IPPNW.DE
Seite drucken

Bosnien-Herzegowina

von Christin Lorenz

Ankommen
Ohne genau erahnen zu können was mich erwartet, habe ich voller Vorfreude zugesagt, angefangen zu recherchieren und meine Freunde um mehr Details gebeten. All die Informationen, die Google und diverse Reiseführer zu bieten hatten, gaben mir einen groben Überblick über die komplexe Geschichte dieses kleinen herzförmigen Landes, dennoch hatte ich noch immer wenig Vorstellung davon, was auf mich zukommen wird.
Dann ging alles ganz schnell. Die letzten Klausuren des Sommersemesters waren geschrieben, und einen Tag später saß ich schon im Flieger. Die geringe mentale Vorbereitungszeit machte sich auf der Taxifahrt vom Flughafen zu meiner Bleibe bemerkbar. Plötzlich waren die Spuren des Krieges, der fast 20 Jahre zurückliegt mit einer unglaublichen Präsens zu sehen und für mich mit einer enormen Intensität zu spüren. Unzählige Einschusslöcher in Häuserwänden prägten gefühlt nahezu den kompletten Weg bis zu meiner Wohnung. Das beklemmende Gefühl sorgte für einen großen Kloß im Hals und auf einmal hatte ich das Gefühl, dass mein Gepäck deutlich schwerer war. Glücklicherweise wurde dieses beklemmende Gefühl durch die überaus netten, gastfreundlichen und sehr hilfsbereiten Bosnier schnell weniger. „So nah und doch so fern“ kam mir in vielerlei Hinsicht immer wieder ins Bewusstsein. Zum Einen „so nah“ die Kriegsspuren sehen, die sich aber für mich persönlich „so fern“ anfühlten, da ich das Glück hatte in einer friedlichen Umgebung groß zu werden. Zum Anderen musste ich im Laufe der Zeit feststellen, dass obwohl Bosnien und Herzegowina und Deutschland geografisch eigentlich „so nah“ beieinander liegen, es sich aber „so fern“ anfühlt. In mancherlei Hinsicht vielleicht wie zwei unterschiedliche Welten.

Balkanstyle
Mostar bei Tag. Foto:privatAber nicht nur die Geschichte des Landes, sondern auch die Lebensweise trägt zu diesem Gefühl bei. Die Balkanmentalität, oder wie ich es auch gern nenne: „Balkanstyle“, hat auf unterschiedlichste Weise meinen Alltag geprägt. Positive Erinnerungen habe ich besonders an die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft meiner lieben Mitmenschen vor Ort. Viele Einladungen zu bosnischem Kaffee, Essen, Gesprächen, Stadtführungen etc.. Allerdings gab es auch Momente in denen die „spontane“ Grundeinstellung mir nicht so gut gefallen hat. So wie es bei meiner Vorgängerin Anna Maria eine Überraschung für das Klinikpersonal war, trotz regen Emailkontakts in den Wochen zuvor, die Famulatur zum ausgemachten Zeitpunkt antreten zu wollen, war es auch bei mir. Der erste Tag der Famulatur stand an, jedoch gab es plötzlich keine Antwort mehr auf meine Mails. Somit wusste ich nicht wann wohin. Ein bosnischer Medizinstudent, der ungefähr im gleichen Zeitraum, den ich in BiH verbrachte in einem IPPNW-Projekt nach Würzburg reiste, war glücklicherweise noch in Sarajevo und verhalf mir rasch zu einer Lösung und einem ersten Tag in der Kardiologie. Das Problem lag wohl darin, dass ich das Anmeldeformular nicht vollständig ausgefüllt hatte. Was mir allerdings nicht erklärt, warum auf meine Mails nicht mehr geantwortet wurde.

Famulatur
Vielleicht lag es an der Urlaubszeit, die auch im Krankenhausalltag zu spüren war. Manchmal leider mit Schrecken, da es Zeiten gab, in denen ich feststellen musste, dass bestimmte Behandlungen aufgrund des urlaubsbedingten Personalmangels nicht durchgeführt werden konnten und den Patienten somit die benötigten therapeutischen Interventionen verwehrt blieben. Jedoch nicht nur temporär fehlendes Personal, sondern auch dauerhaft fehlendes Geld machte manch eine Behandlung unmöglich. In meiner Famulatur musste ich miterleben, dass eine Reparatur oder ein Prüfsiegel zu teuer sein kann und nötige Eingriffe somit nicht durchgeführt werden können, auch wenn es in der Nähe kein alternatives Behandlungsangebot gibt. Ein paar Patienten habe ich immer noch vor Augen: Aufnahme mit einem akuten Herzinfarkt und dann leider kein Herzkatheter wegen eben genannter Gründe möglich. Die Lysetherapie zeigte keinerlei Erfolge und dann konnte ich jeden Tag die zunehmende Verschlechterung sehen. Wie oft mir der Gedanke, ob ein Transport in ein anderes Land, in dem die Behandlung irgendwie möglich wäre, kam, kann ich nicht mehr zählen, aber das löst schließlich die gegenwärtige Probleme der bosnischen Gesundheitsversorgung auch nicht. Für mich persönlich habe ich damit einen Punkt gefunden an dem ich gern dranbleiben und Wege entdecken möchte, wie die Situation langfristig und nachhaltig verbessert werden könnte. Ein ganz schönes Projekt habe ich vor Ort kennen lernen können. Mehrmals im Jahr kommen Ärzteteams aus unterschiedlichen Ländern und
geben ihr Know-how an die Kollegen des Uniklinikums Sarajevo weiter. Das Personal wird geschult und zum Beispiel bei bestimmten Behandlungs-/Operationstechniken angeleitet. Im aktuellen Fall war es die Kinderherzchirurgie.
Die Motivation in BiH Arzt zu werden wird für viele schwer nachvollziehbar sein. Nach dem Studium sind die Möglichkeiten eine Anstellung zu kriegen gering, und wenn man eine findet, ist die Bezahlung möglicherweise über Jahre verschwindend gering. Dazu kommt die Frustration den Patienten oftmals nicht die Therapie/Behandlung zukommen lassen zu können, die sie bräuchten. Auch halten sich viele Ärzte mit zwei Jobs über Wasser. Mit diesem Wissen wird es schon schwieriger die Bestechungen zu verurteilen, mit denen Patienten versuchen an ihre Behandlung zu kommen. Nichtsdestotrotz habe ich viele großartige Ärzte kennen lernen dürfen, die mit einer unglaublich positiven Energie ihrer Arbeit nachgehen und das Beste versuchen daraus zu machen.

Sarajevo ist eine wunderschöne Stadt
Mostar Dämmerung. Foto: privatin die man unbedingt reisen sollte. Als ich mich einigermaßen an die Einschusslöcher gewöhnt hatte, konnte ich die unglaubliche Vielfalt deutlich besser wahrnehmen und genießen. Von einem der Aussichtspunkte Sarajevos blickt man auf eine Vielzahl von Moscheen (laut Reiseführer über 100) hinab. Der Fluss Miljacka, der durch die Stadt fließt, begeistert mit den unterschiedlichsten Brücken aus unterschiedlichsten Zeiten an denen historisch allerhand passiert ist. Auf der einen Seite Sarajevos findet sich die osmanisch geprägte Altstadt, auf der anderen Seite prägen eher österreich-ungarische Gebäude das Stadtbild. Darüber hinaus gibt es von Plattenbauten bis riesigen Shoppingmalls über Granateneinschusslöcher aus den 90ern und
Brandspuren an den Regierungsgebäuden von den Unruhen im Februar 2014 nahezu alles zu sehen. Eine Konstante gibt es allerdings in der kompletten Stadt: Straßenhunde. Aber auch für die restlichen Sinne ist gesorgt. Für die Ohren wird überall und zu nahezu jeder Zeit gehupt, was nur durch die Muezzinrufe der vielen Moscheen überdeckt wird. Für die Nase gibt es den Duft von Kaffee, frischem Brot und dem Fruchttabak der Wasserpfeifen.

Sozialprojekte
Meine Reisezeit von Mitte Juli bis Mitte September hatte Vor- und Nachteile: Für mich eher ungünstig stellte sich die Urlaubszeit dar. Sowohl im Krankenhaus als auch in NGOs oder gemeinnützigen Vereinen lief alles ziemlich auf Sparflamme. Doch ein großer Vorteil an einer früheren Reisezeit ist das Sarajevo Filmfestival (SFF). 2014 wurde das 20. gefeiert. Als ich darüber nachdachte, dass das SFF also während des Krieges zum ersten Mal stattfand, war ich sehr überrascht und fand es sehr schön mit Menschen, die 1994 in Sarajevo waren über dieses Event während der schlimmen Kriegszeit zu sprechen.
Wegen der vielen netten Menschen und Begegnungen verging die Zeit wie im Flug. Leider ein bisschen zu schnell. Sehr gern hätte ich noch mehr Projekte kennen gelernt, die aber erst nach meiner Abreise mit Ende der Urlaubszeit die Arbeit wieder vollständig aufnahmen. Doch auch wenn ich die fantastische Arbeit vieler dieser NGOs und Vereine nicht live erleben konnte, so habe ich doch durch Gespräche mit den Beteiligten einen ganz guten Eindruck bekommen und ziehe meinen Hut mit wie viel Kraft und Engagement sich Einzelne für das große Ganze stark machen
und dabei ihre eigene teilweise traurige Vergangenheit hinter sich lassen.

Hochs und Tiefs
Fluss Drina. Foto: privatEnde August kamen Eva (Projektland Mazedonien) und Klara (Projektland Kosovo) zu einem kleinen Balkantreffen bei mir vorbei. Wir gönnten uns Unmengen bosnischen Kaffee, frittiertes Essen, ein paar schöne Ausflüge ins Umland und den gemeinsamen Besuch in der Srebrenica-Ausstellung. Ich kann diese Ausstellung wirklich empfehlen, bin aber unglaublich froh, dass die beiden dabei waren, weil die Eindrücke sehr, sehr schmerzlich sind und der Gesprächsbedarf anschließend recht hoch war.
So vielseitig Bosnien-Herzegowina ist, so war auch meine Zeit dort. Hochs, Tiefs, unzählige neue Impressionen und Denkansätze und das Gefühl ganz bald wieder hinzufahren und mehr davon bekommen zu wollen.

zurück

Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

Sitemap Überblick