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Mazedonien

von Lili Luft

Ein Anfang und ein Ende

Als ich den Flughafen verlasse, um auf den Transferbus in die Hauptstadt Skopje zu warten, fällt mir als Erstes eine riesige Plakatwand ins Auge. Hier wird mit viel Hochglanz für eine Privatklinik in der Türkei geworben. Nicht unbedingt vertrauenserweckend - zumindest was das staatliche Gesundheitssystem betrifft. Die nächsten sieben Wochen bin ich in Mazedonien, oder besser gesagt in Skopje. Noch als ich nachts in dem Apartment stehe, das ab jetzt mein zu Hause sein wird, kann ich mir das nicht so recht vorstellen. Erst als ich mich am nächsten Morgen mit Goce (IPPNW-Student) und dem Vermieter auf den Weg zur Polizeistation mache, um mich dort zu melden, komme ich langsam in der Realität an. Ich teile mir die Rückbank mit der Frau des Vermieters und dessen beiden Kindern, alle reden laut und durcheinander um mich herum – ich verstehe nichts. Anfangs fällt es mir noch etwas schwer, pur zu vertrauen. Nach und nach fühle ich mich aber wohler und letztendlich sogar aufgehoben.

Der Abschied knappe zwei Monate später geht dann ganz plötzlich. Ich habe ein paar Stunden, alles in meinen Koffer zu werfen, mich bei der Polizei abzumelden, ein paar geliehene Dinge in die Klinik zu bringen und schon sitze ich am Flughafen und warte. Irgendwie geht mir das zu schnell, ich habe das Gefühl etwas noch nicht ganz abgeschlossen zu haben. So schnell wie ich kam, bin ich auch schon wieder weg. In der Rückschau kommt mir alles wie ein langer, sehr intensiver Traum vor, weit weg und trotzdem so vertraut. Ich habe Mazedonien sehr liebgewonnen und es fehlt mir.

Famulatur

Meine Famulatur absolviere ich an der Universitätsklinik in Skopje. Es ist die größte Klinik Mazedoniens und mit den vielen Straßen, Supermärkten und Imbissständen erinnert sie mich mehr an ein kleines Stadtviertel als an ein Krankenhaus. Fast jede Fachrichtung ist in einem eigenständigen Gebäude untergebracht. Ein paar davon sind renoviert, die meisten aberschon deutlich in die Jahre gekommen.

Die ersten zweieinhalb Wochen verbringe ich mit Dr. Sead Zeynel (Präsident der IPPNW Mazedonien) in der Pulmonologie. Ein Großteil der Patienten, die ich dort kennen lerne, leidet an COPD. Dadurch wird mein Blick auch auf das in Mazedonien sehr weit und durch alle Altersklassen hinweg stark verbreitete Rauchen gelenkt. Bei Preisen um einen Euro pro Packung ist es auch mit dem durchschnittlichen mazedonischen Monatseinkommen von 350-400€ noch erschwinglich und das Einstiegsalter liegt häufig schon bei zwölf oder dreizehn Jahren (Altersbeschränkungen beim Kauf von Zigaretten gibt es keine).
Meine sehr begrenzten Mazedonisch-Kenntnisse zwingen mich in der Klinik in eine eher passive Rolle. Ich begleite Sead auf Station und in der Ambulanz. Mehr als Patienten abzuhören, kann ich aber häufig nicht tun. Trotzdem ist Sead sehr bemüht, mir möglichst viele unterschiedliche Einblicke zu ermöglichen, weshalb ich auch einen Tag in der Bronchoskopie und einen weiteren Tag mit der für den Ultraschall zuständigen Ärztin verbringe. Ab und zu begegnen mir Patienten, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gearbeitet haben und aufgrund dessen recht gut Deutsch sprechen. Ich freue mich sehr, in diesen Fällen eigenständig Anamnese zu führen und körperlich untersuchen zu dürfen. Danach bleibe ich meistens noch länger, um mich mit ihnen zu unterhalten und die meisten erzählen mir gerne aus ihrem Leben. Daraus entstehen ein paar intensive und sehr berührende Gespräche, nach denen ich das Gefühl habe, dass „f&e“genau für solche Momente geschaffen ist.

In den restlichen zwei Wochen meiner Famulatur bekomme ich an der Seite von Prof. Elizabeta Zisovska einen Einblick in die Neonatologie und die Gynäkologie. Hier lerne ich nach der Pulmonologie noch eine ganz andere Welt kennen. Das Gebäude, in dem die Neonatologie und die Gynäkologie untergebrach sind, wurde erst vor ein paar Jahren neu gebaut und setzt schon allein deshalb andere Standards bezüglich Sauberkeit und Ausstattung. Nichtsdestotrotz gibt es auch hier einige Einschränkungen. Beispielsweise sind auf der Intensivstation nicht genügend Inkubatoren und Betten für die große Anzahl an Neugeborenen vorhanden, so dass häufig zwei oder drei Babys in einem Bett oder Inkubator liegen müssen.

Während meines Aufenthalts begegnen mir noch sehr häufig Plakatwände, wie die eingangs erwähnte, die sowohl für ausländische (meist türkische) als auch für mazedonische Privatkliniken werben. Die Universitätsklinik in Skopje ist nicht das bestausgestattete Krankenhaus in Mazedonien, bestimmte Untersuchungen wie zum Beispiel röntgengesteuerte Punktionen, können nur in einer privaten Klinik durchgeführt werden. Auch wenn dies hier manchmal eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, ist Frustration darüber, vor allem unter den Ärzten, mit denen ich über diese Tatsache spreche, immer wieder deutlich zu spüren. Die Medizin in der Theorie unterscheidet sich nichtwesentlich von dem, was ich in Deutschland gelehrt bekomme. Die Möglichkeiten der Umsetzung jedoch schon. In manchen Bereichen nur minimal, in anderen recht deutlich.

Sozialprojekte

Weil ich leider zum 1. Oktober wieder an der Uni in Regensburg sein muss, bleiben mir nur zweieinhalb Wochen für das Sozialprojekt. Trotzdem splitte ich die Zeit, wodurch ich sehr viele unterschiedliche Projekte, Initiativen und Mensch, die dahinterstehen, kennenlerne.

Zunächst starte ich beim Städtischen Roten Kreuz Skopje. Schon in der Klinik wurde mir das Rote Kreuz als eine der am besten koordinierten Organisationen in Mazedonien angekündigt, was ich rückblickend und im Vergleich nur bestätigen kann. Das Rote Kreuz hat viele unterschiedliche Abteilungen und Bereiche und ich bekomme die Möglichkeit, in ein paar davon hineinzuschnuppern. Einen Tag lang bin ich mit einem mobilen Team in den Bergen nahe der Serbischen Grenze unterwegs, um nach in Not geratenen Flüchtlingen Ausschau zu halten. Den nächsten Tag verbringe ich mit einer Ärztin in einer Ambulanz in Sutka, Europas größter Romasiedlung. Die restliche Zeit arbeite ich im Tageszentrum für Senioren. Nach den beiden gerade beschriebenen sehr intensiven Tagen, genieße ich es zwischen malenden Rentnern und Staffeleien, Texte für das Rote Kreuz ins Deutsche zu übersetzten und das zuvor Erlebte sich etwas setzen zu lassen.
Gerne hätte ich hier noch mehr Zeit verbracht. Es beeindruck mich sehr, dass mich jedes einzelne Team so herzlich, offen und interessiert aufnimmt und dass ich mich schon nach ein paar Stunden als Teil der Gruppe fühlen kann. Außerdem bietet das Rote Kreuz noch viele andere Bereiche, die ich gerne näher kennen gelernt hätte (Bergrettung, Blutspendedienst etc.).

Für den zweiten Teil des Sozialprojekts entscheide ich mich für die mazedonische NGO „Legis“. Diese wurde 2009 gegründet, seit 2014 liegt der Schwerpunkt auf einer möglichst schnellen humanitären Hilfeleistung für Flüchtlinge auf der Balkanroute. Einer ihrer Stützpunkte ist ein Flüchtlingscamp in Tabanovce, nahe der Grenze zu Serbien, in dem ich zusammen mit dem dortigen Team, bestehend aus Fidan und Fisnik, eingesetzt werde. Dafür pendle ich von Skopje nach Kumanovo, wo ich von den beiden Jungs abgeholt werde, um gemeinsam ins Camp zu fahren. Die Hauptaufgabe von „Legis“ im Camp ist aktuell Sport- und Freizeitaktivitäten für die größtenteils männlichen Bewohner zu organisieren und anzuleiten. Für mich bedeutet das erstmal: So gut Fußball- und Tischtennisspielen lernen, dass ich den Spielfluss nicht total behindere. Als das dann mehr schlecht als recht funktioniert, haben wir ziemlich viel Spaß zusammen. Die freudestrahlenden Gesichter werden mir mindestens genauso präsent in Erinnerung bleiben, wie die Geschichten und Schicksale, die dahinterstehen. Seit der Schließung der Balkanroute kommen nur noch Wenige ins Camp. Wo zu Hochzeiten 1700 Menschen versorgt wurden, sind aktuell selten mehr als 15 Geflüchtete. Dafür gibt es weitaus mehr Angestellte unterschiedlicher NGOs und anderer Organisationen (UNHCR, Rotes Kreuz, UNICEF, SOS Kinderdorf etc.), die dort agieren. Betreten darf das Camp nur, wer eine Genehmigung des „Ministeriums für Arbeit und soziale Angelegenheiten“ hat. Die Bewohner hingegen dürfen das Camp nach Abmeldung bei der Polizei jederzeit verlassen. Da nicht übermäßig viel zu tun ist, bleibt umso mehr Zeit für stundenlange Gespräch mit Fisnik und Fidan. Beide sind Albaner, keine Seltenheit in Mazedonien. Fast ein Fünftel der Bevölkerung sind Albaner, etwas mehr als zwei Drittel Mazedonier. Die drittgrößte Bevölkerungsgruppe bilden die Roma, zudem gibt es einige Türken und Serben.


Im Allgemeinen habe ich das Gefühl, dass die unterschiedlichen Kulturen friedlich und doch recht separiert von einender leben. Vorurteile begegnen mir auf allen Seiten immer wieder. Dabei kommt auch die Religion oft zur Sprache: die Mazedonier sind überwiegend christlich orthodox, wohingegen die Albaner größtenteils dem muslimischen Glauben angehören.
Da ich bis jetzt überwiegend mit Mazedoniern in Kontakt gekommen bin, finde ich es sehr interessant, andere Blickwinkel und Gesichtspunkte von Fisnik und Fidan gezeigt zu bekommen. Als sie mich an meinem letzten Abend noch zum Weggehen einladen und am Ende meinem Bus nach Skopje noch lange hinterherwinken, fühlt es sich ganz merkwürdig an, am nächsten Tag nicht einfach wieder mit ihnen ins Camp zu fahren.

Skopje und freie Zeit

Skopje ist eine Großstadt mit starken Kontrasten. Vom in den letzten Jahren im neoklassizistischen Stil neu aufgebauten Stadtkern mit unzähligen überlebensgroßen Statuen muss man nur ein paar hundert Meter laufen,um in einer komplett anderen Welt zu stehen. Dieses Zentrum hat nicht viel mit dem Rest Skopjes oder Mazedoniens zu tun. Kaum einer zügelt seinen Ärger darüber, dass weit über 200 Millionen Euro und somit deutlich mehr als 3% des Bruttoinlandsproduktes für Statuen und Prunkbauten ausgegeben wurde, wo das Geld doch in vielen Bereichen deutlich dringlicher benötigt wird. Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb es Ende 2016 zu Neuwahlen kam. Allerdings glauben die Wenigsten daran, dass sich dadurch etwas ändern wird. Die Frustration über Politik bekomme ich in den meisten Diskussionen deutlich zu spüren.

Nichtsdestotrotz lasse ich mich gerne durch die Straßen und Märkte Skopjes treiben. Auch an die ausgedehnten Café-Pausen mit Freunden, die ich in der Klinik kennen gelernt habe, kann ich mich sehr schnell gewöhnen. Als mich meine Mutter besuchen kommt, verbringen wir ein paar Tage im Süden Mazedoniens am Ohrid-See, um der Hitze in Skopje zu entfliehen. Der fast unwirklich klare, von Bergen umrahmte See ist das absolute Lieblings-Urlaubsziel der Mazedonier. Zusammen mit meiner Mutter komme ich mir wie im Urlaub vor und genieße auch ein wenig den Abstand zur Klinik. Ich mag Skopje, doch wenn ich an die Berge, Hügel, Wälder und Seen des Landes denke, kommt sofort wieder Fernweh in mir auf. Darumbeschließe ich, meine letzten Tage im Mavrovo Nationalpark zu verbringen. Inzwischen ist hier der Herbst angekommen, weshalb ich neben Familie und Freunden der Besitzer der einzige Gast im Hostel bin. Wieder werde ich einmal mehr mit offenen Armen und Herzen aufgenommen. Als ich nach vier Tagen zurück nach Skopje muss, fällt mir der Abschied noch deutlich schwerer, als ich es erwartet hätte.

Die Zeit in Mazedonien gab mir viel Raum mit und für mich selbst. Diese Freiheit, die sich vor meiner Abreise etwas nach „Unsicherheit“ anfühlte, habe ich dort als wahres Geschenk empfunden.  Letztendlich bekam ich mit „f&e“die Möglichkeit, genau das entstehen zu lassen, was sich für mich passend und stimmig anfühlte. Am Ende sind das viele unterschiedliche Erfahrungen und Erlebnisse, die mir für lange Zeit im Gedächtnis bleiben werden. Es war mir eine Freude, Teil dieses Austausches sein zu dürfen. Vielen Dank dafür!

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