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Kenia

von Sarah Weidemann

In diesem Jahr bekam ich die Möglichkeit, mir einen Herzenswunsch zu erfüllen und acht Wochen in Kenia zu verbringen. Im August hieß es für mich bye bye Hamburg- Karibu Kenia. Nach meinem Flug über Amsterdam kam ich in Nairobi an. Der Eingangsbereich am Flughafen war überfüllt mit wartenden Menschen, so dass ich Barbara nicht gleich finden konnte. Nachdem mir eine hilfsbereite Kenianerin mit ihrem Handy ausgeholfen hatte (natürlich konnte ich mir an dem Abend keine SIM Karte besorgen - Laden geschlossen) fanden wir uns und machten uns auf den Weg zum Haus von Barbaras Tante.     

Barbara ist ein sehr aktives IPPNW Mitglied und hat schon letztes Jahr Nicole mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Hier in Ngong verbrachte ich die erste Woche mit Barbara und ihrer Familie, da Jan und Martina- die beiden Ärzte aus Nangina, bei denen ich die folgenden Wochen verbringen würde- zu der Zeit noch in Deutschland waren.

Einen Tag verbrachten wir in Nairobi und ich beschloss -nach einem Tipp von Jan - mir ein Busticket nach Bumala zu besorgen. Also hieß es Ende der Woche wieder Sachen zusammenpacken und auf zur Nairobi Busstation, wo ich sehr früh am Morgen und noch etwas verschlafen von Barbara und ihrem Cousin verabschiedet wurde.

Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber mich gegen einen Flug und für die Busreise entschieden zu haben- auf dem Weg Richtung Westen konnte ich sehen, wie sehr sich das Land landschaftlich verändert- vorbei an den beeindruckenden Teeplantagen von Kericho oder der Studentenstadt Maseno erreichte ich am Nachmittag Bumala. Dank google maps wusste ich auch immer genau wo ich gerade war!

Nachdem ich meinen Rucksack wieder in der Hand hatte, stand ich also in Bumala und konnte das erste Mal erleben, was es heißt, als Mzungu allein auf weiter Flur herumzustehen. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da stand plötzlich eine Traube voll Menschen um mich herum und jeder fragte, ob er mich irgendwo hinbringen könne. Müde und überfordert mit der Situation habe ich mich in das Western Ambience Hotel zurückgezogen und in dem Restaurant auf Jan gewartet. Nach einem kurzen Zwischenstopp auf dem Markt ging es dann nach Hause.

Nach Hause- das ist das Gelände des Holy Family Hospital, auf dem das Krankenhauspersonal wohnt. Ich wurde extrem herzlich von Martina und den zwei Kids begrüßt. An meinem ersten Abend konnte ich auch gleich erleben, was es heißt, in Nangina zu leben- an den Wänden liefen aufgeregt die Geckos hin und her, an der Decke schwirrten allerhand Insekten und es gab (wie so oft) Stromausfall, sodass wir am Abend mit Solarlampen beim Essen saßen. Ehrlicherweise ließen mich dieser erste Eindruck und die Tatsache, dass ein Moskitonetz aus einem kleinen Bett ein winziges Etwas macht, doch recht unruhig schlafen.

Famulatur

Ich habe mich schließlich schnell eingelebt und mich von Tag zu Tag wohler gefühlt. Nach dem kurzen Wochenende ging es dann am Montag inklusive der ganzen Familie zur Morning Assembly, wo ich vom CEO und dem Krankenhauspersonal begrüßt wurde. In der ersten Woche habe ich mich an Simons (clinical officer) Fersen gehängt. Er hat mich netterweise am ersten Tag einmal durch alle Stationen geschleppt und mich jedem vorgestellt. Danach ging es dann in die Ambulanz, die hier von clinical officers geleitet wird. Die Bandbreite an Erkrankungen und Schicksalen hier hat mich nachhaltig beeindruckt-  egal ob einfache Erkältungen, Tbc, Frakturen, Malaria, Kinder, Schwangere- hier war die erste Anlaufstation. In der Woche hatte ich außerdem die Möglichkeit an einem outreach teilzunehmen, wo ein CO und eine Krankenschwester mit Sack und Pack in ein abgelegenes Dorf fuhren, um die Vorsorge für Schwangere und Kinder im Sinne von Beratung, Impfung, Untersuchung und HIV Test sicher zu stellen.

Am Wochenende bekamen wir dann weiteren Zuwachs aus Deutschland- zwei weitere Medizinstudenten hatten sich über Jan eine Famulatur organisiert. Da der Platz für uns alle im Haus von Jan und Martina dadurch ziemlich knapp geworden wäre, bekamen wir die Möglichkeit, zwei Häuser weiter unsere eigene kleine WG zu eröffnen.

In der kommenden Woche konnte ich Einblicke in das Comprehensive Care Center erlangen- eine erstaunlich hoch standardisierte und durch die US Aid finanzierte Ambulanz, wo alle HIV positiven Patienten zu regelmäßigen Terminen vorbeikommen.

Vom Westen nach Osten

Am anderen Ende von Kenia  verbrachte Felix seine IPPNW Zeit bei Hellen und so beschlossen wir uns zu besuchen. Also machte ich mich auf den Weg von Nangina nach Bumala, um von dort  mit dem Bus nach Kisumu zu reisen. Der Unterschied Nangina- Kisumu ist ziemlich beeindruckend. Ich fühlte mich gleich wie in einer Großstadt und habe auf Empfehlung gleich mal das Java Cafe in der Westend Mall besucht- ein Treffpunkt für alle Mzungus in Kisumu. Hier habe ich mich dann mit Manuela, einer Mitarbeiterin bei der GIZ, getroffen und konnte ihr zuhause als Zwischenstation nutzen, da mein Flug nach Malindi am kommenden Tag früh startete.

Nach einem kurzen Flug kam ich dann bei bestem Wetter in Malindi an, wo mich Felix abholte. Ich war absolut beeindruckt, wie unterschiedlich sich ein Land darstellen kann. Von dem Westen mit seiner roten Erde in den Osten an der Küste, der sich mit seinen schwülerem Klima und den Palmen als absoluter Urlaubsort darstellte.

Nachdem wir in Kilifi ein paar Tage verbracht hatten, machten wir uns mit Hellen auf die Reise an die South Coast, wo wir unter anderem eine Bootstour um Wasini Island machten, schnorcheln waren und Delfine beobachten konnten.

Nach unserem Kurztrip brachte uns Hellen nach Mombasa. Der ursprüngliche Plan war es auf jeden Fall tagsüber zu fahren. Allerdings waren viele Busunternehmen ausgebucht und schlussendlich fuhren wir dann über Nacht Richtung Westen. Am Morgen kamen wir dann müde in Kisumu an und machten uns auf den Weg zu Manuela. Glücklicherweise nahm sie uns beide für ein paar Tage auf.

Da Felix seinen zweiten Teil des IPPNW Einsatzes im Norden des Landes verbringen wollte, beschlossen wir gemeinsam nach Nangina zu fahren, damit er da einen Zwischenstopp einlegen konnte. Der Weg zurück nach Nangina war wieder einmal sehr spannend. Der ursprüngliche Plan war es mit einem Bus zu fahren, aber wie es so oft in Kenia kommt, mussten wir diesen Plan umschmeißen. Als wir mit dem Tuk Tuk an der Busstation ankamen, konnten wir gar nicht schnell genug gucken und schon stand eine Traube voller Menschen um uns herum und jeder wollte unsere Rucksäcke nehmen und uns davon überzeugen ihr Matatu zu nehmen. Wir konnten gar nicht so schnell ja oder nein sagen, da waren die Rucksäcke schon verstaut und wir saßen im Matatu- eingepfercht in der hintersten Ecke, umgeben von Rost an der Decke und aufgeplatzten Sitzen mussten wir erst einmal über unsere weise Entscheidung lachen. Nach 20 Minuten Fahrt, einem Geruckel, stand das Matatu. Alle Insassen stiegen aus. Mein erster Gedanke „Ich wusste es...“. Glücklicherweise können die Kenianer hervorragend mit solchen Situationen umgehen und innerhalb weniger Minuten war das nächste Matatu da und wir konnten weiterfahren. Nach ein paar Tagen in Nangina machte sich Felix weiter auf den Weg Richtung Norden und ich führte meine Famulatur auf Station fort.

Auch wenn ich meine praktischen Fertigkeiten nicht erweitert habe, so war diese Zeit sehr lehrreich. Erschreckend fand ich bis zum Ende die jungen AIDS kranken Patientinnen, die es mit letzter Kraft in die Klinik geschafft haben- ihr Schicksal aber schon vorher besiegelt war. Oftmals war die Kombination an Nebenerkrankungen letal. In Deutschland habe ich noch nie einen derart schwer kranken AIDS Patienten gesehen: die Kombination aus HIV, Tuberkulose, Malaria und schwerer Gastroenteritis – erschreckend. Eine palliative Therapie war faktisch nicht vorhanden, dafür war der familiäre Beistand oft groß.

Community Health Assessment

Nach dieser Zeit habe ich mich mit Arthur- IPPNW Mitglied und Medizinstudent in Maseno, in Kontakt gesetzt. Da Nicole begeistert von dem Community Health Assessment berichtet hatte, war ich auch neugierig zu erfahren, was das praktisch bedeutete. Glücklicherweise war Arthur von Anfang an bereit, sich etwas um die Organisation zu kümmern und so machte ich mich auf den Weg nach Maseno. Den kenianischen Medizinstudenten wird am Ende ihres 2. Jahres ein Dorf zugeteilt, in dem sie dann einen Monat als Gruppe verbringen. Ihre Aufgabe ist es dann, den Gesundheitsstatus zu ermitteln, Fragebögen für eine Besprechung mit der Dorfgemeinschaft zu erarbeiten und Problemlösungen zu entwickeln. Nach einigen organisatorischen Startschwierigkeiten hatte ich dann die Gelegenheit  zwei Dörfer zu besuchen und ein paar Tage einen Einblick zu bekommen. Hier zeigte sich vor allem die Relevanz der primary health care, der Fähigkeit, sich in die unterschiedlichsten Menschen hinein zu versetzen, alltägliche Probleme zu erkennen und eine praktikable Lösung zu konstruieren.

Safari

Zu dem Zeitpunkt war ich schon einige Wochen in Kenia und ich konnte schon nicht mehr zählen, wie oft mir ein Kenianer sagte, ich müsste unbedingt die Gelegenheit nutzen und eine Safari in der Masai Mara machen. Leider haben allerdings die wenigsten Kenianer überhaupt die Gelegenheit dazu.

Also beschlossen Basti, Johanna und ich, uns auf die Reise in den Nationalpark zu machen. Basti und Johanna waren zu der Zeit an der Küste und wir trafen uns schließlich in einem Hostel in Nairobi. Nach einer Übernachtung wurden wir abgeholt und unsere Drei-Tage-Safari ging los. Unser Weg führte uns durch das beeindruckende Rift Valley – eine Landschaft, die man nur staunend und ehrfurchtsvoll betrachten kann.

Die folgenden Tage begannen früh und wir verbrachten den ganzen Tag im Nationalpark. Wir hatten unglaubliches Glück und bekamen die Big 5 zu sehen- ein unvergessliches Erlebnis. Abgesehen von dem „Jagdfieber“, welches man schnell entwickelt und sich dann immer fragt, welches Großtier man wohl als nächstes erblicken wird, ist die Masai Mara landschaftlich einzigartig schön. Der erste Abend endete mit einem traumhaften Sonnenuntergang und dann konnten wir unser Zelt beziehen.

Unser Rückweg war leider etwas komplizierter. Wir machten einen Zwischenstopp in Narok und wollten von da wieder nach Westen reisen. Nach diversen Diskussionen mit Matatu Fahrern kauften wir uns ein überteuertes Ticket und landeten am Ende bei Starkregen in Kisii. Von da aus fuhren wir schließlich nach Kisumu und kamen am späten Abend dort an. Am Tag darauf ging es schließlich nach einem Stopp auf dem Masai Market wieder nach Nangina.

Schwester Therese

Der Zwischenstopp dort dauerte auch nicht lange, denn ich wollte die verbleibende Zeit unbedingt dazu nutzen, Schwester Therese kennenzulernen. Sie ist eine Ordensschwester, die seit 1959 in Afrika tätig ist. Seit 1979 lebt und arbeitet sie in Kenia und leitet dort noch 2 von 3 aufgebauten Health Dispensaries- St. Boniface und Wakape. Eine weitere wurde bereits von kenianischen Ordensschwestern übernommen. Sr. Therese hat mich nachhaltig beeindruckt- sie ist eine sehr resolute und dabei extrem warmherzige Frau. Wir saßen einige Stunden zusammen und so konnte ich viel von ihrem Leben und ihrer Arbeit erfahren. Da sie mittlerweile nicht mehr ganz so gut zu Fuß ist, übernehmen die Krankenschwestern, die mit ihr zusammen leben, die outreaches. An einem konnte ich teilnehmen und so fuhren wir mit Impfstoffen und sonstigem Medizinmaterial nach Mwanda A, wo viele Kinder geimpft wurden, außerdem einige Hypertonie Patienten und eine Frau mit Z.n. Schlaganfall behandelt wurden.

In den Situationen offenbarte sich mir immer der große Unterschied zu dem deutschen Gesundheitssystem. Fachärzte gibt es nur wenige und therapeutische Behandlungen im Sinne von Physio, Logo oder Ergotherapie sind eine absolute Rarität. Die Möglichkeiten adäquat zu therapieren, begrenzen sich, wenn überhaupt, oft auf essentielles. Schwester Therese hat über die Jahre vor allem ihre Fähigkeiten in der Phytotherapie ausgebaut, um auch beim Mangel an Medikamenten ihren Patienten zu helfen.

Meine letzten Tage verbrachte ich schließlich in Nangina und ich hatte das Glück, an meinem letzten Tag in der Klinik dem kenianischen Arzt bei einer Sectio zu assistieren. Voller Aufregung stand ich am Tisch und er leitete mich geduldig an. In Deutschland hatte ich zwar schon einige Sectios gesehen, hatte allerding noch nie die Möglichkeit gehabt, mich aktiv zu beteiligen.

Obwohl ich mich auch wieder auf zu Hause freute, ging ich mit einem weinenden Auge. Die Zeit in Kenia verging wahnsinnig schnell und ich hätte an den vielen kleinen Stationen, die ich besucht hatte, gerne mehr Zeit verbracht. Die Zeit hat mich gefordert und gestärkt. Ich bin voller Wertschätzung und Dankbarkeit für mein Leben, unsere medizinischen Möglichkeiten und unser Gesundheitssystem zurückgekehrt und hoffe, dass ich mir dies noch für eine Weile erhalten kann.

Ich bin sehr dankbar, die Möglichkeit bekommen zu haben, mir einen Traum zu erfüllen und freue mich schon jetzt auf die kommende Generation der f&e-ler!  

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