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Rumänien

von Konstantin Kühn

01.12.2014 Als ich höre, dass ich mit f&e nach Rumänien fahren kann, freue ich mich riesig! Und weiß noch nicht konkret, was alles auf mich zukommt. Aber die Aussicht, einen Blick über den medizinischen Tellerrand zu werfen erscheint mir ausgesprochen reizvoll.
24 h – und dann in Rumänien!
Im Sommer buche ich einen Fernbus, und schon als ich einige Tage später am Frankfurter Hauptbahnhof einsteige, fühle ich mich Rumänien ein Stück näher! Denn schon hier sind Durchsagen des Busfahrers nur noch auf Rumänisch und eine Herausforderung zu verstehen.
Mein Ziel: Hosman, ein kleines Dorf in Siebenbürgen.

Sachsen?!
Siebenbürgen oder auch Transsilvanien hat eine spannende Geschichte. Dort lebt eine deutschsprachige Minderheit, Siebenbürger Sachsen genannt, seit vielen hundert Jahren. Seit den 1970er Jahren ist es zu einer massenhaften Auswanderung gekommen. Zurückgeblieben ist nur ein winziger Bruchteil, vor allem alte Menschen. Doch ihre Spuren und Hinterlassenschaften sind noch allgegenwärtig und ich war neugierig, zu erfahren, wie diese Minderheit heute dort lebt.

Auf dem Dorf...
Hosman in Rumaenien. Foto: privatAus dem Busfenster erspähe ich eine imposante Kirchenburg – und realisiere gerade rechtzeitig, dass ich hier aussteigen muss. Ich bin auf dem Weg nach Hosman, wo ich den kommenden Monat verbringen werde. Die letzten Meter von der Landstraße bis ins Dorf stiefele ich zu Fuß und gleich vor einem der ersten Häuser sitzt ein älterer Herr in seinem Vorgarten, heißt mich willkommen und bietet mir Kaffee an. Er schmeckt zwar ein wenig schal, dafür aber umso mehr nach der großartigen Gastfreundschaft, die ich in Rumänien und insbesondere auf dem Land noch zur Genüge genießen werde.
Meine Zeit in Hosman und Ziegental war geprägt von vielen weiteren intensiven und besonderen Begegnungen. Es bot sich mir eine einmalige Möglichkeit, mit Roma in Kontakt zu kommen, Einblicke in ihren Lebensalltag zu erhaschen und Freundschaften zu schließen. Die Lebensbedingungen in Hosman sind sehr einfach. Viele müssen zum Wasserholen an den Brunnen gehen, Elektrizität haben einige, andere nicht - sehr eindrücklich, im „reichen Europa“, gar nicht weit weg, so einfache Umstände anzutreffen und zu sehen, was für ein massives Wohlstandsgefälle es in Europa gibt.
Die Menschen des Dorfes haben relativ wenige Perspektiven. Viele brechen die Schule ab, Arbeit gibt es wenig. Hier etwa kommen Menschen her, die in Deutschland und anderen Ländern zu niedrigsten Löhnen auf Baustellen oder bei der Ernte helfen. Besonders gern denke ich an Abende bei Mihai und seiner Familie zurück. Mihai, der oft herzlich lacht. In Garten und Wohnzimmer der Familie, das aus einer Gerüstkonstruktion mit darüber gespannten Teppichen besteht, unterhalten wir uns in einem bunt gemischten Kauderwelsch aus verschiedenen Sprachen, Händen und Füßen. Ein anderes einmaliges Erlebnis war die Einladung zu einer Silberhochzeit. Es wurde lange gefeiert und getanzt. Sehr lange. Und die Mengen an Essen und Schnaps die bis tief in die Nacht serviert wurden, waren beeindruckend.

Elijah
Spaziergang in Ziegental. Foto: privatDas Sozialprojekt, in dem ich einen Monat verbracht habe heißt Elijah. In drei benachbarten Dörfern werden Familien unterstützt. Das sieht konkret so aus, dass Arbeitsplätze geschaffen werden, Familien im Alltag unterstützt werden und es Sozialzentren für Kinder gibt. Ein weiterer Schwerpunkt ist Musikunterricht, der Kindern und Jugendlichen angeboten wird.
Viel Zeit habe ich mich dort im Sozialzentrum mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt, dort hatte ich das Gefühl, auch unausgebildet wie ich bin etwas Sinnvolles tun zu können.
Elijah ist ein christliches Projekt. Jeden morgen gab es eine kurze Andacht, was sich sehr meditativ gestaltet hat und für mich ein ungewohnter aber doch schöner Start in den Tag war. Glauben und Religion, so schien mir, orientieren sich hier mehr am Alltag und Leben, als ich das von zu Hause kenne.
Sehr gut gefallen hat mir die Zusammenarbeit des Teams und die recht unkomplizierte Art, in der Ruth das Projekt leitet – es gab viel Raum, eigene Ideen umzusetzen und sich einzubringen.

Limba romȃnă
Sehr lohnend war es, im Vorfeld ein wenig Rumänisch gelernt zu haben (eine romanische und gar nicht mal so schwierige Sprache). Auch wenn ich mich nicht über komplexe Dinge unterhalten konnte, ergaben sich dadurch doch deutlich mehr Möglichkeiten, zu kommunizieren und mit Leuten in Kontakt zu kommen. Auf jeden Fall empfehlenswert!

...und in der Stadt!
Einen Monat und eine Busfahrt später dann finde ich mich in einer anderen Welt wieder. Bukarest - eine riesige Stadt mit fast 1,9 Millionen Einwohnern. Auf den ersten Blick grau und trostlos, viel Beton. Man sieht der Stadt auch architektonisch ihre sozialistische Vergangenheit deutlich an. Eine Stadt großer Gegensätze. Glänzende Einkaufszentren (mit Eisbahn... mitten im Sommer...) – halb zerfallene und doch offensichtlich bewohnte Gebäude.
Doch es gibt auch viele schöne Orte und Ecken in Bukarest, man muss sie nur manchmal etwas suchen. Nicht zuletzt ist das kulturelle Angebot riesig, den ganzen Monat lang fanden jedes Wochenende ein oder mehrere Kultur-, Musik-, Film-, oder Theaterfestivals statt.

Ich hätte gerne, wie meine Vor-f&e-ler, in einem Projekt namens Concordia hospitiert. Dort wird auf der Straße Lebenden ein sicherer Schlafplatz, tagsüber Betreuung und eine medizinische Grundversorgung angeboten. Ein bisschen enttäuscht war ich, als ich erfuhr, dass das zeitlich dieses Jahr nicht möglich sei. Ein kurzer Besuch des Projektes gab mir einen flüchtigen Einblick, es wäre sicherlich interessant gewesen, noch mehr Zeit hier zu verbringen.
In den ersten Tagen in Bukarest musste ich mich erst mal orientieren und war dabei ziemlich auf mich selbst gestellt. Erstes Problem: Ich habe unterschätzt, dass es gar nicht so einfach ist, eine Unterkunft für eine so kurze Dauer zu finden, und so quartiere ich mich zunächst ein paar Tage per Couchsurfing ein.
Was sich dann im Nachhinein als perfekt herausgestellt hat, denn meine Gastgeberin, Mihaela, nimmt sich viel Zeit, mir die Stadt zu zeigen. Und letztendlich bin ich dann doch noch in einer sehr gemütlichen Studenten-WG untergekommen.

Botox und Hautkrebs
Beim Famulieren habe zwei recht verschiedene Seiten der Gesundheitsversorgung in Rumänien erleben können. Die erste Zeit habe ich mit Cristina und Kostas verbracht, die mich in ihrer dermatologischen Privatpraxis auf das Herzlichste willkommen geheißen haben und sehr bemüht waren, mir viel zu zeigen und beizubringen.
Privatpraxis, das heißt, die Patienten müssen ihre Behandlung selbst bezahlen. Das heißt auch, man hat eine vorselektiertes Patientenklientel. Es kommen zwar nicht nur Superreiche, eher Leute aus der Mittelschicht. Roma etwa aber sucht man hier vergebens. Die Praxis ist von einer befreundeten Innenarchitektin durchdesignt und ist medizinisch auf dem neuesten Stand.
Gleich das erste, was ich am dort sehe, ist eine Botoxbehandlung. Und auch an den folgenden Tagen kommen einige der Patienten für rein ästhetische oder kosmetische Behandlungen. Das befremdet mich anfangs eher.
Zum Glück bleibt es nicht bei diesen ästhetischen Behandlungen und ich bekomme auch noch einige interessante Krankheitsbilder zu sehen und würde mir jetzt zutrauen, Hauttumoren relativ zuverlässig zu identifizieren.
Ein medizinisches „Highlight“ der Praxis ist Mohs surgery, mikroskopisch kontrollierte Exzision von Hauttumoren, ein Verfahren, das in Rumänien selten zu finden ist und das anbieten zu können Cristina und Kostas besonders stolz sind. Auch wenn ich kein Dermatologe werden möchte, konnte ich dort viele interessante medizinische wie menschliche Einblicke gewinnen.

Krankenhaus
Fundeni Krankenhaus in Bukarest. Foto: privaWeitere zwei Wochen habe ich Cristinas Mann Bogdan in der Clinic Fundeni begleitet und dort in die gastroenterologische Abteilung reinschnuppern können - ein öffentliches Krankenhaus und ein großer Kontrast zur Praxis. Auf den Fluren warten schon morgens früh oft viele Leute in langen Schlangen auf dem Flur vor den Arztzimmern. Dementsprechend ist dann für den einzelnen Patienten oft nicht viel Zeit. Mit Bogdan hatte ich viele erhellende Gespräche über die Situation der Ärzte in Rumänien. Die meisten haben noch eine Privatsprechstunde oder arbeiten einen Tag in der Woche in einem Privatkrankenhaus, um sich finanziell über Wasser zu halten. Denn die Lebenshaltungskosten in Rumänien sind recht hoch, die Gehälter der Ärzte dagegen ziemlich gering. Vor diesem Hintergrund finde ich es in gewissem Maße nachvollziehbar, dass manche Ärzte hier von Patienten Geld annehmen – das diese in der Hoffnung bezahlen, dann besser oder schneller behandelt zu werden.
Sehr bewusst wurde mir hier im Krankenhaus auch, wie wichtig Privatsphäre für die Patienten ist.

Alltagsrassismus
Einige Male konnte ich im Krankenhaus Zeuge eines unterschwelligen bis offenen Rassismus erleben (manchmal auch eingeleitet mit den schönen Worten „I'm not a racist, but...“). Etwa, wenn Ärzte mir eröffneten, dass Roma anstrengende Patienten, wenn nicht gar gefährlich, seien. Das aus dem Mund von netten und gebildeten Menschen zu vernehmen, die ansonsten vernünftige und bodenständige Meinungen haben, tut weh.

Reisen
Nicht zuletzt ist Rumänien ist ein wunderschönes Reiseland. Bevor ich zurück nach Deutschland fahre und der Unialltag wieder losgeht, bleiben mir zum Glück noch einige Tage, das Land zu erkunden und das bisher Erlebte zu reflektieren. Einen Abstecher in die wunderschöne Natur der Karpaten kann ich wärmstens empfehlen, auch wenn es dort im Oktober schon eisig kalt wird. Sehr gut lassen sich weitere Strecken per Anhalter fahren, was für mich eine wunderbare Gelegenheit war, interessante Menschen kennenzulernen.

Und zurück nach Deutschland
Die Rückreise geht deutlich schneller als die Hinreise, denn diesmal fliege ich. Darüber bin ich einerseits froh, denn die lange Busfahrt war strapaziös. Andererseits ist der Kulturschock beim Ankommen diesmal viel größer – auf einen Schlag werde ich heraus gerissen aus dem manchmal latenten Alltagschaos, an dass ich mich gewöhnt hatte und mittlerweile habe ich mich gut ins Rumänische eingehört.
Zuhause angekommen dauert es dann noch ein Weilchen, alle Ereignisse des Sommers zu verarbeiten und einzuordnen.
Zwei erfahrungsreiche Monate liegen hinter mir, in denen ich viel gelernt habe und die mir Einblicke in verschiedene soziale Bereiche und Konflikte gegeben haben und meine Sicht auf diese nachhaltig beeinflusst haben.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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