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Indien

von Claudia Chwila

Zwischen Rückflug und Ankommen hatte ich nicht viel Zeit. Erschreckend schnell verlief alles wieder in gewohnten Bahnen. Eben noch saß ich in Mumbai am Strand und schon sitze ich wieder in Leipzig im Hörsaal. In Deutschland ist es ruhig und kalt. Indien ist so schnell wieder weit weg, wie es mir für einen kurzen Moment nahe gekommen ist. In meinem Kopf das Erlebte, die vielen Menschen, die ich kennen lernen durfte. Geschichten, Gedanken, Einblicke, die darauf warten sortiert zu werden.

Ankommen


Minuten, bevor das Flugzeug in Mumbai landet, sehe ich nur noch Stadt. Stadt, die aus zweierlei besteht: immensen Hochhäusern, ja Hochhauswänden und ebenerdigen Häusern, deren Dächer blau sind. Wir fliegen über diese blauen Dächer hinweg, die Planen sind. Wenige Meter, direkt dahinter beginnt die Landebahn. Ankunft: Schwüle und Palmen. Von Aneesh, der mich abholen sollte, keine Spur. Aber da habe ich noch keine Ahnung von Zeit. Ich setze mich und warte.


In Nasik wohne ich im Wohnheim mit zwei liebenswerten Studentinnen auf einem Zimmer. Anfangs habe ich noch Bedenken, ob ich einen Monat auf Privatsphäre verzichten kann. Aber ich fühle mich von Anfang an wohl und das Leben zu dritt auf engem Raum erlaubt mir auf eine besondere Weise in den dortigen Alltag einzutauchen. Innerhalb kürzester Zeit lerne ich wahnsinnig viele Menschen aus allen Ecken Indiens kennen, die versuchen mir ihre Traditionen, Religionen und Sprachen näher bringen. Aus Bekanntschaften werden Freundschaften und abendliches Zusammensitzen, Badminton spielen und spazieren schnell Alltag.

Dortsein


Meine Famulatur absolviere ich am Dr. Vasantrao Pawar Hospital and Medical College in Nasik. Dr. Jeetendra hat vorab alles für mich organisiert und auch während meines Aufenthalts stets ein offenes Ohr für meine Anliegen.
Ich verbringe die erste Woche auf der Neugeborenen-Intensivstation, wo sich eine engagierte Assistenzärztin meiner annimmt, Fragen stellt und mir viel erklärt. Es fasziniert und erschrickt mich gleichermaßen, mit welcher Hingabe die jungen Ärzt*innen arbeiten, von Erschöpfung oder Unzufriedenheit keine Spur, obwohl kaum Zeit zum Essen oder Schlafen bleibt. Dabei sind die Hierarchien deutlich stärker ausgeprägt als in Deutschland, selbst unter den Studierenden werden die höheren Jahrgänge von den Jüngeren mit „Sir“ und „Ma’am“ angesprochen. Die meist gehörte Frage ist definitiv, wie denn das Studium in Deutschland aufgebaut sei. Dabei ist der Aufbau in Indien fast gleich: Es gibt Unterricht am Krankenbett, Vorlesungen und Praktika, am Ende steht das das Praktische Jahr. Doch die indischen Studierenden haben es mit Abschluss des Studiums noch nicht geschafft, denn für sie steht noch die Eingangsprüfung für eine Arbeitsstelle an. Diese werden zentral verteilt. Daher büffeln die indischen Kommiliton*innen gefühlt mehr und gewissenhafter als wir. Im Anschluss bin ich eine Woche auf der Pädiatrie, von der ich nach einer Woche auf die Erwachsenen-Intensivstation wechsle. Dort gibt es neben den in Deutschland zu findenden Krankheitsbildern Fälle von Malaria, Dengue und Tuberkulose.


Eine große Herausforderung bleibt für mich die Sprache. Obwohl das Studium auf Englisch ist, ist dies meist nur Drittsprache nach Hindi und der Sprache des jeweiligen Bundesstaates. Die Visiten werden oft auf Hindi gehalten und obwohl ich versuche Hindi zu lernen, reicht es doch bei weitem nicht für eine Kommunikation aus.

Gen Norden


Für mein Sozialprojekt fahre ich wie mein Vorgänger nach McLeod Ganj in den Norden Indiens. Es fiel mir nicht leicht eine passendes Projekt zu finden, zumal die meisten NGOs horrende Summen von „volunteers“ verlangen. Man sollte sich bewusst machen, dass ein Monat eine sehr kurze Zeit ist, die
nicht ausreicht, um Strukturen zu verstehen und tatsächlich für irgendwen vor Ort von Nutzen zu sein. Es ist trotzdem eine gute Gelegenheit einen kleinen Einblick zu gewinnen. Letzten Endes lande ich bei der NGO Tong-Len, die sich für Slum Communities in der Gegend um McLeod Ganj einsetzt. Unter anderem gibt es ein Haus, in dem die Kinder unter der Woche kostenlos essen und schlafen können und morgens mit dem Bus zur Schule gebracht werden. Ich bin oft mit den Mitarbeiter*innen der NGO dort, mal, um die Kinder zu messen und zu wiegen, mal, um einfach nur mit ihnen zu spielen und Zeit zu verbringen. Ein Hauptbestandteil der Arbeit ist das Begleiten der Kinder ins Krankenhaus, Formulare ausfüllen und die nötigen Medikamente zu besorgen.


In McLeodGanj gibt es eine große tibetische Community und auch der Dalai Lama hat dort seinen Wohnsitz. Am Ende meines Aufenthaltes habe ich sogar die Gelegenheit an einem seiner teachings teilzunehmen. Auch wenn ich dort keine Bezugsperson habe, bin ich meist nicht lange allein, denn es genügt, sich in ein Café zu setzen und schon ist dort jemand, dessen Geschichte man lauschen kann.

Was bleibt…


Meine Zeit in Indien hat mich vieles gelehrt. Anfangs war ich mit den Fragen nach deutschen Liedern und „national symbols“ überfordert. Am Ende gibt es natürlich einen Haufen Dinge, die mich im Leben beeinflusst haben, und einige sind mir in Indien wieder oder erst bewusst geworden. Dass ich fünf vor irgendwo bin, wenn ich um dort sein muss. Dass ich die Plastiktüte im Supermarkt ablehne und nichts von „national symbols“ wissen will. Aneesh ist übrigens kurz nach meiner Ankunft am Flughafen aufgetaucht und ich habe verstanden, dass ein „I’m coming“ alles Mögliche bedeuten kann, vor allem aber nicht wann, sondern dass man sich treffen wird

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