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Kosovo

von Klara Pegels

01.12.2014 Sommer 2014. Anfang August spaziere ich als f&e famuengo-Flamingo in die große weite Welt. Es führt mich auf den Balkan. 8 Wochen Prishtina, Kosovo.
Die Stirn in Krausen geworfen, mit von Sorge und Skepsis erfülltem Gesicht begegnen mir Eltern, Familie und auch Freunde, denen ich erzähle, dass ich im Sommer in den Kosovo aufbreche und die Hauptstadt Prishtina für 2 Monate mein Zuhause nennen möchte.

Viele Deutsche tragen ein von den Medien geprägtes Bild vom Kosovo im Kopf. Ein Bild vom Kosovo, das 15 Jahre zurückliegt und Kriegsgeschichte erzählt. Ein Bild vom Kosovo, das von Krieg und seinen Folgen gezeichnet ist. Ein Bild vom Kosovo, das von der Nato befreit, durch die EULEX überwacht und dessen völkerrechtlicher Status bis heute umstritten ist.
Es ist ein Bild, das 15 Jahre zurück liegt und in den Köpfen als schwarz-weiß Fotografie auf dünnem Zeitungspapier existiert.
Doch ich möchte mir selber ein Bild machen und das Bild in den Köpfen meiner Mitmenschen überwinden.
Ein Abziehbild vom Kosovo versuche ich Euch nun in den folgenden Zeilen zu skizzieren.

Freude – Famulatur - Friede,
drei friedliche F’s führen mich durch meine Zeit in Prishtina - Kosovo.



Freude
An meinen freien Nachmittagen erkunde ich die Stadt Prishtina auf eigene Faust. Die übersichtliche Hauptstadt ist ein Flickenteppich aus Alt und Neu; Baugerüst und moderne, gläserne Stahlkonstruktion, kommunistische Platte mit unzähligen Satellitenschüsseln und einstöckigen, osmanisch anmutenden Backsteinhäusern, Moschee und Kathedrale, traditionelle Byrekbäckerei mit Mehlsäcken und Feuerholz im Hinterhof und Fastfood-Kette mit stehender Friteusesäule in der Luft existieren nebeneinander.
Ich streife durch die verwinkelten Ecken der Hinterhöfe, entstaube verlassene Moscheen und entdecke schnell das Herzstück Prishtinas: Das sind allemal die gut besuchten Cafés, in denen zu jeder Tageszeit frisch gemahlener Röstkaffee angeboten wird. Ein „birdy Macchiato“, oder albanisch ein „Makkiato Vogel“ („vogel" steht für „klein“ im Albanischen) gehört zu meinem Genuss, den ich mir täglich gönne. Zu meiner Rechten süppeln deutsche KFOR- Soldaten ihr Tässchen Kaffe, zu meiner Linken sitzt eine Gruppe gackernder Studenten, an einem weiteren Tisch lassen drei Männer die Zeit ins Land ziehen.
Viele leerstehende, in sich zusammen fallende Wohnhäuser, „Gott“- verlassene Moscheen und Denkmäler, die an schwere Nachkriegsjahre erinnern, prägen das Stadtbild. Kreideweiße Grabmäler stehen inmitten von öffentlichen, grünen Parkanlagen, drumherum spielen Kinder, turteln Liebespärchen und ältere Menschen halten Rast auf Sitzbänken ein. Es ist wirklich ein Nebeneinander von Vergangenem und gelebter Gegenwart.

New Born Monument. Foto: privaEin Indiz für den hoffnungsvollen, aufstrebenden Blick in die Zukunft ist die symbolträchtige Sehenswürdigkeit: NEWBORN. Dass das „Junge Prishtina“, das Durchschnittsalter der kosovarischen Bevölkerung beträgt 25 Jahre, nach vorne blickt und sich in Aufbruch, Wandel und Veränderung befindet, unterstreicht nur zu gut ein signifikantes Monument, das inmitten im Zentrum Prishtinas steht: „NEWBORN“, 7 große Stahllettern überragen in 3 Meter Höhe die Köpfe der Passanten, die an diesem Schriftzug vorbeigehen. Das Monument wurde anlässlich der Unabhängigkeitserklärung Kosovos am 17. Februar 2008 begleitet von Freudenfeiern aufgestellt. Dies alles hat sich gegen den Willen des Exmutterlands Serbien ereignet. Der Buchstaben- Künstler und zugleich damals amtierende Bürgermeister hat veranlasst, dass jährlich die großen Stahlbuchstaben einen neuen Farbanstrich bekommen. Bürgerinnen und Bürger sind dazu aufgerufen, selber Farbe und Pinsel in die Hand zu nehmen und ihrem „Land“ einen neuen Anstrich zu verpassen. So glichen die Lettern, einst knallgelb den europäischen Sternen auf der EU-Flagge, dann trugen sie die Flaggen der UN-Länder, die den Kosovo als autonomen Staat anerkennen und heute erscheint das Stahlgerüst in olivgrünem, militärischen Camouflage.

Famulatur
Morgens um 7:32 Uhr bestreite ich den 25-minütigen Fußweg zum Klinikgelände „QKUK“ („tsch-k-u-k“ mein morgendlicher Zungenbrecher). Auf dem Weg nehme ich das Erwachen der Stadt und seiner Bewohner wahr. Schülerhorden in Schuluniform strömen mir in Scharen entgegen, adrette Bürofrauen auf hohen Hacken und Businessmänner mit Aktentasche sind eiligen Schrittes unterwegs. Dank der an den Ampeln angebrachten digitalen Anzeige, die die Rot bzw.- Grünphase angibt und im Sekundentakt herunterzählt, bleibt mein Fußmarsch in einem kontinuierlichen Fluss. Mein Schritttempo passe ich der indizierten Rotphase an, Mal im gemächlichen Schneckentempo, Mal im hechtenden Galopp.
Auf dem weiteren Weg streife ich einen kleinen Markt, einen einsamen Händler, der aus mir unerfindlichen Gründen lediglich mit einem Bündel Dollarnoten in der Hand wedelt und die selbsternannte „Bananen-Republik“, eine Reihe von Händlern, die nur Bananen im Karton, Bund oder Einzeln Feil bieten. Ein letzter Energieschub und ich habe fast das Klinikgelände erreicht. Auf den letzten 100 Metern kommt erste Klinikatmosphäre auf, Cafés und Kebaphäuser namens „Quebaptore hygjenia“, „Café ECHO“, „Oxygen“ oder der anatomisch geprägte Studentenimbiss „Fovea“ säumen die Straße. Zudem sind kleine Marktstände, die für den Krankenhausaufenthalt taugliche Utensilien anbieten, aufgebaut; Pyjamas in Blumenmuster für die Großmutter und handgestrickte Strampler für das Neugeborene liegen als Ware aus. Mit Lesebrille, Wecker, Handy inklusive Netzwerkkabel und Glühbirne - in einigen Patientenzimmer hängen die nackten Elektrokabel mit Drehfassung aus der Wand. Der Patient ist aufgefordert, sein eigenes Licht mitzubringen - kann man sich ebenfalls eindecken. Zahnbürste, Deodorant und Haarspange, … und die Siebensachen für den Klinikaufenhalt sind beisammen. An einem letzten Stand vor dem Klinikportal werden Pralinen, Schokolade und bunte Blumensträuße aus Plastik für die Liebsten angeboten.
Nun wird der Kittel über die Schultern geworfen, die Augen weit geöffnet und Ohren gespitzt. Die ersten zwei Wochen der Famulatur verbringe ich in der Kardiologie, die darauffolgenden beiden Wochen in der Notaufnahme.
30 Ärzte ziehen wie eine weiße Wolke durch die langen Korridore, 7 Ärzte knubbeln sich in einem kleinen Untersuchungsraum kaum größer als 14 qm und spielen Tetris, um den Patienten von der Eingangstüre durch das Kittelgetummel bis zur einfachen Liege zu befördern, 6 Ärzte stürzen sich auf einen EKG-Ausdruck, den die Krankenschwester soeben mit altertümlichen Elektroden-Saugglocken abgenommen hat.
Die kardiologische Station ist personalbedingt überbesetzt, 30 Ärzte und 50 Betten. Ein Jeder ist froh um seine Anstellung und möchte sie nicht missen. Viele der Ärzte beziehen kein Gehalt, ihr Kapital ist die Ausbildung zum Facharzt und der Ausblick eines Tages bezahlt zu werden. Die Mediziner halten sich mit einem Nebenverdienst in einer der unzähligen Privatkliniken über Wasser, schieben Nachtdienste oder gehen einem ganz anderen Job nach.

Prisztina. Foto: privat
Die Arbeitslosenrate in Kosovo ist mit 45% immens hoch. Derzeit gibt es bei einer Million arbeitsfähiger Bevölkerung lediglich etwa 325.000 Arbeitsplätze (einschließlich nicht registrierter Schattenwirtschaft). Jährlich kommen weitere 36.000 frisch ausgebildete, junge Leute neu auf den Arbeitsmarkt.
Die hohe Arbeitslosenquote bildet sich im Straßenbild ab, zu Bürozeiten tummeln sich die Menschen in den Cafés und trinken drei Stunden lang an einer Tasse Kaffee.
Bei mäßigem und massenkollektivem Aktivitätsindex der Ärzteschaft (30 Kardiologen) wird jede freie Minute genutzt, um in einem kliniknahen Kaffee einen köstlich herben Makkiato zu trinken, sich eine Zigarette in wohlgemerkt weißem Kittel anzuzünden oder einen ausgiebigen Schwatz über Gott, die Welt und in diesen Zeiten über Medizin in Deutschland zu halten.
An meinem ersten Famulaturstag hielt mir ein junger Kollege seinen Lebenslauf (CV) unter die Nase und bat mich höflichst um eine Korrektur. Damals war ich noch erschrocken über die unverhohlene und diskrete Anfrage. Doch rasch lernte ich, dass ich täglich einem Ansturm von Fragen zu Bewerbungskriterien und Arbeitsbedingungen an deutschen Krankenhäusern Rede und Antwort stehen muss. Bewerbungsschreiben werden versandt, Eingangsbestätigungen fliegen ein, neue Antworten werden verfasst. Oftmals ist der kosovarische Kollege besser im Bilde als ich in meiner bisherigen Studentenrolle und informiert mich darüber, dass der Westen Deutschlands ein C1-Sprachniveau verlangt, hingegen der Osten das niedrigere B2-Level.
Der Wunsch nach Deutschland, in das „gelobte“ Land zu gehen ist groß und hallt wie ein Echo durch die kargen Gänge des Krankenhauses. Manchmal nehme ich es tatsächlich als Fluch wahr. Bei einem so eisernen Willen und so großer Sehnsucht, das Land zu verlassen, bleiben viele Dinge im Land liegen und werden nicht bewegt. Eine Krankenversicherung für die Bevölkerung gibt es nicht. Auf Nachfrage nach einer existierenden Ärztekammer oder einer Vereinigung von Berufstätigen im Gesundheitswesen bekam ich ein gleichgültiges Schulterzucken zur Antwort. Hoffnungsvoll blickt man jedoch einer Etablierung einer Krankenversicherung ab Januar 2015 entgegen.
Und der Kardiologe insistiert hier auf die Wiederinbetriebnahme des kaputten Herzkatheterlabors, um eine Leitlininengerechte MI-Therapie Gewähr leisten zu können. Momentan ist Fibrinolyse das Mittel der Wahl, zumindest im öffentlichen Krankenhaus. Herzinfarktmarker, wie Troponin und CK-MB werden auch nicht von Staatsgeldern abgedeckt. Hier wird der Patient aufgefordert die Rechnung selbst zu tragen. Von Medikamenten ganz zu schweigen, der kardiologische Medikamentschrank im Schwesternzimmer gibt ASS, Amiodaron, Furosemid, Clopidogrel und ein paar Notfallmedikamente her. Alle zusätzlich erforderlichen Medikamente tragen die Patienten in kleinen Plastiktüten zu den Krankenschwestern und erweitern so die Palette.
Trotz der finanziellen und materiellen Beschneidungen habe ich das Gefühl, dass die Ärzte gewissenhaft Medizin machen. Mich haben sie in der fast 6-wöchigen Famulatur warm empfangen und liebevoll an die Hand genommen.

Friede
Ein Arzt bekundet, das Land sei zwar in allen Ebenen korrupt, eine Krankenversicherung gebe es nicht, in der medizinischen Versorgung fehle es an vielen Mitteln… Doch die Hauptsache sei, es gebe keinen Krieg. Diese Aussage fand ich stark, und sie hallte noch lange in meinem Ohr nach.
Themen wie Krieg und Gewalt kenne ich nur aus der sicheren Ferne, medialen Berichterstattung in Zeitung, Radio oder Fernsehen oder aus dem Geschichtsbuch im Schulunterricht, so nah kam mir das Thema noch nie.
Wie Krieg und Gewalt Persönlichkeiten aus der Bahn werfen und alle Menschlichkeit zerstören, erfahre ich über viele mündliche Berichte und Geschichten, an den mich die Menschen hier teilhaben lassen. Ein jeder hier hat sein Päckchen zu tragen.
Während meines 2-monatigen Aufenthaltes sind es mitunter die berührenden Geschichten, die unbezahlbare (Erfahrungs-)Schätze sind und mich nachträglich beschäftigen.
Ganz im Gegenteil zu den Schwarz- Weiß Fotografien auf vergilbtem, dünnem Zeitungspapier, das viele Deutsche in ihren Köpfen tragen, zeigt sich mir ein lebhaftes Kosovo im Hochglanzformat.
Ein junges Land, das nicht (nur) zurück blickt, sondern sich nach Vorne bewegt. Ein „Transformationsstaat“, das auf die Unabhängigkeit zustrebt.
Und dieses Bild gilt es mir in Zukunft weiterzugeben.





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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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