dem Zeitpunkt die einzige ausländische Studentin dort war, wirkten alle sehr interessiert und gaben sich große Mühe, mir das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein. Einige sehr nette Kontakte haben sich im Laufe der Zeit ergeben, mit denen ich mich auch in meiner Freizeit in Tel Aviv häufiger traf. Da f&e ja mehr beinhaltet als eine Famulatur, hospitierte ich während meines Aufenthalts in mehreren Einrichtungen, die sich entweder mit der Versorgung von Holocaustüberlebenden oder mit der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen beschäftigen. Ich verbrachte zwei Vormittage in einem Tageszentrum für Holocaustüberlebende, wo ich Vorträge hörte und mich mit einigen Holocaustüberlebenden unterhalten konnte. Darüber hinaus schaute ich mir ein Pflegeheim für Holocaustüberlebende in LevHasharon an, wo ich allerdings keine Gelegenheit hatte, mit Bewohner*innen in Kontakt zu kommen. Eine besondere Erfahrung war ein Nachmittag, den ich mit einer Patientin von Daphna, einer Holocaustüberlebenden, bei ihr zu Hause verbrachte. Wir unterhielten uns lange über sie und ihr Leben und ich glaube, dass es uns beiden am Ende sehr gut tat, dieses Gespräch zwischen verschiedenen Generationen und verschiedenen Hintergründen. Um mich mehr mit der Flüchtlingssituation in Israel zu beschäftigen, besuchte ich die Gesher Clinic, eine ehrenamtlich betriebene psychiatrische Ambulanz im Süden Tel Avivs, die von Dr. Ido Lurie, einem Arzt in Shalvata, mitbegründet wurde. Hier haben Flüchtlinge, die in Israel hauptsächlich aus Eritrea und Sudan stammen, an drei Nachmittagen pro Woche die Möglichkeit, eine rudimentäre psychiatrische Behandlung zu erhalten. Die Lage der Flüchtlinge ist gerade dadurch besonders bedrückend, dass diese oft traumatische Erfahrungen auf ihrem Weg über den Sinai gemacht haben, es aber keinerlei Hilfsangebote außer der Gesher Clinic gibt, die selbst permanent mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen hat. Einen noch umfassenderen Einblick in die Lage der Flüchtlinge bekam ich bei meinem Besuch bei PHR, den Physicians for Human Rights, die sich u.a. auf politischer Ebene für die rechtliche Anerkennung von Flüchtlingen einsetzen.

Neben der Famulatur und den Hospitationen hatte ich natürlich genügend Zeit, auch das Leben in Tel Aviv zu genießen. Einladungen von unterschiedlichen Leuten aus dem Krankenhaus brachten mir das breite Spektrum der Lebensverhältnisse in Israel näher. So fand ich mich bei einem säkularen Shabbatdinner in einer Villa in einem schicken Vorort Tel Avivs, bei einem religiösen Shabbatdinner mit Synagogenbesuch, bei einem säkularen Rosh-Hashana-Familien-Dinner und Lunch und beim Familienessen einer muslimischen Familie am islamischen Opferfest in einer arabischen Stadt nördlich von Tel Aviv wieder. Ausflüge und eine längere Reise am Ende meines Aufenthalts brachten mich u.a. nach Jerusalem, wo ich häufiger Darius traf, der mit f&e in einem arabischen Krankenhaus war, in den Norden Israels, ein paar Tage in die Westbank, in die Negev-Wüste und nach Jordanien. Ich habe Israel in vielen und natürlich bei weitem noch nicht allen Facetten kennengelernt – menschlich, politisch, landschaftlich – und bin wahnsinnig dankbar für diese lehrreiche Zeit. Durch das f&e-Programm hatte ich einen Rahmen und Ansprechpersonen, die mir sehr dabei halfen, mich zurechtzufinden, aber dennoch auch genug Freiheiten, um meinen Aufenthalt in großen Teilen selbst zu gestalten und mich auf das Abenteuer einer Reise in ein fremdes Land einzulassen, bei der man nie genau weiß, was am nächsten Tag passieren wird.

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