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Serbien

von Katharina Thilke

01.12.2011 Belgrad ist die Hauptstadt Serbiens mit ca. 2 Mio. Einwohnern. Anfangs erschien mir dir Stadt unendlich groß, relativ hektisch und chaotisch zu sein. Die Bewohner habe ich jedoch größtenteils als locker und entspannt kennen gelernt. Wenn ich im Begriff war irgendwie nervös zu werden hörte ich immer unmittelbar von allen Seiten ein beruhigendes „easy, easy!“. Doch im Straßenverkehr waren die Belgrader dann nicht mehr so easy. Da wurde wild gehupt und kreuz und quer gefahren. Hier gilt das Recht des Stärkeren, erklärte man mir. Als Fußgänger muss man folglich etwas vorsichtig sein. Doch man gewöhnt sich schnell an die vielen Autos und lernt sich seinen Weg zu bahnen.

Belgrad hat wunderschöne alte Häuser. Zum Teil sind sie herunter gekommen und nicht in Stand gesetzt. Aber gerade das macht sie so authentisch und erzeugt eine ganz besondere Stimmung. Zwischen den alten Häusern befinden sich immer wieder sozialistische Bauten. Bei einem Spaziergang durch Belgrad wird man schnell bemerken, dass sich die Cafés in den Straßen geradezu aneinander reihen.
Die Belgrader haben eine  ausgeprägte „Cafékultur“. Es vergeht selten ein Tag, an dem man sich nicht mit Freunden auf einen Kaffee trifft. Ich hatte den Eindruck, dass einige Belgrader es nicht allzu eng sahen mit ihren Arbeitszeiten. So sind die Cafés zu jeder Tageszeit gefüllt, sowohl in den Morgenstunden als auch nachmittags und des Nachts. Es gab Tage, an denen war ich in vier verschiedenen Cafés. So viel Kaffee, Wein und Bier in Lokalen habe ich glaube ich in meinem ganzen Leben noch nicht getrunken! Und jedes Mal wurde ich eingeladen. Die Belgrader sind unheimlich gastfreundlich und fühlen sich fast beleidigt, wenn man sich  mit einer Einladung revanchieren möchte.
In der idyllischen Fußgängerzone findet man unzählige Einkaufsmöglichkeiten. Schnell bekommt man das Gefühl in einer westeuropäischen Großstadt zu sein. Dort spürt man nicht mehr, dass man sich in einem Land befindet, in dem das Durchschnittseinkommen ein bisschen mehr als 300 Euro beträgt. Aber es gibt auch „andere Einkaufsmöglichkeiten“. So z.B. findet man alle paar Meter eine kleine Popcornbude, an der es frisches, leckeres Popcorn zu kaufen gibt. Während der Erntezeit werden Steinkohle-Grills aufgebaut, auf denen Maiskolben geschmort werden. Im Herbst werden dann anstatt Mais Maronen verkauft. Zwischen den großen Geschäften mit Leuchtschrift findet man auch immer wieder kleine Straßenhändler, die Raubkopien von Filmen, Schmuck, Schals, Sonnenbrillen oder Regenschirme (je nach Wetterlage) verkaufen.
Besonders gerne habe ich abends den Sonnenuntergang von der Festung Kalemegdan genossen. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick über die beiden Flüsse Donau und Sava und über Novi Beograd. Anschließend kann man zahlreiche Lichter der Stadt bei Nacht aufblitzen sehen. Auch sehr schön waren die Radtouren entlang des Donauradweges, der auch durch Belgrad führt.

Famulieren
Meine Famulatur habe ich am Cliniski Centre, dem Universitätskrankenhaus, gemacht. Ich habe mich für die Fachabteilung Anästhesie in der Gefäßchirurgie entschieden. Dragan, der IPPNW Arzt vor Ort, hat mich dort hin vermittelt. Mitte August begann meine Famulatur. Währen dieser Zeit sind viele Ärzte  im Sommerurlaub. Deshalb wird das OP Programm auf ein Minimum herunter gefahren.
Die Gefäßchirurgie war wie folgt aufgebaut: Es gab drei OP Säle. In dem kleineren wurden unter Epiduralanästhesie/Lokalanästhesien häufig Amputationen durchgeführt. Die Chirurgen waren sehr nett und erklärten mir viel. Die Kommunikation hat zumeist auf Englisch stattgefunden, teilweise auf Deutsch. Einige der serbischen Ärzte haben Berufserfahrungen in Deutschland gesammelt. Ich selbst kann kein serbisch. Deshalb konnte ich den Konversationen zwischen den Ärzten nicht folgen. Auf Nachfrage wurden mir aber einige medizinische Hintergründe erläutert. In den anderen beiden OP Sälen wurden u.a. abdominale Aortenaneurysmen und Karotisstenosen operiert. Die große Mehrzahl der Eingriffe wurde offen gemacht. Es gibt zwar auch die Möglichkeit der minimalinvasiven Chirurgie, aber diese wird nur bei Hochrisiko-Patienten angewandt. Die Radiologie war modern und mit neuen Geräten ausgestattet. Allerdings waren die Materialkosten für eine Minimalinversivechirurgie extrem hoch. Deshalb konnte nur eine geringe Fallzahl von der MIC profitieren. Interessant waren die Operationen an der Karotis. Die Patienten sind während dieser OP wach. Dies war für die Anästhesie extrem wichtig, um beurteilen zu können in welcher Verfassung der Patient war (im Hinblick auf die Hirndurchblutung). Ich war sehr beeindruckt von den Anästhesistinnen, wie einfühlsam sie sich um ihre Patienten während des Eingriffes kümmerten. Ich habe den Umgang mit den Patienten immer sehr respektvoll und verständnisvoll erlebt. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass die Patienten nicht gut aufgeklärt sind über ihr Krankheitsbild und das Prozedere. Schriftliche Aufklärungsbögen existieren nicht.
In Gesprächen mit serbischen Ärzten fand ich heraus, dass das Bewusstsein für Gesundheit in der Bevölkerung relativ gering ausgeprägt ist. Viele Serben rauchen sehr stark und die Nationalküche ist dominiert von saftigen Fleischgerichten. Prävention und regelmäßig Arztbesuche stellen eine Seltenheit dar. „Man ist so lange gesund bis man zum Arzt geht! Deshalb vermeidet man es so lang wie möglich zum Arzt zu gehen!“, erklärte mir eine junge Ärztin.
Ein weiterer Aufgabenbereich der Anästhesie war die Intensivstation. Diese war in zwei Bereiche geteilt, einer Art Aufwachraum/Intermediate Care und einer Intensivstation. Die Station war vor relativ kurzer Zeit renoviert worden; Betten und Geräte waren neu. Trotzdem fehlt es teilweise an Equipment. Es gibt z.B. kein tragbares Sonogerät. Wenn bspw. ein Patient postoperative Komplikationen nach einem Eingriff an der Karotis entwickelt, dann muss man den Patienten quer durch den Keller des Krankenhauses ans andere Ende in die Ambulanz fahren um dort ein Kontrollsono zu machen…
Insgesamt war die Zeit in der Anästhesie interessant, aber leider durfte ich selbst nichts machen. Für eine Famulatur würde ich deshalb eine andere Fachrichtung/Abteilung empfehlen.

Wohnen
Gewohnt habe ich bei einer serbischen Musikpädagogin in einer kleinen, aber gemütlichen 2-Zimmer Wohnung. Hier hat sie früher mit ihren Eltern und ihrer Schwester gelebt. Ihre Eltern haben auf dem Ausziehsofa im Wohnzimmer geschlafen. Maja hat mit ihrer Schwestern in einem kleinen Raum, der direkt mit der Küche verbunden ist, geschlafen. Privatsphäre und Raum bekamen da für mich plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Maja und ich haben uns auf Anhieb super verstanden, so dass es kein Problem dargestellt für die nächsten zwei Monate auf 40 qm zusammen zu leben. Ihre Wohnung befindet sich in einem ruhigen Hinterhof in einem alten, etwas herunter gekommen Haus, welches seit seiner Erbauung nicht mehr in Stand gesetzt wurde. Möbel und Inventar der Wohnung stammte zum größten Teil noch aus der Zeit Jugoslawiens, so dass die Küchenanrichte z.B. sehr niedrig war. Interessant war auch das Equipment in der Küche: So viele alte Töpfe, Pfannen und Behälter in allen Größen, Formen und Farben mit unterschiedlichen „Beschichtungen“. Ich lernte schnell, dass man auf dem Balkan nicht so zimperlich ist. Das was man hat wird benutzt! Wenn es nicht mehr funktioniert, dann wird versucht es mittels Improvisation wieder zum Laufen zu bringen, um es weiter benutzen zu können. Mir gefiel diese Sicht- und Herangehensweise irgendwie, nicht immer alles gleich weg zu schmeißen und neu zu kaufen. Natürlich ist dies eine Einzelerfahrung und sollte nicht verallgemeinert werden. Aber mit einem monatlichen Einkommen von 250 Euro, welches meine Mitbewohnerin verdiente, musste man erfinderisch werden. Manchmal jedoch erschienen mir ihre Prioritäten jedoch etwas sonderbar. So hatte meine Mitbewohnerin z.B. sündhaft teure Markenschuhe während manche Gebrauchsgegenstände waren sehr veralt oder kaputt waren...

Engagieren
Meine Zeit des „Engagieren“ habe ich anteilig in der NRO „Helsinki Committee of Human Rights in Serbia“ und beim „Centre for Nonviolent Action“ verbracht.
Für zwei Wochen war ich bei NRO. Dort hatte ich die Möglichkeit bei einem Monitoring von Menschenrechten in serbischen Gefängnissen teilzunehmen. Ich begleitete das kleine Team in einen Jugendstrafvollzug im Süden Serbiens. Das größte Problem in Serbien ist, dass alle potentiellen Straftäter, welche unter Verdacht stehen eine Straftat begangen zu haben, nicht auf freiem Fuße sind. Sie müssen im Gefängnis auf ihre Verhandlung warten. Dies kann bis zu Jahren dauern. Die Gefängnisse sind deshalb überbelegt. Der Besuch in dem Jungendstrafvollzug war deprimierend, denn die Jugendlichen werden sich größtenteils selbst überlassen. Es gibt einen Allgemeinmediziner und einen Psychiater. Es gibt kein psychotherapeutisches Angebot, jedoch werden zahlreiche Sedativa verschrieben, so dass ca. 75% der Insassen dauerhaft „ruhig gestellt sind“. Die Arbeit des Monitorings konnte ich in zum Teil mit Recherchen über das deutsche Rechtssystem und der Situation von Strafgefangenen in Deutschland unterstützen.

Den zweiten Teil meines „Engagieren“ verbrachte ich beim „Centre for Nonviolent Action“ (CNA). Die Gründungsgeschichte dieser NGO ist eine besondere und hat eine Verbindung nach Deutschland. Nenad ist Serbe und hat sich dem Krieg in den 90ern verweigert. Dies zwang ihn zur Flucht. Nachdem er einige Jahrn in Deutschland gelebt hatte, war es ihm nach dem Krieg nicht möglich in seine Heimat zurückzukehren. In Sarajevo gründete er das erste Büro des CNA. Nach einigen Jahren konnte er nach Serbien zurückkehren. Dort führte er die Friedensarbeitsarbeit fort indem er ein weiteres Büro in Belgrad gründete. Die Mitarbeiter von CNA stammen aus verschiedenen Ländern des Balkans. Sie arbeiten gemeinsam an unterschiedlichen Projekten. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit stellen Trainings und Workshops mit Veteranen des Balkankrieges dar. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Arbeit. Besonders bewegt haben mich die CNA-Dokumentarfilme. Das Team führte Interviews mit unterschiedlichen Ethnien des Balkans. Dabei ging es um das Themen wie das Zusammenleben vor dem Konflikt, um das Leben während des Krieges und um   „Versöhnung“.
Meine Motivation auf den Balkan zu gehen war es mehr über den Jugoslawienkrieg zu erfahren und insbesondere Friedensarbeitsarbeit auf dem Balkan kennen zu lernen. Das CNA Büro war eine große Bereicherung mit vielen Informationen und Hintergründen. Es ermöglichte mir, Antworten auf meine Fragen zu finden und diesen auf den Grund zu gehen. Dort konnte ich die Möglichkeit einen Einblick in Friedensarbeit auf dem Balkan zu gewinnen. Besonders die Gespräche mit Mitarbeitern in Belgrad und Sarajevo waren bewegend und hilfreich meine persönlichen Erfahrungen, Erzählungen und Eindrücke ein wenig zu ordnen.

Am Ende meiner Reise
Am Ende meines Aufenthaltes habe ich eine kleine Balkantour gemacht. Ich hatte die Möglichkeit Medizinstudierende in verschiedenen Ländern zu besuchen. Sie waren gerade aus Würzburg zurückgekehrt. Dort hatten sie an einem einmonatigen Programm teilgenommen. Meine Rundreise war sehr schön. Es war interessant die Medizinstudierenden zu treffen. Ich habe in Mazedonien, im Kosovo und in Bosnien und Herzegowina viele gute Gespräche geführt; Gastfreundschaft und Temperament erfahren. Themen waren Gesundheitssysteme, medizinische Weiterbildung, Zusammenleben und Separation, Krieg und Schuld, die Zukunft und Perspektiven.
Ich habe während meiner Zeit auf dem Balkan unheimlich viel gelernt, über Geschichte, Krieg und Frieden, über Patriotismus, über das Zusammenleben, über mich selbst und das Leben.

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