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Japan

von Patrick Schmidt

Schon seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit Japan und dessen Kultur, weshalb mir die Wahl meines Wunschlandes nicht schwer fiel. Doch letztendlich habe ich mich bei IPPNW vor allem deshalb beworben, weil das Projekt „famulieren & engagieren“ allgemein nicht nur das Kennenlernen eines fremden Gesundheitssystems bedeutet, sondern das gleichzeitige Eintauchen in eine fremde Kultur, neue Freundschaften zu schließen und seinen Blick auf die Welt vielleicht zu verändern.

Als ich dann erfuhr, dass mein lang gehegter Traum endlich wahr wurde und ich mit IPPNW nach Japan gehen sollte, konnte ich mein Glück kaum fassen! Sofort malte ich mir in tausend bunten Bildern die drei Monate in Japan aus und hatte kurz vor Abreise dann doch ein paar Bedenken, dass ich mir alles vielleicht ein wenig zu idealistisch ausgemalt haben könnte. Doch in Japan angekommen, wurde mir trotz der von vielen schon erwähnten Hitze und Schwüle des Hochsommers schnell klar, dass dies absolut großartige Monate werden würden, in denen ich nicht nur viel über Friedensarbeit und Medizin würde lernen können, sondern auch die einmalige Chance haben würde, dieses uns so fremde Land kennen zu lernen, mit all seinen schönen Eigenarten, aber auch den Schattenseiten. Japan ist so viel mehr als Sushi, Karate und Manga und ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich gerade in diesem Sommer, als sich die Atombombenabwürfe zum 70. Mal jährten und sich Widerstand gegen die antipazifistische Regierungspolitik bildete, viele spannende Erfahrungen im Land der aufgehenden Sonne sammeln durfte.

Peace Course und ein heißer Gedenktag

Einer der Hauptgründe, weshalb ich mich dazu entschied, mich beim f&e Programm der IPPNW zu bewerben, war der Peace Course in Hiroshima, von dem schon viele Studenten vor mir schwärmten. Deshalb war ich wahnsinnig froh als es hieß, dass ich in diesem Jahr das Glück hätte, daran teilzunehmen.
Letztendlich war er sogar noch besser, als ich es erwartet habe. Wir waren insgesamt 30 Studenten, wovon die Hälfte aus Japan stammte und die andere sich auf Länder wie China, Südkorea, USA, Großbritannien, Bulgarien oder Singapur verteilte. Wir trafen uns in Hiroshima, um über die Ursachen und Folgen der Atombombe, Friedensarbeit und interkulturelle Kommunikation zu lernen. Der Kurs bestand einmal aus Lectures und anschließenden Seminaren, in denen wir das Gelernte vertieften und gemeinsam unsere Standpunkte erarbeiteten, aus Ausflügen und Zeitzeugenberichten. Gerade die Erzählungen der Hibakusha, der Überlebenden des Atombombenabwurfes auf Hiroshima, berührten uns alle sehr. Es ist etwas ganz anderes, in Büchern über Hiroshima zu lesen oder Vorträge im modernen und voll klimatisierten Vorlesungsraum darüber zu hören, als die Möglichkeit zu haben, mit Menschen zu sprechen, die es selbst erleben mussten. Oftmals herrschte nach einem dieser vielen Berichte erst einmal Schweigen, da wir nicht wussten, wie wir unsere Gefühle in Worte fassen sollten. Doch schnell wurde uns klar, dass dies eine einmalige Chance für uns war. Viele der Hibakusha sind schon über 80 Jahre alt und es stellt sich nun die Frage, wie man ihre Erzählungen für die Nachwelt erhalten kann. Neben den Überlebenden der Atombombe sprachen wir außerdem mit dem Bürgermeister Hiroshimas, dem Leiter des Peace Museums, einigen Friedenswissenschaftlern und erlebten auch neben diesen offiziellen Veranstaltungen des Hiroshima & Peace Programmes viel gemeinsam, dass uns nach den leider viel zu schnell vorüber gehenden zehn Tagen mit dem Gefühl zurückließ, neue Freunde gefunden zu haben. Begeistert war ich vor allem von unseren japanischen Kollegen. Von vielen Freunden hörte ich schon in Deutschland, dass die Diskussionsfreudigkeit der japanischen Studenten oftmals nicht so stark ausgeprägt sei wie die unsere. Doch während des Kurses wurde ich eines Besseren belehrt. Auch wenn die Englischkenntnisse aller Teilnehmer auf einem sehr unterschiedlichen Nivea waren, versuchten sich alle rege an den Diskussionen zu beteiligen und fast täglich endeten wir nach dem Programm der Universität abends in einer Bar, oder einem Karaoke Club und führten lange Diskussionen.

Ein weiteres Highlight im Rahmen des H&P Programmes war der 6. August, die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima. Dies war ein in vielerlei Hinsicht heißer Tag. Wir trafen uns früh morgens um 7, um rechtzeitig den Beginn der Friedenszeremonie zu erleben. Es war schon so früh am Morgen drückend schwül und heiß. Besonders während der Schweigeminute spürte man förmlich die Emotionen. Es wurde plötzlich totenstill in der Stadt, in der sich an diesem Tag Vertreter vieler Nationen einfanden und die wohl sonst im Jahr nie so kunterbunt ist wie an diesem Tag. Danach wurden verschiedene Reden von Opfern der Bombe vorgetragen. Ich  hatte das Gefühl, dass der Bürgermeister Hiroshimas mit einem Satz zum Thema, wie man weltweiten Frieden erreichen könne, zumindest eine kleine Botschaft an den Premierminister senden wollte, der direkt vor ihm saß: „…im nächsten Schritt muss man durch das gewonnene Vertrauen weitreichende Sicherheitssysteme aufbauen, welche nicht auf militärischer Macht basieren. Mit Beharrlichkeit und Ausdauer muss man daran arbeiten, solche Systeme zu verwirklichen und es erfordert die weltweite Anpreisung des Pfades des wahren Friedens, der in unserer pazifistischen Verfassung liegt“. Der Premierminister Japans hatte in diesem Sommer vor, die Verfassung dahingehend umzuinterpretieren, dass Japan fortan eine eigene Armee unterhalten und an der Seite seiner Bündnispartner Krieg führen dürfe und damit de facto den Status eines pazifistischen Landes verlieren würde. Man spürte den ganzen Morgen hindurch schon die angespannte Stimmung, da sich tausende Menschen zu Protesten gegen die Regierung versammelt hatten. Doch trotz allem eher unüblich für Japan, wurde das Auftauchen des Premierministers mit vielen Rufen à la „Verschwinde aus Hiroshima“, „Lügner, leg dein Amt nieder!“ begleitet. Auch während der Rede, die, soweit ich sie verstand, sehr allgemein gehalten war, wurden seine Worte oft mit Rufen aus dem Publikum kommentiert. Er sprach über die Notwendigkeit des Friedens, dass man Hiroshima nie vergessen solle und viele aus seinem Munde leer klingende Worte, die im krassen Gegensatz zu seinem politischen Handeln stehen. Mir geht das Thema mittlerweile sehr ans Herz, zumal ich viele Japaner kennen gelernt habe, die verzweifelt sind und große Angst davor haben, dass die Situation im Pazifik wieder eskaliert und dass in Japan, ähnlich wie vor dem 2. Weltkrieg, der rechte Flügel wieder am Erstarken ist. Auch außerhalb des Friedensparks traf ich an diesem Tag auf viele Demonstranten die gegen die Verfassungsänderung demonstrierten und auch im Allgemeinen ist die Mehrheit der Japaner gegen eine Verfassungsänderung da sie genau wissen, dass eine Verflechtung in einen weiteren Krieg auch für die eigene Bevölkerung nur erneutes Leid bringen würde. Auch dieses Thema diskutierte ich mit meinen Freunden im Friedenskurs und freute mich, dass viele mir berichteten, dass durch die angestrebte Verfassungsänderung viele Studenten in Japan sich nach langer Zeit der Lethargie nach der Wirtschaftskrise wieder mit der Politik beschäftigen und beginnen, Demonstrationen gegen die Aggressionspolitik zu organisieren.

Famulatur

Meine Famulatur absolvierte ich anschließend im  einem hochmodernen Gebäudekomplex mit ungefähr 800 Betten. Die ersten beiden Wochen verbrachte ich in der respiratorischen Medizin und wurde hierbei von verschiedenen Ärzten betreut, allen voran Dr. Namba, der sich rührend um mich kümmerte und mir zusammen mit den Kollegen auch außerhalb des Klinikums viele Einblicke in die japanische Kultur gewährte. Es war anfangs gar nicht so einfach mich zurechtzufinden, da die Klinik aus verschiedenen, mit einander verbundenen Gebäudekomplexen besteht, die wegen Neubauarbeiten teilweise nur temporär in Benutzung sind. Doch durch die übliche Hilfsbereitschaft der Japaner, die mich notfalls sogar durch das gesamte Krankenhaus führten, traf ich glücklicherweise immer rechtzeitig am vereinbarten Ort ein.

Doch gleich an meinem ersten Tag im Department for Respiratory Medicine löste ich eine mittelschwere Katastrophe aus, da ich leider von Ms. Watari, der Studentenbeauftragten die meinen Aufenthalt betreute, keinen detaillierten Ablaufplan der Famulatur bekam. Plötzlich wurde wild herumtelefoniert, panisch Akten durchwühlt, ich wurde mehrfach gefragt, ob ich mir denn ganz sicher sei und ich war von dem unerwarteten Durcheinander erst mal ziemlich verwirrt. Doch letztendlich ergriff der Ruhepol der Station, Dr. Masuda, die Initiative und erstellte mir kurzerhand einen Plan für die erste Woche und hängte ihn gut sichtbar an die Wand, woraufhin das heillose Durcheinander schlagartig beendet war. Es ist mir noch oft passiert, dass ich das Gefühl hatte, dass die Menschen in offiziellen Angelegenheiten wesentlich entspannter waren, wenn sie einen Ablaufplan hatten, wenn sie mit „dem Deutschen“ sprachen und notfalls darauf zurückgreifen konnten. Dass dieser in der respiratorischen Medizin eher spontan erstellt wurde, da man wohl noch keine großen Erfahrungen mit ausländischen Studenten hatte, war mein Glück. Ich hatte sehr schöne zwei Wochen, in denen ich insgesamt drei verschiedene Ärzte begleitete, wir Patienten gemeinsam untersuchten und befragten, sie mir die Patientenakten erklärten, Bronchoskopien durchführten und ich auch ab und an selbst einmal Hand anlegen konnte, was in Japan sonst eher untypisch ist. Blutabnehmen ist in Japan beispielsweise für Studenten undenkbar, da man erst mit Beendigung des zweiten Staatsexamens auf die Patienten losgelassen wird. Da ich aber schon in Deutschland praktische Erfahrungen gesammelt hatte, vergaßen manche Ärzte ab und an, dass ich erst das 4. Jahr des Studiums beendet hatte. Das 6 jährige Medizinstudium in Japan ist theoretischer aufgebaut als bei uns. Die ersten 5 Jahre bestehen vornehmlich aus Vorlesungen und Seminaren, im 6. Jahr darf man dann im Krankenhaus hospitieren, was praktisch Mitlaufen und Vorlesungen lauschen bedeutet. Mit Abschluss des Staatsexamens tritt man nun in die 2 jährige „Resident“ Zeit ein, in der man alle Befugnisse eines Arztes hat, also plötzlich auch die ganze Verantwortung. Die Abende habe ich dann meist mit den Kollegen in einer Bar, oder einem Okonomiyaki-Restaurant (dem traditionellen Gericht Hiroshimas) verbracht und dabei viel über die Eigenheiten und die Kultur Japans und die Medizin in diesem Land gelernt.

Danach wechselte ich in die Diagnostische Radiologie unter Dr. Awai. Hier lief alles wesentlich strukturierter ab. Ich hatte bestimmte Vorlesungszeiten, in denen mir Ärzte etwas über bestimmte Krankheitsbilder erzählten, an anderen Tagen musste ich Fälle vorstellen, oder gemeinsam mit Ärzten Bilder auswerten. Dies war aber keineswegs langweiliger als die ersten beiden Wochen. Es gab nicht nur Vorlesungen zu Themen wie Hirntumore, Infarkte, oder Thorax CTs, sondern auch welche zu japanischem Sake, seiner Geschichte und lokalen Leckereien, da viele Ärzte glücklich waren, mir auch die japanische Kultur etwas näher zu bringen und gerade das Essen in Japan einen hohen Stellenwert genießt. Neben dem „Unterricht“ in der Klinik organisierte Dr. Awai mir netterweise verschiedene field trips. An einem Tag hospitierte ich beispielsweise in der Radiation Effects Research Foundation, welche sich mit den Langzeitfolgen der Atombomben beschäftigt und teilweise von den USA finanziert wird, an anderen Tagen die Heiwa Clinic, eine radiologische Privatklinik, in der ich viel über den generellen Aufbau des japanischen Gesundheitssystems lernte.

Ich war auch sehr überrascht, wie die moderne japanische Popkultur selbst die Arbeit im Krankenhaus beeinflusst. Es gab beispielsweise ein CT Gerät in Hiroshima, das mit berühmten Anime-Charakteren geschmückt wurde, ein Ultraschallgerät, das mit Pokebällen bemalt war und in der Radiologie hörte man oft im Hintergrund die Filmmusik zu verschiedenen Meisterwerken japanischer Trickfilmkunst. Auch der Umgang mit den Patienten war ein wesentlich respektvollerer, als ich es in Deutschland gewöhnt bin. Man verbeugt sich in Japan immer bevor man einen Patienten stört, fragt um seine Erlaubnis, ihn untersuchen zu dürfen und insbesondere in der Respiratorischen Medizin hatte ich das Gefühl, man bemühe sich mehr um das Wohl der Patienten als in mancher Klinik in Deutschland. Auf der anderen Seite ist der gute Umgang zwischen Patienten und Ärzten auch dem Fakt geschuldet, dass Patienten in Japan oftmals keine Umstände machen wollen und man viel zwischen den Zeilen lesen muss und vor allem psychische Probleme oftmals weder von Patienten, noch ärztlicher Seite angesprochen werden, da keiner sein Gesicht verlieren möchte. Trotz dessen waren es vier spannende Wochen, in denen ich viel über das japanische Gesundheitssystem und den Umgang unter Kollegen und mit Patienten lernte.

Fukushima und Iwaki

Fukushima war eines der Ziele, die ich unbedingt während meiner Zeit mit f&e in Japan sehen wollte. Selbst in Hiroshima wissen die Menschen nämlich erschreckend wenig über die aktuellen Geschehnisse rund um die zerstörten Reaktoren. Deshalb war ich sehr froh, dass ich von der deutschen IPPNW und Arne, der im vorigen Jahr in Japan war, die notwendigen Kontakte hierfür bekam. Natürlich reiste ich in die Präfektur mit gemischten Gefühlen. Einerseits wollte ich mir endlich selbst ein Bild über den Zustand der Region und die Gefühle der Menschen machen, abseits von dem, was das Staatsfernsehen sendete, doch auf der anderen Seite war mir schon ein wenig mulmig zumute angesichts der Berichte, dass es auch außerhalb der Sperrzone Hotspots mit erhöhten Strahlenwerten geben soll. Auf dem Weg in die Präfektur Fukushima fuhr ich an Landschaften mit leuchtend grünen Reisfeldern, Bergen und wunderschönen Küstenstreifen vorbei. Die Region war früher für ihre Agrarproduktion im ganzen Land bekannt, besonders für ihre großen, saftigen Pfirsiche, mit denen noch immer Werbung gemacht wird, auch wenn diese keiner mehr kaufen will. Da ein Großteil der Bevölkerung in dieser Region traditionell aus Bauern besteht, ist es für die Menschen besonders hart, dass sie ihrer Lebensgrundlage, auch außerhalb des Sperrgebietes, beraubt wurden.
Meine Reise führte mich zuerst in die Stadt Iwaki, die circa 45 km südlich des AKW Fukushima liegt und damals Glück hatte, da der Wind günstig wehte und die Stadt weitgehend verschonte.

Dort nahm ich an einer Demonstration gegen die geplante Verfassungsänderung und die Wiedereröffnung einer Bahnstrecke teil, die mitten durch das Sperrgebiet führen soll. Es kamen auch Bahnangestellte aus den umliegenden Ortschaften, die mir erzählten, dass sie dafür zuständig seien, die Züge, die teilweise stark verstrahlte Areale passieren, zu reinigen. Dabei habe es anfangs nicht einmal Schutzkleidung und Masken gegeben. Diese mussten sie sich erst durch die Gründung einer Gewerkschaft erkämpfen, da sich die Japanische Bahn JR vehement dagegen wehrte. Ich erfuhr auch viel über die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Reaktorruine, in der knapp 90 Prozent Leiharbeiter arbeiten, die in diversen undurchschaubaren Subunternehmen angestellt sind und oft nur unzureichend über Arbeitsabläufe und Eigenschutz aufgeklärt werden. Erst Anfang August 2015 starb ein Arbeiter, der in einer Tankklappe eines Lastwagens eingeklemmt wurde. Kurz bevor ich nach Fukushima reiste, wurden außerdem Arbeiter stark kontaminiert, als ihnen Wasser in die Schuhe lief. Im Januar starb ein weiterer Arbeiter.

Ein weiteres Thema, das ich mit meinen Begleitern während meiner Zeit in Iwaki und Fukushima diskutierte, war die Dekontaminierung der radioaktiv verseuchten Flächen und das Vorhaben der Regierung, diese Gebiete wieder zugänglich zu machen. Einige Gemeinden mögen zwar zu großen Teilen dekontaminiert sein, doch was ist mit lokalen Hotspots, die gar nicht registriert wurden? Oder was ist mit den umliegenden Wäldern, die man niemals dekontaminieren kann und die meist im gebirgigen Gelände liegen, sodass bei dem nächsten Taifun die radioaktiv belastete Erde wieder in die Ortschaften gespült wird? Viele Leute haben Fragen gestellt, die teilweise fast schon groteske Antworten der Regierung nach sich zogen: Beispielsweise fragten die Anwohner, was denn mit den vielen Seen in dem dekontaminierten Areal um Naraha wäre, einem Ort, der während meiner Zeit in Japan wieder der Bevölkerung zugänglich gemacht wurde, ob es dort denn sicher sei. Darauf antworteten Regierungsvertreter, dass die Oberfläche kaum mehr strahle und es sicher sei, da sich die ganze Radioaktivität auf dem Grund der Seen sammle. Für die ehemaligen Anwohner Narahas ist es natürlich ein sehr großer Schritt, die Rückkehr zu verweigern. Einerseits sind dort 2011 ganze Existenzen vernichtet worden. Viele der Flüchtlinge, 120.000 sollen es heute noch sein, leben momentan noch in den temporären Unterkünften, wo doch die meisten früher in Fukushima ein Stück Land und ein über Generationen gepflegtes Anwesen hatten, das sie nun gegen eine kleine hellhörige Blechbehausung eintauschen mussten und auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Andererseits stellt man sich mit der Verweigerung zur Rückkehr auch aktiv gegen die Regierung und, so glauben viele, auch ein Stück gegen die japanische Gesellschaft, was in diesem Land viel Mut erfordert. Allein deshalb sind die Demonstrationen bemerkenswert.

Später fuhr ich dann in die Stadt Fukushima, die um die 50km vom zerstörten Kernkraftwerk entfernt liegt. Dank meiner japanischen Begleiter, die mich während meiner gesamten Zeit in dieser Präfektur betreuten und mir Einblicke in die Region ermöglichten, mit denen ich nie gerechnet hätte, bekam ich die Möglichkeit, bei einem gemeinsamen Abendessen mit Betroffenen der Evakuierungsmaßnahmen 2011 über ihr heutiges Leben zu sprechen. Viele Menschen sind stark verunsichert und wissen nicht, ob sie sich auf die Regierungserklärungen verlassen können. Deshalb wurden durch diverse internationale NGOs unabhängige Zentren eingerichtet, wie beispielsweise die Fukushima Collaborative Clinic, die ein Schilddrüsenscreeningprogramm bei Kindern in Fukushima durchführt, oder eine Station, in der besorgte Bürger ihre Lebensmittel zur Strahlungsmessung bringen können.
Die Bevölkerung versucht trotz aller Widrigkeiten, vor allem für die Kinder eine halbwegs sichere Umgebung zu schaffen. Es wurden Projekte ins Leben gerufen, um Mütter mit ihren Kindern einen „Urlaub“ von der permanenten Gefahr zu gewährleisten, in dem sie für zwei bis drei Wochen bei Familien in anderen Präfekturen unterkommen und sich erholen können. Während der Tage in Fukushima hatte ich die Chance mit einigen der Mütter zu sprechen, die natürlich sehr dankbar über die freiwillige Unterstützung sind. 
Ein Bild, welches sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat ist ein Spielplatz, den ich mit meinen japanischen Begleitern besuchte. Dieser wurde in einer großen Mehrzweckhalle aufgebaut und beherbergt neben Rutschen, Sandkästen, Hüpfburgen und Schaukeln alles, was man in anderen Teilen der Welt unter freiem Himmel finden würde. In Fukushima ist es ein Ausdruck der absoluten Umstrukturierung des geregelten Lebens und der Hilflosigkeit der Menschen angesichts dieser unsichtbaren Gefahr, von der keiner weiß, wo sie lauert, oder wie man sich ausreichend davor schützen kann.

Reisen und Fazit

Während meiner letzten Wochen in Japan nutzte ich die Zeit für Besuche bei Freunden und Städtetrips, während derer ich das Glück hatte, viele verschiedene interessante Menschen und Orte kennen zu lernen. Ich hatte glücklicherweise die Möglichkeit, den Großteil meiner bis dato noch offenen Fragen beantwortet zu bekommen, da die Japaner sehr gern mit „Gaikokujin“ über ihre Kultur sprechen. Insgesamt muss man leider sagen, dass vor allem in kleineren Städten viele Menschen nur sehr schlecht Englisch sprechen. Es ist natürlich besser, ein wenig der Landessprache mächtig zu sein, ich denke aber auch, dass man notfalls ohne diese zurechtkommen kann, da die Japaner ein unglaublich hilfsbereites, höfliches und nettes Volk sind. Ich war immer wieder überrascht, wie viel mir in Japan ermöglicht wurde, vor allem von der japanischen IPPNW und der Universität von Hiroshima, die versuchten, mir jeden Wunsch zu erfüllen und durch die mein Start im Land der aufgehenden Sonne nicht hätte angenehmer sein können. Auch wenn Japan ein uns doch sehr fremdes Land ist und man in dieser homogenen Gesellschaft immer alle Augen auf sich zieht, hatte ich doch dank aller Beteiligten nie das Gefühl, unerwünscht in diesem Land zu sein, habe viele neue Freundschaften geknüpft, viel über die Kultur gelernt und bin allen, die mir diese 3 Monate ermöglichten, sehr dafür dankbar.

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