IPPNW.DE
Seite drucken

Palästina

von Antonia Neuberger

01.12.2014 Friede heißt einen Jungen beweinen, dem ein Frauenblick
Das Herz durchbohrte
Keine Kugel, keine Granate

(Mahmoud Darwisch)

Noch immer sind meine Augen gespitzt und meine Ohren auf Schnipsel der Lebenswirklichkeit eines zweigeteilten Landes ausgerichtet, in dem ich das große Glück hatte im Sommer zwei Monate zu verbringen. Wie man es auch bezeichnen mag, für mich ist diese Region mit all ihren Problemen und Sorgen zu einem Teil meiner Gedankenwelt geworden, hat sich tief verwoben in meinen Lebensteppich. Und auch wenn ich durch die Unruhen des Sommers vor meiner Abreise ins Zweifeln geriet, bin ich sehr froh, diese Gelegenheit genutzt zu haben.

Ankommen
Nach einer tränenreichen Verabschiedung in Kasachstan ging es für mich Anfang September in die südliche Levante. Mondlandschaft. Kahl, aber grün. Rollende Hügel wie überdimensionale Schneckenhäuser. Grauer Beton, der den Blick versperrt ein ungewohnter Anblick nach der weiten Steppe. Ich hatte schon bei der Ankunft in der Stille des Sabbats in Jerusalem das Gefühl bekommen mich an dieses Land erst langsam gewöhnen zu müssen. Auch die IDF-Soldaten die unseren Bus noch in Jerusalem kontrollierten, zwei knapp 20jährige Mädchen mit Maschinenpistolen und Glitzerschmuck, verstärkten diesen Eindruck nur. Noch an weiteren Checkpoints, mehr oder weniger sichtbar, fuhr mein Bus vorbei bevor er am Ziel meiner Reise ankam Bethlehem.
Ein schönes Dorf hinter einem roten Schild, auf dem ausdrücklich vor der Gefahr für israelische Bürger gewarnt wird und dessen Betreten für ebendiese gegen das israelische Gesetz ist. In einem Land, in dem Angst, Frustration und Misstrauen die alltäglichen Empfindungen und Erlebnisse mit hässlichen Farben eintrüben, erschien mir die Gastfreundlichkeit mit der ich von meiner Hausmutter der nächsten zwei Monate empfangen werde umso strahlender. Wie schon meine Vorgängerin Antonia mietete ich ein Zimmer bei der Familie Moussallam (ich übernehme keinerlei Verantwortung für die Schreibweise arabischer Namen in diesem Text…) und hatte auch ähnliche Schwierigkeiten sie überhaupt erstmal zu finden. Mein von Eindrücken überfordertes Gehirn machte mir die Suche wahrscheinlich nicht einfacher, doch schlussendlich ließ mich mein wunderschönes arabisch geschnittenes Zimmer und die Aussicht vom Dachgarten diese Mühsal schnell vergessen. Meine schwedische Mitbewohnerin führte mich recht schnell in das soziale Leben in Bethlehem ein. Zusammen gingen wir zu Vorträgen und Filmveranstaltungen oder in das
unvergleichliche Singer-Cafe in Beit Sahour, auf die Gay Pride in Jerusalem und erlebten mit einer muslimischen Reisegruppe Hebron. Eine weitere nette Gruppe von Menschen lernte ich durch meine Tanzlust kennen so tanzte ich in der einzigen Swing-Tanzgruppe Palästinas für einige Monate mit. Ein Begegenungsort für Israelis und Palästinenser, der mir manchmal, wenn ich mich mit alltäglichem Unverständnis und unverständlichen Rassismus konfrontiert sah, einfach unglaublich gut tat.

Famulatur
Palaestinensisch-isaelische Swingtanzgruppe. Foto:privatMeine Famulatur im Caritas Baby Hospital begann mit einer freundlichen Begrüßung durch Dr. Marzouka, die mich schon im Klinikflur wohl an meinem verwirrten Blick erkannte. Das Caritas Baby Hospital ist ein privat u.a. durch die Kinderhilfe Bethlehem, einem Ableger des Caritasverbandes e.V., getragenes Kinderkrankenhaus und zentrale Anlaufstelle für kindliche PatientInnen in der West Bank. Bestehend aus einer ambulanten Sprechstunde und der Möglichkeit zur stationären Aufnahme, gewährleistet es seit 1952 die medizinische Versorgung von Kindern in Bethlehem und in der West Bank. Eine Schwesterschule sorgt für den Nachwuch an Pflegepersonal und SozialarbeiterInnen und PhysiotherapeutInnen vervollständigen das Bild einer Krankenhausversorgung auf einem Niveau, das ich von Palästina so nicht erwartet hätte. Der Tagesablauf begann gemütlich mit der morgendlichen Besprechung, die hilfreicherweise zum größten Teil auf Englisch stattfand. Manche Details wurden auf Arabisch geklärt, aber da auch die Dokumentation im Krankenhaus auf Englisch durchgeführt wurde, konnte ich mich in die Akten der Patienten einlesen und kam auch bei der Visite meistens ganz gut mit. Diese geschah nach dem Frühstück und am Nachmittag noch einmal und war zum größten Teil auf Arabisch. Lustigerweise sind manche medizinischen Begriffe auf Englisch besser definiert und kürzer als auf Arabisch, weshalb öfters englische Begriffe in einen arabischen Wirtschwall einflossen. Meist habe ich die Lunchzeit ausgiebig mit meinem holländischen Famulaturkollegen verbracht oder die ÄrztInnen auf der Sonnenterrasse zu ihrer Arbeit ausgefragt. Zusätzliche Vorträge am Morgen oder manchmal auch am Nachmittag vervollständigten den Tagesablauf.
Großes Glück hatte ich als mich eine der Sozialarbeiter auf einen Hausbesuch einlud. Zusammen besuchten wir zwei Familien in der Nähe von Jericho, eine mit einem geistig behinderten Kind und eine Beduinenfamilie mit einem herzkranken Sohn. Beides waren sehr interessante Fälle, die mir die schwierige Situation von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in einem Land klarmachten, welches über nur eine gering ausgeprägte soziale Versorgungsstruktur und wenig Ressourcen für die speziellen Bedürfnisse chronisch Kranker verfügt.

Eine Woche verbrachte ich zusätzlich im Holy Family Hospital um dort die Neonatologie kennen zu lernen. Dieses von den Maltesern getragene Krankenhaus hat sich insbesondere auf die Versorgung von Schwangeren und Neugeborenen spezialisiert. Auch dort war ich ein bisschen überrascht von der Qualität der Versorgung und insbesondere des medizinischen Equipments, was sich aber wohl dadurch erklärt, dass beide Krankenhäuser durch NGOs privat betrieben werden. Aber auch das Klima innerhalb des Personals war wieder sehr viel angenehmer als ich es aus deutschen Krankenhäusern gewohnt war, es wurde viel mehr gescherzt und gelacht während der Arbeit.

Sozialprojekte
Alltagszene an der Mauer. Foto:privaMeine Zeit im GTC (Guidance and Training Center for the Child and Family) war geprägt durch Büroarbeit und Zuhören. Das GTC ist eine Einrichtung in Bethlehem, die vor allem therapeutische Familienarbeit leistet. Sei es durch Einzel- oder Familientherapie, durch unterstützende Lerngruppen oder Weiterbildung im Bereich der behavioralen Psychotherapie. Leider konnte ich nicht sehr oft bei den therapeutischen Sitzungen dabei sein und wenn musste ich mich auf die Geduld meiner BetreuerInnen und ihre Übersetzungskünste verlassen. Trotzdem fühlte ich mich schon alleine dadurch wichtig genommen, dass sehr darauf geachtet wurde, dass ich möglichst viele Aspekte der Arbeit von GTC kennen lerne. Ich habe mit Psychotherapeuten, Psychiatern und Sozialarbeitern interessante Gespräche geführt, Lerngruppen und Therapiemöglichkeiten kennen gelernt und hätte mir nur gewünscht, mehr beizutragen und nicht nur zu zuschauen. Aber das ist in einem solchen Rahmen wohl nur schwer umzusetzen.
Knapp anderthalb Wochen verbrachte ich mit dem Health Work Comittee Palestine, einer NGO die mithilfe ausländischer Investoren und Spendern versucht, bestmögliche ärztliche Hilfe auf lokaler Ebene anzubieten. Dies besteht in einem in einer Reihe kleiner Krankenhäuser mit ambulanten Operationsmöglichkeiten, zum anderen schicken sie täglich kleine Einheiten bestehend aus PflegerInnen und ÄrztInnen los, so genannte mobile clinics, die insbesondere in Area C (das autonome palästinensischer Verwaltungsgebiet ist in drei Zonen aufgeteilt: Zone A unter voller palästinensischer Kontrolle, Zone B unter geteilter Sicherheits- aber voller ziviler Verwaltungskontrolle durch die Palästinenser und Zone C unter Kontrolle des israelischen Militärs) die basale Gesundheitsversorgung gewährleisten bzw. verbessern sollen. Erst einmal habe ich die allgemeinärztliche Sprechstunde in Beit Sahour besucht und mit Dr. Johnny (ausgesprochen Joh nie, was mich anfangs immer verwirrte) insbesondere Patienten behandelt, die sich die teureren Behandlungen in den privaten Kliniken um Bethlehem/Beit Jala/Beit Sahour nicht leisten konnten. Die in den stattlich finanzierten Krankenhäusern angebotene Versorgung genoss in der Bevölkerung kein großes Vertrauen - das war zumindest mein Eindruck.
Von innen gesehen habe ich nur die staatliche Psychiatrie in Beit Jala, die ich durch Dr. Johnnys Vermittlung einen Tag besichtigen konnte. Ein ehemaliger Kollege aus dem HWC, Dr. Ibrahim, führte mich herum und lud mich auch zu seiner Familie ein, mit der ich sowohl Deutsch reden als auch mein Russisch hervorholen konnte und einen gelungenen internationalen Abend verbrachte. Der Eindruck aus der Psychiatrie blieb mir durch seine strikte Trennung nach Geschlecht noch im Gedächtnis und auch durch die gefühlte Hoffnungslosigkeit der Patienten. Sehr viele davon konnten nicht auf eine familiäre Sozialstruktur zurückgreifen, die ihnen Halt geboten hätte, wodurch sich wenige Perspektiven nach dem Klinikaufenthalt ergaben, da eine weitergehende Betreuung auch durch fehlende staatlich geförderte soziale Versorgungssysteme oft schwierig war.
Mit den mobilen Kliniken durfte ich die Probleme der palästinensischen Bevölkerung in Area C kennen lernen, die unter der Willkür durch Soldaten und Siedler, aber auch durch systematische Einschränkungen wie fehlende Abwasser- und Müllentsorgungssysteme, Wassermangel, Checkpoints und juristischen Vorgaben bezüglich des Häuserbaus zu leiden haben. Die Einrichtungen des HWC in dieser Region waren teilweise recht rudimentär, oft gab es nur einen Schrank mit Medikamenten, eine Untersuchungsliege und das nötigste Equipment. Manchmal fanden die Untersuchungen auch nur in Zelten statt, aber auch hier wurde auf die Geschlechtertrennnung geachtet. Für mich waren insbesondere die Gespräche mit dem Arzt Dr. Gandi, den ich begleiten durfte, sehr erhellend in Bezug auf israelisch-palästinensische Beziehungen und die strukturellen Probleme für den Zugang zu Gesundheitsversorgung die durch die Besatzung entstehen (z.B. dass man für Zufahrtswege und auf dem Weg liegende Checkpoints Permits benötigt. Und wenn ein Arzt nun mal keine hat, er auch nicht durchgelassen wird, Patientenwohl zweitranging.). Wieviel einfacher und besser die Gesundheitsversorgung in der West Bank ohne Mauern und Checkpoints aussehen könnte, darüber lässt sich wohl nur spekulieren.

Tent of the Nations
Am Ende meines Aufenthaltes durftMauer und Grenzturm. Foto:private ich auf der Farm der Familie Nasser bei der Olivenernte helfen. Auf dem Gelände nahe Bethlehem, das in unmittelbarer Nähe zu drei israelischen Siedlungen und dem arabische Dorf Nahalin liegt, wird unter erschwerten Bedingungen, wie Wassermangel und fortlaufende Schikane durch Militär und Siedler, eine organische Farm betrieben, die gleichzeitig als Bildungsstätte für Frieden- und Konfliktarbeit dient. Schwerpunkt liegt dabei auf der Weiterbildung insbesondere junger Leute, denen gezeigt werden soll, wie sie in ihrem späteren Leben durch positive und friedliche Akzente Veränderungen zur Verbesserung ihrer Situation erwirken können. Frei nach dem Motto “Wir weigern uns Feinde zu sein”, das auf einem Stein am Eingang der Farm geschrieben steht. Auch Beihilfe zur Emanzipierung ist ein Thema, so werden für die Frauen des Dorfes Workshops angeboten, die ihnen eigene (Berufs) Perspektiven eröffnen sollen. Begleitet wird das ganze von einem schier nicht enden wollenden Zug aus internationalen Freiwilligen und Besuchern, die einen Einblick in die Arbeit der Farm und die Situation der lokalen Bevölkerung gewinnen sollen. Ich habe mich in meiner Zeit dort sehr wohl gefühlt und selten ein derart eingespieltes und aufeinander Rücksicht nehmendes Team von Freiwilligen erlebt.

Zwischendrin standen für mich viele Reisen, in die Umgebung und über die Mauer hinweg, und Begegnungen der unterschiedlichsten Art. Meinen Kopf so voll wie möglich zu packen, zu leeren und wieder von vorne anzufangen wurde für mich zu einem Ritual, das ich mit Inbrunst zelebrierte. Die vielen unterschiedlichen Erfahrungen, die ich in Palästina machen konnte, haben meinen Horizont sicherlich ein großes Stück nach hinten versetzt und Raum geschaffen für andere Meinungen, (Denk)Kulturen und Lebensweisen und das Bewusstsein, wie wichtig es ist, diese ernst zu nehmen und auf Kommunikation statt Abschottung zu setzen.
Ich bin der IPPNW sehr dankbar, dass sie mit f&e ein Programm geschaffen hat, das derartige Erfahrungen ermöglicht und einen angemessenen Rahmen gibt.

zurück

Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

Sitemap Überblick