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Serbien

von Lea Mollner

Belgrade does not like having its picture taken. It hates to pose. It will not keep still. It does not do well in photographs – it always looks like some place else […] There are few things in Belgrade that I have not seen elsewhere. Perhaps only three: its rivers, its sky and its people. Of these three ancient elements the unique spirit of Belgrade is born.

Momo Kapor - A Guide to the Serbian Mentality


Mir fällt es nicht schwer, den Worten von Momo Kapor, einem serbischen Schriftsteller, zuzustimmen. Insbesondere mit den Menschen sollte er Recht behalten. Und so denke ich immer wieder, dass die zwei Monate in Belgrad das Beste waren, was mir diesen Sommer hätte passieren können.

Von „famulieren & engagieren“ hatte ich das erste Mal von einer Kommilitonin erfahren, die begeistert von ihrem bevorstehenden Auslandsaufenthalt erzählte. Eine Internetrecherche und zahlreiche Erfahrungsberichte später war auch ich Feuer und Flamme.

Als ich dann schließlich im April die Zusage für Serbien erhielt, war da erstmal ein großes Fragezeichen gepaart mit den begeisterten Erzählungen meiner Vorgängerin Franzi in meinem Kopf. Das Fragezeichen wurde dank Google, Dokus und dem Vorbereitungswochenende schließlich immer kleiner, die Vorfreude, die Neugier und die Erkenntnis, dass ich die Chance bekam, einen Sommer in Belgrad und auf dem Balkan zu verbringen, wurden dagegen immer größer.

Mitte August machte ich mich zusammen mit Anna-Lena (deren Projektland Rumänien war) von München aus mit dem Zug auf den Weg nach Budapest. Nach zwei tollen Tagen in Ungarns Hauptstadt trennten sich unsere Wege auch schon wieder und ich saß im Zug nach Belgrad.

Und so kam ich Sonntagnachmittags am Bahnhof in Belgrad an und wurde direkt von Dragan, Ansprechpartner und IPPNW-Mitglied, in Empfang genommen. Er war es auch, der mir die Wohnung für meinen Aufenthalt vermittelt hatte. Und so hatte ich wie Franzi das Glück in meinem ganz eigenen (ehemaligen) Büro mitsamt Konferenzraum wohnen zu dürfen. Da war ich also plötzlich, alleine in meiner 3 Zimmer-Küche-Bad-Wohnung, und realisierte wohl das erste Mal, dass ich hier jetzt die nächsten zwei Monate verbringen würde.


Miksalište

Am Montagmorgen ging es dann direkt mit meinem Sozialprojekt los. Wie auch Franzi im letzten Jahr habe ich im Refugee Aid Center Miksalište ausgeholfen. Während Miksalište noch bis April des Jahres im Stadtteil Savamala am Ufer der Sava zu finden war, musste es dort dem ambitionierten "Belgrade Waterfront"-Projekt weichen. In seinen neuen Räumlichkeiten hat das Refugee Aid Center im September sein einjähriges Bestehen gefeiert. Hier können Flüchtlinge und Migranten Frühstück und Mittagessen bekommen, Kleidung und Hygieneartikel werden verteilt, es gibt Computer und Wifi, einen Raum für Kinder, Duschen und Waschmaschinen und auch ein Arzt von Médecins du Monde ist anwesend. Nachmittags gibt es oft, je nachdem wie viele Freiwillige da sind, Englischunterricht und es wird auch versucht speziell für Frauen Angebote zu schaffen. Und so kamen und kommen, obwohl die Balkanroute seit März 2016 offiziell geschlossen ist, nach wie vor jeden Tag Menschen nach Belgrad. Die Stadt stellt eine Art Nadelöhr auf dem Weg nach Westeuropa dar und da pro Tag nur wenige Menschen über die serbisch-ungarische Grenzen gelassen werden, stranden viele erstmal unfreiwillig in Belgrad. Während Familien in der Regel in einem Camp außerhalb Belgrads unterkommen, sind es vor allem junge Männer, die in den Parks und Parkhäusern im Freien übernachten. In der Stadt lässt sich leichter der Kontakt zu Schleusern herstellen, die einen vielleicht doch über eine der streng kontrollierten Grenzen nach Ungarn oder Kroatien bringen können, und um in einem der Camps übernachten zu dürfen, muss man sich offiziell registrieren. Serbien ist für die allermeisten aber nur ein Durchgangsland auf ihrer Reise, und so haben sie die Befürchtung, durch eine Registrierung in Serbien bleiben zu müssen.

Abends habe ich öfter bei einer zweiten Organisation, Refugee Aid Serbia, ausgeholfen. Diese verteilen an 300 bis 400 Menschen Abendessen im Park. Zu Beginn war das auch ausreichend, aber gegen Ende meiner Zeit stieg die Zahl der Flüchtlinge wieder, und da das Essen auf einer first come, first serve Basis verteilt wird, gingen Menschen am Ende der Schlange oft leer aus.

Und genau das war es auch, womit ich am Anfang am meisten zu kämpfen hatte. Nie genug zu haben, an Hosen, Socken, T-Shirts und Essen, allen gerecht werden wollen und doch immerzu nein sagen zu müssen. Auf menschlicher Ebene absolut nachvollziehen zu können, dass man mehr als ein T-Shirt haben möchte, aber nein sagen zu müssen, weil ansonsten für andere nichts mehr da ist. Immerzu fair und höflich zu bleiben. Geschichten von der Flucht und aus den Heimatländern zu hören, während ein 14-jähriger beiläufig erzählt, dass er am Nachmittag seinen Schleuser trifft, der ihn in der Nacht über die Grenze bringen soll.

Vom ersten Tag an hatte ich das Gefühl plötzlich mittendrin zu sein, jede Hilfe war willkommen und man wurde von Serben wie auch anderen internationalen Volunteers gleichermaßen herzlich aufgenommen. Und doch schlichen sich immer wieder Zweifel ein, wie nachhaltig das Ganze wirklich ist, wie fair die Art der Verteilung ist, oder wie viele Freiwillige tatsächlich nur ihrer selbst wegen und ihres Gewissens zuliebe helfen. Aber vielleicht gilt hier ja: Irgendwas tun ist immernoch besser als nichts tun. Und die ultimative Lösung gibt es wohl nicht.
 

Halbzeit

Und dann war der erste Monat, viel schneller als mir lieb war, auch schon vorbei. Und in mein Leben in Belgrad war so etwas wie ein Alltag eingekehrt. Ich hatte meine eigene Wohnung, einen festen Tagesablauf, ich traf Freunde und fühlte mich einfach wohl. Beeindruckt haben mich dabei immer wieder die Begegnungen mit den verschiedensten Menschen. Serbinnen und Serben, die ich während meiner Arbeit im Refugee Aid Center traf, die sich in ihrer Freizeit, nach der Arbeit oder in den Semesterferien in der Flüchtlingshilfe engagieren. Antonije und Ljubica, SUMC Studierende, die mir mehr als einmal bei Kaffee oder Popcorn ihre Stadt zeigten, meinen Blickwinkel veränderten und mich die Politik und Geschichte des Landes besser verstehen ließen. Die Familie einer Freundin, die mich, wenngleich sich die Kommunikation auf Englisch ein wenig schwierig gestaltete, für ein Wochenende als Gast in ihrem Haus willkommen hieß.

Selten zuvor habe ich solch eine Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft erlebt.

 

Famulatur

Meine Famulatur absolvierte ich in der Neurologischen Klinik des Clinical Center of Belgrade auf der Station für Movement Disorders. Geleitet wird die Abteilung von Professor Vladimir Kostić, in Serbien eine absolute Koryphäe auf seinem Gebiet.

Wenngleich ich auch von vornherein wusste, dass Studenten in Famulaturen vor Ort wenig praktisch arbeiten dürfen, so war es doch erstmal eine Umstellung, denn vom aktiv etwas Tun, war mein Tag jetzt plötzlich ziemlich passiv.

Beobachten, Fragen stellen, CT-Bilder anschauen, mit auf Visite gehen, Parkinson- und Demenz-Sprechstunde, „Botox-Clinic“ oder auch das Emergency Department. Im Prinzip durfte ich mir aussuchen, wo ich meinen Tag verbringen wollte und hatte auch stets das Gefühl willkommen zu sein. Und in aller Regel fand sich auch immer ein Assistenzarzt, der mir das wichtigste auf Englisch übersetzte.

Am Anfang hatte ich oft den Eindruck, in der Famulatur kaum etwas zu lernen, unterschied sie sich doch stark von meinen bisherigen Famulaturen in Deutschland. Erst im Laufe der Zeit merkte ich, dass die Diagnosestellung manchmal schon durch systematische Beobachtung und eine klinische Untersuchung möglich ist. Davon konnte ich trotz meiner mangelnden Serbisch Kenntnisse sehr profitieren. Da die Klinik ein großes Einzugsgebiet hat, und so beispielsweise auch Patienten aus Bosnien auf der Station behandelt wurden, hatte ich die Möglichkeit in den vier Wochen eine Vielzahl an unterschiedlichen Krankheitsbildern zu sehen. Und habe so im Endeffekt viel mehr mitnehmen können, als ich zunächst gedacht hatte.

Wenn es mal nichts zu tun gab, dann wurde gerne eine Kaffeepause eingelegt und ich hatte die eine oder andere interessante Unterhaltung mit den Assistenzärzten, von denen sicherlich 3/4 Deutsch sprechen, Deutsch verstehen, schonmal in Deutschland gelebt haben, gerne in Deutschland leben würden oder Verwandte bzw. Freunde in Deutschland haben.

Nicht nur einmal wurde ich gefragt, warum ich für ein Praktikum in ein serbisches Krankenhaus käme, hätten wir in Deutschland doch deutlich besser ausgestattete Kliniken und Arbeitsverhältnisse. Überhaupt wollen viele der jungen Ärzte in der Zukunft im Ausland arbeiten, vielleicht in Skandinavien oder eben in Deutschland. Kaum verwunderlich, wenn man erfährt, dass Uni Absolventen oft jahrelang unbezahlt im Krankenhaus arbeiten müssen, bevor sie eine Festanstellung bekommen und ihre Facharztausbildung beginnen können.
 

Wiedersehen in Sarajevo und Ausflüge in Serbien

Einer meiner ersten Wochenend-Ausflüge führte mich nach Sarajevo, wo ich Magdalena, Verena und Wiebke, die drei anderen Freiwilligen auf dem Balkan, traf. Ebenso eine Hauptstadt des Balkans, und doch ganz anders, bot Sarajevo einen deutlichen Kontrast zu Belgrad. Wir hatten ein tolles Wochenende, gefüllt mit Geschichte, Sightseeing, Café-Besuchen, leckerem Essen und Erzählungen über das bisher Erlebte.

Ein anderes Mal lud mich eine der Assistenzärztinnen nach Novi Sad ein, gewissermaßen ein kleines Belgrad eine gute Stunde nördlich der Hauptstadt.

Doch Serbien hat auch landschaftlich einiges zu bieten, und so zog es mich an einem weiteren Wochenende in das Naturschutzgebiet Uvac und ich genoss bei Wanderungen die kleine Auszeit vom wuseligen und manchmal chaotischen Belgrad.

 

Fazit

Bevor ich nach Serbien kam, hatte ich praktisch keine Vorstellungen vom Land oder von Belgrad und wurde absolut positiv überrascht. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Serben habe ich mehr als einmal erleben dürfen und Belgrad ist so eine lebendige, dynamische und liebenswerte Stadt, dass man sich einfach wohlfühlen muss. Nicht unbedingt im klassischen Sinne schön, aber ich verstehe, warum so manch einer vom neuen Berlin spricht.

Trotzdem weiß ich auch, dass ich auf die Stadt und das Land hier natürlich mit ganz anderen Augen blicken kann, als viele Gleichaltrige, die ich getroffen habe. Viele sehen hier keine (berufliche) Zukunft für sich und sind unzufrieden mit der politischen Situation. Und auch wenn sie vieles mit Humor nehmen, so schwingt auch immer ein bisschen Resignation mit, wenn ich mal wieder den Satz "Oh well, welcome to Serbia" gehört habe.

So viele Momente, die meine Zeit in Serbien unvergesslich machen und an die ich mich gerne erinnere, jetzt, wo der Alltag in Deutschland so langsam schon wieder Einzug gehalten hat.

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