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Mazedonien

von Lisa Bergmann

01.12.2013 Mazedonien? Viele, denen ich vorher von meinen Plänen erzählt habe,  reagierten mit Überraschung und nicht allzu selten musste ich eine kurze geographische Aufklärung geben. Ich habe mich darauf gefreut, ein Land kennen zu lernen, dass so klein und unbekannt und doch gar nicht so weit weg im Süden Europas liegt. Mit zwei Millionen Einwohnern und einer Fläche, die mit einem deutschen Bundesland vergleichbar ist, ist Mazedonien zwar klein, aber deswegen nicht minder interessant. Bei nicht mal drei Stunden im Flugzeug war der Kulturschock doch größer als erwartet. Besonders die Herzlichkeit der Menschen, einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen zu wollen und die grenzenlose Gastfreundschaft sind mir in Erinnerung geblieben.

Zwischen Kultur, Tradition und Alltag
Gelebt habe ich während der zwei Monate in Stip, einer Kleinstadt mit knapp 50.000 Einwohnern im Osten Mazedoniens. Die Möglichkeiten sind wohl nicht mit denen der Hauptstadt Skopje zu vergleichen, gleiches gilt aber auch für die Preise und besonders die Menschen. In kurzer Zeit wurde ich so vielen vorgestellt, dass ich nicht selten jemanden auf dem Weg zu Fuß durch die Stadt getroffen habe. Gewohnt habe ich in einer Wohnung von Studenten, die gerade in den Sommerferien waren, direkt im Zentrum von Stip. So konnte ich alle Wege zu Fuß erledigen: in die Stadt, zur Klinik, zu meinen Praktika, zu Freunden und zu den abendlichen Treffen in den Coffee-Bars.
Wenn ich sagen sollte, was mir in Deutschland am meisten fehlt, wäre es vermutlich die Spontanität der Menschen. Am Anfang war das sicherlich gewöhnungsbedürftig, wenn man als Deutsche gerne alles gut geplant hat. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass sich spontan schon etwas finden wird und dies in Mazedonien die bessere Art zu leben ist. Nicht selten bekam ich einen Anruf mit der Frage, ob ich nicht in einer halben Stunde Zeit hätte, mich zu treffen. Es war unglaublich, wie selbstverständlich es für alle war, mich überall und zu jeder Verabredung mit hin zu nehmen und mich stets zu sich nach Hause einzuladen. Es ging soweit, dass ich manchmal schon Probleme hatte, wieder gehen zu dürfen.

Famulatur
Meine Famulatur habe ich im „Clinical Hospital“ in Stip verbracht, einem regionalen, recht kleinen Krankenhaus, das aber Anlaufstelle für den Osten Mazedoniens ist und somit ein recht großes Einzugsgebiet hat. Dementsprechend gibt es eine Vielzahl an Fachbereichen, was man von einer kleinen Klinik sonst vielleicht nicht erwarten würde. Die Atmosphäre ist sehr familiär und persönlich und die meisten Ärzte der Klinik kennen sich untereinander.  Das machte es für mich einfach in verschiedenste Fachbereiche hereinzuschnuppern und überall einen Eindruck zu gewinnen.
Meine erste Woche verbrachte ich auf der Gynäkologie und Geburtshilfe. Gleich am ersten Tag schaute ich bei einer Geburt zu und bekam das beste Beispiel, dass mazedonische Medizin nicht mit deutscher Medizin zu vergleichen ist. Auch hier werden Menschen versorgt, behandelt und geheilt, aber der Weg dahin ist oft ein anderer. Viel zu oft wurde ich gefragt, was mich denn in diese kleine Klinik verschlagen hat und wieso ich nicht in Skopje famulieren würde. Meine Erklärungsversuche, dass ich Universitätsmedizin auch in Deutschland sehen kann und dass es mich auch interessiert  wie man hier trotz allem Medizin betreibt, stießen auf Unverständnis.
Die Ausstattung der Klinik war einfach. Die Patienten liegen bis zu zehnt in einem Zimmer, in dem in Deutschland nicht mal die Hälfte der Patienten untergebracht werden würden.  Es fehlte leider oft an vielem nötigen, worunter nicht zuletzt auch die Hygiene litt. Gerade das störte mich sehr, wobei es mir vorkam, als ob sich die Menschen dort daran gewöhnt hatten.
Der Tag wurde auf allen Stationen mit gemeinsamem Kaffeetrinken begonnen. Überhaupt bekam ich so einigen Kaffee angeboten, sodass ich trotz Gastfreundschaft anfangen musste abzulehnen. Es folgten Visiten in den einzelnen Zimmern, von denen ich besonders am Anfang wenig verstand und mir leider auch nur wenig übersetzt wurde. Auf der Gynäkologie durfte ich dann oft bei Kaiserschnitten oder kleineren Eingriffen im Behandlungszimmer zusehen. Einmal durfte ich zum Ende hin auch assistieren. Die Räumlichkeiten von OP und Station in unmittelbarer Nähe waren ungewohnt für mich und hygienisch sicherlich bedenklich.
Die Wöchnerinnen waren in einem getrennten Bereich und dort für die drei Tage, die sie nach der Geburt blieben, weitestgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Über ein kleines Fenster versuchten immer mal wieder Angehörige einen Blick auf den Familienzuwachs zu erhaschen. Auch bei der Geburt durfte außer dem Krankenhauspersonal niemand dabei sein. All das war für mich doch irritierend, aber vielleicht für die Frauen selbst eine gute Möglichkeit zur Ruhe zu kommen, bevor es in das familiäre Umfeld zurück ging.

Nach einer guten Woche wechselte ich in die Pädiatrie, wo zwei junge Ärztinnen sich um mich kümmerten, die auch beide gut Englisch sprachen und mir so einiges erklären konnten. Ich war bei den Visiten dabei und habe auch zusammen mit einer Ärztin die Neugeborenen untersucht, die dort jeden Tag von den Ärzten ausführlich gesehen werden.
Wie in vielen Bereichen in der Stadt war auch in der Klinik Sommerpause und weniger los als sonst. Trotz allem oder vielleicht deswegen habe ich viele andere Bereiche in den vier Wochen angeschaut. Viele Ärzte, die ich kennen gelernt habe, wollten, dass ich bei Ihnen auch noch einmal vorbei komme. So war ich noch in der HNO, der Augenheilkunde und der Inneren Medizin und für kurze Besuche in der Pathologie, der Infektiologie und der Neurologie. Es war schön zu sehen, dass ich überall jederzeit willkommen war und meist mit einem Kaffee begrüßt wurde. Oft musste ich meine Pläne, wann ich auf welchen Stationen sein wollte aber danach richten, wann ein Englischsprachiger Arzt anwesend war.  Besonders die älteren Kollegen konnten sich oft nur in Zeichensprache mit mir verständigen. Auch wenn ich nicht allzu viel Theoretisches in der Famulatur dazugelernt habe, habe ich doch eine Menge für mich mitgenommen und möchte diese Erfahrung nicht missen.

Sozialprojekte
Sowohl vor als auch nach der Famulatur habe ich drei verschiedene Sozialprojekte kennengelernt. Bei den „Roma Mediators“ kümmerte sich eine junge Frau um mich, die zusammen mit einer Krankenschwester regelmäßig zu den Roma geht und sie registriert, die Daten aller Familienangehörigen und der Lebensumstände notiert, guckt, ob die Menschen eine Krankenversicherung haben und ob sie Sozialgeld bekommen. Das Ganze wird dann in verschiedenen Formularen festgehalten. Die offizielle Zählung sagt, dass 2000 Roma in Stip leben. Geschätzt wird, dass es mittlerweile 4000 sind. Sie wohnen in sehr einfachen Hütten mit oft nur einem Raum und ohne Möbel. Sie haben weder fließendes Wasser noch sanitäre Anlagen oder gar eine Küche. Die Schwierigkeiten fingen schon damit an, die Familien zu finden, zu denen wir wollten, weil sich ihre Wohnorte immer wieder ändern. Auf dem Weg durch die Roma-Siedlung wurden wir daher von einem kleinen Jungen geführt, der uns zeigen konnte, wo die Familien leben. Mittlerweile ist die Akzeptanz der Roma für dieses Projekt vorhanden und eine Vertrauensbasis zwischen den beiden Frauen und den Familien in der Siedlung entstanden. Leider konnte ich nur durch Übersetzung und Zeichensprache mitkriegen, was erzählt wurde, weil die Kommunikation komplett auf Türkisch lief.

Eine weitere Woche verbrachte ich beim Mazedonischen Roten Kreuz. Auch das war spannend, aber leider wenig aktiv, weil auch hier das Sommerloch im September noch nicht vorüber war. Ich konnte mich aber über viele Aktionen der Ortsgruppe informieren, die von Blutspende über Erste Hilfe Kurse und Wettbewerbe bis hin zu Unfallsimulationen und Verteilen von Hilfsgütern an Bedürftige gehen. Ich hätte nicht erwartet, dass sich in einer vergleichsweise kleinen Stadt doch eine so aktive Gruppe findet.

Am Ende meines Aufenthaltes war ich noch mit dem Leiter einer kleinen Nichtregierungsorganisation unterwegs, der „Association for Multiethnic Society of Human Rights“. Sie setzt sich für die Rechte der Minderheiten in Stip ein und kooperiert dabei stark mit dem Rathaus, wo der Leiter gleichzeitig auch für die Minderheitenangelegenheiten angestellt ist. Es war spannend, die Arbeit dort mitzuverfolgen, angefangen bei den Informationsveranstaltungen für Eltern, dass sie ihre Kinder zur Schule schicken müssen bis hin zu Beantragung von Unterstützungsgeldern. Der schlimmste Fall war, dass eine Mutter kam, dessen Tochter verschleppt worden war und die seit vier Wochen nichts von der Polizei gehört hatte. In wenigen Minuten waren die Medien alarmiert und interviewten die Frau. Ein anderes Mal waren wir in der Roma-Siedlung, um uns den Platz anzuschauen, wo ein Kinderspielplatz gebaut werden sollte. Schnell waren wir von Menschen umgeben und eine rege Diskussion entwickelte sich. Es war spannend, in die verschiedenen Kulturen einzublicken und zu sehen, dass es zwar noch einiges zu tun gab, aber auch schon einiges erreicht wurde. Weitgehend verschlossen blieb mir leider die Problematik und Politik des Konflikts zwischen Mazedoniern und Albanern, die ich nur aus Gesprächen mit einzelnen wenigen Menschen erahnen konnte, weil in Stip selbst so gut wie keine Albaner leben.

Reisen
An den Wochenende bzw. den vielen Feiertagen habe ich mir oft und gerne die Gegend angeschaut oder Bekannte besucht, die ich in der kurzen Zeit kennen gelernt habe. In Skopje habe ich meine Kontaktärztin und ihre Familie besucht und zusammen haben wir die Stadt erkundet. Sie hat sich sehr herzlich um mich gekümmert, mich mit mazedonischen Spezialitäten bekocht und mir einen Wunsch nach dem anderen von den Lippen abgelesen. Auch eine junge Ärztin von IPPNW hat mich spontan zu sich nach Skopje eingeladen und mir ein Tageskomplettprogramm in der Hauptstadt geboten. Nach dem friedlichen Leben in der Kleinstadt Stip ist Skopje ein ganz anderes Kaliber. Prunkvoll präsentiert sich die Stadt und immer mehr neue imposante Bauten folgen. Ich glaube, ich habe noch nie so viele so riesige Gebäude gesehen, vor denen man sich so unglaublich klein vorkommt. Aber so richtig gefallen wollte es mir wie auch den meisten Mazedoniern nicht. Die würden das Geld lieber in andere Projekte investiert sehen.
Am liebsten habe ich mich auf den verschieden Märkten in allen möglichen Städten aufgehalten. Stundenlang hätte ich zwischen den frischen Trauben, Pflaumen und Pfirsichen, den süßen Feigen und den gigantischen Wassermelonen langwandern und das Geschrei der Verkäufer und den süßlichen Duft in mich aufnehmen können. Mein Obst-und Gemüsekonsum ist in diesen Wochen um ein Vielfaches gestiegen. Den ersten Obstsalat, den ich zurück in Deutschland bekam, musste ich stehen lassen; es hat einfach nicht mehr geschmeckt.
Ein Höhepunkt war sicherlich auch das Wochenende mit vier jungen Mazedoniern am Ohridsee, wo mir die wichtigsten Orte aus Sicht eines Einheimischen gezeigt wurden und trotzdem noch Zeit für Strand und Baden im für die Mazedonier viel zu kalten See blieb.

Es war eine sehr schöne und intensive Zeit, die unglaublich schnell vergangen ist. Auch wenn  so einiges mit der deutschen Kultur, Hygiene und Genauigkeit nicht vereinbar ist, so verliere ich mich doch immer wieder mal in Tagträumen und vermisse bei all der Pünktlichkeit hier die Spontanität und Flexibilität der Menschen dort umso mehr und wünsche mir noch einmal zurück zu fahren und weiter hinter die Kulissen dieses kleinen Landes zu schauen.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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