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Indien

von Martina Rehm

01.12.2013 Während ich noch gar nicht glauben konnte, dass es wirklich Indien – mein Wunschland – geworden war, befand ich mich schon in einem Flugzeug voller Inderinnen und Inder auf dem Flug von Frankfurt nach Mumbai, und meine letzte Bastion europäischer Zuflucht war dahin. Dabei hatte ich während des Fluges noch einmal „in heimatlicher Sicherheit“ in mich gehen wollen, um mich für dieses Land über das ich jetzt so viel gelesen und von dem ich so viel gehört hatte, noch einmal so richtig mental zu wappnen. Die Zeit seit der Bewerbung für f&e, der Auswahlrunde, der Zusage, dem Vorbereitungstreffen war wie im Flug vergangen, und zwischen all den anderen und täglichen Herausforderungen hatte ich irgendwie versucht, mich vorzubereiten. Kann man das überhaupt?

Nach 7 Stunden Bilderbuchflug und ein wenig Schlaf schlug mir am altmodisch wirkenden, mit ausgetretenen Teppichen ausgelegten Chhatrapati Shivaji International Airport in Mumbai nachts um 2 Uhr die stickige, feuchte Tropenluft entgegen. Man solle sich gegen die Moskitos schützen, die sich mit Vorliebe auf die Neuankömmlinge stürzten, hatte ich gelesen, aber das Repellent war irgendwo in den Tiefen meines Rucksackes verstaut, den ich im Gedränge an der Gepäckausgabe kaum wiederbekam. Dann Gepäckkontrolle, Einreise, nochmal Gepäckkontrolle vor dem Inlandflug, zu dem es mit dem Bus über den Flughafen ging. Die Angst vor Terror ist seit den Anschlägen von Mumbai allgegenwärtig. Der Busfahrer erklärte mir in rasend schnellem indisch-englisch etwas, was ich erst nach dem 3. Anlauf und auch dann nur halbwegs verstand. Dann klimatisierter Wartebereich am national airport – viel zu kalt, wie halten das die Inder nur im T-Shirt aus? Auf dem Inlandflug verschlafe ich das Frühstück. Durch eine dichte Wolkendecke Landeanflug auf Nagpur, den geographischen Mittelpunkt Indiens. Ich sehe wie mein Rucksack verladen wird und da ist er auch schon auf dem Fließband. Sie würde mich schon erkennen hatte Dr. Ms. Kurvey geschrieben – ich werde wohl die einzige Ausländerin am Flughafen sein. So war es dann auch, als ich nach 22 Stunden endlich am Ziel war. Und so blieb es auch während der kommenden 5 Wochen. Wohlbehütet in Dr. Kurveys kleinem roten japanischen Auto, düsten wir hupend und für mich orientierungslos vorbei an Kühen, Hunden, Menschen, Mopeds, Rikschas, Fahrrädern, Müll… durch das Wirrwarr der indischen Straßen und des chaotischen Verkehrs.  Als wäre es nicht heiß genug, hatte Ms. Kurvey frisch gebrühten Pfefferminztee mitgebracht, die Teebeutel stammten aus Südkorea, wo sie bis gestern noch auf einer Konferenz gewesen war. Als Gynäkologin mit eigenem kleinen Krankenhaus in Nagpur und Präsidentin der IPPNW von Central India hatte sie schon die halbe Welt bereist und war so eine Vermittlerin zwischen den Kulturen, was mir eine große Hilfe im indischen Verhaltensdschungel war. Vor allem das „angestarrt werden“, hatte mich zu Beginn mehr als befremdet, ja sogar geängstigt. Ich war auch mit einer kleinen Angst im Gepäck in Indien angekommen – wie würde es mir als Frau alleine in diesem Land ergehen?
Die Kurveys bewohnten die beiden obersten Stockwerke ihres eigenen Krankenhauses und es fiel mir nicht schwer, mich dort auf Anhieb wie zu Hause zu fühlen.  Auch wenn körperliche Berührungen tabu waren, fühlte ich mich mehr als Tochter, denn als Gast, zumal ich auch das ehemalige Zimmer der Tochter bewohnen durfte und sogar ein eigenes Bad mit europäischer Toilette hatte. Auch mit Essen wurde ich nur so verwöhnt, wenn nicht überhäuft – zum Frühstück bekam ich sogar Müsli oder Toast mit Marmelade, Nutella, das normalerweise dem in England lebenden Enkelsohn gehörte und das typisch indische Mittagessen bestehend aus Reis, Daal, Chapati und Subji war extra für mich äußerst mild zubereitet. Das Abendessen, das wir meist gemeinsam einnahmen war mehr als Essen, es war auch Treffpunkt und Diskussionsrunde zugleich. Ms. und Mr. Kurvey waren wirklich sehr interessierte Zuhörer und boten mir mit vielen Tipps und Einschätzungen einen sicheren Startpunkt für meinen Ausflug in das Leben Indiens, welches ich in den ersten Tagen nur von der sicheren Dachterrasse der Kurveys aus ungläubig beäugte.

Famulieren
Im unterkühlten Büro des „dean“ des Indira Gandhi Medical College and Hospital saß der Dekan stirnrunzelnd hinter seinem riesigen indischen Schreibtisch aus Holz , indientypisch mit hochglanzpolierter Glasplatte oben drauf, den Kopf in Bedenken wiegend, während Ms. Kurvey ihn mit mir zu beeindrucken versuchte. In meinem indischen Salwar Kameez fühlte ich mich irgendwie deplatziert und dämlich dazu, da ich kein Wort der auf Marathi geführten Verhandlungen um meinen Famulaturplatz verstand und daher so intelligent wie möglich dreinzuschauen versuchte. Ich solle morgen nochmal kommen, meinte er dann. Ob er gewusst hatte, dass das ein Feiertag war und ich vor verschlossenen Türen stehen würde? Ich weiß es nicht und fühlte mich entmutigt. Zum Glück gab es da den überaus netten Kamble Sir, auch IPPNWler, Chef der Radioonkologie und Strahlentherapie im Government Medical College and Hospital (GMC) und zudem noch guter Freund von Ms. Kurvey. Dank seines Einsatzes hat es dort dann ganz unbürokratisch und mit einem kleinen Bestechungsgeschenk doch noch mit der Famulatur geklappt. Das GMC war mit seinen 1400 Betten einst das größte Krankenhaus Südasiens gewesen. Hinzu kamen noch die „Liegeplätze“ auf den Fluren und die doppelt belegten Betten, wobei Bett eine sehr schmeichelhafte Bezeichnung für ein meist verrostetes und immer schmutziges Metallgestell ist, auf dem sich neben einer mit allerlei Ausscheidungen oder Essensresten kontaminierten matratzenartige Auflage auch der Patient und meist mindestens ein Angehöriger befand. Vor allem die Ehefrauen oder Mütter erwiesen sich als treue und aufopfernde Besucher. Sie versorgten die Angehörigen mit Essen, massierten sie, fächelten Luft zu und waren einfach immer da.
Während der Visite, bzw. schon bevor diese überhaupt begonnen hat, war kein Besuch erlaubt, so dass die Tore der Station, die eher Gefängnistüren glichen, geschlossen waren und es morgens durch die wartende Menschenmenge kaum ein Durchkommen gab. Sobald ich eingelassen wurde, versuchten sich weitere Menschen irgendwie mit durchzudrücken, wurden dann aber von den Schwestern wie ein Rudel räudiger Hunde wieder zurück getrieben. So waren die Flure vor den Stationen voller Menschen, die meist von weither kamen und nicht die finanziellen Mittel hatten, täglich anzureisen. Sie schliefen, kochten oder waren einfach nur da – unendlich lange. Beim Vorbeigehen konnte es schon passieren, dass man einer aus einem Kocher aufschießenden Gasflamme ausweichen musste. Die Ecken dienten als Toiletten und die Wände als „Spucknapf“. So begegnet einem die Betelnuss, die von vielen v.a. Männern mit Genuss gekaut wurde, hier im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt und es sah so aus als wäre alle paar Meter ein Tier geschlachtet worden, obwohl die meisten Inder ja Vegetarier sind. Angeblich verleiht das Kauen der Betelnuss ein Gefühl der Leichtigkeit und steigert die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit. Allerdings steigt auch, zumal sie zusätzlich in Tabak gerollt wird, das Risiko für Mund- und Rachentumore.
Jeder der es sich leisten kann sucht in Indien eine private Behandlung auf. Im staatlichen Krankenhaus werden daher die Ärmsten der Armen, also die, die unter der Armutsgrenze leben, kostenlos behandelt. Die wirklich Armen sind somit diejenigen, die eben etwas mehr verdienen, sich eben aber weder eine eigene Krankenversicherung, noch eine Behandlung leisten können. Sie sind in „god’s hands“ erklärte mir ein Professor. Er meinte, dass in einem Land, wo es nicht einmal genug Essen für alle gäbe, die Gesundheit nicht an erster Stelle stehe. Für mich war es eine wirklich bittere Erfahrung, dieses Leid so hilflos mit anschauen und die Ohnmacht der Menschen erleben zu müssen. Nicht nur hier habe ich das allseits gegenwärtige Kastensystem als große Belastung empfunden. Ich weiß nicht, ob es nur daran oder auch den unmenschlichen Arbeitszeiten der jungen Assistenten lag, dass sie für die meist aus der bildungsfernen Schicht stammenden Patienten oft nur wenig Empathie aufbrachten.
Ich hingegen wurde überall mit Neugierde und offenen Armen aufgenommen. Die PG-Studenten erwiesen sich als äußerst hilfsbereit und ließen es sich nicht nehmen, mich trotz ihrer finanziell eingeschränkten Verhältnisse und extremen Zeitmangels stets zum Essen oder zumindest auf einen Chai einzuladen oder mir einzelne Fälle ausführlich zu erklären. Überhaupt durfte ich in Indien so unglaublich viel Gastfreundschaft erleben, so dass ich mich für mein Misstrauen, das ich, auch durch Zeitungsberichte und Warnungen im Reiseführer angefacht, mitgebracht hatte, fast schäme. Es ist unmöglich, sich auf all diese Situationen schon zu Hause vorzubereiten, man muss alles neu einzuschätzen lernen.
Während der fünfwöchigen Famulatur war ich insgesamt auf sechs verschiedenen Stationen: Innere, Chirurgie, Neurochirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Dermatologie und Abteilung für Radioonkologie und Strahlentherapie. Ich wollte so viele Abteilungen wie möglich kennen lernen, um einen grundsätzlichen Einblick zu bekommen. Der Nachteil war, dass man sich so jede Woche wieder neu integrieren musste, wobei die meisten, angefangen bei den Studenten bis hin zum Chef sehr behilflich waren. Obwohl die Visiten zwar hauptsächlich auf Englisch stattfinden, war mir dieses aber auch noch nach Wochen oft unverständlich, so dass ich während der Famulatur insgesamt mehr von den persönlichen Interaktionen als von einem medizinischen Lernerfolg profitiert habe.

Engagieren
Da die Indian Railways jährlich ca. 5 Milliarden Passagiere transportieren, sind die Züge oft schon Monate im Voraus ausgebucht und dann auch noch überfüllt. So kam es auch, dass ich auf der Warteliste nur noch auf Platz 32 kam, obwohl ich „bereits“ eine Woche vorher versucht hatte zu reservieren und an ein Fortkommen aus Nagpur nach Udaipur in Rajasthan, wo ich bei FES (foundation for ecological security) mein ökologisch angehauchtes Sozialprojekt machen wollte, nicht zu denken war. Zum Glück war da noch Mr. Singh, der Chef der Dermatologie, dem der Gedanke dass eine Frau alleine nach Rajasthan reisen wollte nicht ganz geheuer war und mir so ganz unverhofft ein Sozialprojekt verschafft hat. Das Mure Memorial Hospital (MMH) ist ein, von einer schottischen Ärztin im 19. Jahrhundert gegründetes Krankenhaus. Mittlerweile betreut die „Mure Family“ neben dem Krankenhaus viele Sozialprojekte in den umliegenden Dörfern und Slums von Nagpur. So hatte ich Gelegenheit mit der „mobile medical care unit“ aufs Land zu fahren. Die Patienten bekamen vor Ort eine kostenlose Diagnose und „medizinische Behandlung“ in Form bunter Tabletten. Allerdings war die Diagnostik der in ayurvedischen Medizin ausgebildeten Ärztin ziemlich abenteuerlich und die Arbeitsweise war wohl auch sehr indisch, aber für mich angenehm. Obwohl wir jeweils früh in Nagpur losgefahren waren, blieb für die eigentliche Sprechstunde nur eine Stunde Zeit. Den Rest des Tages verbrachten wir bei den Familien der Ärztin, des Apothekers, der Krankenschwester,… mit Chai-trinken, Chai-trinken, Chai-trinken, sowie beim Picknick, in Tempeln und auf der Straße, wo ein Vorwärtskommen dank der vielen Schlaglöcher und ebenso vielen Paarhufer vergleichsweise langsam war. Obwohl das alles für mich natürlich unglaublich spannend war, war mir beim Gedanken unwohl, dass dadurch unsinnig  Spendengelder verbraten wurden. Im Slum, den wir ebenfalls, obwohl er mitten in Nagpur lag, erst nach zweistündiger Fahrt erreichten, standen die Patienten auch schon Schlange. Eine über 70-jährige und sehr engagierte und herzliche, ehemalige Krankenschwester organisierte die Aktionen und hatte neben der Arbeit ebenfalls noch viel Zeit für private Angelegenheiten.
Auf dem Gelände des MMH wird auch ein kleines Altenheim betrieben, in dem v.a. Frauen leben, die keine Familien (mehr) haben. In der westlichen Wahrnehmung leben in Indien v.a. viele junge Menschen. In Wirklichkeit gehört Indien aber bereits zu den „alternden Nationen“. Traditionell leben die Eltern in der Familie des ältesten Sohnes und werden dort von der Schwiegertochter versorgt. Aufgrund der Landflucht der jungen Bevölkerung bleiben viele Eltern auf sich selbst gestellt in den Dörfern zurück. In den Städten steigt die Nachfrage nach Altenheimplätzen aufgrund der Transformation der Gesellschaft ebenfalls. Die Regierung hat zwar bekräftigt, für ein menschenwürdiges Leben der Alten einzutreten und sich auch gesetzlich dazu verpflichtet, allerdings verlässt sich die Politik bislang immer noch auf die traditionelle Großfamilie als Lösung, und die Altenheime die es gibt werden von privaten Trägern betrieben.  Das Gebäude auf dem Mure Gelände war eine ehemalige Kapelle, die ohne Umbaumaßnahmen einfach in ein Altenheim umgewandelt wurde. Trotz des mangelnden Standards und fehlenden Pflegepersonals empfand ich unter den Bewohnern eine feste Gemeinschaft.
Nach zwei Wochen hat es dann doch noch mit dem Zugticket nach Udaipur in Rajasthan geklappt, so dass ich auch noch die Arbeit bei FES sehen konnte. Die kontinuierlich wachsende Bevölkerung in Indien übt auch auf die natürlichen Ressourcen einen unheimlichen Druck aus. Vor allem die „Common lands“ von denen 90% der indischen Bevölkerung abhängig sind, sind davon betroffen und werden für die Gewinnung von Brennholz und zu Weidezwecken ausgebeutet.
Seit 2001 setzt sich FES für die Sanierung und den Schutz von Landschaft und Wasser in ökologisch fragilen und degradierten Regionen des Landes unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung und Autoritäten ein. Bauern, Entscheidungsträger und Wissenschaftler sollen an einen Tisch gebracht werden. Da die Prozesse sehr langwierig sind und eine wichtige Tagung anstand, konnte ich nicht wirklich in Arbeitsprozesse involviert werden, durfte aber vor Ort und auf Bildern sehen, wie degradiertes Land durch Wiederaufforstung und Bewässerungssysteme zu fruchtbarem Gebiet aufgewertet werden konnte, und so der ortsansässigen Bevölkerung durch den Anbau neuer Gemüsesorten eine breitere Ernährungsbasis, sowie durch deren Verkauf ein kleines Einkommen verschaffen konnte. Die Maßnahmen hatten in der Bevölkerung nicht zuletzt dadurch Akzeptanz gefunden, dass sie bei den Projekten voll involviert waren und z.B. Dämme und Kanäle selbst errichteten.
 
Fazit
Genauso „plötzlich“ wie ich in Indien angekommen war, war ich dann nach zwei Monaten auch wieder zurück im kühlen deutschen Herbst und meinem Alltag, und nichts erinnerte mehr an diesen Sommer. Alle Versuche ein wenig Indien mitzubringen sind klanglos gescheitert –  selbst mein selbstgebrauter Chai schmeckte grauenhaft. So habe ich seit meiner Rückkehr immer noch das Gefühl, dass ich noch nicht ganz aus diesem unglaublichen Land zurück bin, geschweige denn dort überhaupt richtig angekommen war, obwohl mir zu Beginn des Sommers zwei Monate fast zu lang erschienen waren.
Aber zwischen Indien und Deutschland liegen eben nicht nur sieben Flugstunden oder 9000 Kilometer. Ich habe so viele Eindrücke und Gedanken mitgebracht, die neue Fragen aufgeworfen haben, die noch beantwortet und neue Gedanken, die noch zu Ende gedacht werden wollen. Nicht nur aus diesem Grund bin ich unheimlich froh, dass ich meine Erlebnisse mit Gleichgesinnten austauschen konnte. Vielen Dank an Ulla, die „Alten“ und die „Neuen“ und nicht zuletzt an die Kurveys.
Ich komme wieder – wie man in Indien sagt. Yeto.

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Ansprechpartnerin


Anne Jurema
Tel. 030/698074 - 17
Email: jurema[at]ippnw.de

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