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Kenia

von Nicole Lüttich

Im Sommer 2014 hatte ich die großartige Chance, einen tau-frischen f&e-Platz einzuweihen: Neben dem bisher bestehenden f&e-Platz an Kenias Indischer-Ozean-Küste gab es dank Jan Möller, selbst ehemaliger f&e'ler, und seiner Frau Martina Neudegger dieses Jahr einen Platz in Kenias ruralem Westen, im Holy Family Hospital in Nangina. Diese Möglichkeit landete postwendend auf meiner Bewerbungswunschliste und wurde erfreulicher Weise auch mein f&e Platz.

Abstract - oder der Versuch, acht ereignisreiche Wochen in Kenia überblickend zusammen zu fassen
Ich begann meinen Aufenthalt mit dem Famulatur-Teil: Vier Wochen wohnte ich bei Jan und Martina und begleitete sie in ihrer Tätigkeit im o.g. Krankenhaus Nanginas. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Martina (Gynäkologin in Weiterbildung) auf „Maternity“ (Entbindungsstation und Kreissaal), hatte aber auch Zeit und Möglichkeit, Jan auf dem General Ward über die Schulter zu schauen und in die anderen Bereiche des Krankenhauses „hinein zu schnuppern“.
Teil 2: Ein vier Wochen dauerndes, durchgängiges „Engagieren“-Projekt zu finden, war durch ein noch schmales (IPPNW-)Netzwerk in Westkenia sowie die Kürze und Kurzfristigkeit meines Aufenthaltes schwieriger als gedacht, sodass ich meine zweiten vier Wochen in kleine Etappen aufteilte um so mehrere „Keimzellen“ medizinischen und sozialen Engagements“ zu besuchen.
Ich besuchte eine engagierte Nonne in einem katholischen Health-Dispensary fernab von großer Infrastruktur und begleitete eine Gruppe von Studierenden aus Maseno auf einem ethnologisch-public-health-motiviertes Community-Praktikum, bevor ich am Ende noch ein paar Tage in Nairobi bei meinem f&e Austausch-Pendant Barbara Odac zu verbringen.

Daten, Zahlen, Einordnung - ein paar Worte zu Kenia
Foto: privatIn Kenia leben auf einer eineinhalb Mal größeren Fläche nur etwas mehr halb so viele Menschen wie in Deutschland: Etwa 45,5 Millionen Menschen sind recht ungleichmäßig über 47 Bundesstaaten verteilt und verdichten sich um drei Großstädte herum: Nairobi im Zentrum des Landes, Mombasa an der Küste, und Kisumu im Westen am Viktoriasee. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien in 1963 war das Land zunächst politisch zentral organisiert, mit Verwaltungssitz in Nairobi. Mit den letzten Wahlen in 2013 wurde mit einem geplanten Dezentralisierungsstreben ernst gemacht und erstmalig auf Bezirksniveau gewählt, wovon man sich mehr „Gerechtigkeit“ für die in den einzelnen Bundesstaaten lebenden Minderheitengruppen erhofft. Diese idealisierte Selbstverwaltung der einzelnen Bundesstaaten ist jedoch noch in den Kinderschuhen und läuft nicht überall reibungslos. Politisch bleibt die Lage also spannend und allgemein zu hoffen, dass diese politischen Reibereien nicht erneut eskalieren wie in den Wahlen 2007/2008.

Kenia - To go or not to go, that is the question!
Anfänglich plagte mich einige Skepsis, ob ich die Reise nach Kenia wirklich antreten sollte: Das Deutsche Auswärtige Amt aktualisierte, erweiterte und verschärfte die Sicherheits- und Reisewarnungen für Kenia zwischen April und August 2014 wöchentlich bis täglich, insbesondere für Nairobi und die Küstenregion um Mombasa herum, sodass meine Mit-f&elerin Theresa ihr f&e an der Küste Kenias absagte und mich damit in Zweifel stürzte, ob Kenia
in diesem Sommer wirklich eine gute Idee sei. Nach regem Email-Kontakt mit Jan in Nangina und der stetigen Meldung über "im Westen nichts Neues" machte ich mich auf den Weg nach Kisumu.

Karibu Kenya! - Willkommen in Ost-Afrika...
Mitte August erreichte ich mit Sack und Pack nach einem kurzen Zwischenstop und dem ersten "Kulturschock" in Nairobi die 700.000 Einwohner-große und direkt am Viktoriasee gelegene Stadt Kisumu. Hier wurde ich von Jan und Martina in Empfang genommen und in "Mölldeggers" alterschwächelnden Jeep gepackt, mit dem wir über die schlaglochbeglückten Straße gen Westen nach Nangina tuckerten.

Nangina - Viel Holy, viel Family, viel Hospital!
Kreissaal in Nangina. Foto: privatNangina… Das Nangina Holy Family Mission Hospital ist ein kleines (privates) Krankenhaus ganz im Westen des Landes, kurz vor der Grenze zu Uganda. Nangina selbst sowie die umliegende Region ist stark landwirtschaftlich geprägt, die meisten Menschen leben von Subsistenz-wirtschaft, große Industrien oder andere Arbeitgeber gibt es wenig, sodass Familien oftmals der finanziellen Absicherung wegen aufgesplittet leben. Oftmals hat ein Elternteil oder Familienmitglied irgendwo in Mombasa oder Nairobi Arbeit gefunden, und mit 10-16 Bus-Stunden Entfernung gestaltet sich das definitiv zu weit zum Pendeln. Was besonders im Krankenhaus-Alltag auffiel ist der Fakt, dass über 90% der Menschen in Nangina nicht krankenversichert sind.

Gesundheitssystem…
Dazu ist zu sagen, dass ein einheitliches Gesundheitssystem in Kenia weiterhin nicht existiert, auch wenn auf politischer Ebene heiß darüber diskutiert wird, welchem internationalen Vorbild man diesbezüglich folgen solle. Relativ weit verbreitet ist das Konzept eines nationalen Krankenhaus-Versicherungs-Fonds, dem NHIF, National Hospital Insurance Fund, der für knapp 200 Schilling (etwa 18 Euro) monatlich immerhin stationäre Krankenhausaufenthalte finanziert. In Nangina war jedoch auch diese schmale Versicherungssumme schon ein
Hindernis, sodass der Begleichung der Krankenhausrechnung oftmals mit Bangen und Zittern entgegen gesehen wurde.
Eigentlich ist staatlich geregelt, dass Gesundheitsversorgung „gratis“ für die Patienten sei. Insbesondere Maternal Health Care sowie die Versorgung von Kindern unter 5 Jahren. Aber eben nur eigentlich. Die Einrichtungen existieren zwar, Personal gibt es auch, aber die Masse derjenigen, die die gratis-Versorgung in Anspruch nehmen wollen oder müssen, überfordert die schmale Infrastruktur an allen Enden, sodass oftmals das benötigte Material
oder die verordneten Medikamente nicht mehr vorrätig sind und die Patienten zwingt, die erforderlichen Ressourcen doch selbst zu bezahlen. Aus diesem Grund wenden sich viele Patienten lieber gleich an die privaten Einrichtungen oder „FBOs“, Faith based Organisation, wie Nangina, in der Hoffnung, und hoffen, dass die Familie die Kosten schon irgendwie begleichen können wird.

Hospital…
Das Krankenhaus selbst wird finanziert von der katholischen Diözese Bungoma, und erhält am Ende des Jahres zum Bilanzausgleich potenzieller Defizite einen finanziellen Zuschuss vom Nangina e.V., einem Freundeskreis aus Witten in Nordrhein-Westfalen, der das Jahr über Spenden sammelt.
Insgesamt sind eigentlich vier ärztliche Stellen in Nangina eingeplant. Zwei Stellen davon bestreiten Jan und Martina, die als medizinisches Personal über die AGEH, der Arbeitsgruppe Entwicklungshilfe der katholisc hen Kirche Deutschlands, für drei Jahre nach Kenia „entsendet“ wurden. Seit Ende 2013 leben die beiden mit Tochter Frida in Kenia, und werden noch weitere
zwei Jahre dort verbringen. Martina ist mitverantwortlich für die Entbindungsstation und alles was in Richtung Gynäkologie anfällt, Jan kümmert sich als angehender Internist um den General Ward. Alles weitere bzw. im Wechsel mit Jan und Martina auch Maternity und General Ward übernimmt Dr. Angira, ein junger kenianischer Arzt, der zeitweise nach Nangina versetzt
wurde, aber zwecks besserer Ausbildungs- bzw. Einkommenschancen schon seinen Absprung in die Großstadt bzw. die Politik vorbereitet. Die vierte Ärztin, die bis Herbst noch in Nangina arbeitete, kündigte zugunsten eines Facharzt-Weiterbildungs-Stipendiums in China, und über Monate blieb ihre Stelle unbesetzt. So setzt der internationale Brain-Drain dem kleinen Haus
ziemlich zu, und die Zukunft hangelt sich von einem drei-Jahres-Aufenthalt motivierter ausländischer Ärzte zum nächsten.
Dennoch kann in Nangina ein breites Spektrum von Gesundheitsleistungen angeboten werden: Neben dem Krankenhaus selbst mit oben genannten Stationen existieren angegliedert noch eine Antenatal-Clinic (ANC) für Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen, welche Teil der Mother- and Childcare-Ambulanz (MCH, Abkürzungen waren ubiquitär und äußerst beliebt) ist, sowie ein CCC, ein Comprehensive Care Center für HIV- und Tuberkulose-Patienten, sowie ein allgemeines „Out-Patient-Department“, was vergleichbar mit einem ambulanten Versorgungszentrum ist. So konnte ich während meiner Famulaturzeit in Nangina auch in diese Bereiche „hineinschnuppern“ und einige Tage die dort tätigen Clinical Officers und Nurses begleiten. Ich war sehr glücklich über die Offenheit und Lehr-Freudigkeit, die mir seitens der Mitarbeiter entgegen gebracht wurde. Insbesondere von Martina, die ich als ihr persönliches „Gänseküken“ die meiste Zeit begleitete und unterstütze, sofern meine ausbaubaren Fähigkeiten es ermöglichten (zb im OP bei Kaiserschnitten)
„Maternity“, die Entbindungsstation des Krankenhauses, ist insgesamt nicht groß, mit etwa 20 Betten, aber außerordentlich gut besucht. Täglich (und vor allem nächtlich…) gab es etwa drei bis manchmal fünf Geburten, die ich mit den Hebammen begleiten konnte und (viel zu selten...) tat.

…Family
In der Gastfamilie. Foto: privatWährend meiner gesamten acht Wochen konnte ich bei Jan und Martina wohnen. In dem geräumigen Haus auf dem Krankenhausgelände war noch ein Zimmerchen frei, sodass ich mich wirklich zuhause fühlte und das „Familienleben“ mit den beiden und der quirligen Frida sehr genoss. Es tat sehr gut, einen festen Ort in Kenia zu haben, an welchen ich nach meinen
jeweiligen Reise-Etappen zurückkehren konnte. Auch in den beiden Gesprächs- und Diskussionspartner für Fragen aller Art zu haben, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ich mich an den manchmal schwer verdaulichen Eindrücken und erfahrenen Widersprüchlichkeiten neu mit Interesse „entfachen“ konnte, Sachverhalte neu und und weiterdenken konnte und nicht vorschnell resignierte.

Holy…
Wie bereits erwähnt ist das Nangina Hospital eine katholische Einrichtung. Im
Krankenhausalltag machte sich das zum einen an zweimal wöchentlich statt findenden Gottesdiensten und morgendlichen Gebeten bemerkbar, zum anderen aber auch in direkt medizinischer Hinsicht, nämlich dem Nicht-Beraten und Nicht-zur-Verfügung-Stellen von Methoden der Familienplanung. Während es in öffentlichen Krankenhäuser eigene Departments für Family Planning gab, waren Verhütungsmittel in Nangina schlichtweg nicht existent und von der Krankenhausleitung auch nicht angestrebt. Diese strikte Ablehnung von
Verhütungsmethoden stand für mich im Konflikt mit zwei anderen Beobachtungen:
Erstens: Der hohen HIV-Neu-Infektionsrate.Die Neuinfektionsrate in Kenya liegt nach Angaben des kenianischen Gesundheitsministeriums
von 2013 bei etwa 100.000 Personen pro Jahr. Da ist verständlich, dass das CCC, Comprehensive Care Center, gesponsert von USAID, in Nangina schon über 4000Patienten in seiner Kartei registriert sieht. Besonders die Tage, an welchen HIV-positive Mütter mit ihren Kindern zur Kontrolluntersuchung und Medikamentenvergabe kamen, waren die Tage, an denen das Wartezimmer überfüllt war. Diese Beobachtung passt zu den statistischen Angaben
des Gesundheitsministeriums, dass insbesondere die Altersgruppe junger Frauen zwischen 15 und 24 die höchste Rate an Neuinfektionen aufweist. Ich begleitete die Clinical Officers ein paar Tage bei ihren Check-ups vor der Medikamentenausgabe, und war überrascht, dass sie (zumindest in meiner Anwesenheit) mit den Müttern/ Ehefrauen nicht einmal über Verhütungs-methoden und insbesondere Kondome sprachen.
Zweitens: Der vergleichsweise hohen Inzidenz sehr junger Mütter, meist Mädchen zwischen 15 und 20 Jahren. Im kenianischen Schulsystem wird unterteilt in Primary School, von Klasse 1-8, und Secondary School. Nicht wenige der werdenden Mütter waren noch in den Anfängen der Secondary
School, als sie sich auf Grund ihrer Schwangerschaft vorstellten. Eine so frühe
Schwangerschaft bedeutete in den meisten Fällen für die Mädchen einen Schulabbruch und damit ein Herauslösen der Schülerin aus ihrem sozialen Umfeld, einen Stop in ihrer Ausbildung und einer drastischen Minderung ihrer Bildungs- und Zukunftschancen. Dies ist besonders dramatisch angesichts der Tatsache, dass ohnehin nur wenigen Mädchen der der Zugang zu
Secondary School ermöglicht wird. Ich hatte mit dieser direkt ausgetragenen
Geschlechterungleichheit stark zu kämpfen. Diese Hindernisse in der Ausbildung von Mädchen machen später scheinbar auch die Zukunft der Mädchen nicht leichter: Ungleiche Rollenverteilungen in der Ehe wurden mir gegenüber nämlich oft damit gerechtfertigt, dass Frauen ja gar nicht gleichberechtigt sein könnten - schließlich habe der Mann oft viel mehr Bildung. Mein Einwand, dass diese Bildungsungleichheit vielmehr „sozial konstruiert“ anstatt „gottgegeben“ sei, erschien (insbesondere männlichen Diskussionspartnern) nicht überzeugend. Zusammenfassend war somit das „Holy“ am „Family Hospital“ der Bereich, der
der in mir die meisten Fragen aufkommen ließ…

St.Boniface - Schwester Therese, Physiotherapie, Ehrenamt und “the biggest social issue of our times"
Durch Jan und Martina lernte ich Schwester Therese Vogel kennen, eine über 80jährige deutsche Krankenschwester aus Fulda, die seit den 1960ern in Kenia lebt und mehrere kleine Gesundheitszentren (sog. Health Dispensaries) in Bungoma County leitet. Die Gesundheitsversorgung fernab der öffentlichen Krankenhäuser gestaltete sich in diesem infrastrukturell schwachen Landesteil noch schwieriger, sodass es für mich sehr bereichernd war, einige Tage von Schwester Thereses kreativem Erfindergeist und ihrem unfassbaren
Engagement für ihre Mitmenschen vor Ort lernen zu dürfen.
Der Bundesstaat Bungoma verfügt laut Angaben von Schwester Therese nur über etwa fünf Fachärzte. Der einzige Arzt, der bisweilen St.Boniface durch wöchentliche Kurzbesuche unterstütze, ist nun auch an ein anderes entfernteres Haus gewechselt und lässt St.Boniface ohne direkten ärztlichen Beistand. Schwester Therese wirkt an sich wie ein Mensch, den nichts aus der Ruhe bringen kann - aber ihre Unzufriedenheit über die Zusammenarbeit mit den restlichen externen Ärzten und weiterführenden Krankenhäusern beklagte sie stark: Obwohl die Kliniken über bessere diagnostische (und therapeutische) Möglichkeiten verfügten, scheitere die Therapie oftmals an der Zeitnot und Arbeitsüberlastung der Mitarbeiter, die zu voreiligen und oftmals nicht hinreichenden Diagnosen neigten. Noch schlimmer sieht es mit Patienten aus, die gar nicht erst an externe Kliniken überwiesen werden können, weil es für
einige Fachrichtungen schlichtweg keine gibt: Weder einen Augen- noch Zahnarzt findet man in mehreren 100km Umkreis, was insbesondere in Anbetracht dessen problematisch ist, dass die meisten Patienten sich mit Augen- oder Zahnproblemen in St.Boniface vorstellen. Nächster
ophthalmologischer Anlaufpunkt ist die Augenklinik in Torroro, was bereits in Uganda liegt und auf Grund der enormen Transportkosten nur für sehr wenige Patienten in Frage kommt.
Wie also begegnet man diesen infrastrukturellen Benachteiligungen? Ein großer Anteil von Schwester Thereses Wirken besteht in der Pflege eines eigens angelegten „Waldes“ um das Grundstück der Dispensary herum. Viele der sorgsam umhegten Pflanzen sind phytotherapeutisch nutzbar, was Schwester Therese auch explizit anwendet. „Physiotherapie“ erschien mir an dieser Stelle im neuen Licht der „Möglichkeit zur Selbsthilfe“: wenn die Umstände und infrastrukturellen Bedingungen eine andere Versorgung verunmöglichen
(Medikamente aufgebraucht, nicht geliefert, nicht bezahlbar), ist es einfacher, den Wirkstoff selbst anzubauen. Boden, Wasser und Zeit hatten selbst die ärmsten der Armen in der Gegend um St.Boniface. So verteilte Schwester Therese, als das Propanolol ausging und sie für ihre vielen hypertensiven Patienten ohne Dauermedikation da stand, eben Lemongras-
Büsche (für die Herstellung stark diuretischen Tees). Kurz vorher im Wald ausgegraben, zum eigenen Anbau zuhause. Problematisch ist an dieser Stelle vielleicht die nicht genormte Wirkstoffzusammensetzung der Pflanzen - Phytotherapie kann in dieser Form vielleicht nur sekundäre Wahl sein, aber ist das ist immer noch besser als nichts.
Ein sehr interessantes Gespräch ergab sich mit Sr.Therese auf meine (von Konstantin aus Rumänien motivierte) Frage hin, was sie bezüglich der Situation in Kenia als „the biggest social issue“ unserer Zeit sehe, als die größte gesellschaftliche Herausforderung. Und im Bezug auf ihre nächste Umgebung in Bungoma formulierte Sr.Therese die Zerrüttung von Familien und die Perspektivlosigkeit der nächsten Generation als großes Problem: Junge Menschen sähen sich zum einen nicht mehr in der Tradition der Eltern und Großeltern, die auf dem Land fernab von allen mit eigenem Feld ihr Leben bestreiten, wenden sich davon ab und ziehen in die größeren Dörfer und Städte, wo sie allerdings auch keine Verbesserungschancen auf Grund
mangelnder oder fehlender Ausbildung haben. Der Wunsch nach einem (man möge sagen „verwestlichte“) Lebensstil, wie er den Jugendlichen aus den Medien visuell implantiert wird, muss Wunsch bleiben und lässt die nachwachsende Generation mit Ratlosigkeit zurück. Insbesondere die Familienstrukturen leiden - laut Sr.Therese - darunter, wenn Kinder und
Ehepartner verlassen werden, weil ein anderer potenziell mehr Luxus verspricht. Es mangele an Verbindlichkeit, an Aufopferungsbereitschaft, an Willen zur Gemeinsamkeit. Insbesondere die Situation junger Mütter sehe sie kritisch - oftmals sei ein Kind nur „Mittel zum Zweck“, um nicht gelangweilt zu sein. Die Lage der jungen Frauen erschien mir wirklich schwierig -
zwischen den Erwartungen, die ihre Familie an sie stellt (Zuhause bleiben, auf dem Feld helfen) und ihr Ehemann an sie hat (Kinder bekommen, großziehen, weitere Ehefrauen tolerieren) dann noch für die eigenen Wünsche einzustehen ist schwierig genug - und verständlich, wenn daraus eine Überforderungssituation oder der Wunsch nach einem „einfachen“ Fernseh-Leben ohne groß Verantwortung-Übernehmen resultiert…

Community Health Attachment in Mbale - Public Health Arbeit live
Pause beim Community Health Pralktikum. Foto: privatÜber Hellen Cherono, die momentan aktivste Stimme der IPPNW Kenya, hatte ich Kontakte zu mehreren kenianischen Medizinstudierenden erhalten, die in Nairobi und Kisumu in „IPPNW student groups" aktiv sind. So lernte ich während einem meiner Besuche in Kisumu Arthur Chweyah kennen. Er studiert an der Maseno University im dritten Semester Medizin, und hatte an seiner Uni unter anderem den Medical Peacework-Online-Kurs initiiert. Im Gespräch über
sein Studium erzählte er mir von einem anstehenden „Community Healthcare Attachment“ irgendwo im westkenianischen Hinterland, welches er und 15 Kommilitonen einen Monat lang absolvieren müssen. Die Idee dahinter ist ein Einblick in Public Health Arbeit vor Ort. Es klang für mich sehr spannend, und da es schon zwei Wochen später losgehen sollte und noch in meine Aufenthaltszeit fiel, organisierte Arthur für mich eine Teilnahme am Praktikum. Gemeinsam mit seiner Gruppe startete ich wenig später nach Mbale, von wo aus wir in ein kleines abgelegenes Dörfchen fahren und Interviews mit den Bewohnern führen sollten. Zuvor gab es im Mbale Teaching Hospital, der „Base“ von wo aus die Fahrten in die Community täglich starteten, eine Einführung und Kurzrotationen über die einzelnen Stationen. Das Krankenhaus wirkte auf mich oberflächlich zunächst offner, „liberaler“ als Nangina: Es gab
noch mehr Aufklärungs-Poster über HIV und Werbung für Testing and Councelling, und weniger überlagernde christliche Symbolik. Meine Aufmerksamkeit blieb besonders an dem „Family Planning Department“ hängen, sodass ich zwei Tage dort verbrachte und Kontakt zu den verantwortlichen Clinical Officers suchte.

"Family planning is a women's question!"
Die Angebotsbreite an Verhütungsmitteln war für mich überraschend groß. Am häufigsten werden Injektionen (DepoProvera), 3-Jahres-Hormonstäbchen-Implantate für den Oberarm oder die Spirale verwendet, aber auch männliche wie weibliche Kondome, die Pille, oder Diaphragmas standen zur freien Verfügung. (Zumindest theoretisch…). Als ich fragte, was die CO denn jüngeren Mädchen als Family Planning empfehle, schließlich kommen für diese ja die
vorrangig benutzten Implantate oder Spritzen weniger in Frage (Nicht zu verachtende Nebenwirkungen, langandauernde Wirkung,…), bekam ich von ihr dann leider weniger eine Antwort als vielmehr einen Moralvortrag: Ein (Schul)Mädchen würde sie, wenn sie in ihr Department käme, erst einmal schimpfen, für was sie denn bitte Verhütungsmittel bräuchte. Sie solle in erster Linie abstinent bleiben. Family Planning sei schließlich für Eheleute, das sage ja
schon das Wort, „family“ - und erst zu benutzen, wenn die Familie groß genug sei. Ich versuchte, nach der HIV-Problematik der 15-24jährigen weiter zu fragen, aber erhielt als Antwort nur die, dass voreheliche Abstinenz auch die beste HIV-Präventions-Strategie sei. Interessant war dann jedoch, dass die Welt ganz anders aussah, als die CO zum Tee-Holen den Raum verlassen hatte: Die Jungs, die mit mir zur Rotation eingeteilt waren, rückten
zurecht, dass sie in ihrem Alter (Mitte 20) natürlich Erfahrung mit Sex hatten. „Men have to explore!“. Kondome lehnten sie aber ebenfalls entschieden ab. „Das mache ja gar keinen Spaß und Frauen, die die Benutzung von ihnen verlangten seien Spielverderber!“ Ich hoffe einfach, dass es irgendwo in unserem Gespräch ein Missverständis gab und wir einfach aneinander
vorbeiredeten. Gerade von Studierenden im Gesundheitsbereich überraschten mich diese Kommentare doch sehr, insbesondere wenn ich an die vielen Teenage-Schwangerschaften in Nangina dachte. Schlussendlich frage ich mich allerdings, ob die Situation vielleicht unglücklich verlaufen ist. Ich bin ziemlich direkt in ein Thema eingestiegen, was gesellschaftlich eigentlich tabuisiert ist, und spreche das in gleichzeitiger Anwesenheit von sowohl Jugendlichen als auch „Erwachsenen in öffentlicher Vorbildfunktion“ an - im Nachhinein denke ich, ich habe ich die Situation falsch eingeschätzt, in dem ich eine größere Offenheit für selbstverständlich hielt (Mitunter vielleicht auch gerade wegen der vielen „Plakatwerbung“ für den Umgang mit HIV/AIDS).
Es bestand für mich nach eine sehr große Differenz zwischen der oberflächlichen „medizinischen Aufklärung“ auf der einen Seite, und dem gelebten gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema auf der anderen. Eine Differenz besteht auch zwischen vermittelten Idealbild der „Abstinenz von Jugendlichen“ und einer ganz anders aussehenden Realität. Wie realistisch
ist diese „Erziehung zu Abstinenz“, wenn die Jugendlichen einerseits die Vorträge über Versündigung und moralisches Fehlverhalten hören, im religiösen Umfeld die Vorteile von monogamer Ehe gepriesen bekommen, alle über HIV aber niemand über Geschlechtsverkehr reden möchte, und andererseits die Jugendlichen miterleben, wie ihre Elterngeneration um ihre Promiskuität keinen Hehl macht? Das Benutzen von Kondomen scheint dabei ein allgemeines
gesellschaftliches Reizthema zu sein. Arthur fasste die Situation so zusammen: „It is alright and accepted by society that men have two or three wives at the same time. But if you go and tell those men that their behaviour is okay, but they should please use a condom, your behaviour and advice is classified as „morally inaceptable and supposed to lead society into evil.“
Ich hatte mit Arthur wunderbar erhellende Gespräche, meist beim Essen, wo er mir von seinem Engagement bei „I chose Life Africa“ erzählte, einer NGO, die sich in Kenia für sexuelle Aufklärung einsetzt. Er persönlich fungiert an seiner Universität als „Peer Educator“, das heißt er organisiert Diskussionsrunden zum Thema Verhütungsmittel, Geschlechtskrankheiten etc. Problem sei nur, die Studierenden zu diesen Diskussionsabenden zu bekommen. Er handhabt
das mittels eines Marketing-Tricks: „People expect to receive something from you, so I told them to come to my place, I would say I invite them to soda and biscuits, and then would eventually drop the topic Sex and Contraception“ - If I told them right away I wanted to have this discussion, they all would have had excuses like exams to study for etc.

Outreach - Begleitung …
Neben dieser missglückten Gesprächssituation ermöglichte mir die Kurzrotation im Department für Family Planning des Mbale Teaching Hospitals allerdings auch noch das Begleiten einer Gruppe von Nurses zu einer Outreach-Tour. Bepackt mit einem großen Koffer voll mit Material sollten - dann doch! - Verhütungsmittel verteilt, Menschen (freiwillig!) auf HIV getestet und darüber aufgeklärt werden. Zu sechst quetschten wir uns in einen kleinen Pickup, der uns über
die schlammigen nicht-asphaltierten Straßen durch den Wald und an großen Teefeldern vorbei in ein kleines abgelegenes Dorf schaukelte. Kurzerhand wurde ein nicht-fertig-gestelltes leeres Haus umfunktioniert, und wir teilten uns in Funktionseinheiten auf: Meine „Gruppe“ übernahm das HIV-Testing, nebenan hatte eine Nurse einen alten Schultisch zum Gyn-Stuhl umfunktioniert und „screente“ mit Einmal-Spekulum und Taschenlampe (Stromversorgung gab
es nicht im Dorf) auf Cervix-Dysplasien, und eine dritte Gruppe gab einen Health-Talk an die wartenden Besucher. In meiner Gruppe war es spannend, in den 10minuten Wartezeit auf das Ergebnis des HIV-Tests ins Gespräch mit den Menschen zu kommen und sie über ihre Lebenssituation sprechen zu hören. Leider ermöglichten mir meine mangelhaften Kisuaheli-Kenntnisse oft nur das Aufschnappen von Wortfetzen, aber selbst das Beobachten des nonverbalen Anteils der Interaktion war interessant, und gab mit den späteren Erklärungen
(und für mich Übersetzungen) des Gesagten einen lebendigen Eindruck.

Die Field-Visits
Eigentliche Aufgabe der Studierenden aus Maseno, mit denen ich nach Mbale reiste, war das Erfassen der Gesundheitssituation eines kleinen Dörfchens, Mbini. Dieses „Erfassen“ sollte mit Hilfe vorbereiteter und vor Ort angepasster Interview-Bögen geschehen, welche die Studierenden als Leitfaden mit in die einzelnen Haushalte nehmen. Geplant waren 6 Interviews pro Studierendem und Tag, und am Ende sollten alle Einzelinterviews ausgewertet und zu einem zusammenfassenden Survey verarbeitet werden. Auf dieser Grundlage erarbeitete die Gruppe später Ansätze zur Verbesserung der momentanen Situation im Dorf. Soweit die Theorie. leider habe ich nicht den vollen Monat mit den Studierenden in Mbale verbringen können, so dass ich nur den Anfang des Projekt selbst miterlebte. Dennoch war es spannend für mich, mit der Gruppe nach Mbini zu fahren und ein Studentisches Praktikumskonzept kennen zu lernen, was unmittelbar am Leben der Menschen dran ist, noch bevor sie als
Patienten eine Klinik aufsuchen. Soviel Eintauchen in den sozialen Kontext

Nairobi - der Kreis schließt sich
Mit IPPNW-Mitglied Barbara Odac in Nairobi. Foto: privatMeine letzten Tage auf kenianischem Boden verbrachte ich in Nairobi bei meinem Austausch-Pendant Barbara Odac, Medizinstudentin und IPPNWlerin, die in diesem Sommer für ein f&e nach (Süd)Deutschland gereist war. Sie zeigte mir ihre Universität, nahm mich mit in ihre Lehrveranstaltungen und stellte mich ihren Freunden und Mit-IPPNWlern vor, mit denen wir diskussionsreiche Abende verbrachten. Im Nachhinein wäre ich gerne länger bei Barbara und ihren Kolleginnen geblieben und bereute, meine Angst vor der „Großstadt“, die den amüsanten und leider ernstzunehmenden Beinamen „Nairobbery“ trägt, nicht schon früher überwunden zu haben…

 

Fazit…
Ich bin froh, trotz der anfänglichen Skepsis nach Kenia geflogen zu sein. Im Nachhinein bin ich in meinem gesamten Aufenthalt in keine einzige „brenzlige“ Situation geraten, sondern habe im Gegenteil unfassbar offenherzige Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erleben dürfen. Sicherlich gibt es weiterhin Spannungen und Orte, an die man sich als Tourist nicht unbedingt
allein bei Nacht begeben sollte, aber mit etwas Vorsicht und Wachsamkeit fühlte ich mich zunehmend sicherer. Zusammenfassend war es für mich bedeutsam, so viele unterschiedliche Eindrücke aus dem Bereich der Frauenheilkunde im speziellen wie im weitesten Sinne mitnehmen zu können.
Insbesondere die Lebensrealität und manchmal schwierig zu ertragenden Benachteiligungen von Frauen beschäftigte mich, und ich bin dankbar über die Vielzahl der Orten und Begegnungen, an denen Austausch über diese Themen möglich war.
Insbesondere bin ich Jan und Martina dankbar, dass ich in ihnen eine Art „Brücke“ zwischen meinem gewohnten Backround in Deutschland und der vollkommen ungewohnten neuen Situation in Kenia finden konnte. Fachlich sowie menschlich waren die beiden für mich absolut inspirierend, und ich kann jedem nur empfehlen, die Chance zu nutzen und sich der Herausforderung zu stellen.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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