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Kosovo

von Karolin Kirchgaesser

Als ich mich im April für den Kosovo entschieden habe, lag das auch daran, dass ich so gut wie nichts über ihn wusste. Jetzt weiß ich eine ganze Menge mehr. Dazwischen ist folgendes passiert:

Nach einer Aufregenden Ü30 Stunden Anreise mit Bahn und Bus bin ich in Pristina angekommen, wurde am Busbahnhof von Pëllumb von der IPPNW und seiner Freundin Festa abgeholt. Gemeinsam fuhren wir zu meiner WG und dort fand ich den Schlüssel unter der Fußmatte - genau so wie ich das von Zuhause kenne!
Dass Pëllumb, Festa und ich gute Freunde werden würden wusste ich da natürlich noch nicht. Aber sie brachten mich gleich an meinem Ankunftsabend in ein ausgesprochen gemütliches Café und zeigten mir damit das, was Pristina ganz besonders macht: Eine Fülle an wunderbaren Cafés. Hier werde ich noch viel meiner Zeit verbringen werden, viel davon auch mit Festa und Pëllumb.

Famulieren

Am nächsten Morgen gings dann gleich los ins Krankenhaus, die Uniklinik von Pristina. Hier wiederum verbringe ich nicht allzu viel Zeit, hätte aber immer die Möglichkeit gehabt, noch mehr von verschiedenen Fachrichtungen mitzubekommen und beispielweise mal Abends oder Nachts in die Notaufnahme mitzugehen.
Jedenfalls war ich einen Monat lang auf der Viszeralchirurgie und dort gibt es wirklich total nettes Personal und auch total nette Studierende - ihr könnt euch denken wer auch mit von der Partie war: Pëllumbund Festa.
Ich konnte bei einigen OPs dabei sein, in der Ambulanz eine Vielzahl und Vielfalt an Patient*innen sehen und einfach was vom Krankenhausalltag mitbekommen. Praktisch gab es nicht so viel zu tun aber ich habe es auch nicht wirklich drauf angelegt.
Insgesamt war die Zeit im Krankenhaus ziemlich entspannt und vor allem lehrreich: Ich habe etwas von Gesundheitssystem mitbekommen, vom Patient*innengut, wie eine Visite abläuft etc. aber eben auch sehr viel mit Leuten gesprochen. Denn im Krankenhaus spricht ein Großteil des Personals deutsch, englisch oder beides. Und so habe ich im University Clinical Centre of Kosovo nicht nur viele Eindrücke, sondern auch gute Freund*innen gewonnen. So gegen 12 sind wir, also F&P, andere Studierende und ich, dann meistens gemeinsam Mittagessen gefahren. Da habe ich dann auch schnell den Eindruck gewonnen, dass das Nationalgericht des Kosovos wohl eigentlich ein Sandwich ist.

Engagieren

Während des ersten Monats Famulatur habe ich mich dann so langsam um den "engagieren" Teil gekümmert. Ein längeres Hin und Her, das den Rahmen dieses Berichts sprengen würde, hat letztendlich dazu geführt, dass ich bei circa 7 verschiedenen NGOs zu Gast war und etwas von Ihrer Arbeit mitbekommen habe. Das war ziemlich spannend, denn so bin ich in Kontakt mit Menschen und Gruppen von Menschen gekommen, die ich sonst vermutlich nicht kennen gelernt hätte. So habe ich beispielsweise etwas von der Stärkung der Rechte ethnischer Minderheiten im Kosovo mitbekommen, erfahren wie es den Jugendlichen in Nord-Mitrovica (eine ethnisch und geographisch durch einen Fluss geteilten Stadt im Norden des Kosovo) ergeht, und konnte zum Ende meines Aufenthalts sogar richtig sinnvoll etwas mitgestalten. Und zwar Plakate für eine Pride Parade! Eine Orgaisation, die sich für die Rechte der LGBT+ Community im Kosovo einsetzt hat eine ganze Pride Week organisiert, die dann mit dem Höhepunkt - der Parade endete! Und für diese Parade mussten Fahnen gebastelt, Plakate gemalt und sich Sprüche für ebendiese ausgedacht werden. Dabei konnte ich helfen und habe gleichzeitig viel Spannendes über den Alltag von LGBT+ Menschen in Pristina gelernt. Im Rahmen der Pride Week gab es außerdem eine Drag Show mit anschließender Party und eine Podiumsdiskussion mit Redner*innen aus verschiedenen Balkanstaaten. Und mal wieder habe ich viele nette Leute getroffen, versteht sich.  
Also, obwohl ich in die jeweiligen NGOs immer nur kurz reingespinkst habe, konnte ich immer viel davon mitnehmen.

Und

So, über famulieren und engagieren habe ich nun berichtet. Das für mich eindrücklichste, das was ja auch immer schon mitgeklungen hat, war aber das Dazwischen und das Drumherum. Ich hatte nämlich eine Menge Zeit das drumherum kennen zu lernen.
Ich habe gelernt, was Bayram ist und durfte es mit feiern. Dass der Kosovo zwar klein ist, es dort aber ganz schön viele regionale Unterschiede gibt habe ich auf sehr amüsante Art und Weise gelernt. Dass sich dort vieles schnell verändert habe ich gelernt. So schnell sogar, dass -ich innerhalb der zwei Monate in denen ich dort war- den Umbau der Busbahnhofstoilette und des "Bus-Check-in-Systems" miterlebt habe. Als ich zum Ende hin Besuch aus Deutschland bekam, habe ich gelernt, wie schnell einem eine neue Umgebung ans Herz wachsen kann; wie schnell man ankommen kann, wenn es einem so leicht gemacht wird wie mir.
Ich war wandern und habe gelernt, dass der Kosovo sehr schön ist und es viel Müll in freier Wildbahn gibt. Beim Wandern habe ich auch gelernt, dass es immer noch einen anderen Hintergrund für das Beobachtete gibt, auch wenn man schon selbst nach vielen verschiedenen gesucht hat. Ich habe gelernt, dass ein Kaffee ungefähr so ist wie ein Sofa: Etwas mit einer eindeutigen Funktion (trinken/drauf sitzen), wobei die eigentliche Funktion zweitrangig ist und es eigentlich um viel mehr geht (gemütlich plaudern/gemütlich plaudern). Ich habe gelernt, dass ich auch nach Vorbereitungsseminaren und vorangegangener Beschäftigung damit immer noch nicht all meine Privilegien gecheckt habe.
Immer noch nicht gelernt habe ich, wie ich es eigentlich finde, dass ich hier schrieben kann, was für zwei wirklich spaßige, aufregende und lehrreiche Monate ich in einem Land verbracht habe, aus dem die meisten derer, die ich dort kennen gelernt habe, unbedingt weg möchten es aber nicht so leicht können. Ich habe gelernt, dass ich durch Gespräche und im Alltag so viel gelernt habe, dass ich es hier kaum wiedergeben kann und man deshalb vielleicht am Besten selbst in den Kosovo fährt.

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