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Türkei

von Marie Nekola

01.12.2011 Ein Sommer mit viel Wärme, sowohl menschlicher als auch wetterbedingter, liegt hinter mir. Schon seit Anfang meines Studiums kenne ich das f&e Programm. Mehrmals überlegte ich mich zu bewerben, bis ich es diesmal endlich tat. Da mich frühere Reisen weit weg führten, wollte ich gerne in die mir unbekannte Gegend Südost-Europas bzw. die Türkei fahren. Vor allem interessierten mich die Sozialprojekte in diesen Ländern, welche das große Themenfeld Krieg und Gewalt berühren. Mit etwas Glück bekam ich dann die Möglichkeit f&e in der Türkei zu machen und freute mich riesig.

Famulaturzeit
Meine erste Woche wollte ich in der Pädiatrie verbringen. Zuerst war ich auf einer großen Station, wo die AssistenzärztInnen gestresst die ganze Arbeit erledigten. Die Oberärztin kam täglich um während der Visite alles Wissen, auch der PJ'ler, ausgiebigst an die Grenzen zu treiben. Die Ärztin, welche sich um mich kümmern sollte, bekam ich kaum zu Gesicht, weil sie ihre erste Woche dort arbeitete und die Station leiten sollte. Ich verbrachte viel Zeit im Ärztezimmer mit PJ'lern und ÄrztInnen im ersten Ausbildungsjahr für Allgemeinmedizin, welche in der Kinderheilkunde rotierten. Von ihnen erfuhr ich, wie die medizinische Ausbildung in der Türkei abläuft, im Groben sehr ähnlich zu Deutschland. Die Arbeitsbedingungen für die AssistenzärztInnen sind allerdings wesentlich härter. Viele, denen ich begegnete, waren übermüdet, da sie momentan in der Urlaubszeit jeden zweiten Tag in 36 Stunden Schichten arbeiteten. Dass sie dabei den PatientInnen oft wenig Geduld entgegen brachten, konnte ich irgendwie nachvollziehen, auch wenn es mich störte. Ich schaute mir in den anderen Tage verschiedene pädiatrische Ambulanzen an und führte ein sehr interessantes Gespräch mit einer Kinder- und Jugendpsychiaterin. In der Türkei wollen viele Medizinstudierende PsychiaterInnen werden. Denn wenn sie sich nach der Facharztausbildung niederlassen und sich nur noch mit PrivatpatientInnen beschäftigen, ist es finanziell sehr lohnenswert. Für alle Nicht-privatversicherten ist der Zugang zu psychiatrisch/psychologischer Hilfe im Notfall gegeben, aber für langfristige Therapien gibt es nur wenige Plätze.  
In der zweiten Woche befand ich mich in der Geburtshilfe. Hier waren die MitarbeiterInnen entspannter, da gerade nicht so viele Geburten stattfanden. So blieb Zeit für ausgedehnte Gespräche über das Gesundheitssystem, über Religiosität (es war die Zeit des Fastenmonats Ramazan), den Zypernkonflikt und vieles mehr. Jeden Tag wurden mir die Patientinnen vorgestellt und ich konnte mit zu den Operationen.
Insgesamt war die Zeit im Krankenhaus mit verschiedensten Eindrücken gefüllt. Manchmal war es etwas zäh, da wenige Personen verständlich Englisch sprechen konnten und das Arbeitspensum der ÄrztInnen so hoch war. Aber überall wo ich nachfragte, ob ich dort hospitieren kann, wurde mir immer freundliche Zustimmung entgegengebracht. Da ich nur kurz an einem Ort war, blieb wenig Raum mich mehr in den Alltag zu integrieren.
Die dritte und vierte Woche verbrachte ich in Familienmedizinischen Zentren außerhalb des Krankenhauses. Kurzzeitig bei einer Ärztin, welche vor allem PatientInnen aus der sozialen Mittelschicht betreut und fast nur Rezepte ausstellte. Die meiste Zeit aber war ich im Inönü Health-Care-Center, wie bereits einige meiner Vorgängerinnen. Hier sprachen die MitarbeiterInnen wenig Englisch, aber sie nahmen mich herzlich auf und bemühten sich sehr mich einzubeziehen. Zwei Ärztinnen und ein Arzt zusammen mit drei Krankenschwestern behandeln die in der Umgebung wohnenden PatientInnen, welche in einem der ärmeren Viertel von Izmir leben. Die meisten kamen mit ihrem kleinen grünen Heft, welches zeigt, dass sie über den Staat krankenversichert sind, weil sie selbst keine finanziellen Mittel haben.  Das Verhältnis zu den PatientInnen war viel persönlicher als in der Uniklinik. Das Wartezimmer war immer voll, und doch durfte ich viele PatientInnen mit untersuchen, und mittels Wörterbuch wurden viele meiner Fragen beantwortet. Erschrocken war ich über die zahlreichen Besuche von PharmavertreterInnen im Gesundheitszentrum. Bei manchen hatte ich erst den Eindruck, das sind gute Freunde, die gerade zu ihrer Ärztin gehen, bis sie dann ihre Werbeprospekte zückten und mir klar wurde, welche Aufgabe sie eigentlich haben. Die meiste Werbung landete im Papierkorb, und die Geschenke wurden gleich in den Bestand einsortiert. An einem Tag kamen sicher 10 Pharmamenschen. Die Ärztin meinte nur, dass es eben deren Job ist...
Durch die verschiedenen Orte meiner Famulatur bekam ich vielfältige Einblicke in das Gesundheitswesen der Türkei, was für mich spannend war, nur eben den Nachteil hatte, dass ich weniger Anschluss an die Studierenden und ÄrztInnen hatte, da ich nach wenigen Tagen gleich wieder woanders war. Obwohl ich es vorher nicht in Zusammenhang gebracht habe, fiel das Zuckerfest, an dem fast alle frei haben und zu ihren Familien fahren, auf die Woche, in der eine Freundin aus Deutschland mich besuchte. So reisten wir auch ein wenig und genossen die Natur einen Nationalparks zum Ausspannen.

Die Türkische Menschenrechtsstiftung
Danach begann meine Zeit in der Menschenrechtsstiftung der Türkei. Folter ist in Deutschland kein Thema mit Präsenz, umso allgegenwärtiger ist es in der Türkei. Die Stiftung bietet auf verschiedenen Ebenen Unterstützung für die Betroffenen von Folter und deren Angehörigen an. Von medizinischer Behandlung über psychotherapeutische Hilfe, juristischem Beistand und politischer Arbeit reicht ihr Aktivitätsspektrum. In ausführlichen Gesprächen mit allen MitarbeiterInnen wurde mir unter anderem erzählt, welche Funktion sie haben, wie sie zur Stiftung kamen und welche persönliche Motivation sie haben. Ich las Publikationen der Stiftung und bekam mehr und mehr einen Eindruck über die Ausmaße der Folteranwendung. Unter anderem kann diese gewaltvolle Praxis weiter existieren, weil die Rechtssprechung sie duldet und Folterer in den seltensten Fällen bestraft. Und wenn es eine Strafe gibt, dann ist diese unverhältnismäßig gering. So betroffen ich von einigen Berichten war, umso mehr erlebte ich, wie die MitarbeiterInnen der Stiftung einen Gegenpol zu dieser Ungerechtigkeit bildeten. Mit viel Energie und Beharrlichkeit kämpfen sie gegen die Folterpraxis und schaffen im Büro für die Hilfesuchenden eine warmherzige und unterstützende Atmosphäre, die ich ebenfalls spürte. Beim Kaffeetrinken auf dem Balkon diskutierten wir über Politik, Psychotherapie, und ich erfuhr mehr über den Konflikt zwischen türkischem Staat und der kurdischen Bevölkerung. Die Menschen der Stiftung haben mich sehr beeindruckt und ich bin dankbar sie kennen gelernt zu haben. Mein Verständnis des Geschehens in der Türkei beruht vor allem auf Gesprächen mit ihnen.
In der Türkei regierungskritisch in der Öffentlichkeit aktiv zu sein, kann bedeuten dafür gefangen genommen zu werden oder anderen Formen von Repression ausgesetzt zu sein. Die Menschenrechtsstiftung hat vermutlich durch ihr internationales Unterstützernetzwerk einen Schutzschirm aufgebaut, doch viele andere Aktive haben dies nicht. Wegen der gut funktionierenden Abschreckungsmaschinerie ist die junge Generation weitgehend unpolitisch und viele wollen nichts mit Politik zu tun haben, da sie kein Vertrauen in ihre VertreterInnen haben. Vor diesem Hintergrund wurde mein Respekt gegenüber dem Wirken der StiftungsmitarbeiterInnen immer größer.

Das Mesopotamische Sozialforum
Am Ende meiner Zeit in Izmir erfuhr ich zufällig etwas vom in Diyarbakır stattfindendem Mesopotamischen Sozialforum. Ein Mitarbeiter der Menschenrechtsstiftung hielt dort einen Vortrag und ich entschloss mich spontan ebenfalls hinzufahren und mir die Diskussionen anzuhören. Organisiert wurde das Forum von kurdischen Zivilorganisationen. Die Diskussionsrunden drehten sich um Themen wie Umweltschutz, Frauenrechte, (Anti-)rassismus, unterdrückte Kulturen, und als Hauptthema der Umbruch in der arabischem Region und im mittleren Osten. Hier versammelten sich Hunderte politisch aktive Menschen, um sich auszutauschen und ich kam mit einigen von ihnen ins Gespräch. Allein die Stimmung in Diyarbakır war ganz anders als in Izmir. Die Polizeipräsenz auf den Straßen ist wesentlich größer und auch auf dem Veranstaltungsgelände selbst ließen sich immer wieder Polizeibeamte blicken. Sowohl tagsüber als auch nachts flogen vom nahe gelegenen Militärflughafen lärmende Kampfflugzeuge ab. Ein seltsames Gefühl, wenn Gespräche mit Menschen kurdischer Herkunft vom Fluglärm unterbrochen werden und einige von ihnen FreundInnen oder Verwandte in der Zielregion der Flugzeuge haben. Teilweise flogen sie nur zur Auskundschaftung, aber teilweise bombardierten sie bereits Dörfer im Nordirak. Dementsprechend waren die Probleme der kurdischen Bevölkerung mit dem türkischen Staat ein immer präsentes Thema. Während meines Aufenthaltes in der Türkei erhitzte sich der Konflikt zum wiederholten Mal. Inzwischen startete das türkische Militär eine Bodenoffensive im Nordirak. Viele prokurdische PolitikerInnen und JournalistInnen sind unter dem Vorwand für die PKK zu arbeiten festgenommen worden. Die Hoffnung auf eine nicht-militärische Konfliktlösung wurde abermals enttäuscht. Seit ich wieder in Deutschland bin, verfolge ich weiterhin die Entwicklungen im Konflikt, der sich für die MigrantInnen aus der Türkei und aus den kurdischen Gebieten auch hier abspielt.   

Reisezeit
Zurück in Izmir verabschiedete ich mich von allen neu gewonnenen FreundInnen und machte mich zusammen mit meiner Schwester und dem Rucksack auf den Weg. Da ich mir das Wintersemester als Urlaubssemester genommen habe, konnte ich mir Zeit lassen mit der Rückkehr nach Deutschland. Deswegen fuhren wir in einem großen Bogen durch die Türkei, und anschließend ging es über den Landweg zurück. Dass die Reise-Hauptsaison bereits vorbei war, empfand ich als sehr angenehm. Wenn wir touristische Ziele ansteuerten, waren sie weniger besucht. Die Einheimischen freuten sich, wenn ich kleine Gespräche in Türkisch führen konnte. Mit jeder weiteren Etappe näherte ich mich langsam der Tatsache an, dass ich auf dem Rückweg war. Am Ende hielt sich die Freude wieder zu Hause zu sein mit dem Vermissen der bereichernden Zeit in der Türkei die Waage und ich bin froh, dass „mein“ f&e Land nicht so weit weg ist, so dass ich es leicht wieder besuchen kann.
Diese Reise hat mir eine zwischen verschiedenen Extremen gespannte Region näher gebracht. Ich hatte die Chance punktuell tiefer gehende Einblicke zu gewinnen, in dafür sehr kurzer Zeit. Auf dem Weg gab es viele herzliche Begegnungen und beeindruckende Menschen, deren Lebensgeschichten mir Inspiration sind, die ich mit mir weiter trage. 

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