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Kosovo

von Timothy Moore-Schmeil

01.12.2011 Viele der f&e-BewerberInnen interessieren sich für die medizinische Versorgung und Menschenrechtssituation in Konfliktländern, besonders der Nahe Osten zieht jährlich viele werdende Ärztinnen und Ärzte an. Nur wenige sind sich allerdings bewusst, dass der wirklich nahe Osten (im geografischen und innenpolitischen Sinne)viel näher liegt als Israel: nämlich im westlichen Teil der Balkanhalbinsel zwischen Serbien, Albanien, Mazedonien und Montenegro.

Die Reise hin
Meine f&e-Erfahrung „Kosovo“ begann bereits zu Hause, denn obwohl ich mit Balkan-Musik dank Göttinger Unipartys vertraut war, hatte ich keine Ahnung was mich dort (sonst) erwarten würde. Mit dem Kosovo verband ich vor meiner Fahrt nur die Berichte meiner Vorgänger, die ich im Internet gelesen hatte, Medien-Schlagzeilen und die blasse Erinnerung, in der Grundschule einen Kosovo-Albaner in der Klasse gehabt zu haben. Vor meiner Reise wurde mir jedoch bereits ein Teil des Konflikts leibhaft bewusst: Ursprünglich wollte ich dem Tipp folgen, mit dem Zug nach Belgrad/Serbien zu fahren, um von dort mit dem Bus in das Kosovo zu kommen. Doch in der Woche, in welcher ich meine Reise buchen wollte, wurde aufgrund des Nichtanerkennens des kosovarischen Zollstempels auf serbischer Seite die Grenze vorübergehend besetzt - was dazu führte, dass ich mich kurzfristig doch für den direkten Flug von Stuttgart nach Prishtina entschlossen habe. Diese Erfahrung war für mich sehr einschneidend, denn obwohl in den Medien von brennenden Autos und Grenzposten die Rede war, war ich innerhalb überraschend kurzer Zeit mit einem Kurzstreckenflug direkt mitten in der Hauptstadt dieses kleinen Landes, wo ich die nächsten zwei Monate verbringen wollte.
Während meines Aufenthaltes hatte ich das große Glück in einer unglaublich gastfreundlichen und interessanten Gastfamilie unterzukommen. Ilirjana, welche aufgrund ihres Medizinstudiums in Österreich exzellent Deutsch spricht, und ihr Mann Ilir waren nicht nur sehr freundliche Gastgeber, sondern auch gleichzeitig inspirierende Ärzte und politisch hochengagiert. Sie haben mir sehr beim Zurechtfinden und Verstehen einiger der bestehenden Konflikte im Balkan geholfen, ohne mir ihre Ansichten aufdrücken zu wollen.
Universitätskrankenhaus Prishtina
Direkt am zweiten Tag nach meiner Ankunft begann ich meine Famulatur im Universitätsklinikum von Prishtina. Meine Gastfamilie hatte für mich einen Arzt in der Viszeralchirurgie organisiert, welcher mich in die Klinik einführte und mich zu den Operationen und mit auf Station nahm. Da er Ansprechpartner für die kosovarischen Medizinstudierenden war, konnte ich über ihn einige kennen lernen.
Die Klinik in Prishtina war entgegen meinen Erwartungen generell gut ausgestattet, teure Medikamente oder moderne bildgebende Verfahren waren allerdings entweder nicht vorhanden oder nur für besserverdienende Selbstzahler verfügbar. Da das Kosovo kein Gesundheitsversicherungssystem besitzt, müssen die Patienten generell vor allen Behandlungen das Geld auf den Tisch legen. Ausgenommen sind bestimmte Krankheiten, wie z.B. Typ-1-Diabetes, wo die Behandlungskosten vom Gesundheitsministerium übernommen werden. Auch hier gilt allerdings, dass nur die Basismedikation bezahlt wird, die Kosten für relativ teure Insulin-Analoga werden nicht erstattet. Vor allem in der Onkologie machte sich diese Problematik bemerkbar, da onkologische Medikamente aufgrund ihrer sehr hohen Preise nur für die besserverdienende Elite der Bevölkerung erschwinglich waren. Die meisten Besserverdienenden zogen es zudem vor, vor allem bei umfangreicheren Erkrankungen ihre Behandlung im Ausland zu  bekommen. Aufgrund langer Wartezeiten für das hausinterne CT war es selbst für „normalverdienende“ Kosovaren üblich, radiologische Diagnostik in privaten Kliniken machen zu lassen und sich die Befunde zurück ins Patientenbett in der Uniklinik schicken zu lassen. Dazu trug bei, dass die Ärzte in der Uniklinik gut daran mitverdienten, da Verträge (Abschläge für jeden überwiesenen Patienten) zwischen Privatkliniken und den Ärzten an der Uniklinik bestanden. In der Chirurgie wurde mir deutlich, wie weit sich ein funktionierendes Gesundheitssystem auswirkt: Da sich die ärmere Bevölkerung keine frühzeitige Diagnostik oder Behandlung leisten konnte, haben wir in der Viszeralchirurgie fast nur Tumore operiert, die ich in dieser Größe und Ausdehnung in Deutschland noch nie gesehen hatte.
Andererseits positiv überraschte mich das scheinbar gute Niveau der Ausbildung im Kosovo: Das Medizinstudium war ähnlich aufgebaut wie in Deutschland, da allerdings nicht alle Medizinbücher in Albanisch vorhanden waren lernten die Studierenden zusätzlich mit den „großen“ englischen Standardwerken! Dies trug wesentlich dazu bei, dass ich keine Schwierigkeiten hatte, mich zu verständigen - alle Studierenden und fast alle Ärzte sprachen gutes Englisch. Da sich viele Kosovaren wünschten, nach dem Studium für die Spezialisierung oder Doktorarbeit nach Deutschland zu kommen, konnte ich mich mit einigen sogar auf deutsch verständigen und sorgte für viel Interesse bei den ÄrztInnen und Studierenden.
Youth Initiative for Human Right Kosova (YIHR)
Mein Sozialprojekt war in der Menschenrechtsorganisation „Youth Initiative for Human Rights“. Die Organisation setzt sich in mehreren Ländern des westlichen Balkans für vielfältige Ziele im Menschenrechtsbereich ein. Dabei engagiert sie sich vor allem aus der Perspektive der jungen Bevölkerung - im Kosovo ist ca. die Hälfte der Menschen jünger als 25 Jahre alt! Ein zentrales Projekt stellt ein jährlich organisiertes Austauschprojekt zwischen jungen ethnisch-albanischen Kosovaren und ethnisch-serbischen Jugendlichen aus Serbien dar. Da sich in der breiten Masse der offiziell angemeldeten NGOs (laut Bundeszentrale für politische Bildung hat sich im Kosovo die zweithöchste Anzahl an NGOs weltweit niedergelassen, viele davon sind international) nur wenige besonders hervorheben können, gehörte die YIHR zur den bekannteren Organisationen. Als Praktikant hatte ich die Gelegenheit, mit an der Konzeption eines Projekts zum sog. kulturellen Gedächtnis Kosovos mit zu arbeiten und an mehreren Kongressen teilzunehmen. Sehr imposant war für mich das angenehme Arbeitsklima in der Organisation und die Weise, studentische Aktivisten einzubinden. Da es natürlich nicht genug engagierte Studierende für alle NGOs in Prishtina gab, haben sich einige besonders aktive Menschenrechtsorganisationen zu einem Netzwerk (Nisma Ime) zusammen getan. Wenn eine teilnehmende Organisation eine Aktion plante, wurden alle interessierten Personen darüber informiert und kurz vor der Aktion über Idee und Durchführung des Projekts gebrieft.
Über meine Einblicke in die Menschrechtsarbeit hinaus, konnte ich noch an einigen anderen spannenden Projekten teilnehmen. Während meines Aufenthaltes blühte das Thema Energieerzeugung aus Kohlekraftwerken auf. Auf Druck der amerikanischen Regierung sollte direkt neben Prishtina ein drittes Kohlekraftwerk gebaut werden. Die bereits bestehenden zwei Kraftwerke trugen wesentlich dazu bei, dass die Luftverschmutzung in Prishtina ungefähr ein 30-faches höher als der EU-Standard war - was man bereits bei Anflug auf den Flughafen an der Smogkuppel erkennen konnte. Als Zeichen für andere Möglichkeiten der „urbanen Mobilität“ wurde von der Stadtverwaltung und UN-HABITAT eine 40 Kilometer lange Fahrradtour organisiert, welche bei sehr schönem Wetter von der alten Burg Novoberdo bis in die alte Innenstadt von Prishtina führte. Auch konnte ich an einer der ersten Demos gegen die Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke in der Innenstadt teilnehmen.
Da die IPPNW-Sektion im Kosovo noch in der Gründung war, hatte ich auch hier die Möglichkeit sehr interessante Erfahrungen zu machen. Vor allem die deutsche IPPNW hat durch verschiedene Verbindungen einen sehr engen Kontakt mit den IPPNW-Sektionen im Balkan. Wie man aus Studierendensicht diese Verbindungen in Zukunft nutzen und weiter ausbauen könnte, war Inhalt vieler interessanter Gespräche, die ich im Kosovo hatte.
Ein Highlight meines Aufenthaltes war ein dreitägiger Kongress in dem schicken Hotel Emerald in Prishtina. Das jährlich stattfindende Austauschtreffens der Chirurgischen Abteilung der Uniklinik Prishtina mit der Uniklinik Mannheim wurde um ein wichtiges politisches Programm erweitert, denn es wurde offiziell die kosovarische Ärztekammer gegründet. Auch die Besetzung dieses Kongresses mit Herrn Montgomery (Präsident der Bundesärztekammer Deutschlands), Herrn Kloiber (Secretary General der World Medical Association) und dem kosovarischen Gesundheitsminister Herrn Agani zeigte die politische Wichtigkeit dieses Schrittes und die überall deutliche Nähe Kosovos zu Deutschland.
Reisen
Aufgrund der zentralen Lage lassen sich vom Kosovo aus viele Länder des westlichen Balkan leicht erreichen - wenn man europäischer Tourist mit gut akzeptiertem Pass ist. Vor allem das gute Busnetz und die immer besser ausgebauten Straßen im Kosovo laden wirklich zum Reisen ein. Mit drei Praktikantinnen aus der norwegischen Botschaft, dem OSCE und dem Büro des Premierministers Thaçi (dieser war für seine mafiösen Verbindungen und illegalen Organhandel bekannt) habe ich mir für mein zweites Wochenende ein Auto gemietet und bin nach Ohrid in Mazedonien gefahren. Aus dem ansonsten eher trockenen Kosovo kommend, war diese Reise für mich wirklich schön, denn die Strände und Landschaft dort waren wirklich faszinierend und in nur wenigen Stunden mit dem Auto erreichbar. Eine zweite Reise führte mich für ein verlängertes Wochenende nach Serbien, wo ich Katharina (f&e in Belgrad) besucht habe. Auch in Serbien gibt es eine aktive IPPNW, für das Wochenende konnte ich bei Dragan, einem sehr sympathischen und kritischen IPPNW-Arzt aus Serbien unterkommen. Diese Reise war für mich besonders wichtig, da ich auch die „andere“ Seite kennen lernen wollte und von Katha’s Erfahrungen hören wollte. Für den Hinweg hatte ich den indirekten Weg über Mazedonien gewählt, da dieser laut Internetrecherche der einfachste sein sollte. Bei der Grenzüberschreitung könnte es nach einigen Berichten, die ich gehört und gelesen hatte, immer wieder Probleme gegeben haben, wenn man aus oder in das von Serbien nicht anerkannte Kosovo reisen wollte. Für mich stellte die Ein- und Ausreise zum Glück kein Problem dar. Die Ankunft in Belgrad stand in krassem Kontrast zu meinen Erfahrungen in Prishtina. Das vergleichsweise pompöse, traditionell geprägte Stadtbild erinnerte mich stark an andere europäische Großstädte und stand somit im starken Kontrast zu der vergleichsweise kleinstädtischen Bauweise Prishtinas. Trotz meiner gespannten Haltung aufgrund der Erzählungen über die Probleme der kritischen Medienberichterstattung in Serbien und der möglicherweise emotionalen Reaktion über meinen Aufenthalt auf der „anderen Seite“, lernte ich ein paar sehr freundliche und kritische serbische Menschen kennen. Rückblickend würde ich gerne wieder nach Serbien reisen, um etwas mehr über deren Sicht auf den Konflikt und die derzeitigen Probleme auf dem Weg zu einem Frieden mit dem Kosovo zu verstehen.
An meinem letzten Wochenende im Kosovo hatte ich die besondere Möglichkeit, mit einem Freund und Medizinstudierenden aus Prishtina zu seiner Familie zu fahren. Diese wohnte in Gjakova, einer Stadt im Westen des Kosovo. Auf dem Weg dorthin sind wir über einige kosovarische Städte gefahren, die ich auf diese Art und Weise kennen lernen konnte. Auf dem Hinweg ist mir ein kleines Hinweisschild zu einem serbisch-orthodoxen Kloster aufgefallen, über welches ich bereits vorher gehört hatte. Da sich mein Gastgeber nicht sicher war, ob er als Kosovo-Albaner Zutritt zu diesem Kloster hätte, haben wir uns vorerst gegen einen Besuch entschieden. Auf der Rückfahrt nach Prishtina überlegten wir es uns anders und bogen von der Hauptstraße Richtung Kloster ab. Bewacht von zwei KFOR („Kosovo Force“, NATO-Militäreinheit im Kosovo) Straßensperren mit Wachturm fanden wir dann ein unerwartet verstecktes und großes Kloster. Nachdem wir beide unsere Pässe abgegeben hatten, wurde uns auch der Eintritt erlaubt. Mit einem albanischen Kosovaren zum ersten Mal ein serbisches Kloster zu betreten, gehörte für mich zu den ganz besonderen Momenten meines f&e-Aufenthaltes.
Freizeit und Kultur
Zuletzt das schönste: Im Kosovo lässt sich gut feiern! Die Innenstadt Prishtinas ist voll mit trendigen Cafés. Trotz einer Arbeitslosigkeit von rund 50% und eines durchschnittlichen niedrigen Monatseinkommens von rund 250 Euro lässt sich kaum ein Bewohner Prishtinas den Macchiato in einem schicken Café der Hauptstadt nehmen. Das junge Durchschnittsalter der Bevölkerung ist besonders am Abend nicht zu übersehen, denn selbst vor den Clubs und Kneipen ist an manchen Tagen unglaublich viel los, sodass auch dort Getränke stehend serviert werden. Ich hatte zudem das fragwürdige Glück, am ersten „Bierfest“ Kosovos teilnehmen zu dürfen, welches an das Oktoberfest angelehnt war und von den Kosovaren mit Begeisterung aufgenommen wurde. Fast zu jeder Jahreszeit gibt es zudem Filmfeste, Jazzfestivals und andere kulturelle Ereignisse. Die meisten dieser Kulturevents sind eine lebendige Plattform für eine intellektuelle und häufig sehr kritische Bevölkerungsgruppe, die es im Kosovo gibt.
Abschließend denke ich, dass mich die Erfahrungen und Freundschaften, die ich im Kosovo gemacht habe noch lange begleiten werden. Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit und kann jeder/m zukünftigen BewerberIn nur sehr empfehlen dorthin zu reisen.

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