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Norwegen

von Anne Martin

01.12.2011 Die Entscheidung mich für einen Platz bei f&e in Norwegen zu bewerben fiel mir aus mehreren Gründen leicht: Im Herbst 2010 habe ich ein Erasmus-Semester in Bergen verbracht und dabei nicht nur Land und Leute kennen gelernt, sondern auch so gut norwegisch gelernt, dass ich mich relativ problemlos unterhalten konnte.
Um die gewonnenen Sprachkenntnisse nicht so schnell wieder zu verlieren, hatte ich geplant eine Famulatur in Norwegen zu absolvieren. Natürlich war ich auch gespannt, wie  der Alltag der ärztlichen Versorgung aussah.

Durch einen guten Freund habe ich von der IPPNW und dem f&e-Programm erfahren und Lust bekommen selbst teilzunehmen. Durch f&e in den Norden Norwegens zu kommen und dort nochmal auf ganz andere Weise eingebunden zu werden, hat mich sehr gelockt.
Gereizt hat mich die Möglichkeit mehr über das medicalpeacework-Projekt zu erfahren und einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Projektes leisten zu können. Zwar hatte ich weder die Online-Kurse gelesen, noch groß andere Informationen darüber bekommen, meine Neugier jedoch war geweckt.
Der Ablauf war so geplant, dass ich erst zwei Wochen mit der Arbeit für medicalpeacework verbringen sollte, um dann vier Wochen zu famulieren und abschließend nochmal zwei Wochen Mitarbeit bei MPW.

Die Ankunft verlief problemlos und ich wurde herzlich willkommen geheißen.
Viel schwieriger gestaltete es sich in Tromsø ein Zimmer zu finden, weil gerade erst das Semester begonnen hatte und die Stadt überfüllt war mit Studenten.
Zum Glück erklärten sich meine beiden Gastgeber bereit, mich auch für die gesamte Dauer meines Aufenthaltes bei sich aufzunehmen. So wohnte ich zwar 20 km von Tromsø entfernt, dafür aber direkt am Fjord mit einer wunderschönen Aussicht und den Bergen hinter dem Haus. Dank der guten Busverbindung in die Stadt war das nicht schlimm und mein Fahrrad habe ich auch viel benutzt.

Die Arbeit an medical peacework hatte ich mir eigentlich als nicht besonders fordernden Bürojob vorgestellt und hatte schon befürchtet, dass ich mich langweilen würde.  Tatsächlich war es aber so, dass es wesentlich interessanter wurde als gedacht. Ich entdeckte meine Qualitäten bei der Textüberarbeitung und im Korrekturlesen. Gemeinsam mit einer Grafikerin in Berlin entschieden wir über das Layout des neuen MPW-ebooks, zusammen mit Klaus Melf überarbeitete ich die interaktiven Fallbeispiele der online-Kurse. Durch die eher überarbeitende Beschäftigung mit den Kursen erhielt ich einen intensiven Einblick in die verschiedensten Themen: gewaltfreie Kommunikation, Menschenrechte, Friedensarbeit, humanitäre Arbeit, ethische Dilemmata im ärztlichen Alltag etc. All das sind Gebiete auf denen die IPPNW, sowie verschiedenste Organisationen aktiv sind und die mir bis dato leider relativ unbekannt waren. Es gibt in Lübeck keine IPPNW-Gruppe und auch amnesty international hat keine Studentengruppe, so dass es wenige Möglichkeiten gibt, bestehende Strukturen zu benutzen, um sich politisch zu bilden und aktiv zu werden, man muss alles selbst organisieren und dass ist meist zuviel, als dass man es locker neben dem Studium schafft.
Daher war ich sehr froh, endlich die Gelegenheit zu haben mit Leuten zu sprechen, die sich schon seit Jahren in der Friedensarbeit engagieren und eigene Ansatzstellen zu entdecken.

Famuliert habe ich in einer Allgemeinarztpraxis. Ich fand es spannend und sehr abwechslungsreich, alle möglichen Patienten vor sich zu haben, die mit den unterschiedlichsten Problemen und Bedürfnisse zum Hausarzt kommen. Vom Baby mit Neurodermitis, dem Jugendlichen mit Angststörung bis zur Entfernung von suspekten Naevi ist alles mit dabei. Oft geht es auch um Lebensberatung und Beistand in belastenden Situationen.
Einmal war ich auch mit bei der Visite im Pflegeheim. Die Bewohner dort waren durch Behinderungen unterschiedlich stark eingeschränkt und wohnten auf meinem Empfinden nach relativ engem Raum zusammen. Das ist keine leichte Lebenssituation. Das war den betreuenden Pflegekräften klar und sie haben sich wirklich mit viel Engagement um die Bewohner gekümmert. Von ärztlicher Seite stand die Behandlung von Infektionen und  Palliation an erster Stelle.
Grundsätzlich kann man sagen, dass Hausärzte in Norwegen ein viel breiteres Spektrum an Erkrankungen erstmal selbst behandeln und zum Beispiel auch gynäkologische Untersuchungen anbieten. Das geht natürlich nur, weil auch die Ausbildung sehr praxisorientiert ist und darauf ausgelegt ist, die Studenten für eine hausärztliche Tätigkeit auszubilden. Dieser Unterschied ist mir schon bei meinem ersten Aufenthalt in Bergen deutlich geworden. Jetzt konnte ich das nochmal ganz praktisch miterleben. Erst wenn der Hausarzt mit seinem teilweise sehr weitreichenden Kenntnissen nicht mehr weiter weiß, wird an einen Facharzt überwiesen. Termine in speziellen Ambulanzen und aufwendigere Behandlungen sind oft mit mehr oder minder langen Wartezeiten verbunden, die wir als  deutsche Patienten so gar nicht kennen und hinnehmen würden.

Natürlich habe ich auch die vielfältige und beeindruckende Natur rund um Tromsö genossen.
Gleich hinter dem Haus fingen die Bergen an. Davor lag das Meer, in dem man zwar nur kurz baden konnte, das einen aber mit reichem Fang beglückte, sobald man die Angel ins Wasser hielt.
Die Wälder waren voller Pilze, von Suchen konnte keine Rede sein, das Gleiche galt für Blaubeeren, Moltebeeren und Preiselbeeren.
Dazu war das Wetter meist sonnig und warm, sodass man auch gut und viel draußen unterwegs sein konnte.
Begleitung fand ich in Klaus und Kristin, die beide gerne und viel draußen unterwegs sind. Ich habe von Klaus gelernt wie man angelt und die Fische dann ausnimmt, welche Pilze man essen darf und welche nicht. Das hatte ich nicht erwartet und stellt eine schöne Bereicherung lebenspraktischer Fähigkeiten dar, die ich nicht missen möchte.
Zu meinem Glück konnte ich einmal nachts das Nordlicht sehen, was wirklich überwältigend schön ist und vielleicht etwas für den langen und dunklen Winter entschädigt.
Natürlich hat es auch mal eine Woche lang geregnet und es war kalt und manchmal hätte ich lieber direkt in der Stadt gewohnt. Aber da ich mich mit den beiden so wohl gefühlt habe, war das zu ertragen.

Kurz nachdem ich wieder nach Deutschland geflogen war, fand in Erlangen der Medizin und Gewissen Kongress der IPPNW statt. Ein Hauptthema war medical peacework und ich hatte beim anschließenden Partnertreffen die Gelegenheit einige der Partner, die das Projekt zusammen entwickelt haben kennen zu lernen. Leider war es das letzte Treffen dieser Art, da die Förderung durch das Leonardo-Programm Ende des Jahres ausläuft. Nun geht es vor allem darum die Inhalte an den Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen zu verankern und zu verbreiten.
Ich bin sehr froh, dass ich die Gelegenheit hatte Nordnorwegen von seiner schönsten Seite kennen zu lernen, ein interessantes Projekt unterstützen konnte und dabei Menschen zu treffen, die ich nun Freunde nennen kann.

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