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Serbien

von Inga Schwittai

Seitdem ich mit einer ehemaligen Teilnehmerin über „famulieren und engagieren“ gesprochen habe, begann mein Interesse für das Programm zu wachsen. Ich war überglücklich, als ich per Mail die Zusage bekam, dass es im Sommer nach Belgrad gehen würde. „Und wieso ausgerechnet Serbien?“ fragten mich Freunde und Familie zum Teil ratlos, nachdem ich davon berichtete. Osteuropa, ehemaliges Jugoslawien, Balkanstaaten. Viel konnte ich mir darunter nicht vorstellen, obwohl diese Länder gar nicht so weit von Deutschland entfernt liegen. Meine Neugierde und Vorfreude wuchsen stetig und sollten nicht enttäuscht werden.
Am Tag der Ankunft wurde ich sehr freundlich von Dragan (IPPNW) und seinen Freunden empfangen und ich verbrachte den ersten Nachmittag auf ihrem Hausboot. Gelebt habe ich die acht Wochen bei einer Bekannten von ihm. Sie ist eine sehr gebildete Frau, die mir viel über die Geschichte, die Gesellschaft, die Politik und die Kultur des Landes erzählte. Auch wurde ich häufig zum Familienessen eingeladen, was ich gerne annahm.

Miksaliŝte

Das soziale Projekt vor Ort, das ich die ersten vier Wochen kennenlernen durfte, ist eine Anlaufstelle für Menschen mit Fluchthintergrund. Es ist ein Zentrum, in dem unter anderem internationale NGO´s vertreten sind, die die Geflüchteten unterstützen und beraten. In dem Haus gibt es separate Bereiche für Frauen, für Schwangere und stillende Mütter, die Möglichkeit für alle zu duschen oder Wäsche zu waschen, einen Spiel- und Bastelbereich für Kinder und Gemeinschaftsräume. Die Geflüchteten sind in großen Camps außerhalb der Stadt untergebracht und einige von ihnen kamen tagsüber regelmäßig vorbei, um die sanitären Anlagen zu nutzen, Handys zu laden oder andere Leute zu treffen.
Zu dem Zeitpunkt als ich da war, gab es noch weitere Ehrenamtliche, die sich einbringen wollten. Am Anfang wusste ich nicht so richtig, was ich machen konnte, weil es uns komplett freigestellt war. Es war etwas schwierig herauszufinden, was sinnvoll ist. Da eigentlich alle Geflüchteten weiter nach Westeuropa wollten, boten wir je nach Bedarf Sprachtandems an. Außerdem machten wir Bastelworkshops, die besonders bei den Kindern gut ankamen. Um ins Gespräch zu kommen, waren auch Kartenspiele hilfreich. Mal spielten wir nach afghanischen, pakistanischen, deutschen oder englischen Regeln. Gerade die jüngeren Leute, die meisten kamen aus Afghanistan, sprachen über ihre Situation und ihre Pläne. Außerdem unterhielten wir uns viel über die verschiedenen Länder und Kulturen.
Gerade zu Beginn fiel es mir manchmal schwer mit der ungleichen Situation zurecht zu kommen. Theoretisch konnte ich mich jederzeit in fast jeden Flieger und Zug setzen und fahren, wohin ich wollte. Ein Großteil der Leute im selben Raum konnte jedoch nicht einmal die Grenze nach Kroatien oder Ungarn überqueren, ohne sich der Gefahr körperlicher Gewalt, Inhaftierung oder Abschiebung auszusetzen. Es half mir ein wenig, mich mit den anderen Ehrenamtlichen und Mitarbeiter*innen von Miksaliste über diese Ungerechtigkeiten auszutauschen.
Bei Miksaliŝte lernte ich zwei junge Männer aus Afghanistan kennen, die schon länger in Belgrad leben und als Dolmetscher arbeiten. Durch sie erfuhr ich viel über die Probleme in ihrem Heimatland, aber auch darüber, was ihnen fehlt. Beide haben einen Asylantrag in Serbien gestellt, doch die Chance, dass ihnen Asyl gewährt wird, ist sehr gering. Die positiven Anträge in diesem Jahr liegen im einstelligen Bereich.

Famulatur

Die letzten vier Wochen verbrachte ich für die Famulatur auf einer neurologischen Station im Klinik-Center in der Stadt. Da ich kein serbisch spreche, habe ich mich darauf eingestellt, dass gerade der Patientenkontakt mit Schwierigkeiten verbunden sein könnte. Die Ärzt*innen sprachen Englisch und zum Teil Deutsch, sodass ich mich mit ihnen problemlos verständigen konnte.
Unterschiede zu den Kliniken, die ich bis dahin kannte, bemerkte ich vor allem bei den hygienischen Standards und der Bettenanzahl pro Patientenzimmer (bis zu 11 Personen pro Raum). Ich hatte jedoch den Eindruck, dass pro Patient*in mehr Zeit zur Verfügung stand, verglichen mit meiner Famulatur in Deutschland. Nach der Visite wurden die neuen Patient*innen den Fach- und Chefärzt*innen vorgestellt und auf neurologische Erkrankungen untersucht. Dabei wurde mir immer wieder etwas auf Englisch übersetzt und über die Erkrankung erklärt. So bekam ich einen guten Eindruck über die verschiedenen Krankheitsbilder. Im Anschluss wurden häufig noch CT-Bilder besprochen.
Sicherlich hätte ich von der medizinischen Seite mehr gelernt, wenn ich die Sprache verstanden hätte. Aber es war sehr interessant, mehr über das „drum herum“ zu erfahren und mit den Ärzt*innen über das Studium und den Beruf zu sprechen. Leider müssen die meisten von ihnen zu Beginn ihrer Assistenzarztzeit ohne Bezahlung arbeiten. Ich habe einige kennengelernt, die Deutsch lernen, um später in Deutschland eine Stelle zu finden. Fast alle kennen jemanden, der oder die schon hier arbeitet.

Leben in Belgrad

Die Stadt beeindruckte mich direkt mit ihrem Charme. Durch die lange Geschichte unter der Führung unterschiedlicher Mächte aus Ost und West ist das Stadtbild sehr vielfältig. Vor allem mag ich die kleinen Seitenstraßen, die in jedem Stadtteil unterschiedlich aussehen. Im Sommer sind viele Menschen draußen, die Cafés und Bars sind gut besucht und es herrscht um fast jede Uhrzeit ein reges Treiben.
Mit den Leuten, die ich bei Miksaliŝte kennenlernte, traf ich mich nachmittags und am Wochenende, um durch die Stadt zu spazieren, Kaffee zu trinken, an der Sava-Donau-Mündung entlang zu laufen, das ein oder andere Museum zu besuchen oder einfach den Abend gemütlich mit einem Gespräch ausklingen zu lassen. Einmal haben wir an einer Stadtführung teilgenommen, bei der uns eine junge Frau viel über die Geschichte Belgrads erzählte. Einige Teile des Stadtbildes sind immer noch von den Bombenangriffen der NATO gezeichnet und wurden bis heute nicht restauriert.
An einem Tag lieh ich mir mit einer Freundin Fahrräder aus und wir fuhren entlang der Donau in das schöne Zemun. Einen anderen Ausflug machten wir mit dem Bus nach Novi Sad, die zweitgrößte Stadt Serbiens. Diese hat eine wunderbar restaurierte Altstadt, mit kleineren sehr liebevoll verzierten Häusern und liegt ebenfalls an der Donau. Es gibt, ähnlich wie in Belgrad, eine alte Befestigungsanlage mit wunderbarem Ausblick.
Dragan nahm mich in der ersten Woche zu einem Festival mit serbischer live Musik auf einer riesigen Wiese in Novi Beograd mit. Zu der Musik konnte man super tanzen, es war eine Mischung aus Reggae, HipHop und Rap. Ein anderes Mal durfte ich sie auf einer kleinen Bootstour entlang der Donau begleiten. Es war sehr schön, die Stadt vom Wasser aus zu sehen und etwas flussabwärts zu fahren.
Für mich waren die acht Wochen in Belgrad eine sehr wertvolle Erfahrung. Dank der großen Gastfreundschaft habe ich mich direkt wohl gefühlt. Rauszukommen, Menschen aus ganz anderen Ecken der Welt kennenzulernen und über andere Themen zu sprechen haben mir geholfen, wieder neue Denkanstöße zu bekommen. Herrschende Ungerechtigkeiten und sehr unterschiedliche Privilegien sind mir einmal mehr noch viel bewusster geworden. Ich habe einen Ort auf der Erde kennengelernt, den ich gerne wieder besuchen werde.

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