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Rumänien

von Maria Schnepper

Als ich Ende April eine Zusage für Rumänien erhielt war ich zunächst nicht sicher, ob ich mich freuen oder das Ganze als Schnapsidee abtun sollte. Das einzige Bild, welches ich vor meiner Abreise zu diesem Land im Kopf hatte, waren die Abenteuerfotos meiner Eltern von ihrer Wanderung im Fagarasgebirge, als noch nicht einmal Karten für diese Region existierten. Rumänien, ein Land so nah und gleichzeitig irgendwie sehr weit weg von uns gelegen. Es kribbelte mir also in den Fingerspitzen und ich war wahnsinnig neugierig. Mit dem Flugzeug Richtung Bukarest, einem CD-Sprachkurs und vielen gut gemeinten und teilweise sehr witzigen Ratschlägen im Gepäck ging es Anfang August los. Familie und Freunde waren vorher nicht müde geworden mich vor den angeblich zahlreichen Kriminellen und natürlich…vor den Vampiren zu warnen.

Kurz nach Mitternacht landete ich, schlief mehr oder weniger bequem einige Stunden auf dem Flughafen, um in aller Frühe den Zug Richtung Sibiu/Hermannstadt, meinem ersten Ziel, zu erwischen. Mit meinen paar Brocken Rumänisch schaffte ich es tatsächlich, ein Zugticket zu bekommen und zuckelte dann mit 50km/h und bei offener Waggontür für die Raucher von Bukarest nach Sibiu. Die Fahrt hatte etwas dermaßen Uriges, dass ich seitdem absolut verliebt in Bahnreisen durch Osteuropa bin.

Hosman/Elijah

Von Nico, dem unterhaltsamsten und wildesten Fahrer der Welt, werde ich dann von Sibiu nach Hosman gebracht, indem sich mein Projekt befindet. Hosman hat ein paar hundert Einwohner, liegt in Siebenbürgen/Transsilvanien (womit wir wieder bei den Vampirgeschichten wären) und ist eines von insgesamt drei Dörfern in dem Elijah sich engagiert- ein christliches Projekt, gegründet von Ruth Zenkert  und Jesuitenpater Georg Sporschill. Das Projekt unterstützt Familien in den Dörfern, indem Arbeitsplätze geschaffen werden, zum Beispiel gibt es eine Bäckerei und Weberei, in der Romafrauen arbeiten, die aufgrund ihres Analphabetentums keine Jobaussichten hätten. Zudem gibt es Sozialzentren für die Kinder und die Familien werden im Alltag unterstützt. In Hosman verbringe ich einen Monat zusammen mit einigen anderen Freiwilligen aus Deutschland und Österreich. Da zu der Zeit gerade Schulferien sind, beschäftigen wir uns viel mit der Freizeitgestaltung der Kinder- üben mit ihnen lesen und zählen oder vergnügen uns beim Fußballspielen. Eine Woche lang gibt es ein Chorprojekt, um auch der Musikschule Elijahs trotz Ferien gerecht zu werden und es ist goldig, die leuchtenden  Kinderaugen bei den Stimmübungen zu beobachten, wenn für einige Zeit jeder Unterschied zwischen Rumäne und Roma aufgehoben ist. Musikalisch und auch menschlich sind die Tage in dem Dorf bereichernd. Ich habe Glück und erlebe einige der ehemaligen Straßenkinder von Concordia aus Bukarest, welche inzwischen erwachsene Männer sind und mit deren Rhythmusgefühl beim Trommeln und Trompeten jede Messe und morgendliche Andacht zur Feier wird. Meine Zimmergenossin aus Wien ist ein wahrer Schatz und das nicht nur wegen ihrer Dolmetscherfähigkeiten. Abends fallen wir in die örtliche Backstube ein, die extra für uns immer ein paar ihrer göttlichen Süßigkeiten überlässt, bevor sie alles auf den Markt nach Sibiu bringt.

Nach einer aufregenden  3-tägigen Wanderung in den Karpaten zusammen mit den anderen Volontären geht die Reise weiter. Bevor ich mich nach Bukarest begebe, schaue ich mir noch einige Tage per Bus und Anhalter die anderen ehemals deutschen Städte wie Cluj, Sighisoara und Brasov an, welche auf jeden Fall zu einem Rumänientrip dazugehören. Mittlerweile kann ich ein wenig auf Rumänisch smalltalken oder zumindest den Menschen mitteilen, dass ich den Apfelkuchen dort liebe. Was dazu führt, dass meine Fahrer jedes Mal den hausgemachten, noch warmen  Kuchen auspacken und ich mit 5 Kilo mehr auf der Hüfte, aber auch superzufrieden Bukarest Anfang September erreiche.

Bucuresti

In der Hauptstadt angekommen, ist die erste Hürde die Adresse meiner Couchsurfing-Familie zu finden, was eine wahre Herausforderung beim rumänischen Nahverkehr darstellt, aber auch erneut ein Beispiel für die Warmherzigkeit der Rumänen ist, wenn es um Fremde geht. Zunächst muss man die nicht ausgeschilderten Bushaltestellen erspähen, dann irgendwie die Busnummer herausbekommen einfach durch Fragen…keine Ahnung, woher die anderen das wissen und dann muss man nur noch den Bus heranwinken und im richtigen Moment dem Fahrer zuschreien, dass man aussteigen will. Gott sei Dank hatten alle meine Hilflosigkeit erkannt, sodass an meiner Haltestelle der gesamte Bus auf den Fahrer einredete, dass ich ja jetzt aussteigen müsse. Kurzum,  ich habe mich sofort willkommen gefühlt. Eigentlich wollte ich nur eine Woche couchsurfen bis ich eine Wohnung finde, aber es kamen so viele Angebote auch für längere Zeit, dass ich letztendlich drei verschiedene Hosts hatte und bei der Letzten über 2 Wochen geblieben bin. Bukarest ist eine tolle Stadt, was ich so gar nicht erwartet hatte. Es gibt riesige Parkanlagen, wunderschöne Architektur und im Sommer an jedem Wochenende Festivals und andere Kulturangebote. Es lohnt sich in jedem Fall, durch die Straßen zu schlendern mit einem omnipräsenten Kaffee in der Hand und einfach Eindrücke zu sammeln.

Dermashape

Durch meinen Vorgänger vermittelt, konnte ich ebenfalls bei Cristina und Kostas in einer privaten Hautarztpraxis famulieren. Die beiden nahmen mich gleich sehr herzlich auf, versorgten mich mit Literatur und erklärten mir, was während der Sprechstunde passierte. Ziemlich oft wenn ich den Patienten vorgestellt wurde, waren diese sofort bereit auf Englisch zu reden und freuten sich riesig über das „internationale“ Interesse.  An die Botoxbehandlungen musste ich mich erst etwas gewöhnen, aber die chirurgischen Fälle waren sehr spannend. Da die Patienten ihre Behandlung selbst bezahlen müssen, ist das Patientenklientel eher beschränkt auf die reichere Mittelschicht, was aber auch interessant war. Wenn Cristina und Kostas  von einem Patienten zur Theatervorstellung oder ähnlichem eingeladen waren, wurde ich einfach mitgenommen. Insgesamt war es ziemlich familiär, was auch nötig ist, denn in Rumänien läuft das meiste über „Vitamin B“.

Krankenhaus

Da Bogdan, Cristinas Mann, Oberarzt der Gastroenterologie im Krankenhaus Fundeni in Bukarest ist, habe ich mir ebenfalls ein Bild von der öffentlichen Gesundheitsversorgung machen können - ein ziemlicher Kontrast. Vor dem Arztzimmer warten lange Schlangen an Patienten und oftmals werden vier Patientengespräche gleichzeitig im Arztzimmer geführt, wodurch es  immer etwas chaotisch wirkt. Die meisten Ärzte arbeiten wenigstens einen Tag in der Woche im privaten Sektor, um ihr ziemlich dürftiges Gehalt aufzubessern. Seit den erlassenen Antikorruptionsgesetzen gehen auch weniger Geldumschläge von Hand zu Hand, aber mehr aus Angst vor dem Gefängnis als aus moralischem Empfinden. Bogdan ist ein interessanter Gesprächspartner, wenn es um Geschichte und Politik des Landes geht und er nimmt auch zur Situation des Gesundheitswesens kein Blatt vor den Mund. Während meines Aufenthaltes findet gerade eine gastroenterologische Weiterbildung für die jungen Assistenzärzte statt und ich kann viele Endoskopien sehen, mit den meist gleichaltrigen Assistenzärzten aus den verschiedenen Kliniken sprechen und an ihren Seminaren teilnehmen. Sie sind alle neugierig, was mich nach Rumänien treibt und  fragen nach unserer medizinischen Ausbildung.

In den vergangenen Tagen hatte die Flüchtlingsthematik in den Medien an Bedeutung gewonnen, sodass ich sehr häufig als Deutsche darauf angesprochen werde und oft auch Mitleid für unsere Situation ernte plus  Ärger über die Geflüchteten, was mich immer etwas  wütend machte. Allerdings kam es dadurch zu sehr spannenden Diskussionen mit Rumänen und vielleicht auch dem einen oder anderen Umdenken nach meiner Argumentation…ich hoffe es jedenfalls.

Das Ende war dann plötzlich sehr schnell da. Die letzten Souvenirs für daheim werden besorgt, Verabschiedungen stehen an und ich besuche ein letztes Mal den riesigen Marktplatz Bucur Obor, auf dem es immer so herrlich nach Obst und Gemüse duftet und auf den sich nur selten ein Tourist verirrt.

Zurück in Deutschland kommt dann der Kulturschock, auf den ich eigentlich in Rumänien gewartet hatte. Anfangs fehlt mir der Klang des Rumänischen, das Chaos in den Straßen, die Kaffeeautomaten und die Menschen, die ich dort kennen lernen durfte. Ich finde es großartig, dieses Land für mich entdeckt zu haben, ohne dass ich es ursprünglich auf meiner Liste hatte. Es waren auf jeden Fall neun Wochen Blick über den Tellerrand, die sich gelohnt haben.

 

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