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USA

von Lerato Arthur Maleka

Vorgedanken
USA – das Land der unbegrenzten Probleme? - Atommacht, Global Sheriff, Kleinwaffenproblematik, rückständiges Gesundheitssystem, Überwachungsstaat, großes sozioökonomisches Gefälle, Rassismus... – ich hatte vor meinem Aufenthalt schon so einige Punkte gesammelt, die mich nachdenklich gestimmt hatten, und über die ich mehr erfahren wollte, vor Ort. Natürlich habe ich mich für den Platz entschieden, weil ich wusste, dass ich auch die andere Seite der Medaille sehen könnte – Engagierte und kompetente Ärzte, friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen im Melting Pot sowie motivierte und inspirierende Mitarbeiter im IPPNW-Central Office.

Ankunft und Famulatur in New York City

Irgendwann war es dann endlich so weit. Nach meinem Auslandsjahr in Frankreich und einer Famulatur in Deutschland bin ich Anfang August schließlich nach New York geflogen. Und obwohl es schon mein zweites Mal in dieser Stadt war, brauchte ich doch erst einmal ein bisschen Zeit, um mich an Big Apple zu gewöhnen. Der Großstadtdschungel mit all seinen Auswüchsen, Kreaturen, Dickichten und Lichtungen prägte auf einmal meinen Alltag. Kreischende Sirenen, surrende Klimaanlagen, ratternde Motoren, zauberhafte Metromusikanten und eine Melange aus allen Sprachen vereinten sich vor dem ewigen Gegrummel der Stadt zu einer ganz eigenartigen Melodie. Und ich mitten drin. Bei dieser ganzen Aufwühlung kam es mir zunächst ganz gelegen, dass sich meine Famulatur ein bisschen aufschieben sollte und mir so Zeit für Akklimatisierung und Entdeckungstouren blieb. Stück für Stück eroberte ich mir die Stadt neu und entdeckte meine Lieblingsecken, stimmte mich auf das Metropolenleben ein.
Bedauerlicherweise lief dann aber nicht alles so prächtig, lief nicht alles so geschmiert, wie ich es mir erhofft hatte. Denn leider geriet mit verstreichender Zeit meine Famulatur weiter in Verzug und der zugesicherte Platz schien sich in bürokratischem Wohlgefallen aufzulösen. Im Zuge des Aufkaufs des Krankenhauses durch eine große private Klinikkette, hatte sich in den vorangegangenen Wochen nämlich einiges verändert und mein ja eigentlich von Anfang an sicher geglaubter Platz war durch neue bürokratische Zwänge unter die Räder gekommen. Da konnte auch meine Ansprechpartnerin Sina leider nichts dran ändern, die als Oberärztin im Krankenhaus versuchte alle Hebel in Bewegung zu setzen. Zwischen ihren Schichten hat sie mir immerhin stets persönlichen Unterricht geboten und mich mit lauter Fachwissen zu HIV (ihrem Spezialgebiet) auch so ganz gut beschäftigt. Schließlich konnte sie mir auch doch noch einen Kollegen von ihr vermitteln, den ich an drei Tagen pro Woche in seine Praxis begleiten durfte.
Mit ihm durfte ich einige wertvolle Erfahrungen sammeln. Als Allgemeinmediziner, der sich zusätzlich noch auf HIV spezialisiert hat, arbeitet er insgesamt an drei Orten. Downtown Manhattan, Queens und Washington Heights; drei Neighborhoods mit Patientenstämmen, wie sie bunter nicht sein könnten. Doch er vermochte es, sich stets auf seine extrem unterschiedlichen Patienten einzulassen und neben vielen HIV-Patienten und sicher fragwürdigen Schönheitsbehandlungen auch viele bedürftige Patienten zu versorgen und ihnen zahlbare Therapie-Alternativen zu ermöglichen. Er konnte Behandlungen in Thai, Vietnamesisch und Englisch anbieten und nahm sich stets die Zeit, die er brauchte, um seinen Patienten gerecht zu werden. Meine Tätigkeit war vor allem, die Anamnese zu erheben, Blut abzunehmen und bei den zumeist hausärztlichen Gesprächen zu hospitieren.

Engagieren in Boston
Ein neuer Abschnitt hatte für mich begonnen und nach fünf Wochen New York ging es schließlich in den ruhigeren Norden nach Boston. Und siehe, auf einmal lief alles wie am Schnürchen. Herzlich wurde ich von den Mitarbeitern im Central-Office - John, Michael, Maria, Aki und Garrett in Empfang genommen. Ich bekam gleich einen eigenen Arbeitsraum inklusive Computer, Schreibtisch, bequemem Arbeitssessel, Kaffee... Grundlage für meinen vierwöchigen Bürojob. Meine Themen und Arbeitsschwerpunkte kristallisierten sich peu à peu heraus und wurden schließlich zu einer kreativ, administrativen Mischung. So habe ich einerseits Kontakte in die große Database eingearbeitet, Teilnehmer- und Mitgliederlisten erstellt und zur Umstellung auf eine mobile Website recherchiert. Andererseits konnte ich aber auch hie und da kleine Texte schreiben, u.a. auch ein Interview für den Vital Signs Newsletter. Außerdem hatte ich viel Zeit, mich durch die umfassende Bibliothek zu lesen, mich mit IPPNW-nahen Themen auseinander zu setzen und mich häufig durch die herzensguten Kollegen inspirieren zu lassen. Es war spannend zu sehen, wie NGO-Arbeit wirklich läuft und wie die internationale Arbeit der IPPNW koordiniert wird.

Harvard und die Rückkehr nach New York
Im IPPNW-Office durfte ich von Zeit zu Zeit auch immer wieder neue interessante Menschen kennen lernen. So war ich an einem Abend auch bei einer Sitzung der lokalen IPPNW-Gruppe dabei, wo ich Einblick in aktuelle Bostoner Projekte erhalten habe und die vor Ort engagierten Ärzte treffen konnte. Neben Ira Helfand – einem der Co-Präsidenten der IPPNW und sehr charismatischen Menschen, durfte ich auch zwei Ärzte kennen lernen, die sich insbesondere gegen den Klimawandel und dessen Gesundheitsfolgen einsetzen. Prompt luden sie mich auch zu einem ihrer Workshops ein - „Health and Climate Change“, in der Harvard Medical School. Da war mir erstmal recht mulmig, als ich mir vorstellte, dass ich dort in einem Workshop sitzen werde, im mythenumrankten Hort der Wissenschaft, vielleicht mit stereotyp Hyperintelligenten und wohlhabend Allwissenden?! Die Veranstaltung selbst war letztendlich allerdings total entspannt, die Teilnehmer sehr zugänglich und ich habe einen tollen Einblick in die aktuelle medizinische Klimaforschung bekommen und mich inhaltlich gut auf den bald folgenden stattfindenden Klimamarsch vorbereiten können. Im Rahmen eines UN-Klima-Gipfels sollte es nämlich den bisher größten Marsch für den Stop des Klimawandels in New York geben.
In New York konnte ich dann noch einmal an einer Reihe an Vorlesungen quer durch den Garten der Klimathemen - von nicht vorhandenen nuklearen Alternativen zur Fossilen Energie, bis hin zum Ecosocialism teilnehmen. Und schließlich ging es dann zusammen mit 400.000 Anderen über Blocks und Avenues quer durch Manhattan - einfach einmalig!

Fazit
Welche Seite der Medaille hat nun überwogen?
Auch wenn am Anfang nicht alles so lief, wie ich es mir gewünscht hatte und ich letztendlich auch nicht viel von der hochgerühmten amerikanischen Medizin mitnehmen konnte, so hat in meinen Augen der zweite Teil umso mehr aufgetrumpft. Die großartige Gelegenheit, auch mal nichtmedizinisch für eine NGO zu arbeiten hat mich nachhaltig bereichert und ich bin allen dankbar, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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