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Mazedonien

von Eva Kollmannsberger

Mazedonien? – Makedonien? – Griechenland?? … oder doch Ex-Jugo???:
Eine kleine landeskundliche Einführung

Mazedonien liegt wahrlich im Herzen des Balkans und dank der warmen Gastfreundschaft, welche ich dort erfahre, verwende ich dieses Bild gerne. Ohne Zugang zum Meer grenzt es an Kosovo, Serbien, Bulgarien, Griechenland und Albanien. International wegen des Namensstreits mit dem südlichen Griechenland aufgrund dessen nördlicher Region Makedonien wird der kleine Binnenstaat mit etwa 2 Mio. Einwohnern als FYROM anerkannt – Former Yugoslavian Republic Of Macedonia. Als Teil des ehemaligen Jugoslawiens hat sich der Staat während des Jugoslawienkrieges 1991 als einziges Land friedlich unabhängig erklärt und bemüht sich seitdem um die Anerkennung als Republik Mazedonien. Die Bevölkerung setzt sich aus unterschiedlichen Ethnien zusammen. Wie wichtig den Menschen in Südosteuropa die Zuordnung zu ihrer Nationalität, Kultur, Religion und Ethnie ist, wird mir auf jeder Reise innerhalb und außerhalb Mazedoniens deutlich - und dass, obwohl sie sich noch vor etwas mehr als zwanzig Jahren die gleichen jugoslawischen Landesgrenzen teilten. Etwa 64 Prozent setzen sich aus Mazedoniern zusammen, deren Sprache mit kyrillischem Alphabet ihren bulgarischen Nachbarn ähnelt. Mit etwa 25 Prozent stellen die Albaner, welche vor allem den Südwesten bevölkern, die größte Minderheit dar. Neben Türken (etwa 3%) und Serben (2%) bilden vor allem Roma (etwa 3%) eine vulnerable Minderheit, deren größte Siedlung auf dem Balkan, Šuto Orizari (kurz: Shutka), sich im Norden Skopjes befindet. In der Landesgeschichte sind interethnische Konflikte präsent. 2001 wäre es nach dem Kosovokrieg 1999 beinahe zu einem Bürgerkrieg zwischen albanischen und mazedonischen Mazedoniern gekommen. Durch die Erfahrung des lediglich zwei Jahre zurückliegenden Krieges im Nachbarland und die Überwachung der Unterzeichnung eines Friedenabkommens durch EU sowie OSZE, konnte der bewaffnete Konflikt beendet werden, welcher die albanischen Minderheitenrechte als auch die Dezentralisierung des Landes stärken sollte. Dass die ethnisch motivierten Konflikte, besonders zwischen Albanern und Mazedoniern noch immer präsent sind, zeigen die jüngsten Entwicklungen sowie die persönlichen Erfahrungen. Verurteilende Generalisierungen und Ängste in der Bevölkerung sowie eine zunehmende nationalistisch orientierte Politik scheint einen Dialog zu erschweren. „Der Friedensprozess in Mazedonien ist ins Stocken geraten.“
(Dossier: Innerstaatliche Konflikte: Mazedonien, bpb, Stand: 04.06.2014; www.bpb.de/wissen/L4MIKI)
In Gesprächen spüre ich die Furcht vor den Veränderungen nationaler Grenzen mitschwingen, etwa dem Ruf nach sog. autochthonen albanischen Gebieten als auch romantisierende Nostalgie für Zeiten unter sozialistischem Stern. Verbissene Bemühungen einen starken mazedonischen Nationalstaat zu kreieren, angesichts politischer, wirtschaftlicher sowie religiöser Isolation (Bruch zwischen mazedonischer und serbischer orthodoxer Kirche), scheint oberstes Regierungscredo.

Ankommen auf dem südlichen Balkan:
Zwischen kommunistischen Betonbauten der Tito-Ära, osmanisch-islamischer Altstadtarchitektur und dekadent neoklassizistischem, neoantikem Großprojekt

Ein verlängertes Wochenende vor Beginn meiner Famulatur im Universitätsklinikum schenkt mir das Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan. Von meinem kleinen Apartment in einem der Vororte der mazedonischen Hauptstadt mache ich mich zu Fuß auf in Richtung Zentrum, um mir einen ersten Überblick über die Stadt zu verschaffen.
Fast allein stapfe ich – aufgrund brütender Hitze, mangelnder Luftzirkulation, der Fastenzeit und der sommerlichen Stadtflucht – durch die kleine Metropole. Die architektonische Vielfältigkeit beeindruckt, begeistert und verstört mich zugleich. Nicht selten liefert vor allem das gegenwärtige Bauprojekt „Skopje 2014“ der Regierung zur Stärkung des mazedonischen Nationalbewusstseins den Ausgangspunkt für ausschweifende,  politisch kontroverse Diskussionen bei der einen oder anderen Tasse Kaffee – egal ob auf dem Alten Basar im nordöstlichen Teil der Stadt oder im kontrastierenden neuen Zentrum südlich des Vardars, der Skopjes Inneres in zwei Hälften zu teilen scheint.
Eine erste Hilfestellung, mich in den verwinkelten Gässchen der ottomanischen Altstadt zu Recht zu finden, gibt mir ein junger Mediziner, albanisch-türkischer Herkunft, Assistenzarzt in der Pulmologie. Als IPPNW-Mitglied vor Ort fühlt er sich irgendwie verantwortlich mir die Konfliktpunkte, wie er sie nennt, zu zeigen und nicht-suggestiv mir seine Sicht der Dinge zu erklären. Er versucht stets höflich auf meine anfänglich noch etwas zaghaften Fragen zur gesellschaftspolitischen sowie religiösen Situation des kleinen Binnenstaates zu antworten. Die Besichtigung mit Einheimischen von Kirchen, Moscheen, Schulen und diversen Krankenhäusern vermitteln mir Einblicke in den Balkan, die ich als Touristin wohl kaum machen würde. Einladungen gastfreundlicher albanischer und mazedonischer Studierender, Ärztinnen und Ärzte sowie neuer Wegbekanntschaften in ihre Heimatorte, lassen kaum Momente oder Gefühle der Einsamkeit entstehen.

Famulatur in der Universitätsklinik Mutter Teresa -
Albanische und mazedonische, ach, einheimische Nationalheldin Skopjes

Meine Famulatur absolviere ich auf der gynäkologischen Station für Neugeborene in der Universitätsklinik. Prof. Zisovska, Vorsitzende der IPPNW in Mazedonien und Leiterin der Neonatologie, organisiert mir als meine Kontaktperson vor Ort meinen Platz, so dass ich mich um diesen nicht kümmern muss und ermöglicht mir in ein mir unbekanntes Gesundheitssystem einzutauchen. Die ersten Tage begleite ich eine der jungen diensthabenden Pädiaterinnen auf ihrer Station beim Visitieren der Neugeborenen, bei der ersten Untersuchung nach der Entbindung im OP und auf dem knackigen Weg durch die Zimmer der Mütter mit einer kurzen Information bezüglich des aktuellen Gesundheitszustandes ihres Kindes. Beim stetigen Pendeln zwischen neonatologischer Station sowie OP wandert meine Hand aufgrund nicht vorhandener Desinfektionsspender stets in die Tasche meines grünen Kasacks, um mein mitgebrachtes Desinfektionsmittel zu zücken. Trotz fordernder sprachlicher Verständigung ist das ärztliche Personal als auch die Pflege stets bedacht, mich zu integrieren und mich bei türkischem Kaffee willkommen zu heißen. Auf dem Balkan gehen die inneren Uhren einfach langsamer. Hier wird sich gerne Zeit für Gemeinsamkeit genommen. Ungeachtet der Position in der Krankenhaushierarchie, ob im medizinischen, administrativen oder reinigungstechnischen Bereich. Müde Stunden werden gerne bei gemeinsamem Speis und Trank verbracht, wie ich während meiner Nachtschichten erfahren darf.
Einen weiteren Teil der Famulatur verbringe ich auf der kardiologischen Intensivstation. Der hygienische und bauliche Sicherheitszustand lässt unschwer erkennen, dass es sich dabei um einen deutlich älteren Gebäudekomplex handelt. Investitionen der Regierung werden nicht bevorzugt im öffentlichen Gesundheitsbereich gemacht. Durch eine Landschaft privater Hightech-Klinik entsteht ein paralleles Versorgungssystem. Wie mir stolz erklärt wird, steht jedoch für den Myokardinfarktpatienten aus entsprechendem Patientenklientel ein privates Zimmer und ein weiteres für dessen Angehörigen zur Verfügung. In der Transfusionsmedizin zieren Bilder Prominenter beim Blutspenden die Wartezimmer und ein Schild am Eingang bittet um das Unterbleiben von freizügigen Geldspenden sowie um das Ablegen von Kleinwaffen. Die drei Herzkatheterlabore dieser Klinik sind ihr ganzer Stolz und so kommt es, dass meine türkische Mitfamulantin und ich gerne zu sämtlichen Interventionen mitgenommen werden. Die sprachliche Verständigung ist dort aufgrund verschiedener Fremdsprachenkenntnisse und der verbreiteten warmen Höflichkeit einfach, so dass ich viele Fragen zur Situation der Ärzte in den Kliniken stellen kann.

Sehnsüchte nach existentieller Sicherheit
Nicht immer ist das begleitende West-Ost-Gefälle im Alltag leicht zu ertragen oder die irritierten, verständnislosen Fragen, weshalb ich hier – im kleinen, wirtschaftlich schwachen Mazedonien -  famulieren wolle. Schließlich ziehe es doch alle jungen Leute nach Zentraleuropa. Das gesamte politische System, das ganze Land sei geprägt von Korruption, und ohne Bestechung finde man hier keine Anstellung. Nicht die Leistung oder irgendwelche Diplome, welche ebenfalls durch Vetternwirtschaft z.T. poliert würden oder praktisches Engagement würden als Maßstab dienen. Die Zahlung von 20.000 Euro bar auf die Hand würde hier in der Uniklinik eine Stelle sichern. Oder man arbeitet Jahre ohne Gehalt mit der Hoffnung übernommen zu werden - wie der mich betreuende Assistenzarzt. Bis „sie“ schließlich bereit seien eine weitere Stelle zu entlohnen, wie er sagt. Die täglich vollbrachte Arbeit wertzuschätzen. Nicht angemessen, aber so, dass man überleben kann. Für etwas sorgen. Zumindest für sich selbst. Bis dahin, müssen die Eltern einem die Grundlagen sichern.
Wichtigste Information des Bewerbungsgesprächs: Name und Parteimitgliedschaft. Das Engagement in der regierenden Partei wird zur Voraussetzung für eine Anstellung.
Ich lausche ihren Träumen – teils in perfektem Deutsch - nach finanzieller Sicherheit, die sie in Ländern der Sorglosigkeit und Furchtlosigkeit suchen. Wie die kalte Bürokratie ihrer ersehnten Paradiese und unser Mangel an Empathie diese Träume wie eine Seifenblase mit einer spitzen Nadel platzen lassen.
Diese wortreichen und bildgewaltigen Träume werden in unserer deutschen Medienlandschaft mit dem Begriff Wirtschaftsflüchtling beschrieben.

„You know she’s Albanian. What should you expect?“ -
Rassismus im Krankenhaus

Manchmal werde ich Zeuge von Alltagsrassismus. Besonders die Entscheidungen von Minderheiten wie Albanern oder Roma etwa gegen ärztlichen Rat das Krankenhaus zu verlassen oder mangelnde Compliance werden so vor mir begründet.
Oftmals empfinde ich die Anstrengungen um das Patientenwohl zu kurz und spüre, wie wichtig der zeitliche Rahmen für ein patientenzentriertes Gespräch und die Kunst der Gesprächsführung zwischen Arzt und Patient sind. Bleiben mangelnder Bildungs- oder Informationshintergrund schließlich auch in deutschen Kliniken im Alltag oftmals unberücksichtigt.

Sozialprojekte im Sommerloch des Balkans: ein oftmals gewagtes, doch lohnendes Unterfangen
Die berühmte Sommerpause auf dem Balkan, in der es wohl dem ein oder anderen beim Auswählen eines geeigneten Sozialprojekts ergeht wie auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Dies ist nicht darin begründet, dass sich keine breite NGO-Landschaft installiert hat, sondern einfach darin, dass die Sommermonate oftmals Stillstand bedeuten und Projektarbeiten erst langsam Mitte September oder Oktober wieder aufgenommen werden, wenn leider auch der deutsche Unialltag wieder beginnt.
Eine abrupte Absage einer Kinderrechtsorganisation und das um eine Woche nach hinten verschobene Engagement bei „ESE“ – der „Association for Emancipation, Solidarity and Equality of Women“ verschaffen mir im Anschluss an meine Famulatur einen größeren zeitlichen Rahmen ohne zunächst geplante Tagesstruktur. Trotz anfänglicher Enttäuschung, aber Vorfreude auf die Zusage von ESE betrachte ich schließlich meine kurzfristige Ungebundenheit als Geschenk, in die anderen Länder des ehemaligen Jugoslawiens einzutauchen und meiner geistigen Karte des Balkans etwas mehr Farbe einzuhauchen.

Das Reisen bildet sehr. Es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung. (Kant)
Ohrid See in Mazedonien. Foto:privatVerfügt man über einen europäischen Reisepass, gestaltet es sich in der Regel komplikationslos, die zahlreichen Grenzübergänge der Balkanstaaten zu passieren. Befürchtungen einheimischer Reisebekanntschaften, zahlreiche kosovarische Stempel würden an der serbischen Grenze Einreiseprobleme gestalten, entpuppen sich aufgrund EU-Bürgerschaft als unbegründet. So werden diese von lokalen Staatsangehörigen oftmals überstempelt oder durchgestrichen. In einer Region, in der auch viele ohne Papiere leben, etwa Roma, denen an EU-Außengrenzen die Einreise verwehrt bleibt, wird einem die Macht des Reisepasses bewusst.
Der Balkan lässt sich wahrlich einfach mit dem Bus bereisen, vorausgesetzt, man ist längeren Fahrten nicht abgeneigt. Wobei diese des Nachts gut Zeit sparen lassen. Allein meine kleine nächtliche Reise von Skopje nach Sarajevo und von dort zurück über Pristina hat 28 Stunden Busfahrt in Anspruch genommen. Seitdem erscheinen mir die innerdeutschen Busfahrten wie im Flug zu vergehen. Doch bleiben wohl am eindrücklichsten morgens um ein Uhr verspeiste Knoblauchbrote in Erinnerung oder zufällige Reisebekanntschaften, fast, als wären sie einem Roman Max Frischs entsprungen.

Wiedersehen auf den Dächern von Sarajevo, wo die Rufe der Muezzine im Kanon erklingen
Die schönste Besonderheit am f&e-Programm ist sicherlich die Vernetzung und der somit mögliche gegenseitige Austausch mit den anderen Teilnehmenden. Obwohl ich mich allein auf die Reise in das f&e-Land begebe, habe ich trotzdem das Gefühl, die Erfahrung als Gruppe zu machen. Nicht zuletzt durch die Möglichkeit bei einem Besuch von Christin in Sarajevo mit Klara (Pristina, Kosovo) die Erfahrungen zu reflektieren und nebenbei das verzaubernde Bosnien-Herzegowina gemeinsam zu erkunden. Danke euch beiden für eure Gastfreundschaft und das Näherbringen eurer f&e-Länder!

„Alle sagen, man solle Aufhören über die Vergangenheit zu reden, weil es die Menschen wieder in den Konflikt bringen würde, aber eine ungelesene Seite kann nicht überschritten werden. Früher oder später wird sie zurückkommen.“ (frei nach Florens Hartman, Interview 2012, Radio Sarajevo über die publizierten Interviews der IDPs 2001 in Mazedonien)
Die Begegnung mit den Menschen vor Ort und um Belgrad, Pristina, Sarajevo und Skopje hat mich erstmals bei jungen Menschen die Auswirkungen von kriegerischen Konflikten und scheinbar unüberwindbaren ethnischen Spannungen spüren lassen. Noch immer besuchen Jugendliche in Tetovo, auch in Skopje z.T. getrennte Cafés. Es sind nicht die Geschichten eines Nazi-Deutschlands von (Ur)Großeltern, sondern Erlebnisse gleicher Generation, die während eines Schussregens und Flammen ihre Heimat verloren oder als Flüchtlinge im eigenen (IDP) oder fremden Land Schutz gesucht haben. Dass kosovarische Flüchtlinge sich Sicherheit bei ihren Familien in Albanien und Mazedonien erhofft haben, vernimmt man der medialen Stimme. Dass aber auch albanisch-mazedonische Mädchen während des Konflikts 2001 zu Verwandten in den Kosovo geschickt worden sind, um vor angedrohten häuslichen Brandstiftungen in Sicherheit zu gelangen, ist neu für mich. Die Intensität der Auswirkung des albanisch-mazedonischen Konflikts ist mir nicht bewusst. Vielleicht ist es auch Naivität, schließlich bedeutet auch die Beschreibung „beinahe Bürgerkrieg“ den Einsatz von Waffengewalt. Mit all seinen brutalen Folgen für das Individuum. Traumatisierung oder Tod.
Viel zitiert die Ottawa-Charta, in der Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Öko-System, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit als Grundvoraussetzungen für eine Verbesserung des Gesundheitszustands beschrieben werden. Friede und der gemeinsame Dialog als beste Prävention.

Im Müllcontainer turnende Kinder, Plastikflaschen suchend, um sie auf ihr Gefährt, den Pferdekarren, zu türmen
Eine vulnerable Minderheit will ich während meines kurzen Einblicks bei der NGO „ESE – Association for Emancipation, Solidarity and Equality for Women“ besser kennen und verstehen lernen: Roma auf dem Balkan.
Die Zustimmung des deutschen Bundesrates, Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina in die Reihe sog. sicherer Herkunftsstaaten aufzunehmen, um Asylanträge von Roma dieser Balkanstaaten schneller abarbeiten und ablehnen zu können, fällt genau mit meiner f&e-Zeit zusammen. Das Team der NGO in der mazedonischen Hauptstadt ist klein, aber interdisziplinär besetzt. Neben Juristen auch ein Arzt, dem ich offiziell als Praktikantin zugeteilt werde und der sich u.a. mit der Dokumentation der gesundheitlichen Situation der Roma in Mazedonien befasst. Insgesamt beschäftigen sich die Mitglieder des ESE-Zentrale vor allem mit der Überwachung der Menschenrechte vor Ort, besonders von Frauen und Roma, der Offenlegung der tatsächlichen Staatsausgaben in den öffentlichen Sektor, etwa das Gesundheitssystem oder der Bereitstellung von kostenloser Information rund um das Thema Gesundheit sowie juristischer oder psychologischer Hilfestellung.
Eines ihrer jüngeren Projekte stellt die Dokumentation des Impfstatus von Kindern aus Roma-Familien, albanisch-mazedonischem oder mazedonischem Elternhaus dar. Insgesamt herrscht in Mazedonien Impfpflicht, ganz in der Tradition des ehemaligen Jugoslawiens. Es wird mir von Mitarbeitern von Projekten berichtet, in denen die Kinder von Romafamilien von den Feldern aufgelesen werden, um eine entsprechende Durchimpfungsrate zu erreichen. Aufgrund meines sehr kleinen Einblicks kann ich leider nicht beurteilen, wie viel Informations- und Aufklärungsarbeit geleistet wird. Als ich NGO-Mitarbeiter bei der Inspektion des kleinen Krankenhauses in Shutka begleiten darf, bemüht sich das dortige Personal jedenfalls sehr unter Beobachtung, alles vorbildhaft ablaufen zu lassen.

„Sind Sie ein Botschafter aus Deutschland? Willkommen in unserem Ghetto!“
In Shutka, der angeblich größten Romasiedlung in Südosteuropa mit eigener regionaler Selbstverwaltung als offizieller Stadtteil Skopjes im Norden, kann ich mir nur ein begrenztes Bild von der medizinischen Versorgung und den Lebensbedingungen machen. Leider gibt es während meines Besuchs nicht einmal einen praktizierenden Gynäkologen in der Klinik, obwohl dieser dringend gebraucht wird. So kommen viele Kinder zu Hause ohne Hilfe auf die Welt, werden oftmals somit auch nicht registriert und erhalten keine Papiere. Ohne Papiere keine Sozialleistungen, keine Reisefreiheit, Schwierigkeiten in der Bildung – die Menschen in Suto Orizari geraten in einen Teufelskreis. Juristische Hilfestellung bieten ihnen dabei die Projektpartner von ESE vor Ort.
Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, von drei jungen Roma-Männern ihre Siedlung gezeigt und erklärt zu bekommen. Auf der anderen Seite sind die hohen Erwartungen, an die manche meine Anwesenheit knüpften, bedrückend und schwierig für mich. Auf den Besuch einer 23-jährigen Medizinstudentin wird die Hoffnung projiziert endlich gehört zu werden und eine Besserung ihrer Wohnsituation zu erreichen. Es sind Hoffnungen von Menschen ohne Wasser, Strom oder sanitärer Anlagen, manche in Wellblechhütten lebend, als hätte man den europäischen Kontinent verlassen.

Wo der Zwang nach ethnischer Zugehörigkeit zum Ausdruck eines Kraftverhältnisses wird
Ab September werde ich montags gegen 7 Uhr durch die laut schallende, mazedonische Nationalhymne geweckt, welche in der benachbarten Grundschule auf diese patriotische Weise den Tag begrüßt. Schuluniform und Nationalhymne sind in meinem Stadtviertel wieder an der Tagesordnung.
Albanische und mazedonische Kinder gehen in unterschiedliche Schulen oder Klassen. Die Trennung beginnt hier bereits in den Kinderschuhen. Wie kann so eine gemeinsame friedliche, verständnisvolle Gesellschaft entstehen? Eine kleine Gruppe von Albanern erklärt am 18. September 2014 an der Skenderbergstatue Nähe der Çarshia eine unabhängige Republik. Deren Proklamation erregt jedoch im Folgen offensichtlich kaum Aufmerksamkeit.

Studentisches Engagement ambitionierter Mazedonier
Auf meinen kleinen Reisen durch den Balkan darf ich engagierten Studenten begegnen, die mich beeindrucken. Sie berichten mir voll Leidenschaft, dass sie bleiben werden, um ihrem Land eine bessere Zukunft zu bieten.
Am World Heart Day begleite ich eine große hochengagierte Gruppe von Medizinstudierenden der ersten albanischen Universität Mazedoniens bei ihrem Kampf für Gesundheitsaufklärung. Am Vormittag überprüfen sie auf dem Marktplatz kostenlos Blutdruck und -zucker und informieren die Bevölkerung mit Infotafeln über die verschiedensten Herzkrankheiten. Ziel ist es, für eine gesunde und bewusste Lebensweise zu sensibilisieren.
Den Tag der mazedonischen Unabhängigkeit darf ich auf einer Veranstaltung der mazedonischen Botschaft in Belgrad verbringen. Ich begleite eine Gruppe junger, in Serbien lebender Mazedonier, die sich um die Wahrung ihrer Sprache, Kultur, Tradition und nationaler Identität bemühen. Hierfür organisieren sie regelmäßig Konzerte, Ausstellungen mazedonischer Künstler oder Lesungen in Belgrad.

Langsames Abschiednehmen, vorbei an immergrünen Flüssen
Bevor ich mich schließlich Anfang Oktober zurück in meinen Bus von Skopje nach München setzte, um langsam vom mir liebgewonnen Balkan Abschied nehmen zu können, darf ich noch Gast einer traditionellen albanischen Hochzeit in Skopje sein und mich in ihre Rundtänze einreihen. Haben doch alle neuen Bekannten – ob Albaner oder Mazedoniern – mir während des Sommers stets von ihren besonders zelebrierten Hochzeitsfeiern vorgeschwärmt.
Nach knapp 22 Stunden Busfahrt, in der ich nochmal durch die wilde Landschaft des Balkans fahre, über meine Erfahrungen sinniere und mein Europabild neu reflektiere, erreiche ich schließlich den ZOB München, wo mein kleines Balkanabenteuer enden soll.
Zumindest für diesen Sommer.     
Довидување! Mirupafshim!

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Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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