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Rumänien

von Jakob Breyer

Ich habe mich für famulieren&engagieren nicht mit einem bestimmten Land beworben, also war es für mich nicht nur spannend, ob ich angenommen werde, sondern auch wohin es geht. Ich wurde ausgewählt für:
Rumänien. Zuerst fielen mir zwei alte Freunde ein, deren Eltern aus Rumänien kommen, danach „Dragostea Din Tei“ von O-Zone, natürlich Transsylvanien und der bekannteste Rumäne aller Zeiten: Dracula.
Zur Vorbereitung meldete ich mich sofort für einen Rumänisch-Kurs an der Universität an. Im Verlauf des Sommersemesters konkretisierte sich dann meine Vorstellung immer mehr, dazu trug auch das Einführungswochenende mit den f&e-lern des letzten und allen Teilnehmern des aktuellen Jahres bei. Wir sprachen viel über die Länder, die vor uns lagen, über Auslandsaufenthalte im allgemeinen, medical peace work und Ungleichheit. Per Mail nahm ich Kontakt zu meinem Sozialprojekt und dem Krankenhaus auf.
Recht gut gerüstet, aber ohne wirkliche Ahnung, was mich genau erwartete machte ich mich als einer der Ersten auf den Weg. Ich entschied mich, wie meine Vorgängerin mit dem Zug über Österreich und Ungarn nach Rumänien zu fahren. So konnte ich langsam ankommen und fühlte mich nicht wie ein Tourist, der mal kurz nach Rumänien fliegt. Ich stieg also voller Vorfreude in Regensburg in den Zug nach Budapest über Wien und verbrachte eine Nacht in einem Hostel in Budapest. Dort machte einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt, an der Donau entlang und über die Margareteninsel. Es sollte aber nicht mein letzter Besuch in Budapest sein.
Nach einer Nacht, in der ich dankbar für die Ohropax war, die mir meine Zimmergenossen aufgrund ihres Freundes gegeben hatten („Er schläft sehr laut!“), stieg ich im wunderschönen Bahnhof Budapest-Keleti in den Transsylvanien-Express, der mich nach Sibiu/Hermannstadt bringen sollte. Die 10-stündige Fahrt verbrachte ich mit dem Lesen meines Sprach- und des Reiseführers, dem Beobachten der wechselnden Landschaften und vorbeiziehenden Dörfern und dem Belauschen meiner Sitznachbarn. Nach ein paar Stunden erreichten wir die ungarischrumänische Grenze und wurden auf jeder Seite einmal kontrolliert. Jetzt also Rumänien: es wurde immer bergiger bis man am Ende die Karpaten sehen konnte und der Zug sogar selbst ein bisschen zwischen Bergen fuhr.
In Sibiu wurde ich von einem Mitarbeiter und zwei Gästen des Sozialprojekts am Bahnhof in Empfang genommen. Die Begrüßung war so herzlich, als würden sich alte Freunde wieder sehen, das lag aber wohl auch daran, dass wir kleine Probleme hatten, uns am Bahnhof zu finden. Im Auto machten wir uns auf den Weg nach Hosman, ein kleines Dorf etwa eine Stunde außerhalb von Sibiu, in dem ich den nächsten Monat bei der Sozialen Initiative elijah verbringen durfte. Auf dem Weg hatte ich das erste spannende Spracherlebnis: Der Fahrer sprach fast nur Rumänisch, ich versuchte also, meine ersten im Sprachkurs gelernten Kenntnisse anzubringen, die beiden anderen waren ein Paar aus Frankreich, die das Projekt schon lange kannten und für ein paar Tage zu Gast waren, er sprach gut Englisch, sie lieber Deutsch. So fuhren wir über gewundene Straßen aufs Land und unterhielten uns viersprachig: Deutsch, Englisch, Rumänisch, Französisch. In Hosman wurde ich von vielen Kindern, Volontären, Mitarbeitern und Gästen bei elijah willkommen geheißen.


Elijah ist eine christliche Soziale Initiative, die sich vor allem den Armen und den Roma in Hosman und drei weiteren Dörfern in der Nähe verschrieben hat. Sie haben dort Musikschulen, Sozialzentren, eine Tischlerei, eine Hauswirtschaftsschule, mehrere Gästehäuser und die Casa Elijah, das zentrale Gebäude, in dem ein paar Mitarbeiter und Volontäre, die Leiterin und ein paar Kinder wohnen. Im Zentrum der Arbeit von elijah steht die Musik. In den Musikschulen lernen die Kinder Instrumente, singen im Chor, spielen in Orchestern, Bands und Instrumental-Ensembles. Es bietet sich dadurch auch die Möglichkeit, Kontakt mit den Eltern aufzunehmen und ihre Sorgen und Probleme zu erfahren. Außerdem versucht elijah dafür zu sorgen, dass die Kinder in die lokale Schule gehen und bietet im Sozialzentrum Hausaufgabenbetreuung an. Es arbeiten für elijah ein paar Österreicher und Deutsche, außerdem viele Rumänen aus der Region oder auch von weiter weg. Die Volontäre kommen aus aller Welt, ich habe dort eine Deutsche, einen Österreicher, eine Französin, einen Rumänen und einen Moldawier kennen gelernt.
Meine Aufgabe war es, während der Sommerferien von elijah auf fünf Kinder zwischen 8 und 13 Jahren aufzupassen, die in der Casa Elijah wohnen. Sie haben alle eine Familie, aber dürfen bei elijah leben, damit sie regelmäßig in die Schule gehen. Von Zuhause aus würden sie das vielleicht nicht tun, eines der Kinder wurde aber auch von ihrer Mutter verstoßen. Bei elijah bekommen sie ein eigenes Bett, regelmäßige warme Mahlzeiten, die Möglichkeit, in die Schule zu gehen, Hausaufgaben zu machen und ein Instrument zu lernen. Das sind alles Dinge, die sie bei ihren Familien wahrscheinlich nicht hätten. Sie durften nun auch während der Sommerferien da bleiben und ich war vier Wochen lang für ihre Betreuung zuständig. Es waren immer auch wechselnde andere Mitarbeiter und Volontäre da, die meist die Verantwortung trugen und mit denen wir uns Programm für die Kinder planten. Wir machten Fahrradtouren durch den Ort, gingen spazieren, besuchten die Familien, spielten Ball, Frisbee und Brettspiele. Außerdem sollten die Kinder etwas Deutsch lernen und lesen und schreiben üben. Ich machte immer wieder Deutschunterricht mit ihnen, dafür brachten sie mir viel Rumänisch bei. Nach und nach lernte ich auch die wichtigsten rumänischen Vokabeln von ihnen: Essen, Ball, Fahrrad, Bett, Wäsche, Spaziergang, Hund und so weiter. Abends machten wir eine Modenschau, Karaoke, musizierten selbst und schauten Disney auf Rumänisch. Außerdem kamen die Kinder in den Genuss eines kleinen Urlaubs: Wir fuhren für fünf Tage in ein Haus in den Bergen und gingen ins Schwimmbad, wandern, essen und besichtigten eine Burg. Während der Zeit in Hosman lebten wir wie eine Familie zusammen, jeden morgen trafen wir uns zum Morgengebet, wir aßen zusammen und verbrachten den ganzen Tag miteinander.

 

Ich hatte auch gelegentlich Kontakt zu Rumänen in meinem Alter, zum Beispiel den Musiklehrern und einigen Jungs aus dem Dorf. Eines Abends wurde ich in das Haus, in dem die Musiklehrer wohnen eingeladen. Dort spielte den ganzen Abend jemand Keyboard und es wurde dazu gesungen, es gab Bier und Sonnenblumenkerne. Ich wurde sehr freundlich aufgenommen und wie so oft bei Begegnungen mit Rumänen fragten sie mich sehr interessiert nach Deutschland und was ich in Rumänien machen würde. Viele junge Männer gehen monateweise zum arbeiten ins Ausland und erzählten mir von ihren Erfahrungen in Deutschland.
Ich traf in Hosman auch auf die deutsche Minderheit in Rumänien, die sich meist Siebenbürger Sachsen oder einfach nur Deutsche nennen. Ihre Familien leben aufgrund von Siedlungsbewegungen teilweise seit Jahrhunderten in Siebenbürgen, sprechen aber immer noch Deutsch mit einem eigenen Dialekt. Die Region ist stark von ihren Einflüssen geprägt. Viele Orte tragen neben dem Rumänischen immer noch einen deutschen Namen, zum Beispiel Hosman und Holzmengen, Sibiu und Hermannstadt oder Tichindeal und Ziegenthal. Aber auch in der Architektur sieht man die Einflüsse, Sibius Altstadt wirkt sehr deutsch aus und in den Dörfern sieht man immer noch typische Sachsenhöfe mit einem eingemauerten Hoftor und ziegelgedeckten Mauern. Außerdem sind die beeindruckenden zu kleinen Burgen ausgebauten Wehrkirchen auf die Deutschen zurückzuführen. Heutzutage leben nicht mehr viele Siebenbürger Sachsen in Rumänien, viele sind nach Deutschland gezogen, aber manche kommen im Sommer noch für ein paar Wochen zu Besuch. Ich habe in Hosman eine sehr nette ältere Frau kennen gelernt, die ihr halbes Leben in Hosman verbracht hat, inzwischen in Deutschland lebt und nun zu Besuch war. Sie erzählte mir viel über die Geschichte und das Verhältnis von Sachsen, Rumänen und Roma. Es wird auch versucht trotz der wenigen in Rumänien lebenden Sachsen Brauchtumspflege in Form von deutschen Blaskapellen und kleinen Festen zu betreiben.
In den vier Wochen in Hosman sind mir die Kinder, das Dorf und die Leute sehr ans Herz gewachsen. Ich habe viel darüber gelernt, wie sich das Leben auf dem Land in Rumänien anfühlt und es war eine extrem prägende Erfahrung, zu sehen wie schlecht es Roma auch innerhalb der Europäischen Union gehen kann. Der Job als Volontär ist zwar, wie ich schon an meinem ersten Abend von einem anderen Volontär erfuhr ein 24-Stunden-Job, aber trotz Anstrengung und Verantwortung sehr erfüllend. Außerdem war es für mich spannend, die Arbeit so einer Hilfsorganisation zu sehen. Trotz der tollen Erfahrungen, die ich dort sammeln durfte haben wir uns entschieden, dem nächsten Teilnehmer, der mit famulieren&engagieren nach Rumänien fährt ein paar andere Organisationen vorzuschlagen, die sich derjenige oder diejenige anschauen kann. Elijah ist eine klassische Hilfsorganisation, die lokal und direkt den Menschen hilft und da wir die IPPNW mehr als politische Friedensorganisation sehen, würden wir uns freuen, wenn wir auch in Rumänien Kontakt zu ähnlich arbeitenden Organisationen aufbauen könnten.
Nach einer kleinen Abschiedsparty bei elijah machte ich mich mit dem Bus auf den landschaftlich beeindruckenden Weg über die Karpaten nach Bukarest zu meiner nächsten Station.

 

In Bukarest durfte ich eine Famulatur im Kinderkrankenhaus „Alessandrescu-Rusescu“ machen. Ich hatte in Hosman jemanden kennen gelernt, der für eine NGO in Bukarest arbeitet. Ihn hatte ich angesprochen, ob er jemanden kennt, der mir für einen Monat eine Unterkunft geben könnte und kam somit in Kontakt mit Tamara. Sie lebt mit ihrer Tochter und ihrer Mutter in der Nähe der Altstadt und nahm mich in ihrem Dachgeschoss auf. Das wurde zwar gerade renoviert, hatte aber alles, was ich brauchte: Bett, Badezimmer, Waschmaschine und Kühlschrank. Tamara leitet eine kleine NGO, die vor allem Sachspenden an Kinderkrankenhäuser und Waisenhäuser verteilt, hat inzwischen aber auch eine „Boutique Educational“, in der Kinder kostenlose Kurse in Rhetorik/Schauspiel, IT und Ernährung besuchen können. Sie stellte mich einigen Freunden von ihr vor, mit denen ich Essen oder Trinken ging. Da ihre Mutter nur Rumänisch sprach und ich von ihr häufig zum Essen eingeladen wurde konnte ich mal wieder meine Sprachkenntnisse erweitern. Tamaras Tochter geht in eine deutsche Schule, sodass wir häufig miteinander deutsch sprachen, spielten oder ins Kino gingen. Außerdem hatte ich das Glück, dass sie mir ein Fahrrad von Bekannten ausliehen, sodass ich auch in Bukarest nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen war. Fahrrad fahren unterscheidet sich dort sehr von Deutschland. Da wenig Leute Fahrrad fahren sind Autofahrer nicht daran gewöhnt und nehmen wenig Rücksicht, außerdem gibt es so gut wie keine Fahrradwege. Nach zwei Tagen an großen Straßen entschied ich mich, meine Wege in den kleinen Seitengasse zurückzulegen und bekam Eindrücke abseits der großen von sozialistischen Wohnblöcken gesäumten Boulevards.
Das Krankenhaus „Alessandrescu-Rusescu“ ist zwar nicht besonders groß, aber dennoch das Kinderkrankenhaus der Medizinischen Universität Bukarests „Carol Davila“. Ich wurde dort von Dr. Ciomartan betreut, der Chefärztin der Infektiologie und Intensivstation. An meinem ersten Tag musste ich erfahren, dass es in Rumänien üblich ist, dass jeder Student seine eigene Dienstkleidung mitbringt, also ging es mit geliehenem Kittel auf die Normalstation und ab dem zweiten Tag mit meinen eigenen Scrubs auf die Intensivstation wie geplant. Dort sprachen alle Ärzte Englisch, sodass ich trotz der rumänischen Visite fast alles verstand. Außerhalb der Visiten durfte ich die Kinder so oft untersuchen, wie ich wollte, konnte immer Fragen stellen und musste gelegentlich Patienten oder Krankheitsbilder vor einem sehr netten Assistenzarzt namens Andrei vorstellen, der wie Dr. Ciomartan und die Oberärztin Adelina dafür sorgte, dass ich auch etwas lernte. Wenn ich wollte durfte ich unsere Patienten zu Untersuchungen bei den spezialisierten Ärzten in der Ambulanz begleiten, zum Beispiel für Sonographie, Neurologie oder Ophthalmologie. Bei Konsultationen außerhalb des Krankenhauses begleitete ich die Kinder im Krankenwagen. Die Fahrer sind ähnlich ausgebildet, wie deutsche Rettungssanitäter und befahren statt einer Rettungsgasse häufig den Fahrstreifen der Trambahn.
Wenn auf Station nicht viel los war unterhielt ich mich viel mit den Ärzten, wir verglichen Deutschland mit Rumänien, sprachen über Medizin, die Ceausescu-Ära, rumänische Musik und Filme und die sehr ähnliche Impfproblematik, über die schlechte Bezahlung der Ärzte und die Probleme mit Bestechung. Auf der Station lernte ich zwei Medizinstudentinnen kennen die, dort auch ein Praktikum machten. Letitia und Alexandra übersetzten mir häufig, wenn die Ärzte keine Zeit hatten und wir unterhielten uns viel, tranken Kaffee und blieben ein paar mal bis spät abends in der Notaufnahme, um noch ein paar mehr Patienten zu sehen. Abends gingen wir manchmal gemeinsam mit ihren Freunden und Andrei, dem Arzt von der Intensivstation in die Altstadt von Bukarest oder zu anderen Veranstaltungen. Dort gibt es viele Bars, die speziell auf Touristen anziehen, aber auch ein paar kleinere, schöne Bars in den Seitengassen oder Shisha-Cafes in einer eigenen Shisha-Passage. In einem der schönen Parks von Bukarest war an einem Wochenende ein kostenloses Open-Air-Festival mit Musik aus Rumänien und aller Welt und in einem anderen Park konnte man fast jeden Tag kostenlos ein Open-Air-Kino besuchen. Rumänien hat nicht nur gutes Bier und guten Wein, sondern auch gutes Essen: Mici sind kleine Würstchen ohne Haut, es wird viel mit Kohl gekocht und die Döner heißen Shoarma und werden wie Dürüm gerollt. Die traditionelle rumänische Küche kann man in schönen, großen Gasthäusern in der Altstadt genießen.

 

Bei einer Führung der kostenlosen Walkabout-Tour lernt man viel über die Stadt und das Lebensgefühl der Rumänen. Außerhalb der touristischen Hot Spots wie Parlamentspalast, historischem Museum und Calea Victoriei lohnt es sich auch, Spaziergänge durch die Altstadt zu machen, in kleine orthodoxe Kirchen zu schauen, oder den Präsidentenpalast etwas außerhalb zu besuchen. Viele Beschreibungen sind auch auf Englisch, aber meist nicht so ausführlich wie in Deutschland.

Bevor ich auf dem Rückweg drei Tage in Budapest verbrachte konnte ich Bukarest noch einmal aus den touristischen Augen meiner Familie und meiner Freundin betrachten, die mich besuchten. Das hob vor allem noch einmal die schönen Seiten Rumäniens hervor und zeigte mir, wie viel ich über dieses Land gelernt habe.
Rumänien ist ein sehr vielfältiges Land mit einer schönen und nicht besonders schweren romanischen Sprache. Egal wo ich war stachen die Kontraste ins Auge: in Bukarest zwischen den schön restaurierten historischen Gebäuden und dem Sozialistischen Klassizismus, in Hosman zwischen den Häusern der Roma und den Sachsenhöfen, zwischen arm und reich, zwischen europäischem Großstadtgefühl (Bukarest) und deutschem Kleinstadtgefühl (Sibiu), zwischen Straßen mit Schlaglöchern und gepflegten Parks, zwischen Kohleintopf und Döner. Diese Liste ließe sich noch ewig weiterführen und zeigt die vielen Einflüsse auf die rumänische Kultur: postsozialistisch, osteuropäisch, russisch, türkisch, deutsch und europäisch. In welche Richtung sich Rumänien in der Zukunft entwickelt ist unmöglich vorherzusagen, eines steht jedoch fest: Es ist ein interessantes und spannendes Land, das mich bestimmt noch lange fesseln wird.

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