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Israel

von Therese Jakobs

01.12.2014 Israel, Palästina, Nahost. Dieser Fleck Erde lässt mich nicht mehr los, mit all der Schönheit, mit all den Auseinandersetzungen, mit all den ungelösten Fragen, der Sonne und dem Meer, dem Hummus und dem Arak, der Wüste und dem Toten Meer, mit all den Soldaten und Patrioten, mit Kippa und Kufiya, mit Surfern und Ultraorthodoxen.
Meine Reise nach Israel mit famulieren und engagieren war mit größter Freude entschieden, der Flug gebucht und alles in trockenen Tüchern, als der Gaza Konflikt ausbrach und die sogenannte operation protective edge begann. Wochenlang verfolgte ich die israelischen Nachrichten und entschied mich trotz Ängsten meiner Eltern aber mit Zuspruch meiner israelischen Freunde und Kontakte vor Ort, die Reise Anfang August anzutreten.

Etwa zwei Wochen nach meiner Ankunft endeten die Beschüsse und Bombardierungen endlich. In dieser Zeit, die bereits geprägt von kurzen Waffenstillständen war, erlebte ich einen fast unbeeinflussten und normalen Alltag in Tel Aviv, was mir unheimlich und absurd vorkam.
Ein sehr befremdliches Gefühl aus der Ferne Explosionen zu hören oder aber einfach nur völlig sicher und geschützt am Strand zu liegen, während nur wenige Kilometer südlicher am Strand von Gaza Lebensgefahr herrscht. Zu keiner Zeit jedoch fühlte ich selbst mich unsicher.

Meine ersten beiden Tage in Israel fielen aufs Wochenende und somit hatte ich Zeit, Tel Aviv zu erkunden und mich zu akklimatisieren. Ich war anfangs so sehr abgelenkt von all den hebräischen Schriftzeichen und Klängen um mich herum und habe versucht, alles zu verstehen und zu lesen. Teilweise glückte es sogar dank meines Hebräisch Kurses, den ich vorher in Deutschland gemacht habe.
Gewohnt habe ich in Ra’anana bei Lucie zur Untermiete in einem wunderschönen Dach-Maisonette-Geschoss mit Dachterrasse. Lucie ist gebürtige Österreicherin und Wahl-Israelin seit über 20Jahren, sie arbeitet als Psychotherapeutin unter anderem in Shalvata, der psychiatrischen Klinik in der gerontopsychiatrischen Abteilung, in der ich famulierte. Sie war für mich eine wunderbare Mitbewohnerin, mit der ich das richtige Maß an Gemeinschaft und Privatsphäre und Ruhe fand. Ra’anana ist eine Kleinstadt nördlich von Tel Aviv, im Nachbarort Hod HaSharon befindet sich die Klinik, im anderen Nachbarort namens Herzliya der Strand und nach Tel Aviv brauchte ich etwa eine Stunde mit dem Bus. In Ra'anana ist schlichtweg nichts los und daher fuhr ich relativ oft nach Tel Aviv, verbrachte also auch ziemlich viel Zeit in Bussen, in denen ich meistens fast erfror... wie fast überall in geschlossenen Räumen, deren Klimaanlagen wie verrückt arbeiten. Mein Körper konnte sich kaum an den ständigen Wechsel zwischen feuchten 35°C und 18°C in manchen Gebäuden und Bussen gewöhnen.

Meine Famulatur machte ich in Shalvata, einer großen und namhaften Psychiatrie nahe Tel Aviv. Größtenteils war ich in der gerontopsychiatrischen ambulanten Abteilung, an den anderen Tagen auf der Kinder-und Jugenpsychiatrie, auf Station mit Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren.
Dr. Daphna Shefet leitet die Gerontopsychiatrie und war meine Betreuerin, Lehrerin, Ansprechpartnerin und liebenswürdige Begleiterin. VoTel Aviv. Foto:privatr jedem Patientengespräch schauten Daphna und ich uns kurz die alten Briefe an, sie übersetzte mir die Epikrisen. Ich hielt am Anfang des Gesprächs immer kurz meinen Hebräisch smalltalk und wenn die Patienten wenig oder kein Englisch sprachen (was doch meistens der Fall ist), übernahm Daphna und übersetzte mir aber in leisem Gemurmel, was gesprochen wurde. Ich versuchte bei dem Ganzen mein Hebräisch Vokabular aufzubauen, was mir zumindest in den Spezialgebieten Demenzen, Depressionen und Psychosen durchaus gelang. Die Famulatur ist jedenfalls natürlich eher passiv, ich höre viel zu und konnte sehr viel lernen. Dafür wurde ich irgendwann zum Demenz Spezialist und den Mini Mental Test konnte ich auch schnell auswendig…

In diesem Sommer lernte ich noch mehr als zuvor ältere Menschen und PatientInnen zu schätzen und zu lieben. Hier saßen wahre wandelnde Museen und eine solche Fülle an Lebenserfahrungen vor mir. Den zweiten Weltkrieg hatten fast alle miterlebt, an den unterschiedlichsten Orten unter verschiedensten Umständen, mit unterschiedlichsten Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten. Die Meisten erlebten auch die israelische Geschichte bereits seit der Staatsgründung. Fast niemand in Israel, erst recht nicht in der geriatrischen Abteilung ist frei von Berührung mit Krieg, Gewalt und Militär in irgendeiner Form.

Etwas, was mir nicht komplett selbstverständlich erschien im Voraus, war die Frage nach der Reaktion von Shoah-Überlebenden auf mich und meine deutsche Herkunft. Zu meiner leichten Überraschung und auch Freude waren alle mir gegenüber sehr aufgeschlossen und freundlich, auch nachdem ich sagte, woher ich komme. Einige waren - wenn auch nicht mir- aber Deutschland generell gegenüber sehr verbittert und aufgebracht eingestellt. Nie wieder wollen sie einen Fuß auf deutschen Boden setzen, meist auch nicht auf polnischen oder rumänischen, je nach Herkunft und Geschichte. Es ist so verständlich und doch bleibt es immer unverständlich, all das Leid und die Traumata, mit denen viele Menschen bis heute zu kämpfen haben.
Umso schöner ist es aber, zu sehen wie manche es geschafft haben, sich anders mit ihrer Geschichte zu versöhnen. Neue Kontakte in Deutschland oder ihren Heimatländern zu knüpfen, Besuche und Reisen zu unternehmen, neue Generationen zu erleben. Neben der Sprechstunde traf ich auch einige Shoah-Überlebende zum Gespräch und Austausch. Diese Begegnungen bedeuten mir unheimlich viel, die Gespräche waren emotional sehr intensiv und ich habe noch immer Kontakt zu Einigen.


Wie auch meiner f&e-VorgängerInnen besuchte ich AMCHA, einen Verein, der psychologische Hilfe und soziale Programmangebote für Shoah-Überlebende anbietet. Dies findet statt in Form eines sogenannten SeniorInnen-Clubs, der tagtäglich unterschiedlichstes Programm anbietet von Ausflügen über Vorlesungen bis zur Gymnastikstunde. Es war schön, einen solchen Club (die es übrigens auch für alle anderen SeniorInnen gibt) zu erleben und einen ganzen Tag mitzumachen. Qi Gong mit einer Horde Senioren ist sehr amüsant. Der Eine kann die Beine nicht so sehr bewegen, der Andere hört schlecht, wieder jemand vergisst immer, was gerade gemacht wird und der Nächste murmelt alle 2 Minuten was von Kaffee oder dem nächsten Toilettengang. Dieser Besuch war ein besonderes Erlebnis, jedoch konnte ich in Shalvata und besonders aus Einzelgesprächen mit Shoah-Überlebenden deutlich mehr mitnehmen. Denn es entsteht eine ganz andere Atmosphäre, die ein tiefergehendes und vertrauensvolles Gespräch auch besser ermöglicht.

Auf der Kinder- und jugendpsychiatrischen Station war alles etwas anders. Stationsalltag, ganz andere Menschen, ganz andere Probleme, an denen die Jugendlichen im Alter von 12-18 Jahren leiden und arbeiten. In diesem herzlichen Team wurde ich schnell integriert und fast schon zur Ergotherapie Spezialistin, denn das taten die Kinder mehr oder weniger den ganzen Tag und ich machte mit. Während des Sommers waren Ferien in der klinikeigenen Schule, somit lag der Schwerpunkt noch mehr als sonst auf Ergo-, Bewegungs- und Musiktherapie. Ich habe wieder sticken gelernt, habe Backgammon spielen gelernt, lerne die hebräischen Zahlen bei Monopoly und spiele auch mal Basketball bei sengender Hitze. Aber auch bei so manchem Aufnahmegespräch und einigen Fallvorstellungen durfte ich dabei sein. Auch einige Anamnesen durfte ich alleine machen bei Jugendlichen mit englischer Muttersprache. So konnte ich immer wieder merken, dass das viele Zuhören offenbar Spuren hinterließ und ich viel gelernt habe.

Ganz besonders ist jedoch die Gesher Clinic, eine psychiatrische Ambulanz im südlichen  Tel Aviv bzw. Yafo, die kostenfreie Behandlung und Hilfe für Flüchtlinge und Menschen ohne Aufenthalts- oder Versicherungsstatus anbietet. Die Klinik wird geleitet von einem Psychiater, der jahrelang in Shalvata gearbeitet hat und die letzten Jahre die open clinic der physicians for human rights (PHR) in Tel Aviv geleitet hat. Gesher bedeutet sowohl auf Hebräisch als auch auf Arabisch Brücke. Die Klinik gibt es seit April dieses Jahres erst und sie wird unter anderem finanziert sowohl vom israelischen ministry of health, der UNHCR und der EU. Jedenfalls ist es ein Riesenfortschritt, dass es eine solche Einrichtung nun von staatlich finanzierter Seite aus überhaupt gibt, dass Personal fest angestellt und entlohnt werden kann, dass es nicht mehr nur auf volunteering basis läuft wie in den PHR Kliniken. Am wichtigsten aber ist, dass ein Arztbrief aus Gesher nun mit Ministeriumssiegel deutlich mehr Eindruck schinden kann beim Innenministerium, dessen MitarbeiterIinnen scheinbar willkürlich über die Schicksale der Flüchtlinge entscheiden. Ido, der Leiter der Klinik, lächelte verschmitzt und sagte, er sitze jetzt endlich im trojanischen Pferd und könne so weiter für bessere Flüchtlingsbedingungen in Israel kämpfen. Flüchtlinge in Israel kommen zum allergrößten Teil aus Eritrea, auch aus dem Sudan und aus Nigeria. ArbeitsmigrantInnen häufig auch von den Philippinen und aus Indonesien.
Die Atmosphäre in dieser kleinen Ambulanz mit PsychologInnen, PsychiaterInnen, StudentInnen und eritreischen Übersetzern war sehr herzlich, und ich habe mich sehr, sehr wohl gefühlt. Ich war jede Woche an zwei Nachmittagen dort. Ich hatte sogar eine eigene Patientin dort für einige Wochen. Ich war jedes Mal unheimlich froh, aus meiner passiven Rolle, die die sehr basalen Hebräischkenntnisse nunmal meistens nach sich ziehen, rauszukommen und aktiv werden zu können. Ich bin froh über diese Erfahrung und gleichzeitig entsetzt über diesen mir vorher unbekannten Aspekt der israelischen Gesellschaft, über die höchst restriktive Flüchtlingspolitik, den starken Rassismus und die Diskriminierung Menschen afrikanischer Herkunft.

טובהשנה
(Shanah tova)
Frohes Neues Jahr!

Rosh Hashanah, das jNegev Wueste. Foto:privatüdische Neujahrsfest, verbrachte ich mit der Familie von Daphna, mit Honig und Äpfeln und Granatäpfeln und allem, was sonst dazu gehört. Yom Kippur in Tel Aviv war auch ein tolles Erlebnis. Kein Auto rollt, kein Motor läuft, die ganze Stadt war auf den Beinen, Inline Skates, Skateboards oder Rädern unterwegs. Stundenlange Spaziergänge auf den Hauptstraßen. Picknick mitten auf der Kreuzung. Fastenbrechen-Abendessen ohne vorangegangenes Fasten, zumindest für mich.


In Jerusalem war ich natürlich auch öfter, auch weil mir Tel Aviv besonders anfangs zu westlich und zu abgekapselt vom restlichen Land schien. Jerusalem ist beeindruckend, sehr schön, sehr lebendig und sehr gezeichnet von Widersprüchen und Zerreißproben. Die Altstadt innerhalb der Stadtmauern ist unterteilt in das jüdische Viertel, das Muslimische, das Christliche und das Armenische. Unterschiede wie Tag und Nacht, vor allem am Shabbat! Während im jüdischen Viertel alles ruhig ist, und alle die überhaupt auf den Strassen sind ganz offensichtlich religiös sind und zur Klagemauer strömen, tobt im muslimischen Viertel das Leben auf der Strasse. Riesige schubkarrenartige Wagen mit Bergen aus Obst und Brot werden mit ankündigendem Geschrei durch die engen Marktgassen geschoben ohne Rücksicht auf Verluste. Aber jeder ist flink und geschickt genug, auszuweichen. Frauen tratschen und kaufen ein, Kinder hüpfen überall rum und die Herren sitzen gemächlich rum und schauen und rauchen. Herrlich! Ansonsten genoss ich auch ab und zu mit Freunden die Sonne, das Meer, die schönen Ecken Tel Avivs, die Unbeschwertheit und das bloße In-den-Tag-leben.  Ich begann irgendwann, Tel Aviv wirklich zu mögen... An den Wochenenden war ich oft unterwegs, in Akko, Haifa, am Toten Meer, in der Wüste Negev und in Jordanien.


Nach Abschluss der 8-wöchigen Famulatur hatte ich mir noch eine Woche eingeplant, um endlich Palästina zu bereisen, was ich auf keinen Fall missen wollte. Ich besuchte Antonia, die f&e in Bethlehem machte. Swing for peace in Beit Jala. Bethlehem  voll von christlichen Pilgern, Marienstatuen, einer schönen Altstadt… und Mauern. Banksy war auch da. Jericho per Fahrrad. Ramallah bei Nacht. Palästinensischer Wein aus Beit Jala und Arak natürlich. Bilin im „Friends of freedom and justice“ centre. Panzer, Soldaten, Mauer, Mauer, Mauer, Tränengas…Hebron. Checkpoints und Wachposten überall, wirklich überall. Siedler, Stacheldraht, Soldaten, und noch mehr Mauern. Eine Moschee, getrennt in der Mitte in eine Synagoge und eine Moschee.

Ich merkte während meiner zweieinhalb Monate in Israel auch immer wieder, wie stark militarisiert dieses Land ist, der ganze Staat, die Gesellschaft. Es herrscht zu viel Krieg in den Köpfen, es ist zu selbstverständlich für zu viele. Zwar traf ich auch viele kritisch eingestellte Menschen, aber manchmal hatte ich das Gefühl, für meinen Pazifismus ein klein wenig belächelt und schlichtweg nicht verstanden zu werden.

Begegnungen
Ich habe jetzt schon so viele interessante Patienten kennen gelernt, dass ich ihre Geschichten am liebsten aufschreiben würde, um sie nicht zu vergessen.
Menschen, die vor den Nazis geflüchtet sind. Menschen, die jahrelang versteckt wurden. Menschen, die im KZ waren. Menschen, die kaum mehr Familie haben wegen des Holocausts. Menschen, die erst jetzt anfangen darüber zu sprechen. Menschen, die am israelisch-palästinensischen Konflikt zerbrechen. Menschen, die in Schwarz und weiß zu denken scheinen und sich als stolze Israelis im Kampf gegen den "arabischen Terror" sehen. Menschen, die um ihre Kinder in der Armee bangen. Menschen, die nach schweren Unfällen aus der Depression nicht rausfinden. Menschen, die aus Eritrea geflüchtet sind. Menschen, die im Sinai gekidnappt wurden, vergewaltigt, ausgeraubt oder deren Begleiter ermordet wurden. Menschen, die unbändige Angst vor Krebs haben. Menschen, die jahrelang in Eritrea im Gefängnis saßen. Menschen, die voller Optimismus ihren Landsleuten aus Eritrea helfen und als Übersetzer in Gesher arbeiten. Menschen, die als Kinder Soldaten sein mussten. Menschen, die trotzdem lachen und weiterleben können. Menschen, die ganz "normale" Probleme haben wie psychiatrische Patienten weltweit. Menschen, die an paranoiden Wahnvorstellungen leiden. Menschen, die vergessen - auch vergessen, dass sie vergessen weil sie an Demenz leiden. Menschen, die Halt und Trost während ihrer psychischen Krankheit in der Religion suchen, die ultraorthodox werden. Menschen, die mich bemitleiden, weil ich nicht religiös bin. Menschen, die trotz alledem mit mir Basketball spielen, Memory, Backgammon oder Mau Mau, die lachen können und sich wieder gesund fühlen für ein paar Momente. Menschen, die seit einem halben Jahr in der Psychiatrie leben. Und, und, und.

Ich bin sehr glücklich über die tolle und spannende Zeit, die ich mit f&e in Israel gemacht habe. Ich möchte Ulla und der IPPNW herzlich dafür danken. Mein besonderer Dank gilt Daphna und Ido, Lucie und Dr. Kron, dem ganzen Team der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ebenso allen anderen tollen Menschen, die ich in Israel kennen gelernt habe, welche diese Zeit erst so wertvoll machten.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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