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Bosnien-Herzegowina

von Julia Neuhof

01.12.2012 Fasse einmal zusammen was Du über Bosnien weißt. Hmm... Da war doch ein Krieg, noch nicht so lange her; ach, und ich erinnere mich an viele Flüchtlinge in Deutschland. Aber jetzt? Was passiert dort im Jahr 2012?
Ich wollte lernen was hinter dem „Balkan“ steckt - das ehemalige Jugoslawien, ein großes Wort und in meinem Kopf entstanden keine Bilder dazu. Sarajevo, die Hauptstadt Bosniens im„Hinterhof Europas“ - keine 1000 km entfernt von Regensburg -  sollte von mir entdeckt, verstanden und lieben gelernt werden. „Nach Bosnien? Ist das denn nicht gefährlich?“, wollte eine Kommilitonin vor der Abfahrt von mir wissen und jetzt kann ich aus Erfahrung sagen, es stimmt was ich damals behauptete: „Nein, nein, überhaupt nicht. So sicher wie daheim.“

Famulatur in Sarajevo
Im knalle heißen Sarajevo war ich die ersten Tage ganz schön geplättet und durchaus dankbar, dass die Klinikbürokratie mir noch zwei freie Tage vor Famulaturbeginn schenkte. Bis dahin hatte ich mit der großen Hilfe eines Couch Surfers ein wunderbares Apartment im Stadtteil Breka hoch über der Altstadt gefunden, mit herrlicher Aussicht, Pool und einem kühlen Lüftchen. Jetzt konnte es  losgehen. Die ersten beiden Wochen war ich in der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, die in einem Neubau mit sehr guter Ausstattung abseits des eigentlichen Uniklinikgeländes untergebracht ist. Für mich zuständig fühlte sich so richtig keiner, also konnte ich mich einerseits vollkommen frei zwischen den Abteilungen bewegen und kommen und gehen wann ich Lust hatte. Andererseits bedeutete es auch, dass ich sehr stark in die Offensive gehen musste um etwas erklärt zu bekommen. Ich denke es lag nicht nur an der Sprachbarriere, sondern auch an einer in dieser Abteilung sehr begrenzten Lehrkultur. In Bosnien und auch den anderen Balkanländern ist es für Ärzte nicht leicht einen bezahlten Arbeitsplatz zu finden, ohne Parteiengagement oder  Beziehungen läuft kaum etwas – ich sag nur die Chefin der Gyn ist die Frau des Präsidenten – und vielleicht ist dieses Nicht-Teilen-Wollen von Wissen auch der harten Konkurrenz und der Angst ersetzbar zu werden geschuldet. Eine starke Hierarchie ließ keinen Zweifel aufkommen wann das Aufgabenfeld und die Mitsprache des jüngeren Arztes endete und in den Pausen saßen dann doch wieder alle ungeachtet der Ethnie zusammen in den Aufenthaltsräumen (so etwas gemütliches gibt es in Deutschland nicht!!), tranken Kaffee, rauchten und unterhielten sich.
Nach Dienstschluss um 14:45 Uhr gingen einige Ärzte noch in private Praxen um dort besonders sorgfältig z.B. die Sonos der Schwangerenvorsorge für zahlungskräftigere Patientinnen durchzuführen. Leider habe ich kaum Fragen zum bosnischen Kranversicherungssystem gestellt und weiß daher nur, dass prinzipiell jeder versichert ist, der einen Job hat. Bei 40% Arbeitslosigkeit würde ein großer Rest unversorgt bleiben, und ob es dann trotzdem eine Möglichkeit gibt weiß ich nicht. Aufgefallen ist mir aber, dass viele Patienten kleine Geschenke zur Untersuchung mitbrachten und die Tüten mit Kaffee und Schokolade dann ohne Kommentar im Zimmer stehen ließen. Geld wurde vor meinen Augen nie in die Kitteltasche gesteckt, aber der Kommentar eines Arztes zum Wutausbruch der Chefärztin, als in der Nachmittagsbesprechung klar wurde,  dass der geplante Kaiserschnitt einer Patientin vergessen wurde, war: „You will see some patients are more important than others.“
Zimperlich waren die Ärzte auch nicht, und nach zwei Ausschabungen mit lediglich lokaler Betäubung der Zervix und vor Schmerzen brüllenden Frauen verließ ich mit Übelkeit den Raum. „Medicine goes with pain.“ Mehr Erklärung gab es dazu nicht. Die fehlende Empathie setzte mir sehr zu, und sogar zurück in Deutschland konnte ich meine ursprüngliche Begeisterung für das Fach noch nicht wieder zurück gewinnen.
Ich habe in verschiedensten Situationen in Bosnien Menschen kennen gelernt, die der Krieg  zu Einzelkämpfern mit einem überlebens- und egozentriertem Weltbild werden hat lassen. Schwere Traumatisierungen haben die Fähigkeit genommen das Leid anderer wahr- und ernst zunehmen und sie empathisch zu begleiten. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft mir gegenüber war dadurch jedoch nie beeinträchtigt.
Die zweite Hälfte meiner Famulatur verbrachte ich in der Infektologie und durfte dort ein außerordentlich freundliches und auch den Patienten zugewandtes Team kennen lernen. Hier fiel es mir leichter Erklärungen zu bekommen und eine junge Ärztin begann sogar schon im Durcheinander der Sprachen mit den Patienten englisch zu sprechen. Das war sehr süß und mein düsteres Bild der gefühlskalten Ärzte bröckelte wieder.

Noch ein paar Worte zur Stadt. Obwohl ich keine Kontaktperson hatte, fand ich mich schnell zurecht, denn Sarajevo ist klein aber fein. Sehr lebendig mit vielen jungen Menschen, die flanieren, stundenlang Kaffee trinken (viel mehr können sie sich auch nicht leisten) und die Leute sind so gut wie immer unglaublich freundlich. Quetsche zwei, drei Wörter in ihrer Sprache heraus und Du zauberst ein Lächeln auf ihr Gesicht. Und „Deutschland ist ja so ein tolles Land“. Durch die Aufnahme vieler Flüchtlinge in größter Not haben wir wirklich einen Stein im Brett bei den Bosniern, und das, obwohl Deutschland, EU, NATO und UNO weder pazifistisch friedensstiftend noch konsequent im Durchgreifen und Schützen eine gute Figur im Balkankrieg abgegeben haben.
Dank meiner Nachbarinnen durfte ich sogar das Gebet in der Moschee miterleben und bekam noch mal so richtig mit wie es ist, eine gläubige Muslima in Bosnien zu sein. Sarajevo ist aber keinesfalls streng muslimisch dominiert, vielmehr eine Stadt in der Menschen unterschiedlichen Glaubens und verschiedener Weltanschauungen - soweit ich das beurteilen kann - frei und friedlich zusammenleben. Frauen mit Kopftuch und langen Gewändern kommen von der Moschee während gleichzeitig äußerst schicke Mädchen in die Nacht starten – angesichts eines zeitlich so nahen Krieges der Intoleranz für mich wie ein Wunder. Die sichtbaren Spuren des Kriegs wurden in Sarajevo durch Sanierung größtenteils bereits behoben. In  Büchern, die ich über den Konflikt der 90er  las, war von so viel Leid, Schrecken und Abartigem die Rede, dass es Momente gab, in denen mir das Geschehene unbegreiflich erschien und oft fragte ich mich, weshalb konnten die Menschen so grausam sein und wie vielen Täter begegne ich wohl tagtäglich.
Die Zeit verging wie im Fluge und nach einer kleinen Reise durch Bosnien und Serbien, inklusive dem Highlight des Wiedersehens mit Anna (f&e Kosovo) und Franzi (f&e Serbien), war es Zeit von Sarajevo fürs Erste Abschied zu nehmen, die Koffer zu packen und nach Tuzla in den Norden umzuziehen.

Sozialpraktikum bei Snaga Žene in Tuzla
Zwei Tage vor Abfahrt im Juli machte mich mein Freund noch auf ein Feature von Deutschlandradio Kultur über Hilfe in bosnischen Flüchtlingslagern aufmerksam. Angehört, begeistert gewesen, gesucht und gefunden. Bewerbung getippt und positive Antwort drei Tage später erhalten. Was für ein rasches Glück! Einer meiner Beweggründe an f&e teilzunehmen war der Wunsch die Arbeit einer lokalen NGO kennen zu lernen und deren Chancen wie auch Schwierigkeiten zu verstehen. Meine  eigentliche Anfrage bei Medica Zenica – der Mutterorganisation von medica mondiale – erhielt keine Resonanz. Ich habe nicht weiter nachgehakt und mich mit neu entdeckter Flexibilität darauf gefreut, einen Monat in Tuzla bei SnagaŽene – es bedeutet Kraft der Frauen und man spricht es: snaga schäne – zu verbringen. SnagaŽene bietet seit 1999 psychologische, soziale, medizinische, pädagogische und rechtliche Unterstützung für Frauen und Kinder, die während oder nach dem Bosnienkrieg traumatisiert wurden. Bei vielen der Betroffenen stehen dabei die Folgen der Traumatisierung durch den Genozid von Srebrenica, bei dem über 8000 Männer ermordet wurden, im Vordergrund. Sie sind im Kanton Tuzla, wo noch immer viele Flüchtlinge leben, und rund um Srebrenica aktiv tätig.
Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und richtiggehend umsorgt. Was für ein Unterschied zur Klinik. Plötzlich traf ich Menschen, die Ethnien losgelöst mit Empathie und Engagement ihren Mitmenschen in seiner Bedürftigkeit sehen. Ich durfte mich in der Organisation frei bewegen und war oft im Kindergarten dabei oder fuhr mit in die Flüchtlingslager. In Srebrenica besuchten wir die zurückgekehrten Familien, die seit mittlerweile drei Jahren am Rosenprojekt teilnehmen und fleißig in ihren Gewächshäusern arbeiten um Schnittblumen zu produzieren. Die schöpferische Arbeit mit der Erde hilft ihnen ihre verletzten Seelen zu heilen, und die Einnahmen bringen etwas ökonomische Hilfe in eine Gegend mit fast 100% Arbeitslosigkeit, insbesondere für muslimische Bürger, die in der Republika Srpska (serbische „Entität“ Bosnien-Herzegowinas, was wohl einer Teilrepublik entspricht – ihr seht, es wird kompliziert!) so gut wie keine Arbeit finden. Eigentlich wäre auch die Ultraschallsprechstunde auf dem Tagesplan gestanden, doch leider gab es dieses Mal keinen Strom im Krankenhaus und damit war das nicht möglich.
Die Leiterin Branka Antić-Štauber ist leidenschaftliche Ärztin und hat ein Ohr für die Sorgen ihrer Patienten. Außerdem ist sie ziemlich geschickt bei der Beschaffung von Geldern. Sei es vom deutschen Auswärtigen Amt, der niederländischen Botschaft oder aus der Schweiz. Von der eigenen Regierung kommt nämlich kein Pfennig. Ich konnte zwar selbst kaum mithelfen, habe aber durch Gespräche sowohl mit den Mitarbeiterinnen als auch mit Klienten und durch eigene Beobachtungen insbesondere in den Flüchtlingslagern sehr viel lernen können. Zwischendrin war auch Zeit für eigene Recherchen am PC im Büro, was mir half mich tiefer in die Thematik einzuarbeiten. Zum einen beschäftigte ich mich mit den Geschehnissen im Bosnienkrieg und dem International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia. Zum anderen mit der Zeit danach, der Erinnerungskultur im postjugoslawischen Raum, dem Phänomen des Transgenerationstraumas und dem Versuch der Errichtung eines demokratischen Staates auf den Trümmern eines verheerenden Konfliktes.
Der Monat in Tuzla, einer entspannten Kleinstadt, war durch die zahlreichen Begegnungen mit unglaublich herzlichen Menschen wunderschön. Im kommunistischen Hotel Technograd residierte ich stilecht in Platte und sogar dort wurde mir jeder Wunsch vom jungen Portier von den Augen abgelesen.  

Wer weiß vielleicht gibt es ja schon die Möglichkeit zum Europäischen IPPNW-Studitreffen in Belgrad im April 2013 nochmal in Tuzla vorbeizuschneien. Das wäre fein.
Und Du, hab ich Entdeckerlust bei Dir geweckt?

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