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Palästina

von Anna Schepper

Was erzählt man von einem Ort, den man zum ersten mal bereist und in dem man zwei Monate lebt. Die Geschichtsbücher und Reiseführer füllen Bände mit dieser Stadt, in der angeblich der berühmte Jesus Christus geboren wurde. Seinen Geist habe ich persönlich dort nicht getroffen, aber in einem alten Haus mitten in der alten Stadt fand ich ein Bett, sodass ich nicht auf Stroh im Stall nächtigen musste. Meine Vermieterin hat mir ein Zimmer zur Verfügung gestellt und für mich gekocht, palästinensisch. Sie ist Christin, eine von den ca. 10%, die heute in Bethlehem leben. Ca. 90% gehören der islamischen Religion an. Beide Religionen sind in dem Ort wesentlich präsenter als in der Stadt, die in Deutschland mein zu Hause ist.

Schon am Namen eines Menschen kann man erkennen, ob dieser aus einer christlichen oder muslimischen Familie kommt. Die religiöse Identität spielt dort eine große Rolle. Jeder Sportverein, jede Schule, viele NGOs, Krankenhäuser und andere Einrichtungen haben religiöse Träger und Hintergründe. Da fällt es schwer das Thema Religion außen vor zu lassen, auch wenn ich einige junge Leute getroffen habe, die lieber nichts mit Religion am Hut hätten. Mit jüdischen Menschen haben die Palästinenser natürlich in der Regel nicht so viel zu tun. Den jüdisch-israelischen Bürgern ist es untersagt in palästinensische Gebiete zu reisen. Kontrolliert wird es bei Einreise riesige rote Straßenschilder warnen vor den Gefahren und der eigenen Verantwortung bei Betreten der Gebiete. Andersrum ist es Palästinensern in der Regel nicht möglich in israelische Gebiete zu reisen. Einige erhalten allerdings zum Arbeiten, Studieren oder an Festtagen eine Erlaubnis, um die Grenze an genau einem Checkpoint zu überqueren. „The lucky ones“ sind jene Palästinenser, deren Eltern in Jerusalem gelebt haben, als die Mauer errichtet wurde. Diese haben einen Pass mit dem sie jederzeit von israelischen Gebieten in palästinensische und umgekehrt reisen können.

Die Mauer in Bethlehem, die die große Straße von Hebron nach Jerusalem blockiert, haben einige Bewohner in Bethlehem direkt vor der Nase. Ihre Graffitis erzählen von Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Trauer, Verzweiflung, Solidarität, Hoffnung und noch vielem mehr. 


Einst erläuterte mir ein Arzt aus dem Caritas Baby Hospital, wie die Mauer unter anderem dafür verantwortlich ist, dass Familien wieder zunehmend Kinder mit genetischen Krankheiten bekommen. Aufgrund der schwierigen Reiseverhältnisse für Palästinenser blieben die Leute eher in ihrer eigenen Stadt, innerhalb der Familie und würden entsprechend Cousinen und Cousins heiraten anstatt jemanden aus einer anderen Stadt und ganz anderen Familie. Während meiner Famulatur im Caritas Baby Hospital bin ich tatsächlich erstaunlich vielen genetischen Krankheiten, wie Mukoviszidose oder Epidermolysis bullosa begegnet und oftmals stellte sich heraus, dass die Eltern Cousins, ersten Grades sind.


Ein Großteil der guten Gesundheitsversorgung in Bethlehem läuft über den privaten Sektor, was prinzipiell recht teuer ist. Im Caritas Baby Hospital, was von der Kinderhilfe Bethlehem mitfinanziert ist, gibt es allerdings auch die Möglichkeit der finanziellen Unterstützung für Familien, die sich die Versorgung dort nicht leisten können. Die Standards der Klinik sind ziemlich hoch. Sowohl Hygiene, als auch die Struktur und Besetzung mit Sozialarbeitern, Physiotherapeuten und dem Management machen das Haus zu einem Qualitätskrankenhaus. Viele der palästinensischen Ärzte haben im Ausland studiert und die Visiten und die Dokumentation werden größtenteils auf Englisch gemacht. Das ist für ausländische Studierende natürlich von großem Vorteil, obwohl man sich an das medizinische Englisch mit arabischem Akzent schon gewöhnen muss.


Die öffentlichen Krankenhäuser haben in der Regel weniger finanzielle Mittel zur Verfügung und orientieren sich an anderen Standards. Einen Teil meines Sozialpraktikums absolvierte ich im staatlichen Beit Jala Hospital Al Hussein. Dort begegnet man einem ganz anderen Patienten/Ärzte Verhältnis, die Notaufnahme ist ein großer Raum, indem jeder rumwuseln kann wie er will, Studenten behandeln eigenmächtig Patienten, Zigarettenrauch kommt aus der Arztkammer und Patienten werden nach Lust und Laune direkt im Flur oder nur von einem Vorhang getrennt zum Nachbarbett behandelt. Hygienespender findet man keine.
Die UN ist für die Gesundheitsversorgung in den ehemaligen Flüchtlingslagern von 1948 verantwortlich. In diesen Nachbarschaften, es gibt davon drei in Bethlehem, wohnen immer noch Palästinenser, die einen Flüchtlingsstatus haben, da dieser dort an die Nachfahren vererbt wird und die Bewohner die Hoffnung nicht aufgeben wollen, irgendwann einmal wieder in die Gebiete zurückkehren zu können, die sie ihre Heimat nennen. Von israelischer Seite werden diese Flüchtlingsnachbarschaften als Quelle des Terrorismus betrachtet, weswegen dort nachts oft Durchsuchungen, Razzien und Festnahmen von jungen palästinensischen Männern stattfinden. Da kommt es dann doch gelegentlich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Bei der UNRWA habe ich ebenfalls im Rahmen meines Sozialpraktikums mitgeholfen die Auswirkungen, Bedürfnisse und Entwicklung von 26 Patienten zu evaluieren, die von israelischen Soldaten oder Soldatinnen angeschossen wurden. Dass mir dort minderjährige Patienten mit Schusswunden von Dum-Dums begegnen, hätte ich nicht gedacht.

Dum-dums sind Geschosse, die nach internationalem Recht verboten sind, da sie unnötig Leiden erzeugen, indem sie in viele Einzelteile zersplittern sobald sie ins Körpergewebe eintreten. Die Auseinandersetzung mit dem israelischen Militär in diesen Gegenden Bethlehems gehört zum Alltag. Von den Bewohnern dort hat jeder einen Bruder, Vater, Cousin, Sohn oder Mann, der gerade im Gefängnis ist oder mal war, manchmal ohne genau zu wissen, was die Anklage ist. Man bekommt den Eindruck, es gehöre zur Kultur dazu, diese ständige Auseinandersetzung mit dem Militär, der Besatzung, der Unterdrückung und der Gewalt.


Schlussendlich habe ich noch die Mobilen Kliniken des Holy Family Hospitals kennen gelernt. Das Krankenhaus für Gynäkologie und Neonatologie ist ebenfalls privat und von den Maltesern finanziert. Die mobilen Kliniken fahren täglich in abgelegene Dörfer und Nachbarschaften, um Schwangerschaftsvorsorge, pädiatrische Vorsorge und Akutversorgung anzubieten. Das Angebot wird besonders in Beduinennachbarschaften viel wahrgenommen.


Der vierte Teil meines Sozialprojekts bestand im Engagement für ein nicht medizinisches Projekt: Ultimate Peace. Die Idee dabei ist, israelische und palästinensische Kinder für Ultimate Frisbee zu beigeistern, indem sowohl in israelischen Gebieten als auch in palästinensischen Gebieten Trainingseinheiten kostenlos angeboten werden. Das Highlight des Projekts ist dann im Sommer ein zweiwöchiges Camp, bei dem Kids aus beiden Gebieten, egal welcher Herkunft zusammen spielen und Zeit verbringen. Trotz mangelnder Hebräisch- oder Arabischkenntnisse konnte ich sowohl bei einigen Trainingseinheiten in Israel, als auch in Palästina unterstützen und das Projekt mit seinen Vor- und Nachteilen kennen lernen. Meiner Meinung nach haben nämlich alle "Friedensprojekte" dort gute und schlechte Auswirkungen auf die Gesamtsituation, weswegen man sich genau überlegen sollte, was man wie und mit welchem Ziel unterstützen möchte.


Zu den Menschen aus Palästina möchte ich noch sagen, dass die Warmherzigkeit und Gastfreundschaft mich überwältigt hat. Auch kann man sich wundern, wie oft man auf der Straße angesprochen wird und spontane Einladungen erhält. Darüber hinaus habe ich durch die Famulatur, die Hospitationen und durch Sport, wie Ultimate Frisbee oder einer Laufgruppe "Right to Movement" tolle Menschen kennen gelernt, die mich zum Essen oder zu Veranstaltungen einluden, mich viel über das Leben und verschiedenste Philosophien der Palästinenser gelehrt haben. Und sogar die arabische Sprache wurde mir durch diese ein wenig näher gebracht.
Schlussendlich bin ich sowohl mit einem gefüllten Herzen als auch Kopf nach Hause gereist. F&E hat mir die Möglichkeit einer Horizonterweiterung gegeben, die ich nicht missen möchte.  



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