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Japan

von Arne Kolb

01.12.2014 „So, Arne, und in welches Land könntest Du Dir denn vorstellen mit f&e zu gehen?“ Ich schluckte. Die für mich wohl schwierigste Frage, bei der bunten und lebendigen Auswahl.
Warum eigentlich nicht Japan? Ich machte zuvor Jahre lang Aikido, eine  japanische Kampfkunst, hatte eine japanische Schulfreundin und interessierte mich daher schon, wenn auch nicht übermäßig, für das Land. Und so erfasste mich der Einfall eines Moments und riss mich mit in drei sehr lehrreiche, faszinierende Monate und eine doch ganz andere Welt, die so viel mehr zu bieten hat als Sony, Sushi und Zen-Buddhismus...

Eintauchen zwischen Frieden und Konflikt

Meine Famulatur machte ich im University Hospital Hiroshima in den Abteilungen Neurologie und Rechtsmedizin. Das f&e-Projekt in Japan hatte vor mir ein paar Jahre Pause, so dass sich Ansprechpartner und Organisation vor Ort ein wenig geändert hatten. So war beispielsweise der „Peace Course“, von dem die anderen in ihren Berichten mit voller Inbrunst und Begeisterung berichteten, bereits voll, so dass wir uns auf die Suche nach Alternativen machen mussten. Meine sehr hilfreichen Kontakte der JPPNW, Ms. Kamigochi, vor Ort fanden jedoch einen Peace Course der IFMSA (dem internationalen Pendant des BVMD), der ebenfalls zu Beginn meines Aufenthalts Ende Juli begann. Es war ein interessanter und lehrreicher Kurs, in etwas kleinerer Runde von zwölf Leuten und, von mir abgesehen, nur japanischen Medizinstudenten und somit etwas weniger international als ich ursprünglich dachte, aber ich hatte eine Woche voller Austausch und Vorträgen über Frieden und Krieg, Atomwaffen und -energie, den witzigsten Unterschieden als auch Gemeinsamkeiten unserer Länder, die ich nicht missen möchte.
Zusammen Hiroshima und seine grausame Geschichte zu erkunden, Gespräche mit Hibakusha, den Überlebenden des Bombenabwurfs zu führen, auch abends noch bei Sake und Okonomiyaki und später an den Flussarmen des Ōta sitzend zu diskutieren war ein schöner und direkt sehr intensiver Einblick in die mir doch so fremd erscheinende Kultur und Geschichte dieses Landes, von dem mir einige Freundschaften und viele Erinnerungen erhalten bleiben werden.
Eine weiterer Tag, den ich nicht vergessen werde, war der 6. August, der Jahrestag des Atombombenabwurfs über Hiroshima. Die Stadt mauserte sich zu einer Mischung aus Andacht und internationalem Friedensfest, mit unzähligen Gästen aus aller Welt. Über Kontakte der IPPNW nahm ich auch an einer Kundgebung gegen den Einsatz von Atomwaffen teil, knüpfte viele Kontakte und lernte, dass in dem allgemein als so harmonisch gepriesenem Land unter der Fassade gesellschaftlich so einiges rumort.

Ein Vorhang Privatsphäre bitte!
Die Organisation meiner Famulatur war durch das International Office der Universität sehr strukturiert. Jeweils zwei Wochen verbrachte ich in der Rechtsmedizin und der Neurologie – zwei so unterschiedliche wie aufschlussreiche Erfahrungen. In der etwas stilleren und kleineren Abteilung der Rechtsmedizin kümmerte sich Prof. Nagao rührend um mich. Nicht das einzige Mal in Japan fühlte ich mich Dank Welcome Dinner und offiziellen Vorstellungsrunden eher wie als Staatsgast denn als Student, und mir wurde so viel möglich gemacht und gezeigt, wie es nur ging. Ich lernte viel über Drogenanalysen, die heiß geliebte Histologie, Obduzieren oder Dank eines Ausflugs zur Polizei über Ballistik und DNA-Analysen. Auch wenn es mich nicht zum künftigen Rechtsmediziner bekehrt hat, war es abgesehen vom Fachlichen ein sehr interessanter Einblick in die etwas düsteren Seiten der japanischen Gesellschaft, die einem die höflichen japanischen Gastgeber wohl eher selten gerne von sich aus zeigen würden: Steigende Anzahl an Drogentoten und Verkehrsunfällen unter Einfluss, häusliche Gewalt oder Verwahrlosungen älterer Menschen zuhause sind eben nicht unbedingt Themen, die man normalerweise nach den ersten drei Sätzen in Japan (oder in Deutschland) mit einem Gast eifrig ausdiskutiert.
Der lebendigere Teil der Neurologie schloss sich direkt daran an. Prof. Matsumoto stand mit seinem Humor und der Gastlichkeit allem bisher Erlebten in nichts nach. Das Team nahm mich sehr nett auf, ich hatte einen eigenen Stundenplan mit täglichen private lectures durch verschiedene Ärzte, die mir ihren Arbeitsbereich näher brachten oder mir bei Visiten und Konferenzen übersetzerisch zur Seite standen. Mein Japanisch ließ leider sehr zu wünschen übrig, so dass die Kommunikation, abgesehen von der Vorstellungsrunde, auf Englisch oder (zum Teil mit sehr viel Freude für beide Seiten) mit Händen und Füßen ablief.

Arne Koln mit japanischen Projektpartnern. Foto: privatAbgesehen von dem USA-Projekt ist Japan derzeit das einzige „Industrieland“ bei f&e, und das einzige, das einen ähnlichen Zustand des Gesundheitswesen hat wie Deutschland: Das Uniklinikum ist hochmodern, das Gesundheitssystem immer noch eins der Besten der Welt und die Hygienebedingungen wahrscheinlich noch etwas besser als hier. Auch dadurch, dass ich inhaltlich nichts verstehen konnte, war es um so interessanter die Körpersprache und den Umgang mit den Patienten und unter den Ärzten zu beobachten, der meist von Respekt gegenüber dem Anderen geprägt war. Die Privatsphäre der Patienten wurde in Viererzimmern durch Vorhänge ein wenig besser geschützt, und bevor man diesen Bereich betrat wurde – unabhängig vom Status des Betretenden – der Patient um Erlaubnis gebeten. Dieser Gestus ist etwas, das ich hoffe im späteren Arbeitsalltag im Hinterkopf zu behalten; es kostet keine Zeit, macht aber den Umgang miteinander auch in schwierigen und stressigen Situationen um Vieles einfacher.

Giftgas und Freundschaften
Neben dem Klinikalltag wurde ich von verschiedenen JPPNW Ärzten eingeladen, zum Essen, sie in der Klinik oder Praxis zu besuchen oder einmal sie auf einen Ausflug zu begleiten. Dr. Tsuya betreute zu gleicher Zeit eine iranische Delegation von Filmemachern sowie Betroffenen der Giftgaseinsätze im Irak-Iranischen Krieg. Zusammen fuhren wir nach Okunomishima, einer Insel auf der zur Zeit des 2. Weltkriegs und unter hoher Geheimhaltung Giftgas hergestellt wurde, das unter anderem in China auch zum Einsatz kam (und noch immer Inhalt anhaltender Debatten der beiden Länder ist). Die Gruppe nahm mich ungemein herzlich auf, ich hatte in Japan die interessantesten Unterhaltungen über biologische Waffen, den damals aktuell wieder mal eskalierten Nahostkonflikt, die Geschichte der UN und wurde am Ende überschwänglich nach Teheran eingeladen.
Wieder mal Dank der Hilfe von Ms. Kamagochi und Ms. Tsuchiya bekam ich auch Ansprechpartner in Nagasaki, wohin ich nach meiner Zeit in Hiroshima trampte und eine Woche blieb. Chisa und Yuka, zwei Medizinstudentinnen von dort nahmen sich meiner an, und zeigten mir die gesamte Stadt, klärten (fast) alle meine Fragen über japanische (Be-)sonderheiten und waren zwei unglaublich herzliche Menschen.  Auch traf in Nagasaki meinen eifrigsten Diskussionspartner und nunmehr Freund Dr. Ryoma Kayano. Er ist Psychiater, nahm mich für eine Woche kostenlos auf, zeichnete mit anderen Studenten und mir eine Radiosendung zum Thema Deutschland und Japan auf und nahm mich mit zu Therapiegesprächen mit koreanischen Überlebenden der Atomangriffe (bis zu 10% der Betroffenen des Angriffs in Hiroshima beispielsweise waren koreanische Zwangsarbeiter, deren medizinische Behandlung lange nicht übernommen wurde). Die langen Diskussionsabende mit ihm über jedwedes medizinisches, gesellschaftliches oder politisches Thema waren eine sehr bereichernde Erfahrung und brachten mir nicht zuletzt einen neuen Freund.

„Temporary“: Fukushima
y Housing Fukushima. Foto: privatIm Anschluss daran hatte ich noch Zeit, Japan weiter zu erkunden. Der Schnelligkeit wegen stieg ich irgendwann von trampen auf die Bahn um. Jeder Bahnfan wird in Japan überglücklich werden, die Verbindungen sind gut, pünktlich und man erreicht die meisten Zipfel des Landes. Auch ohne Japanisch kommt man wunderbar zu recht, da die Japaner sehr hilfsbereit sind und so ziemlich alles tun damit man wohl behalten ankommt.
Der Zauber Japans, der so viele für dieses Land fasziniert, ist mehr als nachvollziehbar. Gerade die Region um Kyoto hat kulturell wahnsinnig viel zu bieten; ob japanische Geschichte, Kunst, Architektur oder kulinarische Köstlichkeiten ist für jeden etwas dabei, und trotzdem hatte ich das Gefühl von allem nur einen flüchtigen, oberflächlichen Blick erhaschen zu können. Auch landschaftlich ist das Land, wenn auch in den wenigen flachen Teilen des Landes sehr dicht besiedelt, ein wahrer Genuss. Als ich dann nach einigen Wanderungen durch tiefe, alte Wälder und an Portugal erinnernde Küsten wider Erwarten auch noch vom Mt. Fuji über das Land blickte, war ich restlos überzeugt.

Durch Angelika Wilmen von der IPPNW Deutschland hatte ich zuvor auch Kontakte nach Fukushima. Nach sehr nettem email-Kontakt und anfänglicher Unsicherheit, ob ich dort als 24jähriger mit späterem Kinderwunsch auch hinfahren möchte, entschied ich mich dafür und es wurde mit der spannendste Teil meines Aufenthaltes. Mr. Saito, Mitglied der Gewerkschaft Doro-chiba, die sich aus verschiedenen Gründen schon lange gegen den in Japan (bislang) weit verbreiteten Einsatz von Atomenergie einsetzt, begleitete mich über die Tage. Zusammen besuchten wir die Collaborative Clinic Fukushima, eine private Klinik, die neben „normalen“ Patienten auch diejenigen behandelt, die von den Zwangsevakuationen betroffen sind. Sie bietet eine Zweitmeinung und Mit-/Weiterbehandlung für Betroffene von sich zum Beispiel häufenden unklaren Befunden der Schilddrüse, auch weil es fraglich ist, ob die öffentlich übernommenen Untersuchungen immer ausreichen. So richtig etwas mit mir anzufangen wusste man in der Klinik, auch auf Grund der relativ niedrigen Patientenquote in den Tagen, nicht, aber ich traf in den Tagen auch Mrs. Shiina, eine der Mitbegründerinnen der Klinik. Es war eine dieser Begegnungen, die sofort von Sympathie geprägt war, obwohl wir uns nicht direkt unterhalten konnten, da sie kaum Englisch und ich noch viel weniger Japanisch sprechen konnte.

Zusammen fuhren wir durch die Präfektur Fukushima, in die Nähe der Sperrzone. Dort zeigte sie mir die umzäunten und mit Plastikplanen bedeckten Erdhaufen: abgetragene Erde aus den besonders kontaminierten Teilen der Region. In Sisyphos-Arbeit werden die ersten fünf Zentimeter des Erdreichs abgetragen, Dächer und Straßen geschrubbt, Häuser und Mauern mit Drahtbürsten abgekratzt, Laub eingesammelt. Alles was dabei anfällt wird in diesen sog. „temporary storages“ gelagert, wie lange weiß keiner, wie viele es sind auch nicht mehr, und ob es überhaupt etwas bringt bei Wind, Wetter und Regen, die die Radioaktivität unbehelligt weitertransportieren? Irgendwo im Nirgendwo, auf einer Lichtung eines Waldes war dieses Lager; direkt neben dem Haus will das ja auch niemand haben, so dass sie dort entstehen, wo der Widerstand geringer ist. Einzig ein 89-jähriger mit Buckel ging an seinem Stock seine tägliche Runde, wie er uns berichtete. Ob er nicht Angst habe vor der Strahlung, fragte ich. Er zeigte auf den Geigerzähler, der neben dem künstlichen Erdreich stand. „0,51 µSv/h. Ist das viel? Ist das wenig? Ich weiß es nicht. Meine Kinder leben in Tokyo und mich, mich bringt das nicht mehr um.“ Wahrscheinlich hat er recht, und ist doch gerade das tückisch: man spürt nichts. Wir fuhren bei 26°C und strahlendem Sonnenschein durch die Präfektur, die so grün ist und vor allem bekannt für ihren Reisanbau und ihr Obst, und sie sieht so friedlich und sicher aus wie der Rest des Landes.

Verhältnismäßig ist die Präfektur mit 140 Einwohner/km² dünn besiedelt. Nichtsdestotrotz wurden (schleppend) 160.000 Menschen aus dem 20km Radius um das Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi plus hochverstrahlte Gebiete im Nordwesten davon zwangsevakuiert. 100.000 davon leben bis heute noch in „temporary housings“, meist weit ab vom Schuss, irgendwo in der Präfektur. Eines davon besuchten wir. Auf einer Übersichtskarte wurden die Größenverhältnisse klar: etwa zwei Parkplätze entsprachen einer Wohneinheit in den Containern, die jeweils für vier Personen ausgelegt sind. Die meisten der Bewohner waren ältere Leute, so auch ein Paar mit dem wir sprachen. Sie hatten früher ein Haus auf dem Land, umgeben von Reisfeldern, alles Ersparte und Erarbeitete floss in das Haus, das schließlich als Altersvorsorge dienen sollte. Seit der Zwangsevakuierung bekommen sie umgerechnet ca. 700€ vom Staat (nicht vom Betreiber), was in Japan zum Leben reicht, aber sicherlich nicht, um in eine Wohnung oder gar ein Haus zu ziehen, deren Mietpreise in der Region ohnehin stark gestiegen sind. Traurig machte mich der Anblick des Versuches vor der Tür in den engen Gassen zwischen den Containern, mit Pflanzen und Kräutern so etwas wie einen kleinen Garten und somit ein Stück des alten Lebens heranzuziehen. Wahrscheinlich jedoch haben diese Containersiedlungen den Namen „temporary housings“ leider gar nicht verdient.

Der Kreis schließt sich...?
Die letzten Tage vor meiner Abreise verbrachte ich mit Koji, einem Freund, den ich beim Peace Course in Hiroshima kennengelernt hatte, in Tokyo. Mit ganz anderem Blick als in meinen ersten Tagen unterhielten wir uns nun über Japan. Zusammen besuchten wir (beide zum ersten Mal) einen Sumokampf, der ein solches Spektakel war, das mich alles über die Japanische Kultur verstanden Geglaubte wieder anzweifeln ließ. Es war ein schöner Abschluss einer sehr lehrreichen Zeit, in der ich immer wieder aufs Neue überrascht wurde und mir bewusst machte: ein Land bietet meist eine bunte und lebendige Auswahl genug.

Mata ne, Nippon!

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Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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