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Kenia

von Claudia Schorr

Von Anfang August bis Ende September 2017 war ich im Rahmen des "Famulieren&Engagieren"-Programms von IPPNW in Kenia. Meine Famulatur wollte ich im County Krankenhaus in Kilifi, einer Kleinstadt an der Küste, absolvieren. Bei meiner Ankunft erfuhr ich allerdings, dass eine Famulatur wegen eines Streiks des Krankenpflegepersonals dort nicht möglich sei. Hinzu kam, dass eine Woche nach meiner Ankunft Präsidentschaftswahlen in Kenia stattfanden. Iwaret, die sehr nette Ärztin von IPPNW und Gastgeberin in Kilifi, klärte mich darüber auf, dass ich unabhängig vom Streik meine Famulatur während der Präsidentschaftswahlen nicht antreten könne aufgrund zu erwartender Unruhen. (Bei den vorletzten Präsidentschaftswahlen 2007 kamen bei landesweiten Unruhen über 1000 Menschen ums Leben.) Ich flog daher mit Iwaret zu ihrer Familie nach Nairobi, bei der ich auch wohnen durfte. Wir konnten drei Tage vor und nach der Wahl aus Sicherheitsgründen die Wohnung ihrer Eltern nicht verlassen. Glücklicherweise kam es nach der Wahl in Nairobi nur zu vergleichsweise leichten Ausschreitungen.

Wegen des andauernden Streiks in Kilifi bemühte ich mich die Hospitation bei meinem sozialen Projekt am Kenyatta National Hospital in Nairobi vorzuziehen. Nach einigen bürokratischen Hürden fing ich dort im Mental Health Department beim "Gender Based Violence Programme" (GBVP) an. Hierbei handelt es sich um ein nationales Gesundheitsprogramm für Frauen, die sexuelle, physische und/oder psychische Gewalt erlitten haben. Zunächst werden betroffene Frauen gynäkologisch untersucht, die Gewaltumstände forensisch dokumentiert und eine Postexpositions-Prophylaxe (PEP) durchgeführt. Letztere umfasst ein Antiretrovirales Medikament (HIV Prophylaxe) sowie die "Pille danach". Gleichzeitig wird den Frauen auf Wunsch eine psychosoziale Betreuung zur Verarbeitung des seelischen Traumas angeboten. Die Begleitung wird durch ein Team von PsychologInnen, KrankenpflegerInnen und SozialarbeiterInnen sichergestellt. Ich war vor allem bei den psychosozialen Beratungsgesprächen involviert. Dieses Programm zur Hilfe für Frauen, welche Gewalt erfahren haben, empfand ich in der Durchführung sehr professionell und äußerst sinnvoll. Allerdings ist das Projekt teilweise gefährdet, da die finanziellen Mittel, besonders für die kostenlose Bereitstellung der PEP, durch deutsche Entwicklungsgelder bald auslaufen wird.

Während meiner Hospitation beim GBV-Programm bemühte ich mich gleichzeitig um eine Famulatur an derselben Universitätsklinik, was auch gelang. Die nächsten Wochen konnte ich in der Geburtshilfe mitarbeiten. Auf Grund des mittlerweile 100 Tage andauernden Streiks der County Krankenhäuser war das Kenyatta National Hospital total überfüllt, sodass es an Arbeit nicht mangelte. Die Ausbildung der ÄrztInnen, des Krankenpflegepersonals sowie der Hebammen erfolgt dort nach englischen Standards. (Der Begriff Hebamme ist eigentlich nicht korrekt, da es in Kenia männliche und weibliche "Hebammen" gibt!). Ich arbeitete dort sehr gern und konnte auch sehr viel mithelfen. Fragen meinerseits wurden mir immer bereitwillig und ausführlich beantwortet.

Neben den medizinischen Erfahrungen an der Uniklinik in Nairobi war mein Aufenthalt bei Iwaret und ihrer Familie sehr eindrucksvoll. Der zweieinhalbstündige Sonntagsgottesdienst war sozusagen Pflichtprogramm (Gospelhour live). Auch in der Familie wurde sehr viel gebetet (zum Essen, Willkommens- und Abschiedsgebete). Gewisse kenianische Traditionen zum Beispiel bezüglich der Ehe waren für mich schwer zu verstehen: es ist per Gesetz möglich für einen Mann mit bis zu vier Frauen verheiratet zu sein trotz des christlichen Glaubens. Für eine Frau empfiehlt es sich daher erst einmal Informationen einzuholen, ob ihr neuer Freund nicht schon verheiratet ist. ;-)

Von ganzem Herzen möchte ich mich bei Iwaret bedanken, mit der ich mich sehr gut verstanden und angefreundet habe. Ohne ihre Hilfe und Gastfreundschaft (auch ihrer Familie) wäre meine Arbeit in Kenia so nicht möglich gewesen. 

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