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Indien

von Judith Achenbach

01.12.2012 Als ich aus Indien zurück kam und in der Straßenbahn nach Hause saß, da war sie kaum zu überhören: Diese Stille. Warum hupte hier keiner? Wohin waren die Kühe weggesperrt? Und all die Menschen, wo waren sie auf einmal hin? Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich es so ganz verstanden hatte: Ich bin jetzt wieder hier in Leipzig. Und der Herbst kommt.
Nun möchte ich gedanklich zurück zu diesen Sommermonaten reisen, die mir inzwischen schon so weit weg erscheinen. Fange ich an damit, kommen all die Erinnerungen wieder: Die Menschen, die Farben und Gerüche - aber auch Fragen und Denkanstöße, die noch weiter gedacht und verarbeitet werden wollen.

Indien: Köstliches Essen und kunterbuntes Treiben auf den Märkten. Die Wiege des Yogas. Ein Land, das China bald in seiner Einwohnerzahl überrundet haben wird. Ein Land der Kontraste. Bittere Armut und unglaublicher Reichtum Tür an Tür. So viele Bilder hatte ich schon im Kopf, ohne je dort gewesen zu sein. Und wusste doch so wenig.
Die ersten fünf Wochen meiner Zeit in Indien habe ich in Nagpur verbracht, das im Bundestaat Maharashtra in Zentralindien liegt. Ich habe dort bei den Kurveys gewohnt, die schon seit Jahren deutsche IPPNW-Famulanten aufnehmen. Sie haben sich sehr um mein Wohlergehen bemüht: Sei es mit Toastbrot und Kartoffeln (Leib- und Magenspeise aller Deutschen, soviel ist ja schon mal klar) und mit anfangs kaum gewürztem Essen (wer weiß, was ich vertrage), oder auch mit längeren Erklärungen über diese und jene Sitte und Rundfahrten durch die Stadt und zu verschiedenen Projekten. Frau Kurvey selbst ist Gynäkologin und hat ihre kleine private Klinik in den zwei Etagen unter der Wohnung. Sie ist sehr aktiv bei der IPPNW Zentralindiens. Herr Kurvey war Geschichtsprofessor, leitet jetzt aber seine eigene Friedensorganisation, die sich vor allem mit Landminen befasst: Indian Institute for Peace, Disarmament and Environmental Protection. So sind beide viel in der Weltgeschichte unterwegs.
Als ich Mitte Juli ankam, fingen die hinduistischen Feiertage an, sich zu häufen: Gefühlt waren es zwei pro Woche. Deshalb lief auch meine Famulatur etwas langsamer an. So war ich in der ersten Woche viel mit den Kurveys und alleine unterwegs und habe unzählige Tassen Chai mit ihren Bekannten und Verwandten getrunken. Es ging Schritt für Schritt in die neue Welt hinein. Wie bewege ich mich in dieser Kultur, die mir so fremd ist? In Diskussionen war ich manchmal im Zwiespalt: Ich war nicht immer einer Meinung mit Herrn Kurvey, habe mich schwer damit getan, mir von ihm die Welt erklären zu lassen. Aber ich war doch immer auch dankbarer Gast in seinem Hause. Und hatte als junge Frau die Worte anzunehmen. Über die Auffassung von Respekt in unser beider Kulturen hatten wir einige anregende Gespräche. Ich wurde schon vorgewarnt, dass „Sir“ und „Madam" gern gehörte Anreden sind. Als ich einmal erzählte, ich würde meine Großeltern mit dem Vornamen anreden, war „Holland in Not“.

Im Krankenhaus
Meine Famulatur war ein bunter Mix aus Eindrücken ganz verschiedener Lebenswelten. Die ersten zwei Wochen war ich im Getwell Hospital, einer kleinen Privatklinik, um danach für zwei Wochen am Government Medical College (GMC) zu famulieren - einem der größten öffentlichen Krankenhäuser Zentralindiens, wo ich mich anfangs öfter mal verlaufen habe. Im GMC gibt es riesige Schlafsäle, oft durch durchsichtige Stellwände in einzelne Räume unterteilt - in denen dann je zehn bis 15 Patienten liegen. In so einen Saal passen an die 100 Patienten, deren Angehörige oft auch noch dabei sind. Die Behandlung im öffentlichen Krankenhaus ist in Indien kostenlos. Genauso die Medikamente (aber meist nicht die der ersten Linie), Schwangerenvorsorge und Geburten. Trotzdem lässt sich wohl jeder privat behandeln, der es sich irgendwie leisten kann. Die Menschen in den öffentlichen Krankenhäusern werden oft nicht gut behandelt und warten lange auf ihre Untersuchungen. Die große Patientenzahl erleichtert das nicht. Und wer nicht zahlt, hat eben auch keine Rechte. Und weiß sich oft nicht zu wehren. Die meisten Patienten im GMC kamen nicht aus Nagpur, sondern von weither aus den umliegenden Regionen und Dörfern. Ich habe das Kastensystem oft als quälend wahrgenommen, aber im Krankenhaus ist es mir besonders offensichtlich begegnet. Die einen werden unschuldig hierhin geboren und die anderen dorthin - und dazwischen liegen Welten. Trotzdem konnte ich es in der kurzen Zeit nicht einmal ansatzweise durchschauen. Meine eigene Lebens- und Erfahrungswelt ist so fernab von all dem, was ich dort gesehen habe. Die Ungerechtigkeit der Kasten hat mich auch immer wieder vor die Frage gestellt, wie es denn bei uns mit der Durchlässigkeit von unten nach oben und dem Schubladendenken aussieht.

Im Getwell, dem kleinen Privatkrankenhaus, war ich in der ersten Woche im Outpatient Department, wo die Patienten nach der Operation zur Versorgung liegen, und in der zweiten Woche auf der Chirurgie. Dort waren sie relativ gut ausgestattet mit Material und Personal. Ich konnte bei vielen Operationen zusehen und Fragen stellen. Allerdings wurde mir gleich zu Anfang erklärt, dass ich hier nichts machen dürfte. Das Konzept der Famulatur gibt es eben in Indien nicht, und das Getwell ist kein Lehrkrankenhaus. Weshalb ich mich dann darum bemüht habe, doch noch in das öffentliche Krankenhaus zu kommen. Dies erschien anfangs bürokratisch enorm aufwendig - durch die Bemühungen des netten Herrn Professor Kambles hat es dann aber doch geklappt. Er ist Arzt am GMC - ein alter IPPNWler und Bekannter von Frau Kurvey. Ich würde jedem meiner Nachfolger empfehlen, gleich ins GMC zu gehen, auch wenn die sich anfangs etwas querstellen.
Ich war dort zuerst für ein paar Tage auf der Pädiatrie, dann auf der Dermatologie und zuletzt auf der Geburtshilfe. Überall wurde ich sehr nett aufgenommen und habe schnell Anschluss gefunden. Wir haben uns viel über unsere Gesundheitssysteme hier und dort ausgetauscht und ich wurde richtig gehend mit Fragen gelöchert. Am besten gefallen hat es mir auf der Geburtshilfe. Dort im Krankenhaus kommen am Tag ungefähr 50 Kinder auf die Welt, fast die Hälfte per Kaiserschnitt. Ich konnte überall dabei sein und Fragen stellen, viele Untersuchungen durchführen und Handgriffe üben. Die Ärzte im GMC sind unglaublich viel beschäftigt. Gerade in den ersten Assistenzarztjahren (insgesamt sind es drei Jahre) müssen sie von morgens bis abends auf Station sein. Auch jede zweite Nacht haben sie Schicht. Ihr Wohnheim ist daher gleich auf dem Campus. Dorthin haben sie mich öfters mal zum Essen mitgenommen. Unter den Ärzten sind die Hierarchien klar: Ärzte des ersten Ausbildungsjahrs übernehmen das Puls und Blutdruck messen, legen aber auch Zugänge und sind erste Ansprechpartner der Patienten. Sie beginnen ihre Visite frühmorgens um sechs. Ist man im zweiten Jahr, dann ist man schon eine Stufe weiter und wird sehr höflich behandelt von den Neuen. Man hat dann auch das Privileg der späteren Visite. Zuletzt kommen noch zwei Rundgänge: Vom Lecturer, dem Fragensteller und Lehrbeauftragten - und vom Chefarzt. Ich hatte wegen hohem Sprachtempo und geringer Lautstärke meist Mühe zu folgen, aber mit der Zeit wurde es besser. Trotzdem habe ich dort einiges lernen können.

Ausflüge
Sowohl mit den Kurveys, als auch mit Ärzten aus dem Krankenhaus und alleine war ich in den Wochen in Nagpur viel unterwegs. Frau Kurvey hat mir mehrere Projekte empfohlen und gezeigt, die sich für das Sozialpraktikum eignen könnten. Wir waren zum Beispiel in einem Wohnheim für Mädchen aus den Regionen mit naxalitischen Aktivitäten und in einem Krankenhaus einer hinduistischen Organisation, die auch viele Gesundheitscamps veranstaltet und Präventionsarbeit leistet. Frau Kurvey organisierte auch eine IPPNW-Veranstaltung zum Hiroshima-Jahrestag: Mit Film (A mother's prayer) und einigen Reden. Ich durfte auch etwas über die Aktivitäten der IPPNWStudierenden in Deutschland erzählen. Und auch Sevagram habe ich besucht, das Ashram Gandhis. Die Atmosphäre dort hatte etwas sehr Meditatives. Ich saß dort lange Zeit auf einem Stein und konnte meinen Gedanken gut nachhängen.

Anandwan
Ich habe mich dann entschieden, für den Teil des Engagierens in ein kleines Dorf zwei Stunden von Nagpur entfernt zu reisen. Ich hatte es mir auch vorher schon einmal angesehen und war schnell sehr angetan. Anandwan ist ein Dorf in dem Menschen leben, die von der Gesellschaft vernachlässigt werden. Ursprünglich hauptsächlich Leprakranke, denen nach der Heilung oft nur das Betteln bleibt. Es gibt in der Gesellschaft immer noch viel Misstrauen und Ausgrenzung. Nicht nur deshalb bleiben sie oft ein Leben lang in Anandwan. Es leben aber auch viele Menschen anderer benachteiligter Gruppen dort: Mitglieder der indigenen Bevölkerung, Kastenlose und Menschen mit Behinderung. Man findet immer Mittel und Wege, auch Menschen mit zahlreichen Amputationen und anderer Einschränkungen Arbeit zu geben, sogar beim Weben und Jäten. Anandwan ist fast autark: Sowohl im Nahrungsmittelbereich, als auch was Bildung und Kultur angeht. Was mich dort am meisten berührt hat, ist das selbstverständliche Miteinander auf Augenhöhe. Egal, wie viele Gliedmaßen fehlen. Egal, ob in Gebärdensprache, Hindi, Marathi oder Englisch. Ich habe in der Zeit immer wieder gestaunt, was Menschen gemeinsam bewegen können.
Mein Tag sah ungefähr so aus: Morgens von 6-8 habe ich täglich beim Säubern und Verbinden der Wunden der Leprapatienten geholfen. Lepra befällt die Nerven, sodass die Patienten unter anderem an den betroffenen Stellen keinen Schmerz verspüren. So kommt es gerade an den Füßen zu Verletzungen, die gut versorgt werden müssen. Der Raum quoll oft über vor Menschen und Lebendigkeit - es wurde aber auch mal laut geflucht und geschimpft, wenn sich jemand vordrängelte. Jeden Morgen habe ich mich gefreut über den ansteckenden Lebensmut der Menschen dort. Frisch verbunden, bricht dann jeder auf zur Arbeit, zu den Feldern und Werkstätten. Nach dem Verbinden ging es für mich zum Frühstück. Die eine Hälfte des Tages bin ich dann in den verschiedenen Werkstätten unterwegs gewesen und half auch oft beim Kochen. Es gibt eine große Gemeinschaftsküche, in der die meisten essen. Die andere Tageshälfte habe ich im Krankenhaus verbracht: Dort habe ich vor allem Spritzen gegeben und bin bei der Visite mitgegangen. Aber es gab auch viele gute Gespräche mit den Schwestern und wie immer ganz viel Chai.
Außerdem hatte ich in der Zeit in Anandwan die Chance, einige andere Ableger der Gemeinschaft zu besuchen. Unter anderem Hemalkasa, das Projekt von Prakash Amte. Er ist der Sohn des inzwischen verstorbenen Baba Amte, dem Gründer der Gemeinschaft. Hemalkasa liegt im Gebiet der Madia Gond, eines großen Tribes. Es gibt dort eine Schule und ein Krankenhaus. Das Projekt wäre sicher ein guter Ort, um dort längere Zeit zu sein - es ist allerdings während des Monsuns sehr schwer zu erreichen, weshalb ich nur zwei Tage dort war.

Beim Reisen im Süden
Nachdem ich mich von den Kurveys und allen anderen lieben Nagpurianern verabschiedet hatte, war ich noch drei Wochen mit meinem Freund im Süden Indiens unterwegs. Wir haben unsere Reise in Mumbai begonnen und beendet. Dort haben wir bei Freunden meiner Eltern gewohnt, die uns nächtelang aus ihrem Leben und von indischen Traditionen erzählt haben. Das Leben in Mumbai hat so gleich eine persönliche Note bekommen. Auch in Mysore haben wir eine Woche bei einem Pärchen gewohnt, die wir über Couchsurfing gefunden hatten.

Als wir dann zurück nach Deutschland flogen, hing ich eigentlich noch mittendrin. Es hatte doch gerade erst angefangen? Zweieinhalb Monate waren eindeutig zu kurz. So werde ich mich bestimmt noch ein zweites Mal auf die Reise machen. Und freue mich jetzt schon! Vielen Dank an alle, die diese Zeit begleitet und durch ihre eigenen Berichte sehr bereichert haben. Und vor allem auch an Ulla für ihre große Unterstützung und Verständnis in allen Lebenslagen!

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