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Rumänien

von Maribelle Mayo

01.12.2011 Das Land Rumänien gehörte nicht zu meinen Wunschländern. Trotzdem entschied ich mich dafür, dorthin zu gehen. Wie sagten es mal die Blues Brothers: „The Lord works in mysterious ways“. Das „f&e- Programm“ dauerte zwei Monate und ermöglichte mir ein Praktikum in einem Krankenhaus und ein Volontariat in einer humanitären Einrichtung namens Concordia. Ich entschloss mich, mit dem Volontariat bei der Firma Concordia zu beginnen und flog Ende Juli nach Bukarest.
Rumänien erholt sich wirtschaftlich nur langsam von der Diktatur Ceauşescu´s. Wichtige Themen sind nach wie vor die Armut, die Straßenkinder von Rumänien und die ziganische Bevölkerung, die ebenfalls zu den sozialen Randgruppen zählt.

Sozialprojekt
Concordia wurde 1991 in Rumänien gegründet und kümmert sich um Kinder in Not. Begründer ist ein Jesuit aus Österreich namens Pater Sporschill. Concordia hat bereits mehrere Sozialzentren in Rumänien, Moldawien und Bulgarien. Dabei sind mittlerweile auch alle Altersgruppen vertreten. In Bukarest gibt es ein Sozialzentrum – das Casa Lazar -, das den Kids von der Straße als erste Anlaufstelle dient. Dort können sie sich waschen, bekommen etwas zu Essen und frische Kleidung. Schaffen es die Kinder, ohne Drogen auszukommen und sich an bestimmte Regeln zu halten, so bekommen sie einen Platz im Kinderheim.
Meine erste Woche begann mit einem Sprachkurs, der mir den Einstieg in die rumänische Sprache erleichtern sollte. Es ist aber dennoch empfehlenswert, sich im „Vorfeld“ schon ein wenig mit dieser Sprache vertraut zu machen. Wer also Zeit hat, sollte dies tun. Bereits in der zweiten Woche arbeitete ich im Casa Lazar (Sozialzentrum) und war für den Bereich „Streetwork“ und „Ärztekabinett“ zugeteilt. Unter „Streetwork“ ist folgendes zu verstehen: drei Mal die Woche bin ich morgens mit einer kleinen Gruppe von max. vier Personen (inkl. mir) per Bus in die Stadt gefahren. Hauptsächlich haben wir Teegetränke verteilt und Verbandsmaterial dabei gehabt. Der Ivan, mit dem ich am meisten unterwegs war, kennt die Ecken und Ruinenbaustellen in Bukarest, in denen sich die Kids und Jugendlichen aufhalten - Kinder aus Ceausescu´s Zeit der Diktatur. Oft sind wir am Gara de Nord, also am Nordbahnhof gewesen. Hier und auch sonst galt immer: „auf Wertsachen achten“! Am Zielort trafen wir meistens eine kleine Gruppe von drei bis sieben Personen an. Den Tageslohn verdienen sich die Kinder und Jugendichen. beispielsweise damit, dass sie Parkplatzeinweiser sind. Wenn es gut für sie läuft, verdienen sie 25 RON (6 €) am Tag. Davon kaufen sie sich in aller Regel ihre Drogen, Zigaretten und ab und zu ein paar Lebensmittel. Wir sprachen mit den Kids und machten sie auf Concordia aufmerksam. Einige von ihnen können sogar ein bisschen Englisch und/ oder Deutsch sprechen. Aber zu meinem Glück hatte ich fast immer einen Übersetzer dabei (Rumänisch-Englisch). Denn die Sprachbarriere war meine persönliche Hürde. Ich habe viele Menschenschicksale kennen gelernt und viele Orte gesehen, an denen ich niemals vermutet hätte, dass dort Menschen wohnen. Meine Gedanken und Emotionen wechselten zwischen Ekel, tiefer Betroffenheit und Angst einerseits - andererseits habe ich aber auch Freundlichkeit und Neugier erfahren. Durch meinen Übersetzer hatte ich die Möglichkeit, in manchen Situationen genauer zu fragen. Es half mir ein Stück, die Dinge vielleicht besser zu verstehen und sie anzunehmen wie sie sind. Das war oftmals eine Herausforderung für mich. In den Sommermonaten ist es für die Straßenkids meistens kein Problem, im Freien zu schlafen. Kritisch wird es dann im Winter.
Gelegentlich war ich auch als Betreuer für Klinikfahrten eingeteilt , habe mal in der Küche ausgeholfen, die öffentlichen Duschen betreut oder meine Kollegen bei der Freizeitgestaltung unterstützt. Aber die meiste Zeit war ich nachmittags im „Ärztekabinett“ des Casa Lazar tätig, wo auch zusätzlich zweimal in der Woche eine Ärztin ehrenamtlich arbeitete. Tägliches Programm war hier Verbände wechseln und angeordnete Tabletten verteilen. Es ist sehr schwer gewesen, einen „ruhigen Arbeitsplatz“ im Kabinett zu schaffen.
Dieses Haus beherbergte zu meiner Zeit ca. 60-80 Jugendliche und junge Erwachsene. Die Biografien sind unglaublich unterschiedlich. Manchmal bekommt man die Möglichkeit, mehr von den Kindern zu erfahren. Oftmals bleibt es einem aber verborgen. Was die meisten gemeinsam haben, sind eine Drogenlaufbahn und Infektionskrankheiten. Hier bedarf es nach wie vor viel an Aufklärungsarbeit in jeglicher Hinsicht; meiner Meinung nach auch bei den Mitarbeitern und Pädagogen. Am Ende des Tages war ich oft sehr, sehr müde. Es wurde immer sehr laut und hektisch gesprochen, und die Jugendlichen müssen immer wieder an Regeln und Ordnungen erinnert und diszipliniert werden. Das ist sehr kräftezehrend. Täte man es nicht, würde mehr Chaos herrschen - wie auf der Straße. Dennoch hatte ich auch oft sehr viele schöne Momente und Erlebnisse mit den Kindern und Jugendlichen.

Famulatur
Noch bevor ich nach Rumänien flog, hatte ich kurzen Briefkontakt zu Herrn Dr. Haiduk, der nachher auch mein Mentor war. Er ist seit mehr als 10 Jahren Oberarzt in der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Das Krankenhaus heißt Filantropia und befindet sich circa 45 min entfernt mit dem Bus vom Casa Juda. Ich habe einige Spontangeburten mit anschließender Nachsorge gesehen. In derselben Abteilung befindet sich auch der OP-Saal für die Kaiserschnitte. Sowohl von den Räumlichkeiten, der Ausstattung in jeglicher Hinsicht als auch aus hygienischer Sicht ist diese Klinik noch weit vom deutschen Standard entfernt. Im Allgemeinen wird sehr sparsam mit allem umgegangen. Desinfektionsmittel ist leider Mangelware; ebenso auch Kugelschreiber und Toilettenpapier. Unerlässlich sind eigene, mitgebrachte Taschentücher. Anderenfalls werden die Patientenunterlagen aus Papier zweckentfremdet. Außerdem war ich auf der Neonatologie, im OP und bei der Echographie. Die meiste Zeit bin ich jedoch in der Poliklinik gewesen. Sauberes und steriles Arbeiten nach Vorschrift ist aufgrund der wirtschaftlichen Umstände schwer umsetzbar. Da Herr Dr. Haiduk seit Jahren mit Studenten arbeitet, habe ich mich während der Famulaturzeit sehr wohl gefühlt. Er hat sehr viel erklärt und mich auch die eine oder andere Tätigkeit durchführen lassen (Fäden ziehen, tupfen, schallen, etc…). In den anderen Abteilungen habe ich auch nette Gespräche mit Kollegen führen können- teilweise sogar auf Deutsch. Doch viele Assistenzärzte sind der englischen Sprache mächtig. Nur in der Pflege wird es dann schwierig. Hier war der Gebrauch von Händen und Füssen meist notwendig…

Reisen
Während meines Aufenthaltes in Rumänien, habe ich manche Wochenenden für Ausflüge genutzt. Den ersten Ausflug habe ich in die Berge gemacht; nach Sâmbăta de Sus. Dieser Ort ist ein rumänisch- orthodoxer Wallfahrtsort in Transsilvanien und beherbergt ein wunderschönes Kloster. Durch eine kleine Bergwanderung kann man viel unberührte Natur sehen und genießen. Mein zweiter größerer Ausflug ging ans schwarze Meer nach Constanţa. Von Bukarest aus sind es mit dem Zug circa drei Stunden Fahrt gewesen. Ich bin Mitte August dort gewesen, so dass das Wasser noch eine angenehme Badetemperatur hatte. Ebenfalls gesehen habe ich Ploieşti und Sinaia. Sinaia ist eine Ortschaft, die im Prahovatal liegt und circa fünfzig km südlich von Braşov entfernt ist. Um das Kloster in Sinaia bildet sich die Stadt, die heute ca. zwölf tausend Einwohner zählt. Die Landeshaupstadt Bukarest selbst wird berechtigterweise auch als Baustellenhauptstadt bezeichnet. Es ist unglaublich zu sehen, wie das eine Stadtende durch große und neue Einkaufszentren erstrahlt, während das andere Stadtende nur aus aufgerissenen Straßen besteht wie beispielsweise die Altstadt. Dennoch, unter anderem sehenswert und beeindruckend ist das zweitgrößte Gebäude der Welt „Der Parlamentspalast“ am Piaţa Unirii in Bukarest; gebaut durch den ehemaligen, größenwahnsinnigen Diktator Ceausescu.

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