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Palästina

von Antonia Amelie Sarnes

01.12.2013 The fish,
Even in the fisherman's net,
Still carries
The smell of the sea.

(Mourid Barghouti)

Es ist der erste Tag nach Ende des Ramadan, als ich am Damaskustor in Jerusalem in den arabischen Bus Nr. 21 steige, anscheinend der letzte, der an diesem Abend nach Bethlehem fahren wird.   

So quetsche und dränge ich mich an der Busstation mit Unmengen verschleierten Frauen, deren Kinderschar mit der einen Hand am Rockzipfel hängt, in der anderen die Plastikspielzeuggeschenke, die es zum Fest gegeben hat. Irgendjemand scheint Mitleid mit mir zu haben und schiebt mich mit meinem Rucksack in den Bus. Ich ergattere also einen Platz, finde mich neben einem palästinensischen Mathematiklehrer wieder und bereite mich gedanklich auf meine Ankunft in Bethlehem vor. Doch kurz nach der Abfahrt hält der Bus erneut und zwei IDF-Soldaten, höchstens 20 Jahre alt und behängt mit schusssicheren Westen und Maschinengewehren, besteigen den Bus, um die Papiere zu kontrollieren, Rucksäcke zu durchsuchen und eine Mutter mitzunehmen, die ihre Sondergenehmigung nicht finden kann. Ich frage mich, wie sie nach Bethlehem zurückkommen wird in der Nacht; es ist der letzte Bus.
Als ich in Bethlehem ankomme, scheint niemand die Star Street zu kennen, in der ich die nächsten Wochen wohnen werde. Ein Pulk junger Männer und Kinder nimmt mich aber unter ihre Fittiche und eskortiert mich schließlich erfolgreich durch die Gassen des Soukh zu meiner Bleibe. Die Sonne ist schon fast untergegangen, als ich bei Familie Moussallam, meiner Gastfamilie, eintreffe. Man hat mich schon erwartet und empfängt mich gleich mit leckerem Musakhan, einem auf Brot mit süßen Zwiebeln und vielen Gewürzen gekochten Hähnchen.

Die ersten vier Wochen verbringe ich als Famulantin im Caritas Baby Hospital, dem einzigen Kinderkrankenhaus in den palästinensischen Autonomiegebieten. Da es sehr klein ist und es recht familiär zugeht, kann ich mich munter durch die Räume bewegen und verbringe einige Tage auf der allgemeinpädiatrischen Station, wo ich viele Krankheitsbilder sehe, die in Deutschland sehr selten sind. Allen voran unzählige Stoffwechselerkrankungen und Enzymdefekte, die wohl den 30 Prozent Verwandtenehen geschuldet sind. Die Visiten, die eigentlich auf Englisch abgehalten werden, sind recht lehrreich (einige Tage habe ich schon gebraucht, um dem medical english im arabischen Slang folgen zu können). Aber immer öfter verfallen die Ärzte in ihre Muttersprache, deren Klang zwar interessant und ästhetisch, aber doch völlig unverständlich ist. So beobachte ich viel, versuche aufgrund der Kleidung die Herkunft der Mütter herauszubekommen. An einem Bett wacht eine Beduinin, gleich daneben eine offensichtlich christliche Mutter, der ein großes goldenes Kreuz um den Hals baumelt. Der muslimische Assistenzarzt hört das Kind ab unter dem wachenden Auge des christlichen Oberarztes. Hier scheint die Religion keine Rolle zu spielen, zumindest sieht es für mich so aus.
Auf der Neugeborenenstation sehe ich viele Frühchen mit Atemproblemen, Down-Syndrom-Kinder, wieder Stoffwechselerkankungen. In der Outpatients-Klinik kann ich selbst Kinder untersuchen und mich zwischen den Behandlungen mit den netten Pädiatern unterhalten, über ihr Studium in Ägypten oder Jordanien, ihre Familie oder die aktuelle politische Situation in Syrien. Während einiger Tage sieht es aus, als würde ein neuer Krieg in der Region beginnen.

Beim täglichen Mittagessen in der Krankenhauskantine, das ich zum Erstaunen des Krankenhauspersonals trotz der Hitze immer auf der Terrasse einnehme, lerne ich einen der Security Officers näher kennen, der im nahe gelegenen AIDA-refugee-camp wohnt. Er lädt mich ein, mit ihm eine Runde dort zu drehen und stellt mich seiner Familie vor. Es war eine der schönsten Begegnungen, die ich in Bethlehem machen durfte: Von dem Tag an verbringe ich meine Freitage immer bei seiner Familie, darf die sehr gute palästinensische Feiertagsküche kosten, bringe einer der Töchter Französisch bei und sie mir die wichtigsten Arabischvokabeln, lerne es, auf die unglaublich schmachtende libanesische Popmusik zu tanzen und werde von den zwei ältesten Töchtern auf eine Hochzeit mitgenommen. Manches Mal frage ich mich, ob es in Ordnung ist, dort so oft zu sein und den Mädchen „Flausen in den Kopf zu setzen“, wie der Vater vielleicht denkt. Alle sind sich einig, dass es ganz schön verrückt ist, sich alleine als Frau in fremden Ländern und Kulturen zu bewegen. Sein eigenes Leben selbstbestimmt und unabhängig von der Familie führen zu können, erscheint vor allem den gleichaltrigen Töchtern unvorstellbar.

Im Anschluss an die Famulatur besuche ich das Mental Health Hospital Bethlehem, die einzige Psychiatrie des Landes, und das Holy Family Hospital, wo ich bei Geburten und Operationen dabei sein darf. Vielleicht könnte der/ die Nächste im kommenden Sommer hier einige Tage famulieren.
Dann verbringe ich eine Woche im GTC, dem Guidance and Training Center for The Child and Family, einer psychologischen Beratungsstelle für Kinder und deren Familien. Man weiß mit mir nicht viel anzufangen, aber ich bekomme dennoch tiefere Einblicke in Familienstrukturen, Erziehungsformen und Eheprobleme. Es ist interessant zu sehen, wie sich psychologische Beratung in einem anderen kulturellen Umfeld den Traditionen und Verhältnissen anpassen muss. Einer Frau mit misshandelndem Ehemann kann man nicht sofort raten, sich zu trennen, weil das Leben als geschiedene Frau unter Umständen schwieriger sein kann als mit der Situation zu leben.

Die folgende Woche liege ich mit einem Sonnenstich, den ich mir bei 39 Grad in Jericho eingefangen habe (man möchte ja nicht wie ein Tourist aussehen und zieht deshalb keine Kappe auf, eine sehr sinnvolle und medizinisch höchst überlegte Entscheidung...) darnieder und muss meine Sozialprojektpläne etwas umstellen.

Ich treffe mich mit einem Arzt, der für die hwc arbeitet, den Health Work Committees, einer NGO, die ärztliche Hilfe auf lokaler Ebene anbietet. Sie betreiben mit internationaler finanzieller Unterstützung (EU, Global Fund, Oxfam) kleine Krankenhäuser, wo sie auch ambulante Operationen anbieten, und schicken jeden Tag „mobile clinics“ los, bestückt mit Arzt, Krankenschwester und Pflegehelferin. Ich darf mit diesen mobilen Kliniken mitfahren und sehe, wie in der Area C (das Gebiet der palästinensischen „Autonomie“gebiete ist in drei Zonen aufgeteilt: Area C unter isrealischer Kontrolle, Area B geteilt und Area A unter palästinensischer Kontrolle, das aber nicht einmal 10 Prozent der gesamten Autonomiegebiete umfasst). In einem Moscheevorraum behandeln wir weitere Beduinen und „Landwirte“, die meisten mit Respirations- und Magen-Darm-Erkrankungen, die sich aber oft in weit fortgeschrittenen Stadien befinden, da der Weg zum Arzt immer mit einer großen Anstrengung verbunden ist.

Die letzte Woche arbeite ich auf dem ToN, dem Tent of Nations mit. Seit über hundert Jahren gehört der Weinberg zwischen Bethlehem und Hebron der palästinensischen Familie Nasser, die mit internationaler Hilfe und Präsenz, dem Motto „We refuse to be ennemies“ und einem seit über 20 Jahre andauernden Prozess vor einem Jerusalemer Gericht versucht, im Besitz ihres Weinbergs zu bleiben. Er befindet sich in der Area C, komplett umrundet und eingeschlossenen von israelischen Siedlungen, die sich mit Mauern und Eingangscheckpoints abschotten. Der einzige Zufahrtsweg wurde vor Jahren von aufgebrachten Siedlern zerstört. Wasser gibt es nur aus über den Winter mit Regenwasser gefüllten Zisternen, an das Abwassersystem sind sie nicht angeschlossen.

Die Familie wohnt mittlerweile kaum noch dort, aber es tummeln sich eine Handvoll Freiwillige, die durch ihre Anwesenheit versuchen, das Abholzen der über Tausend Olivenbäume zu verhindern, den Weinberg zu bestellen und die Tiere zu versorgen. Es sind sehr ruhige Tage dort, ohne Internet, ohne mediale Ablenkung, ohne Zeitung und Radio. Ich stehe bei Sonnenaufgang auf und gehe früh ins Bett, führe nette Gespräche mit den anderen Freiwilligen und habe Zeit, mir über die vergangenen neun Wochen Gedanken zu machen.

An meinen freien Tagen und Nachmittagen erkunde ich die Umgebung. Palästinenser zeigen mir Bethlehem, die christlichen Stätten wie Geburtskirche, Shepherd's Fields oder diverse Grabmäler. Ich besuche Ramallah und Jericho mit anderen jungen Leuten aus der ganzen Welt. Ich habe viel Kontakt zu französischen Praktikanten, Konsulatsmitarbeitern, Lehrern und lerne deren Welt der Expats kennen und werde von ihnen oft zu den verschiedensten Veranstaltungen mitgenommen.

Unzählige Male fahre ich nach der Arbeit im Krankenhaus, das direkt neben der „Sicherheitsmauer“ (die doppelt so hoch ist wie die Berliner Mauer) und dem großen Checkpoint 300 liegt, nach Jerusalem. Die Stadt mit ihrem Mosaik aus Religionen und Ethnien fasziniert mich. In der Altstadt gelangt man innerhalb weniger Minuten vom christlichen ins jüdische Viertel, dann ins armenische und ins arabische. Die verschleierte Palästinenserin verkauft der christlichen Pilgerin einen Schal, während an ihnen eine ultraorthodoxe jüdische Familie mit einer ganzen Kinderschar auf dem Weg zur Klagemauer vorbeihastet. Ich besuche auch jüdische Sights, das Herzl-Grabmal, Yad Vashem, das Israel-Museum, den Mahane-Yehuda-Markt, um auch etwas von der anderen Seite der Mauer mitzubekommen. Beide Seiten verstehen zu können ist aber doch nicht so einfach. Ich freue mich jedes Mal wieder, wenn ich abends nach Bethlehem in die vertraute Umgebung zurückfahre.

Am Wochenende mache ich mehrmals achtstündige Wanderungen in den Wadis um Jericho mit einer amüsanten und vielversprechenden Gruppe: meinem französischen Mitbewohner und Praktikanten bei der Alliance Française, einer Konsulatsmitarbeiterin, einem britischen Fotografen, einer seit 30 Jahren in Bethlehem lebenden Nonne, einer palästinensischen Filmemacherin und Autorin (die ich im Folgenden bei ihrer Lesereise aus ihrem Buch „Le désespoir voilé – Femmes et féministes de Palestine“ begleite und so toughen Diskussionen zwischen Uniprofessoren aus Birzeit und Frauen in der Politik zur Zeit Arafats beiwohne) und ihrer Familie.

Über die zahlreichen Einladungen, um die man in Palästina nicht herum kommt, könnte ich noch viel Interessantes schreiben.
Der Sommer war einer der intensivsten überhaupt, geprägt von Politik, Religion, Diskussionen, Literatur, einmaligen Begegnungen, Hitze, Wasserknappheit, Essen, Musik. Wenige Regionen dieser Welt dürften von einer derartigen Ambivalenz geprägt sein.
Um mir ein bisschen etwas vom Gefühl dieser Zeit zu bewahren, lerne ich jetzt an der Uni Arabisch. Ich habe versprochen, ein bisschen die Sprache zu können, wenn ich das nächste Mal zurückkehre. Inshallah.

The fish,
Even in the fisherman's net,
Still carries
the smell of the sea.

(Mourid Barghouti)
Mit diesem Gedicht, das mir während des Sommers das ein oder andere Mal begegnet ist, möchte ich meinen Bericht abschließen.

Für Interessierte:

Bücher:

Dieter Vieweger: Streit um das Heilige LandJörn Böhme/ Christian Sterzing: Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen KonfliktsGuy Delisle: (Aufzeichnungen aus) JerusalemGedichte von Mahmud Darwish und Mourid Barghouti

 Filme:

MiralLemon TreeDas Schwein von Gaza5 Broken CamerasDas Herz von JeninCheckpointBrides of Allah (Arte-Dokumentation)

 

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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