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Indien

von Anna Andre

Menschen in bunten Saris, überfüllte Märkte, Kühe auf den Straßen, stickiger Smog und die Extreme von Arm und Reich sehr nah beieinander – das waren meine ersten Assoziationen, die mir bei dem Gedanken, für 2 Monate in Indien zu leben, in den Kopf kamen.

Von dem Moment an, als klar wurde, dass mein Projektland Indien sein wird, begann nun also die Gratwanderung zwischen den Bildern in meinem Kopf (wo kommen die eigentlich her? Bollywood-Filme habe ich nie geschaut, hatte bisher nur ein Buch einer indischen Autorin - Arundhati Roy – gelesen, mich noch nicht besonders viel mit diesem Land beschäftigt) und dem Versuch, unvoreingenommen und ohne den "westlichen Blick" mit seiner gewissen Gier nach "Exotischem" gen Osten zu reisen. Dabei hat mir auch das Vorbereitungsseminar und der enge Kontakt zu den Teilnehmerinnen aus dem letzten Jahr sehr geholfen.

Trotzdem war ich bei meiner Ankunft in Mumbai überwältigt von der Stadt, durch die ich allerdings ganz entspannt mit dem Auto gefahren wurde von den beiden lieben Medizinstudierenden Harsimranjit und Harshada, die mich abholten. Es war schon dunkel und es waren so viele Menschen zu sehen, an den Straßenrändern gab es allerlei Essen zu kaufen, es waren Straßenkühe und -hunde unterwegs und der Verkehr war verrückt ungeregelt und ein ständiges Hup-Konzert. Allerdings gilt Mumbai in ganz Indien als crazy city (liebevoll so genannt von den dortigen Bewohnern und skeptisch von allen anderen), deswegen ist das wohl kein Wunder. Dennoch war ich froh, meinen Einstieg in dieses riesige und beeindruckende Land erstmal aus dem wesentlich beschaulicheren Nashik heraus machen zu können (eine Million Einwohner gelten als sehr übersichtlich), in dem ich meine Famulatur ableisten würde.


Famulatur

Mir hat es zur Gewöhnung an Klima, Essen und Sprache(n) sehr geholfen, gleich einen festen Tagesplan in der Klinik zu haben und mit der Famulatur zu starten. Ich war am Dr. Vasantrao Pawar Hospital and Medical College, einem privaten Krankenhaus (das allerdings an bestimmten staatlichen Programmen teilnimmt, bei dem für mittellose Menschen einige Behandlungskosten übernommen werden und das insgesamt einen niedrigen medizinischen Standard hat) und habe 2 Wochen auf der internistischen Intensivstation und 2 Wochen auf der Kinderstation famuliert. Die Stationen konnte ich mir wünschen: der Pharmakologie-Professor Dr. Jeetendra ist der Ansprechpartner vor Ort, weil er das örtliche Pendant der IPPNW leitet, und er kümmerte sich darum.
Wie bei jeder Famulatur hing der Lerneffekt sehr davon ab, ob sich jemand der Ärzt_innen Zeit nehmen konnte, Dinge zu erklären oder Patient_innen mit einem durchzugehen. Generell habe ich an den Visiten teilgenommen (fanden aber auf der Intensiv komplett auf Hindi statt, in der Pädiatrie für mich dann auf Englisch), durfte manchmal Blut abnehmen, EKGs schreiben und alle untersuchen, mit zur Radiologie gehen oder ins Herzkatheterlabor. Sehr spannend war die Vielfältigkeit der Erkrankungen, die mir dort begegneten, und so untersuchte ich sehr viel und las auch immer wieder nach. Schwer für mich war, dass sehr viele Patient_innen sich einfache Laboruntersuchungen oder Therapien nicht leisten können, dass es sehr chaotisch zugeht und Studierende keinerlei feste Aufgaben oder Betreuung haben. Zwar konnte ich mir einige dieser Dinge auch im Vorhinein so denken, aber es mit den eigenen Augen zu sehen ist dann doch ein Unterschied und ein wichtiger Bestandteil der Erfahrung mit f&e.  
Ich habe im girl´s hostel des Wohnheims gewohnt (teils alleine, teils zu zweit im Zimmer) und in meiner Freizeit mit den sehr interessierten Kommiliton_innen kleine Ausflüge in die Umgebung unternommen oder ins Zentrum von Nashik. Außerdem hielt ich bei ein paar offiziellen Veranstaltungen als Gast aus Deutschland kleine Reden und habe mit der IDPD-Gruppe (Indian doctors for peace and development) Veranstaltungen anlässlich des Jahrestags der Atombombenabwürfe in Japan und des organ donation days an Schulen, in Sportvereinen und Malls mitgemacht.

Projekt

Über Anne von der IPPNW Deutschland habe ich den Kontakt zu einer Soziologie-Professorin in Bangalore bekommen, die an einer neugegründeten Uni Public Health unterrichtet und mich gerne in verschiedene Projekte einspannen wollte, die alle sehr interessant waren: Hauptsächlich sollte ich mithelfen, einen Onlinekurs mit dem Thema medical peace work zu verbessern, aktualisieren und weltweit zu bewerben. Zuerst hatte ich mir eigentlich ein Projekt gewünscht, dass weniger mit Medizin zu tun hat, aber am Ende war ich froh: Es hat extrem Spaß gemacht und dabei habe ich selbst unglaublich viel gelernt und eine ganz neue Perspektive auf Gesundheit erhalten, die meiner Meinung nach in unserem Studium viel zu kurz kommt. Dann habe ich in ihrem Unterricht mitgeholfen und z.B. mit den Studierenden Gesundheitssysteme verglichen, zusätzlich habe ich Erste-Hilfe-Kurse gegeben und mit den Krankenschwestern im medical room des Colleges überlegt, wie man ihre Behandlungsmöglichkeiten verbessern könnte.
Die Betreuung in Bangalore war sehr herzlich und durch meine sehr unterschiedlichen Unterbringungen (2 Wochen bei einer Familie, im Übernachtungszimmer der Dozierenden am College, in einer Wohnung in der Innenstadt) habe ich viele spannende Einblicke in die verschiedenen Lebenswirklichkeiten der Menschen in der drittgrößten Stadt Indiens gewonnen. Ich konnte auch die Stadt erkunden und am Ende sogar ein paar Tage in den Süden reisen, um Indiens atemberaubende Natur zu genießen (Strand, Regenwald, Wasserfälle, backwaters).

Fazit

Ich würde jederzeit wieder f&e machen, weil es eben mehr ist als einfach eine Auslandsfamulatur. Durch die vielen begleitenden Seminare setzt man sich kritisch mit verschiedenen Aspekten von Auslandsaufenthalten etc. auseinander, kann sich jederzeit austauschen und schaut auch ein bisschen über den Tellerrand der Medizin hinaus. Über die örtlichen IPPNW-Gruppen wird man gleich sehr gut integriert. Auch negative Erlebnisse und Überforderung gehören dazu - so lernt man auch etwas über sich selbst.
Und 2 Monate Indien haben meine Lust auf das Land erst richtig angekurbelt, ich will auf jeden Fall noch mal hin, mehr sehen, verstehen, schmecken, hören.

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