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Nepal

von Tatiana Mitova

01.12.2011 Wenn ich beginne, mich an meine Reise durch Nepal zu erinnern, so scheint mir dies wie die Erinnerung an einen geträumten Traum - oder anders herum - so unwirklich wieder hier zu sein. Ein paar Monate sind erst vergangen seitdem ich aus Nepal wieder zurück bin.
Nun, jedes Mal, wenn ich mir die Fotos ansehe oder meine Erlebnisse mit Freunden teile, beginne ich die Geschichte als ob ich über ein gelesenes Buch erzähle, als wäre sie nicht meine. Dann aber steigen in mir alle Bilder auf, und plötzlich bin wieder dort: in Nepal, mit einem ganzen Strauß von Gefühlen und Eindrücken. Wie soll ich das auf drei Seiten zusammenfassen?

Mit vielen kritischen Stimmen, guten Ratschlägen, Warnungen und Reisewünschen, bin ich in ein Land gefahren, von dem ich glaubte, bereits alles, zumindest vieles zu wissen, doch ich musste feststellen, dass ich mich irrte.
Nach einer sehr langen Reise über die Indisch-Nepalesische Grenze  bin ich bei hochsommerlichen Temperaturen in der Hauptstadt Kathmandu müde und erschöpft angekommen. Während der zwölfstündigen Busfahrt habe ich nämlich keine Sekunde meine Augen geschlossen, da allein die Aussicht, die Landschaft, die Tiere, ja das Busfahren an sich so aufregend waren, dass ich Angst hatte, etwas zu verpassen. Die vielen Farben, Facetten und Eigenarten, dieses ganz besondere Gefühl, ausgelöst durch den Facetten- und Farbenreichtum Nepals, der sich in keinem Wort zusammenfassen lässt, begleitete mich auf der gesamten Reise.
Das Leben dort war von Einfachheit, Fröhlichkeit und vielen ungeahnten Begegnungen geprägt. Wenn man morgens gegen 5 Uhr den Schulbus vor dem Haus hupen, die Brunnen und Milchkannen klappern oder die Morgengebete der Einwohner hörte, dann begann der Tag in Nepal. Bereits zum Aufstehen bekam ich bei meiner Gastfamilie den alltäglichen Nepali-Milk-Tea. Es war wundervoll, mit einer Familie aus Nepal leben zu dürfen, all die Traditionen und Rituale hautnah und aktiv mitzuerleben. Ob ein fröhliches Lächeln am Morgen, ein gemeinsamer Fernsehabend oder ein herzliches Lachen auf der Dachterrasse unter einem fantastischen Sternenhimmel - ich  fühlte mich aufgehoben und willkommen.
Meine Famulatur war genauso lehr-  und abwechslungsreich und interessant wie das Land an sich, vor allem weil ich eine ganz andere Art von Medizin kennen lernte , die ich sonst aus Europa nicht kannte. Hin und wieder war ich nicht ganz einverstanden mit dem Umgang mit den Patienten, sodass ich oft in aufregende Diskussionen mit den nepalesischen Ärzten geraten bin. Ich war sehr fasziniert von deren Fähigkeit, ohne viele Ressourcen und unter bescheidenen Bedingungen schnell und richtig zu diagnostizieren. Die ersten zwanzig Tage meiner Famulatur habe ich im Kathmandu Model Hospital auf der Pädiatrie verbracht, für die ein paar Studenten der lokalen IPPNW- Gruppe schon vorab verantwortlich waren. Da aber die Ärzte verschiedener Disziplinen sehr eng miteinander arbeiteten, hatte ich die Gelegenheit auch einen Blick in andere Bereiche wie Gynäkologie und Chirurgie zu werfen. Der Alltag war sehr strukturiert (was für nepalesische Verhältnisse sehr überraschend war): morgens war die Frühbesprechung, bei der alle Ärzte aus sämtlichen Bereichen anwesend waren. Die Präsentationen, sowie auch die Diskussionen wurden auf Englisch geführt. Danach folgte die Visite, die meistens auf Nepalesisch und Englisch geführt wurde. Bei Nachfragen wurde mir aber alles sehr freundlich und ausführlich von einem der Studenten oder Ärzte erklärt.
Bei einem Gespräch mit einem der Oberärzte, der bei PSRN (physicians for social responsibility, die lokale IPPNW) sehr aktiv ist, wurde ich gefragt, ob ich Interresse hätte, die letzten Tage meine Famulatur im Gaurischankar Hospital, das als Partner Krankenhaus zu dem Kathmandu Model Hospital gehörte und sich in einem sehr kleinen Dorf im Gebirge befand. Ohne viel nachzudenken habe ich sofort zugesagt. Zwei Tage später saß ich im Bus Richtung Dolakha.
Währen der 8-stündigen Busfahrt, wo ich vieles erleben durfte dachte ich, dass das die Fahrt meines Lebens sei. Jedoch sollte sich herausstellen, dass ich mich getäuscht hatte - jede Fahrt mit dem Bus in Nepal stellte eine Herausforderung dar, und man lernt und erlebt ständig etwas neues. Rückblickend kann ich sagen, dass der öffentliche Verkehr in Nepal sehr sozial ist: es mag ja sein, dass man nie weiß, wann die Busse kommen, dafür aber lassen sie nie jemanden am Weg zurück.
Als ich in Dolakha ankam , musste ich mich zuerst hinsetzen , einen Tee trinken und die Natur bestaunen. Alles um mich herum sah wie in einem Gemälde aus. Plötzlich hatte ich die Sorge, dass der Ort so klein sei und so abgelegen , dass mir vielleicht die kommenden zwei Wochen, doch länger erscheinen würden. Im Nachhinein ist genau das Gegenteil eingetreten. Ich hatte mich so eingelebt und so wohl gefüllt ,dass es mir am Ende sehr schwer gefallen ist von dort weg zu gehen. Eine Unterkunft, habe ich sehr schnell gefunden und hatte sogar das Glück, dass mein Vermieter, Surya, der Direktor der Dorf-Schule war. Ein sehr gebildeter, politisch bewusster Mann , mit dem ich öfters auf dem Balkon mit einem Glas Reiswein in der Hand das Geräusch des Monsunregens genossen habe und über Gott und die Welt diskutierte.
Im Gaurischankar Hospital wurde ich auch sehr warmherzig begrüßt. Die Krankenhausorganisation war da ganz anders als in der Hauptstadt. Sie hatten nur zwei Stationen mit insgesamt 18 Betten. Im Krankenhaus an sich wurden meistens nur unkomplizierte Fälle behandelt, dafür aber sehr unterschiedliche und abwechslungsreiche: schwangere Frauen, Lepra , Lungenentzündung , Tuberkulose, etc.. Manchmal gab es Tage, an denen viel los war und ich erst spät abends nach Hause kam, an anderen Tagen widerum hatte ich schon ab mittags nichts mehr zu tun, und durfte nach Hause gehen (mein Zuhause war übrigens fünf Minuten vom Krankenhaus entfernt). Wenn ich früher fertig war, hatte mir Surya angeboten mit zu seiner Schule zu gehen und mit den Kindern etwas zu unternehmen. Ich war sehr erstaunt wie intelligent, interessiert und neugierig die Kinder waren. Ich muss  gestehen ich habe mehr von ihnen gelernt, als sie von mir.
Nachdem ich im Dolakha fertig war , machte ich mich auf dem Weg nach Meghauli , einer Region direkt am Chitwan National Park , wieder mit der festen Überzeugung , dass mich nichts mehr berühren, beeindrucken und überraschen kann. Über Kathrin, meine Vorgängerin, hatte ich bereits vorher Kontakt zu Sunil von der Friendship Clinic Nepal aufgenommen. Ich durfte im Haus seiner Familie wohnen. In Meghauli war ich Teil des Teams der Clinic Nepal, die die Health Camps organsisierten. Besonders prägend waren für mich die gleich darauffolgenden und sehr aufregenden Tage im Health Camp in Madi, einem District nahe der indischen Grenze. Ein Gebiet, in dem die Menschen in sehr armen und einfachen Verhältnissen leben. Die abenteuerliche Fahrt im Jeep durch den Nationalpark, Dörfer und Seen ließen mich ahnen, was wir in den nächsten Tagen erleben würden. In einfachsten Verhältnissen wurden wir freudig und sehr herzlich im Dorf empfangen. Nach Beginn der Arbeit der beiden Ärzte kamen unzählige Menschen, um die Chance auf eine medizinische Versorgung wahrzunehmen. Viele erzählten, dass sie ein oder zwei Tagesmärsche hinter sich gebracht hatten, um sich selbst, einen Angehörigen oder ihr Kind behandeln zu lassen. Die Möglichkeiten der Behandlung blieben allerdings begrenzt. Insgesamt untersuchten wir rund 1000 Patienten. Die Kinder zeigten sich mit vielen Atemwegsinfekten, hauptsächlich resultierend aus der Zeit des langen Monsunregens und der Tatsache, dass sie - wie auch die Frauen - in der Küche einer sehr starken Rauchbelastung ausgesetzt sind. Wir sahen sehr viele Wund- bzw. Hautinfektionen, und auch kleinere chirurgische Eingriffe wie Abszessspaltungen nahmen die Ärzte vor. Wir hatten Freude an der Arbeit, konnten gemeinsam lachen und glücklich sein. Trotzdem waren einige Momente sehr emotional besetzt und manchmal bedrückend. Viele schwere Infektionen und Krankheiten, besonders die der Kinder, machten uns betroffen und nachdenklich.
Als ich mich, an einem der letzten Abende, mit einigen Nepalesen, deutschen Studenten, die ich unterwegs getroffen hatte, unterhalten habe, was das Schönste für uns während unserer Reise gewesen war, waren  wir uns alle einig , dass das, was wir über Nepal fühlten - mit all den wunderbaren Menschen, die wir kennen lernen durften, den sowohl intensiven als auch fröhlichen und leichten Gesprächen, der Natur und der Lebensfreude, den vielen medizinischen Erfahrungen, das Gefühl, angekommen zu sein war. Ich hoffe, dies noch sehr lange mit mir tragen zu dürfen und so mancher Unzufriedenheit, Unfreundlichkeit, manchem Jammern und Klagen mit dem nepalesischen Lächeln begegnen zu können, dem Leben „ja“ zu sagen und nach einer Lösung zu suchen , aber auch sich nicht unnötig zu ärgern wenn es nicht weitergeht- genauso wie die Nepalesen- ‘what to do?’ man muss warten bis der Sturm vorbei ist und dann weiter fahren.

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