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Türkei

von Manja Unrath

01.12.2014 Famulatur im Ausland? Einfach nur Reisen? Erasmus? Weltwärts? Diese Fragen schossen mir Ende 2013 durch den Kopf und wie es der Zufall wollte, fiel mir das Programm der IPPNW ins Auge. f&e - was ist das eigentlich? Nachdem ich mich genauer über das Programm informiert hatte und auch unsere IPPNW Studierendengruppe in Dresden kennen gelernt hatte, gefiel mir das Programm immer besser. In ein Land zu reisen und dort die Möglichkeit zu bekommen, Einblicke in eine andere Kultur, Gesellschaft, Sozialsystem und Politik zu erhalten.  Türkei, ein Land zwischen Tradition und Moderne, von dem ich immer dachte einiges zu wissen, aber nie die Chance hatte, mich wirklich damit auseinander zu setzen. Was heißt Moderne in der Türkei? Wie lebt man dort wirklich?

Was heißt Arzt sein in der Türkei? Was heißt Patient sein? Gibt es eine staatliche Krankenversicherung? Welche sozialstaatlichen Strukturen gibt es überhaupt? Ist es möglich Tradition und modernen Fortschritt miteinander zu leben? Auf all diese Fragen hoffte ich durch einen Dialog mit den Menschen vor Ort und einen Blick „hinter die Kulissen“ Antworten zu finden.

Im Vorfeld
Nachdem die Entscheidung endgültig gefallen war und ich auch die Rückendeckung und Unterstützung von Freunden und Familie hatte, konnte ich damit beginnen, mich auf die Zeit in der Türkei vorzubereiten. Durch Gespräche mit Svenja und Ulla wusste ich, dass die Lage in der Türkei sich im Vergleich zum Vorjahr wieder deutlich beruhigt hatte, auch wenn mit der bevorstehenden Präsidentschaftswahl wieder eine spannende Zeit auf die Türkei zukam. Würde die Sicherheitslage sich wieder ändern? Welchen Einfluss könnte der immer konkreter werdende Syrienkonflikt nehmen? Ich hatte das Glück durch Kontakte in Izmir eine realistische Einschätzung der Lage vor Ort zu erhalten und somit überwog die Vorfreunde über das mulmige Gefühl ins Ungewisse zu fahren.
Durch Kontakt zu Dr. Isil, - ehemalige f&e Gaststudentin - die jetzt als Ärztin in Izmir arbeitet,  hatte ich eine sehr liebenswerte Person vor Ort, die mir mit Rat und Tat zu Seite stand , meine vielen Fragen im Vorfeld beantwortete und  mir sogar anbot, bei sich zu wohnen. Auch durch Dr. Bülent Kilic, der bei der Organisation von Famulatur und sozial Projekt eine zentrale Rolle spielte, hatte ich das Gefühl, nicht ganz ins Blaue zu fahren.
Svenja versorgte mich mit unglaublich vielen hilfreichen Infos und schaffte es mit Stadtplan, Reiseführer und Langenscheidt Türkischsprachkurs meine Spannung und Vorfreunde auf Izmir immer weiter zu wecken und  meine Bauchschmerzen bezüglich Sprachbarriere und kulturellen Differenzen in den Hintergrund rücken zu lassen.
Dann war der Flug gebucht, die Koffer gepackt und los ging es nach Izmir ………

Vor Ort
Am Strand. Foto: privatIn Izmir erwartete mich der heißeste Sommer seit langem, 38° sollten in den nächsten Wochen für mich an der Tagesordnung sein und mir einiges abverlangen. Am Flughafen landete ich mit einer kunterbunten Truppe von mitreisendende Türken, die die beeindruckende Vielfalt der vielen ethnischen Gruppen der Türkei wiederspiegelte. Ich muss gestehen, dass mich diese Tatsache während meines gesamten Aufenthaltes immer wieder sehr faszinierte und ich mich immer wieder dabei ertappte, dass dieser bunte Mix von  Türken gar nicht zu dem Bild passte, welches ich aus Deutschland mitgebracht hatte.
Dr. Isil erwartete mich am Flughafen und nahm mich freundlich in Empfang. Dann ging es mit IZBAN, einer Art S-Bahn, auch schon los in Richtung Innenstadt. Schon auf dem Weg dorthin kommt man an einem riesigen in Stein gehauenen  Abbild von Atatürk vorbei, der auch in meiner restlichen Zeit ein häufiges Thema werden sollte.  Nachdem ich mein neues Quartier bei Isil bezogen hatte, begann meine erste Stadttour in Izmir. Entlang der langen Meerespromenade mitten hinein in das Stadtzentrum von Izmir. Vorbei am berühmten Uhrenturm und einer kleinen wunderschönen Moschee, vorbei an den durch die Demonstrationen des vergangenen Jahres bekannt gewordenen Plätzen.  Während meiner gesamten Zeit fielen diese Orte mir eher durch viele freudig tanzende Menschen auf, die die warmen Sommernächten fröhlich miteinander durchtanzten, und der Spuck der politischen Unruhen schien kaum noch existent.  Auch während meiner vielen Gespräche mit Arbeitskollegen und Freunden war zwar die politischeLage und die bevorstehende Wahl ein Thema, jedoch waren klare politische Statements oder Aussagen eine Seltenheit. Vereint schien Izmir in der Abneigung gegen Erdogan und der Verehrung von M.K. Atatürk, aber auch die Unsicherheit und Angst vor der kommenden Zeit war ein häufiges Thema.
Meine Freizeit verbrachte ich so oft es ging außerhalb Izmirs am Strand oder in den Bergen, um der drückenden Hitze etwas Abhilfe zu schaffen. Sport, war, auch wenn es vielleicht nicht unbedingt die Lieblingsbeschäftigung der meisten Türken ist, für mich auch in Izmir ein Weg,  um, wie Ulla so schön sagt, den Obelix auszupacken und die Schwierigkeiten zu bewältigen. Auch lernte ich dadurch viele liebe Menschen kennen, die mich durch meine Zeit dort begleitet haben.
Ich hatte das große Glück viele Wochenenden im Sommerhaus von Isils Familie verbringen zu dürfen. Was nicht nur durch die traumhafte Lage, die wunderbaren Badetage und das leckere Essen Erholung pur war, sondern mir auch die Möglichkeit eröffnete, in einer „richtigen“ türkischenFamilie aufgenommen zu werden und viele Einblicke zu erhalten, auch heiklere Themen zu diskutieren und einfach richtig eintauchen zu können ohne sich fremd zu fühlen. Auch Nationalfeiertage, die ich zuvor immer als etwas befremdlich empfunden hatte, verloren etwas an Befremdlichkeit……..

Famulatur
Ich hatte mich entschieden meine Famulatur zu teilen, erst auf der neonatologischen Intensivstation und danach in der zentralen Notaufnahme.
Auch wenn im Krankenhaus die Sprachbarriere sehr deutlich wurde und ich eine Weile brauchte mich einzufinden, war es eine sehr interessante und erfahrungsreiche Zeit. Die Zeit auf der Neonatologie war durch viel Zuhören und Versuchen zu verstehen und Beobachten geprägt. Bei vielen Ärzten hatte man das Gefühl, sie trauten sich gar nicht Englisch zu sprechen, sei es, weil es Ihnen nicht gut genug erschien oder sich vielleicht auch nicht sicher genug fühlten, mir im „medizinischen Fachjargon“zu berichten. Mit der Zeit fanden wir aber unseren Weg, auf Türk-Denglisch und Handfüßig zu kommunizieren und auch fachliche Fragen zu klären.
In der Notaufnahme wurde ich ziemlich ins kalte Wasser geschmissen und meine Position wechselte von Zuhören und Zuschauen und aktiver Mitarbeit. In der Notaufnahme gab es ca 6-8 Ärzte und je nach Tageszeit nochmal 8-12 Medizinstudenten im vierten Studienjahr. Nach der kurzen Frage, wer ich sei und in welchem Studienjahr, wurde ich wie die anderen Studenten einem Arzt zugewiesen. Von diesem erhielt man Aufgaben:  Von Zugang legen  über Blasenkatheter legen bis hin zu der chirurgischen Wundversorgung war alles dabei. Teilweise war es für mich sehr befremdlich, dass, egal ob eine gestellte Aufgabe wirklich beherrscht wurde, niemals ein Arzt um Rat gefragt wurde oder dieser von sich aus Hilfestellung gab. Dies ist wohl zum großen Teil  der enormen Arbeitsbelastung zuzuschreiben, der die Ärzteschaft ausgeliefert ist, ein Arzt in der Notaufnahme sieht pro Schicht im Schnitt 250-300 Patienten. Lehnte ich eine mir gestellte Aufgabe ab, da ich mich nicht sicher genug fühlte, sie alleine korrekt  durchzuführen, stieß es leider auf wenig Verständnis, wurde aber akzeptiert. Ich sah in der Zeit in der Notaufnahme sehr viele unterschiedliche Krankheitsbilder und teilweise sehr andere Herangehensweisen. Trotzdem fühlte mich gegen Ende sehr gut integriert und angenommen.

Sozial Projekt
Meine nächsten vier Wochen sollten von einem etwas chaotischen Hin-und Her und„klappt, klappt doch nicht“ geprägt sein.
Eigentlich sollte ich die ersten zwei Wochen in einem Community Health Care Center in Güzelbahçe verbringen, dies war leider doch nicht möglich, da die Ärztin vor Ort anscheinend nichts von meinem Kommen wusste und sich nicht vorstellen konnte, eine nicht türkisch sprechende Studentin dauerhaft unterzubringen. Was gefühlt aber eher daran lag, dass sie Angst hatte mir nicht genug zeigen und erklären zu können. Nichts desto trotz war der Tag, den ich dort verbringen konnte, sehr interessant und alle waren sehr bemüht und freundlich, mich so gut es ging zu integrieren und mich mit Wörterbuch, teilweise dolmetschenden Patienten und sonstigen Hilfsmitteln zu integrieren und mich an der Sprechstunde teilhaben zu lassen.  Die restliche Zeit war es mir möglich, in die verschiedenen Bereiche des türkischen Gesundheitssystems hineinzuschauen. Ich nahm an einem Seminar von türkischen Medizinstudenten teil, die sich mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung eines Stadtteils auseinandersetzten. Ich verbrachte einen Tag in einem türkischen Altersheim, welches zu meinem Erschrecken sehr einem deutschen ähnelte und auch Simge, (ehemalige f&e Gaststudentin) die es mit mir besuchte, sagte  sie könnte es sich sehr schwer vorstellen einen ihrer Angehörigen dort unterzubringen. Ältere Menschen in der Türkei haben  einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland und nehmen noch viel mehr am Leben teil. Altenheime sind dort eher eine Seltenheit und werden mit großem Befremden betrachtet.  Jedoch scheint die Überalterung der Bevölkerung auch in der Türkei ein immer größer werdendes Problem zu werden und der Arzt, der uns im Altenheim herumführte, berichtete , dass sich die Türkei in den nächsten 20 Jahren demographisch stark an Deutschland annähern würde und die Versorgung der älteren Menschen ein großes Problem werden wird.
Viel Zeit verbrachte ich auch mit Isil und sprach mit ihr über die Situation als Arzt in der Türkei. 36-48 h Schichten sind dort keine Seltenheit und zusätzlich zu der enorm hohen Arbeitsbelastung tragen die jungen Assistenzärzte riesige Verantwortung. Hilfe durch Oberärzte oder gar Lehre und Ausbildung ist praktisch nicht existent. Mit der Beförderung, so berichtete mir Isil, scheint auch  jegliche Fort- und Weiterbildungspflicht bei vielen zu entfallen und somit fehlt auch bei einigen die Kompetenz zu lehren und auszubilden. Mit unglaublichem Arbeitseifer und stundenlanger Lektüre nach Dienstschluss versuchte Isil sich ihr fehlendendes Wissen anzulesen und schien  sich dabei manchmal selber zu vergessen.
Die Ausbildung zum Facharzt und auch das gesamte Medizinstudium sind in der Türkei staatlich organisiert. Es gibt nur eingeschränkt Wahlmöglichkeiten des Studienortes und der Facharztausbildung. So hängt alles von der erreichten Punktzahl im Examen ab. Daraus ergibt sich eine Rangliste mit bestimmten Facharztbereichen und Lehrkrankenhäusern. Somit ist es für viele gar nicht möglich, sich ihren Facharzt oder Lebensmittelpunkt frei zu wählen.


Rückkehr
Meine Rückkehr nach Deutschland war wie ein Umschalten in ein anderes Programm. Bedingt durch Familienfeierlichkeiten und Unistress war kaumZeit sich wirklich vom einen Land zu verabschieden, die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten und sich wieder ins alte/ neue Leben einzufinden. Dies gelang mir eigentlich erst durch das Nachbereitungstreffen. Durch die vielen Erzählungen und das, was man selber erzählte, unternahm man die Reise "noch einmal" und konnte wieder im Hier und Jetzt landen, Fernweh neu entfachen und auch das zu schätzen wissen, was man zu Hause erleben darf.

Für mich war die gesamte Zeit sehr lehrreich, hat mich teilweise sehr gefordert und viele neue Blickwinkel vermittelt, die ich mir in der Zukunft hoffentlich oft wieder in Erinnerung rufen kann.  Ich möchte mich ganz herzlich bei allen Menschen bedanken, die mich bei meinem Abenteuer in der Türkei unterstützt und begleitet haben. Besonders Svenja und Ulla, die als Anker in der Not immer eine Hilfe waren und immer ein offenes Ohr für mich hatten.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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