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Kenia

von Benedict Delf

01.12.2013 Kenia ?!? Endlich einmal nach Afrika. Wer, der noch nie den afrikanischen Kontinent betreten hat, würde bei diesem Gedanken nicht vor Begeisterung und Vorfreude aufspringen. Bei mir war es so, auch, wenn sich kurz darauf die ersten verwirrenden Fragen dazu gesellten. Was heißt denn nach “Afrika“? Ein Kontinent voll geladen und zusammengesetzt aus Puzzleteilen, die dank unserer medialen Berichterstattung nur als vage Hülle in meiner Vorstellung existieren und mehr ein Durcheinander als ein großes zusammenhängendes Ganzes ergeben. Denn Unwissenheit führt schnell zu falschen Vorstellungen und Erwartungen, und was wusste ich schon über Kenia?

Nairobi als aufstrebende Metropole Ostafrikas, eine ehemals britische Kolonie, dann war da noch was mit den gewalttätigen Ausschreitungen nach den letzten Wahlen, und Touristenentführungen an der Grenze zu Somalia. Schnell entsteht ein absurdes Bild von einem leeren Fleck irgendwo im Unbekannten auf der Landkarte der großen weiten Welt, den es mit persönlichen Erfahrungen, Eindrücken und unvergesslichen Bekanntschaften zu füllen hieß.

Zwischen Kokosnüssen und Krankenhaus
Zur Orientierung: Meine erste Station war Kilifi, eine Kleinstadt am Indischen Ozean, zirka eine Stunde von Mombasa entfernt, die eigentlich nur aus dem District Krankenhaus und dem daran angeschlossenen Research Institute (KEMRI) besteht. Hinzu kamen noch vier asphaltierte Straßen und eine Handvoll Lehmwege, flankiert von zahlreichen improvisierten Hütten aus demselben Material. Dazwischen schlängeln sich unzählige labyrinthartig angeordnete Trampelpfade, die irgendwann alle, man höre und staune zu einer Shoppingmall führen. Letztere wird sowohl von den Einheimischen rege frequentiert, als auch von den zahlreichen italienischen Villenbewohnern. Warum auch immer die sich gerade hier niedergelassen haben und in welche womöglich dubiosen Machenschaften diese involviert sind, konnte ich nicht in Erfahrung bringen und es bleibt jedem selbst überlassen neue Verschwörungstheorien zu entwickeln.
Ich hätte es dort nicht besser treffen können, fünf Minuten per Fahrrad zum Krankenhaus und in derselben Zeit bis zum Strand, dazu eine Terrasse und natürlich angenehme Hitze. Willkommen in Kenia, Karibu. Man hört schnell auf zu zählen, wie oft man sich am Tag unter die Dusche stellt, um sich vom Schweiß zu befreien. Dabei herrscht im August mit die angenehmste Jahreszeit?! Was soll man als alter europäischer Kaltblüter dazu sagen?
Als Einschub ein kurzer Exkurs zum Kenianischen Küstenstreifen, dies ist nämlich eine besondere Region mit interessanten historischen Wurzeln. Schon im 1.Jahrhundert ließen sich die Araber dort nieder und  errichteten an der gesamten Küste sogenannte Tradingposts. Daher kommt auch der Name Kiswahili/Suaheli, was soviel wie Küstenbewohner bedeutet. Im Laufe der Zeit mischten sich arabische und afrikanische Bevölkerungsgruppen, und dieser Einfluss ist bis heute hier überall zu spüren. Das Faszinierende ist, dass dieses kunterbunte Mit- und Durcheinander diesen Landstrich enorm bereichert und alle weitestgehend friedlich und in Einklang miteinander leben. Der Arabische Einfluss hat aber nicht nur positive Spuren hinterlassen. Dieser rege Handel führte auch dazu, dass der Sklavenhandel an der Ostküste Afrikas eingeführt wurde und dadurch Menschen zu Tausenden auf die arabische Halbinsel oder in den Iran verschifft wurden, um dort auf Plantagen zu arbeiten. Es gab Zeiten, in denen etwa  40% der Bevölkerung als Sklaven verschifft wurden. Zwischendurch stellten die Portugiesen noch ein paar Forts auf und errichteten ein paar Kolonialbauten, wurden dann aber schnell wieder verjagt, da ihre Kriegstreiberei nicht willkommen war. Letztendlich wurde Kenia britisches Protektorat bevor es 1963 unabhängig wurde. Nun gut, hiermit sei der kleine Geschichtsausflug beendet.
Zurück zum Krankenhaus: Das Kilifi District Hospital (KDH) ist komplett einstöckig gebaut mit überdachten Wegen und Gängen. Alle Gebäude sind fein säuberlich von Hand beschriftet und überall stehen, sitzen, laufen, krabbeln und fahren Leute herum oder sie werden gezogen, geschleppt, getragen. Im KDH ist eine medizinische Basisversorgung möglich, jedoch müssen die Patienten zu Spezialuntersuchungen und weiterer Diagnostik entweder nach Mombasa oder nach Nairobi fahren, was aus finanziellen Gründen oftmals nicht bewerkstelligt werden kann. Im Krankenhaus war ich entweder mit den Interns, Assistenzärzten in ihrem ersten Jahr, die 24 Stunden plus x arbeiten bis sie umfallen oder mit den Clinical Officers, „Hilfsärzten“ mit einer dreijährigen praxisorientierten medizinischen Ausbildung unterwegs. Zusammen, teilweise unter Aufopferung ihrer selbst, halten diese einen funktionierenden Krankenhausbetrieb aufrecht. Da sich die Senior Doctors nur vereinzelt blicken ließen, gestaltete sich die Visite mitunter sehr chaotisch, da es oftmals nur darum ging, irgendwie - möglichst so schnell wie möglich - alle Patienten einmal zu sehen und zu evaluieren. Bei einer Vielzahl von Patienten, von denen sich manche zu zweit  ein Bett teilen mussten, kann man sich vorstellen, was für eine Versorgung in diesem Rahmen überhaupt möglich ist. Ein anderes Problem ist, dass die Interns zwar darauf geschult sind alle häufigen, klassischen Krankheitsbilder zu behandeln, wenn es aber Patienten gibt, die aus diesem Raster herausfallen, kann es schon einmal passieren, dass diese mehrere Tage falsch oder unzureichend therapiert auf der Station liegen. Meine Tätigkeiten ähnelten denen einer Famulatur in Deutschland und so war ich mit Blutabnahmen, Flexülen legen, Verbände anlegen und dem täglichen Schriftwust der Visite gut beschäftigt.  Eigeninitiative ist immer gefragt, wenn man irgendwo assistieren oder selbst was machen möchte. Und der Umgangston ist auch mit den Senior Doctors sehr kollegial und freundschaftlich, wenn man dazu noch ein paar Brocken Kiswahili zu Stande bringt, sollte man keine Probleme haben während der Famulatur auch etwas zu lernen. Spaß macht es auf alle Fälle. Ich habe während meiner Arbeit dort viele Ärzte und Clinical Oficers bewundert, wie diese mit den begrenzten Möglichkeiten und dem Druck umgegangen sind und trotz alledem vor Lebensfreude sprühten. Ich konnte und kann mir mit meinem medizinischen Wissen beim besten Willen nicht ausmalen in einem Jahr an einer ähnlichen Stelle zu stehen, aber das ist wohl ein ganz normales Phänomen. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass die gelassene kenianische Grundmentalität auch im Krankenhaus nicht zu kurz kommt. Eine Mittagspause kann auch schnell einmal zwei Stunden dauern, und es kann auch passieren, dass im Untersuchungszimmerplötzlich fünf Ärzte und CO s munter drauflos erzählen. Krankheitsbildtechnisch ist es schon schockierend, wie viele Menschen dort mit einer HIV Infektion oder bereits im AIDS Stadium mit dem gesamten Spektrum an opportunistischen Erkrankungen eingeliefert werden. Als Resultat liegen dort dann bis auf die Knochen abgemagerte Patienten auf der Station, die trotz optimaler Therapie nur sehr selten wieder auf die Beine kommen.
Ich möchte hier noch ein paar Dankensworte an Hellen loswerden, die IPPNW Ärztin, die mich während meiner Zeit bei sich beherbergt hat und mich, wo es nur ging, mit dem kenianischen Alltag, voll mit geselliger Geschäftigkeit, konfrontierte. Ob beim Spaziergang am Strand, zum Markt, zum Restaurant wieder zurück und zahlreichen Zwischenstopps bei einem ihrer vielen Bekannten. Man muss nämlich wissen, dass in Kenia die Menschen scheinbar alle einergroßen Familie angehören und man deshalb an jeder Ecke einen Freund trifft. Hellen ist ein herzensguter Mensch, mit dem man wunderbar den berüchtigten Weltrettungsgedanken nachhängen und weiterspinnen kann, da kam einfach keine Langeweile auf.

Zwischen Wüstensand und Flüchtlingscamp
Da mich das gesamte Thema Migrantenmedizin bereits in München viel beschäftigt hatte und sich auch meine Doktorarbeit damit befasst, war ich von Anfang an sehr interessiert mein Projekt in einem Refugee Camp anzusiedeln. Da die Sicherheitslage im größten Refugee Camp Kenias, in Dadaab zu dieser Zeit mehr als prekär war und immer noch ist, gestaltete sich die Organisation diese Unterfangens zuerst ein wenig problematisch. Jedoch ticken die Uhren in Kenia anders. Einige Telefonate mit über Eck und Kante vernetzten Mitgliedern der kenianischen Großfamilie später und dank Hellens grandiosem Verhandlungsgeschickt, hatte ich letztendlich die Möglichkeit nach Kakuma zu reisen. Dort, im äußersten Nordwesten Kenias wo sich Wüstenhase und Wüstenfuchs gute Nacht sagen, im Vierländereck Kenia, Uganda, Äthiopien und Südsudan gibt es Mission Hospital und ein daran angeschlossenes Refugee Camp. Unter der Schirmherrschaft der UN wurde das Camp in den 1990ern gegründet und hat sich mittlerweile zu einer eigenen kleinen Stadt entwickelt mit Straßen, Läden, einem Krankenhaus, zahlreichen Zelten für die Neuankömmlinge, Schulen und Sportplätzen auf Wüstensand. Mittlerweile beherbergt es über 125 000 Menschen, überwiegend Menschen aus Somalia, Äthiopien und dem Sudan. Unter der Leitung des UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) haben mehr als 14 NGOs eine Vielzahl von Programmen etabliert, um ein Leben an solch einem sonst so menschenfeindlichen Ort überhaupt möglich zu machen. Klar waren meine Einsatzmöglichkeiten begrenzt, jedoch war es faszinierend einen Einblick in die Organisationsstrukturen eines solch vielfältigen Projektes zu bekommen, welches mit multiplen Akteuren interagiert. Nicht zu vergessen die Menschen, die man an einem solchen Ort trifft, ob Mitarbeiter oder Flüchtling jeder hätte ein Buch über seine Erfahrungen und Erlebnisse schreiben können, oftmals beeindruckend und schockierend zugleich,  ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Während meiner Zeit dort habe ich vor allem mit der Amerikanischen NGO dem International Rescue Commitee (IRC) zusammengearbeitet und die Ärzte bei Ihrer Arbeit im einzigen Feldkrankenhaus und in den daran angeschlossenen Health Stations unterstützt. Die Region Turkana, rund um den Turkana Lake, in der sich auch Kakuma befindet, gehört wohl zu den ärmsten Regionen Kenias. Die meisten Menschen hier leben von Viehhaltung, denn die Möglichkeiten irgendeine Art von Landwirtschaft zu betreiben sind aufgrund der klimatischen Bedingungen gleich Null. An solchen Orten hält das Schicksal immer noch eine Prise Skurrilität bereit, denn so hat man vor kurzem gerade in dieser Region große Ölreserven gefunden. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich der Aufwand lohnt, diese aus dem unwegsamen Gelände an die Oberfläche zu befördern. Ebenso verhält es sich mit gigantischen unterirdischen Wasseraquiferen, die an der Grenze zum Südsudan und Äthiopien entdeckt wurden. Kenia hat nämlich im Vergleich zu seinen Nachbarn die geringsten Süßwasserkapazitäten. Mit der Erschließung dieser unterirdischen Quellen könnte, aktuellen Prognosen nach, die gesamte Wasserversorgung Kenias sichergestellt werden. Aber wie das immer so ist bei solchen Mammutprojekten wird sich an der Situation und der Armut, der hier lebenden Bevölkerung mit Sicherheit so schnell nichts ändern. Vielleicht gibt es dann wenigstens ein paar ordentliche Straßen, dann bräuchte der Bus keine14h und zwei Ersatzreifen mehr sondern nur noch sechs Stunden. Die Ironie des Schicksals begegnet einem auf Schritt und Tritt. Frei nach der Devise: „Der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld“ werden alle anderen Verbesserungen oder Errungenschaften feinsäuberlich umzäunt und vor der Allgemeinbevölkerung abgeriegelt und bewacht und sind nur einer ausgewählten Elite zugänglich. Zum Glück tröstet einen die Herzlichkeit und Unbeschwertheit der Bevölkerung darüber hinweg.

Zwischen Korruption und Schlaraffenland
Ich möchte euch auch am politischen Geschehen Kenias teilhaben lassen. Die politische Klasse dort ist nämlich auch eine Geschichte für sich und spiegelt sehr schön die Ambivalenz des Landes wieder. Wird man als Sohn eines Straßenverkäufers oder Tuk-Tuk-Fahrers geboren, wird man höchstwahrscheinlich auch eine ähnliche Karriere einschlagen. Wird man dagegen als Kind einer gut situierten Familie geboren, für die Geld keine Rolle spielt, getreu dem Motto: „was kostet die Welt?“ stehen einem alle Wege offen. Natürlich sind das keine neuen Erkenntnisse, aber wenn einem der Alltag an jeder Straßenecke diesen Spiegel vorhält, dann bekommen diese Geschichten eine noch eindringlichere Bedeutung. Gerade, wenn man bedenkt, dass Kenias Politiker mittlerweile zu den am besten verdienenden Politikern der Welt zählen. Was sich auf politischer Ebene bewegen soll, wenn die größte Motivation der Menschen in die Politik zu gehen darin besteht eine Menge Geld zu scheffeln, kann sich jeder an zwei Fingern abzählen. So liegen idyllischer Mikrokosmos mit Strand und Meer, das Luxusleben der Politikerklasse und die oftmals harte Alltagsrealität in der es viele Leute sehr schwer haben ihren Platz zu finden dicht beieinander. Da erstaunt es auch nicht, dass der amtierende Präsident Uhruro Kenyatta zum Präsidenten gewählt wurde, obwohl er zu Zeiten der Wahl im Jahre 2012 bereits vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt war wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der „postv election violances„aus dem Jahre 2008. Ich habe mit einigen Leuten über diese Zeit vor ein paar Jahren gesprochen, und in jedem dieser Gespräche wurde mir vor Augen geführt, wie sich unsereins eine Gesellschaft, in der verschiedene Stammesethnien auch heute noch eine sehr große Rolle spielen, nur schwer vorstellen kann. Rückblick 2008: Präsident Kibaki (vom Stamm der Kikuyu) und Raila Odinga (vom Stamm der Luo) traten in der Präsidentenwahl im Dezember 2007 als Kandidaten an. Kibaki wurde hierbei mit einer knappen Mehrheit von 300.000 Stimmen im Amt bestätigt, dabei lag er nach ersten Hochrechnungen hinten und niemand konnte am Ende so genau sagen, wo die restlichen Stimmen denn auf einmal herkamen. Die Opposition und internationale Wahlbeobachter sprachen von massiven Wahlfälschungen. Nach der Bekanntgabe der Vereidigung von Mwai Kibaki zum Präsidenten kam es in ganz Kenia zu schweren Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und Demonstranten. Es wurden bis zu 1.500 Menschen getötet und mehr als 600.000 Menschen vertrieben. Angeheizt wurde die Situation durch ethnisch motivierte Gewaltakte in mehreren Landesteilen, die für einen Wechsel an der Spitze des politischen Systems stimmten. Diese richteten sich vor allem gegen Kikuyu, Angehörige der Ethnie von Präsident Kibaki. Klingt in meinen Ohren schon wieder seltsam, wenn man bei einer Präsidentschaftswahl nur nach seiner ethnischen Zugehörigkeit wählt und nicht nach einem politischen Programm, aber für die meisten Leute ist dies selbstverständlich: Niemals würden die Kikuyo einen Luo wählen und umgekehrt, davon hätte man selbst ja nur Nachteile. Es ist verrückt, wie viele Vorurteile die jeweiligen Ethnien gegeneinander haben. Wenn nicht schon vom Aussehen und Auftreten, dann ist spätestens bei der Namensnennung die Zugehörigkeit zur jeweiligen ethnischen Gruppe klar. So wurde mir auch beim Thema der Ausschreitungen berichtet: „Wir wollten ja nur friedlich demonstrieren, aber weißt du, wenn sich so viel Frust angestaut hat und die Emotionen hochkochen, da kann es schon mal passieren, dass Steine fliegen und die Machete gezückt wird“. Aber auch bei weiteren Ausführungen wollte mir einfach nicht in den Sinn, wie man daraufhin auf seinen Nachbarn losgehen kann, um diesen zu vertreiben oder ihm gar den Schädel einzuschlagen. Das Ganze hätte auch noch weiter eskalieren können, wenn nicht die beiden Präsidentschaftskandidaten unter Beteiligung mehrerer afrikanischer Politiker und dem ehemaligen UN Generalsekretär Kofi Anan als Kompromiss eine Allianz der beiden Parteien gebildet hätten.

Als Nachtrag zum Westgate Terroranschlag, den ihr sicher noch in Erinnerung haben werdet und der genau in die Zeit meines Keniaaufenthaltes fiel, noch ein Kommentar meinerseits. Am 21. September 2013 stürmten vier bis sechs maskierte Angreifer der islamistischen Al-Shabaab-Miliz in das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi und eröffneten das Feuer, wobei nach offiziellen Angaben 67 Menschen bei dem Angriff getötet wurden. Natürlich war das Thema in den Medien sehr präsent und auch auf der Straße Gesprächsthema Nummer eins. Es wurde viel geredet und spekuliert, ob man den Anschlag hätte verhindern können und vor allem, ob die Sicherheitskräfte adäquat reagiert hätten. Bei einigen getöteten Polizisten durch friendly fire und mehreren entkommenen Terroristen, die sich einfach unter die herauslaufenden Menschen gemischt hatten, ist das schon mehr als fraglich. Außerdem lagen der Regierung und dem Sicherheitsdienst schon seit über einem Jahr Warnungen über mögliche Terroranschläge in Kenia vor, darunter auch die Westgate Shoppingmall. Aber viel wichtiger ist jetzt die Frage, wie geht es weiter. In Nairobis somalischem Stadtviertel Eastleigh, wo nach Mogadischu die zweitmeisten Somalier leben, konnten Ausschreitungen im Sinne von Racheakten nur mit Mühe und viel diplomatischem Geschick verhindert werden. Ein weiteres Mal zeigt sich hier der Kontrast Afrikas, auf der einen Seite einflussreiche somalische Geschäftsleute mit kenianischem Pass und auf der anderen Seite illegalisierte Flüchtlinge, die sich bis nach Nairobi durchgeschlagen haben und versuchen dem Arm der Armut irgendwie zu entkommen. Gerade dort in den Slums rekrutiert Al Shabab die hoffnungslosen Jugendlichen für ihren Kampf. Genau hier liegt das eigentliche Problem: wie ist es dieser Organisation möglich aus unschuldigen Kindern über Jahre hinweg Märtyrer regelrecht heranzuzüchten, die in extremistischen Irrwegen gefangen sind. Armut und Perspektivlosigkeit, sowie ein über Jahrzehnte nicht funktionierendes und zersplittertes Somalia und die durch Interventionen, sei es vom Westen oder von den Milizen getöteten Familien, zeigen Ursachen und Gründe auf die nur schwer zu verdauen sind. Denn ein paar Dollars oder die Möglichkeit auf eine Ausbildung in einer der Koranschulen reichen aus um diese Kinder von der Straße zu holen und in die Fänge von Al Shabab zu treiben. Da muss es doch Möglichkeiten geben, Alternativen für diese Straßenkinder ins Leben zu rufen?! Auf der anderen Seite wollen viele kenianische Jugendliche mit der Intervention in Somalia nichts mehr zu tun haben, denn wozu die Sicherheit des eigenen Landes gefährden und Hass schüren, wenn im Nachbarland Somalia schon seit Jahren anarchistische Zustände herrschen und kaum Besserung in Aussicht ist.

Fazit:
Durch all diese Erfahrungen wurden die zwei Monate für mich in Kenia zu einer wunderbaren Zeit, in der ich interessante medizinische und politische Einblicke bekommen konnte und vor allem tolle Leute kennen lernen durfte. Natürlich ist vieles nicht ganz einfach und der Kontrast zwischen arm und reich, privilegiert oder eben nicht, ist kein angenehmer ständiger Begleiter, aber der ehemals weiße Fleck auf der Weltkarte ist ein ganzes Stück bunter geworden. Bei dem Gedanken an Kenia wird bei mir nun fortan förmlich ein Feuerwerk an Gefühlen, Erlebnissen und Bildern wachgerufen, das meine Augen leuchten lässt. Danke der IPPNW und allen anderen, die mir diese Zeit ermöglicht haben und natürlich viel Vorfreude und bloß keine Angst all denen, denen das Abenteuer noch bevorsteht.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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