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Bosnien und Herzegowina

von Lena Hiegel

Als ich von f&e erfuhr, war ich sofort von dem Projekt begeistert und las mit Spannung alle Berichte aus den vielen verschieden Ländern durch. Dass es mich auf den Balkan verschlägt, hätte ich nicht gedacht, aber im Nachhinein denke ich, dass Sarajevo die beste und bereicherndste Erfahrung war, die ich in diesem Sommer hätte machen können. (Foto privat: f&e Studentinnen in Sarajevo)

Als ich erfuhr, dass ich nach Sarajevo in Bosnien gehen durfte, fiel mir erst einmal nicht viel zu diesem Land ein. Klar hatte ich in Erinnerung, dass es dort einen schlimmen Krieg in den Neunzigern gegeben hatte und ich konnte mich auch noch gut an die Flüchtlingskinder erinnern, die mit mir zu Schule gingen, aber wie es heute dort aussah, war mir schleierhaft. Nachdem ich jedoch erst einmal Bilder der Stadt gegoogelt hatte und mich erinnerte, dass mir einige Freunde, die durch den Balkan gereist waren vorgeschwärmt hatten, wie schön diese Stadt sei, wurde meine Vorfreude von Tag zu Tag immer größer und ich konnte es kaum erwarten, in dieses junge und unbekannte Land zu reisen.

Klischees und Ankommen vor Ort

Der Begriff Balkan ist bei uns mit vielen Klischees belegt, und die meisten davon sind leider negativ. Streitsucht, ständige Konflikte der Völker untereinander, allgegenwärtige Korruption- all das hört man immer wieder. Mir selbst fiel auch gutes Essen, starker Schnaps und eine lebendige Musikkultur ein, jedoch war mir klar, dass auch diese positiven Klischees hinterfragt werden sollten und nicht das einzige sein könnten, was die Region ausmacht.

Nachdem ich nach einer langen Reise am Flughafen Sarajevo angekommen war und von zwei netten älteren Exil-Bosnierinnen im Taxi mit in die Innenstadt genommen wurde (eine Nahverkehrsanbindung gibt es nicht, das hatte das ganze schon etwas stressiger und aufregender gemacht), war ich erst einmal überwältigt:

Einen schöneren Anblick als Sarajevo kann eine Stadt kaum bieten. Von allen Seiten von bewaldeten Bergen umgeben, deren frische Luft man auch in der Stadt genießt, und von einem kleinen Fluss durchzogen, ist die Architektur ein Mix aus osmanischen Märkten und Moscheen, austro-ungarischen Prachtbauten und Klötzen aus der Ära des pragmatischen Sozialismus. Meine Wohnung war zentrumsnah in einer alten Offiziersvilla im Diplomatenviertel gelegen und in unserem Viertel (so wie überall) gab es eine breite Auswahl an Bäckern, Kneipen, Märkten und Restaurants. Da eines meiner größten Hobbies das Essen ist, stimmte mich dies erst mal sehr gut gelaunt und so zog ich, nachdem ich die Koffer abgestellt hatte, gleich mit heimischen Bier und einer Tüte Leckereien vom Bäcker ausgestattet, für die ich beide einen Spottpreis gezahlt hatte (womit sich mein Bosnienaufenthalt mehr auf meine Taille als auf mein Portemonnaie auswirkte) mit meinen beiden Mitbewohnern in Richtung einer der beiden Festungen, von denen man einen phantastischen Blick auf die Stadt hat. Die zwei waren auch Volunteers aus anderen Ländern und es ist allgemein so, dass die Stadt voller junger Menschen aus aller Welt ist, die an verschiedenen Projekten arbeiten und mit denen man sehr schnell in Kontakt kommt, so wie mit den Bosniern selbst auch.

So verging der Sonntag meiner Ankunft mit Essen und Sightseeing und ich war sehr  beeindruckt von der Stadt, die sich mir als fröhlich und lebendig präsentierte. Zwar registrierte ich auch die vielen immer noch vorhandenen Einschusslöcher in den Häusern und die vielen Gräber und Denkmäler für die Opfer des Krieges, aber so richtig konnte ich diese Eindrücke anfangs nicht einordnen.

Im Krankenhaus

Am nächsten Morgen ging es auf einen halbstündlichen Spaziergang zum Krankenhaus, den ich jeden Morgen sehr genoss, weil man auch hier Stadt und Landschaft bewundern konnte. Auf der Pädiatrie angekommen wurde ich erst mal der Direktorin vorgestellt, was ich als deutsche Famulantin nicht gewohnt war. Das Personal war durchgehend, von der Sekretärin bis zur Chefi, sehr hilfsbereit und so wurde ich nach einem herzlichen Händeschütteln auf die Kinderneurologie geschickt, da der Arzt dort Auslandserfahrung hatte und sehr gutes Englisch sprach. Die Neurologie war sehr spannend und ich habe einiges gesehen, was ich von zuhause nur aus den Lehrbüchern kannte. In Erinnerung ist mir doch vor allem eins geblieben: Der Drang der Menschen, mir von ihrem Land und ihrer eigenen Geschichte zu berichten. So erzählte mir der Chefarzt der Neurologie in jeder Pause von seinen Erlebnissen im Krieg, der momentanen Politik und natürlich auch seiner Meinung zu den gesellschaftlichen Entwicklungen. Man konnte einerseits einen großen Stolz auf den Mut der Bosnier im Krieg und die Errungenschaften Jugoslawiens heraushören, andererseits aber auch eine große Verbitterung über die jetzige Situation. Ich muss gestehen, dass ich in den zwei Monaten niemand gut über die Regierung oder einen Politiker sprechen gehört habe. Viele Menschen sind verbittert über die Situation ihres Landes oder der Überzeugung, dass man nicht auf den Staat vertrauen dürfe, sondern sich alles selbst erkämpfen müsse. Für mich als Menschen, der in einem Sozialstaat aufgewachsen ist, war das sehr erdrückend zu hören, denn trotz all der Missstände bei uns habe ich mich in Deutschland immer gesichert und abgesichert gefühlt, was bei den Menschen hier nicht der Fall war.

In den vier Wochen auf der Kinderklinik hatte ich die Chance, alle Stationen zu besuchen, die mich interessierten und so verbrachte ich jeweils eine Woche auf der Neurologie, der Ambulanz, der Physiotherapiestation und der Neonatologie. Zwar war die Sprachbarriere ein Hindernis, aber die Ärzte waren alle ausgesprochen freundlich und versuchten, einem so viel sie konnten zu übersetzen. Eine besondere Überraschung war, dass sehr viele Menschen eine Fremdsprache perfekt beherrschten, da sie in ihrer Kindheit in dieses Land geflohen waren. Meine größte Überraschung in dieser Hinsicht war die Begegnung mit einer jungen Mutter: Als sie den Raum betrat, erblickte ich eine Frau mit Kopftuch, welches auch die untere Gesichtspartie bedeckte, was mich sehr verunsicherte, da ich nicht wusste, ob und wie ich mit dieser Frau kommunizieren könnte. Nachdem der Arzt mich vorgestellt hatte und sagte, ich sei aus Deutschland, fing sie jedoch sofort an, sich mit mir begeistert auf Deutsch zu unterhalten, da sie dort das Gymnasium besucht hatte. Nachdem sie mir dann noch von ihrer Arbeit als Kinderkrankenschwester und ihren Bemühungen für eine gute Bildung ihrer eigenen Kinder erzählt hatte, war mein Klischee der verängstigten und unterdrückten verschleierten Muslimin zum Glück endlich endgültig gebrochen.

Wer fachlich viel neues Lernen will, ist in Sarajevo sicher gut aufgehoben, wobei man kaum praktische Arbeiten erledigen darf. Genauso gut war das Krankenhaus auch geeignet, Kontakte zu knüpfen und mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Projekt

Aufgrund der Jahreszeit und der Sprachbarriere hatte ich schon im Vorhinein damit gerechnet, dass es nicht einfach sein würde, einen Praktikumsplatz zu bekommen. Zwar hatte ich eine Zusage für ein Frauenprojekt in Tuzla, jedoch konnte ich dort keine Unterkunft finden. Und da ich mich so wohl in Sarajevo fühlte, fiel ich schnell die Entscheidung, den ganzen Aufenthalt dort verbringen zu wollen.

Also schrieb ich alle NGOs an, die ich finden konnte - und bekam genau eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Das war bei einer europäischen NGO, deren Leiter ein sehr netter Herr aus Deutschland war, der mir schließlich anbot, im nationalen Geschichtsmuseum mitzuhelfen, da er dort Kontakte hatte. Da ich mich sehr für Geschichte interessiere und das Museum einen sehr guten Ruf hatte, sagte ich begeistert zu. Wenn man  länger und intensiver sucht und früher mit der Recherche anfängt, bin ich mir sicher, dass man auch ein anders Projekt finden kann.

Also verbrachte ich den zweiten Teil meines Aufenthaltes in Sarajevo damit, in der Museumsbücherei beim Sortieren zu helfen und fast jeden Nachmittag als Lohn eine kostenlose Einzelführung durch die Ausstellungen zu bekommen und lernte ganz nebenbei das Museumspersonal gut kennen, was mir wieder einen besseren Einblick in das Leben der Bosnier vermittelte. Ich denke, es war wirklich großes Glück, dass ich ausgerechnet im Geschichtsmuseum arbeiten konnte, da mir dies noch einmal einen anderen Zugang zur Geschichte Sarajevos bot, was mir sehr half, das Leben in Bosnien besser zu verstehen. Zum einen konnte ich mich in Ruhe mit dem zweiten Weltkrieg und der Errichtung des sozialistischen Jugoslawiens auseinandersetzen, zum anderen hatte das Museum eine detaillierte Ausstellung zum Alltag während des Jugoslawienkrieges, so dass ich die Geschichten, die mir die Menschen erzählten, besser einordnen und nachvollziehen konnte.

Überhaupt hat mich die Fülle an Ausstellungen und Museen begeistert. Es gibt hier viel Kunst und Kultur, so dass man sich nie langweilt, aber auch ein großes Angebot zur Geschichte Sarajevos, so dass man sich in Ruhe mit allen Epochen und Ereignissen beschäftigen kann.

Reisen und andere Abenteuer

So geographisch kompakt wie der Balkan ist, eignet sich ein Aufenthalt dort natürlich wunderbar, um Ausflüge in die Nachbarländer zu machen. Diese Möglichkeit habe ich fast jedes Wochenende ausgenutzt und es dabei immer noch nicht geschafft, alles zu sehen, was ich mir gewünscht hätte. Ganz oben auf der Liste der unerfüllten Wünsche steht Albanien und der Kosovo, zwei Länder, die vom Tourismus noch relativ unberührt sind und von denen mir erzählt wurde, dass man viele gastfreundliche Menschen trifft und viel sehen kann.

Zum Glück habe ich aber auch einige Reisen verwirklichen können: Leicht zu erreichen ist  Mostar, eine wunderschöne Stadt, die vor allem durch ihre im Krieg zerstörte Brücke bekannt geworden ist. Hier lebt auch ein sehr netter IPPNW Arzt, der mich einen Tag lang durch die Stadt führte. Wenn man keine Zeit hat, ans Meer zu fahren, eignet sich Mostar auch wunderbar, um dort im eiskalten und kristallblauen Fluss zu schwimmen. Auch andere Städte in Bosnien sind reizvoll, ich selbst war noch in Tuzla, aber auch Banja Luka ist schön und eine Reise nach Srebrenica, den Ort des Genozides, kann einem sicher dabei helfen, die Lage in Bosnien besser zu verstehen.

Zum anderen gibt es die wunderschönen Küsten Kroatiens und Montenegros, an denen man das Mittelmeer in seiner ganzen Pracht genießen kann.

Und schließlich war ich zwei Mal in Serbien, was besonders interessant war, da mir die Serben in Bosnien permanent als aggressives Tätervolk dargestellt wurden und ich gespannt war, zu sehen, wie die Menschen dort die Ereignisse interpretierten.

Mein erster Besuch führte mich nach Guca, einem kleinen Dorf, in der jedes Jahr ein Festival für Folkloremusik abgehalten wird. Wer Festivals mag, wird hier voll auf seine Kosten kommen, wer das Landleben mag, auch, da das Dorf abgesehen von diesem Festival sehr unberührt geblieben ist und man auf diese Weise schön ein ländliches Leben erleben kann, das es in Deutschland so schon lange nicht mehr gibt.

Faszinierend für mich waren die Festivalbesucher: Neben vielen Neugierigen aus ganz Europa konnte man hier auch eine Menge serbischer Patrioten finden, die sich unkritisch und begeistert mit ihrer Heimat identifizierten und dies auch durch Partisanenkleidung und Serbienflaggen stolz zur Schau stellten.

Mein zweiter Besuch war die IPPNW Europa Konferenz in Belgrad. Als zweite Hauptstadt des Balkans, die ich sehen sollte, bietet Belgrad einen deutlichen Kontrast zu Sarajevo und beeindruckt ihrerseits durch die Landschaft, die Architektur und das kulturelle Angebot. Auch die Teilnahme an der Konferenz war eine Bereicherung für mich, da ich so einen Einblick in die internationale Arbeit erhielt und gleichzeitig auch erlebte, wie frisch der Konflikt war, da zwischen den Teilnehmern Ex-Jugoslawiens immer noch eine große Spannung zu spüren war. Ab und an erschrak ich, wenn Menschen, die ich als gebildet und informiert kennen gelernt hatte, Klischees und Anfeindungen äußerten, von denen ich nicht erwartet hätte, dass sie so, vor allem bei IPPNW Ärzten, noch existierten. Diese Erfahrung machte mir vor allem deutlich, wie tief gewisse Dinge im Bewusstsein verankert sein können und wie viel in der Friedensarbeit auf dem Balkan noch getan werden kann.

Zuletzt gibt es auch in Sarajevo jedes Jahr im August ein kulturelles Highlight: das internationale Filmfestival. Erstmals fand es noch während der Besetzung unter schwierigsten Voraussetzungen statt und sollte damals als Hoffnungszeichen für die Menschen in Sarajevo und die ganze Welt dienen und signalisieren, dass die Lebensfreude dort auch vom Krieg nicht zerstört werden kann. Inzwischen ist das Festival eine internationale Institution mit einer Menge hochkarätiger Filme aller Genres. Meldet man sich als internationaler Volunteer, kann man sie alle kostenlos besuchen und lernt nebenbei noch eine Menge sehr interessanter Menschen kennen.

Danach

Wenn ich darüber nachdenke, was mir meine Zeit in Sarajevo persönlich gegeben hat, fällt mir einiges ein:

Die Erfahrung, wie leicht es sein kann, sich in einem fremden Land zurechtzufinden und wie schnell es gehen kann, Kontakt zu Menschen zu finden. In Sarajevo als Hauptstadt und kulturelles Zentrum des Landes gibt es eine Reihe wahnsinnig interessanter Menschen; und oft muss man sich nur in ein Cafe setzen und Sonne tanken, und schon wird man von irgendjemanden angesprochen.

Die Freude am Leben auf dem Balkan mit all den guten und schlechten Aspekten, die es von dem in Deutschland unterscheidet: Die Spontanität, die viele Musik, die Trink- und Rauchkultur (hier sei es jedem selbst überlassen, ob er das gut oder schlecht findet) auf der einen Seite, die Korruption, die Ungenauigkeit und Nachlässigkeit auf der anderen.

Und schließlich die Erfahrung, in einer Kultur gelebt zu haben, in der ein gewaltsamer Konflikt erst so kurz zurück liegt. Damit verbinde ich vor allem die Dankbarkeit, selbst in Frieden aufgewachsen zu sein, eine Vorstellung für den Schmerz, den so ein Krieg in jeder Familie anrichtet und die daraus resultierende Verantwortung für mich selbst, dabei mitzuhelfen, in Europa und der ganzen Welt zu einer friedlichen Zukunft beizutragen.

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