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USA

von Anna Schölzel

01.12.2010 Seeluft strömt in meine Lungen als ich das Flughafengebäude verlasse und löst ein ungeheures Glücksgefühl in mir aus – Boston, der Atlantik und die Vereinigten Staaten von Amerika liegen vor mir. Kurz blitzen in mir all die Vorurteile auf, die ich gegenüber US-Amerikanern und den USA habe. Aber ich wische sie wieder beiseite, denn endlich habe ich die Chance mich selber davon zu überzeugen, dass Amerikaner dick, verschwenderisch aber immer gut gelaunt sind und sich nur von Fast Food ernähren.

Schon am nächsten Tag muss ich einen Großteil meine Vorurteile revidieren. Auf meinem ersten Stadtbummel am Samstagmorgen begegnen mir mehr Jogger als einfache Passanten und das Essen ist hervorragend. Nur die vielen gut gelaunten, freundlichen Gesichter sind noch etwas irritierend, wenn man sonst eher dem Berliner Charme ausgesetzt ist. Die Stadt zeigt sich im August mit Sonnenschein und Seebrise von seiner besten Seite und verspricht ein großes Abenteuer zu werden.

famulieren
Im ersten Teil meines f & e Programms habe ich im Cambridge Hospital (TCH) auf der Intensivstation famuliert. Das Prinzip der Famulatur ist in den USA nicht gebräuchlich, weshalb auch niemand so recht wusste, was ich dort eigentlich mache. So musste ich erst einmal erklären, was ich in diesem Praktikum lernen will und warum. Da ich noch nicht über das Wissen eines Interns verfüge wurde ich als Observer eingestuft - das hieß für mich vor allem zusehen und zuhören. Nachdem ich am ersten Tag an einem mehrstündigen Test zu den amerikanischen Richtlinien des Datenschutzes und der Ökologie teilnehmen musste, durfte ich endlich meine Famulatur beginnen.

Das Team der Intensivstation bestand aus einem festen Stamm von Krankenschwestern und dem Attending und einer immer wieder rotierenden Gruppe von drei Interns (Assistenzärzte im ersten Jahr) und einem Resident (Assistenzarzt im dritten Jahr). Der Tag auf der Intensivstation begann um 7.oo Uhr mit der Übergabe vom Nachtdienst und der Preround (kurze Statuserhebungen durch die Interns) bevor um 8.oo die erste Fortbildung von einem Facharzt begann. Nach dieser wurde um 9.oo mit der Visite begonnen, die oft mehrere Stunden dauerte, weil nicht nur Therapieoptionen sondern auch Zusammenhänge erörtert wurden. Als Observer sollte ich mit den Interns rotieren.
Allerdings erwies sich dieses Rotationsprinzip als erste Hürde. Den Jetlag noch nicht ganz überwunden und im Dschungel der medizinischen Abkürzungen verloren wurde von mir erwartet, dass ich in einem Arbeitsrhythmus 27,5 Stunden - freier Tag - 5,5 Stunden - 27,5 Stunden mithalten kann. Nach einer Woche habe ich aufgegeben, etwas gemeutert und mir selbst - nach Absprache - neue Arbeitszeiten verschrieben.
Mit den zwölf Stunden Kernarbeitzeit konnte ich um einiges besser leben als mit den langen Nächten ohne Schlaf. Zumal am Tage immer wenigstens eine Fortbildung für die Interns stattfand an der ich teilnehmen durfte und etwas über Beatmungsmaschinen, kalkulierte Antibiose, Röntgenbefundung etc. gelernt habe. Zusätzlich gab es jeden Dienstag eine vierstündige Fortbildung mit verschiedenen Themenblöcken. Die gute Lehre, die trotz der vielen Arbeit noch möglich war und einen sehr hohen Stellenwert hatte, fand ich sehr beeindruckend. So habe ich während meiner Zeit auf der Intensivstation viel gelernt und gesehen und konnte vor allem den Assistenzärzten und Krankenschwestern alle möglichen Fragen stellen, die mir hilfsbereit beantwortet wurden.

Das TCH ist Teil der Cambridge Health Alliance und viele der Assistenzärzte sind  auch im ambulanten Bereich tätig. So konnte ich mir während meiner Famulatur noch die HIV- und Tuberkulose Ambulanz, das Primary Care Center von Somerville und weitere Einrichtungen ansehen. Erst dort wurde mir bewusst, wie viele Menschen nach Boston kommen um dort den amerikanischen Traum zu leben. Viele von ihnen sind nicht versichert, haben keine Arbeit und sprechen kaum oder nur schlecht Englisch. Ich durfte Carol begleiten, die zum Glück ihrer Patienten fließend Haitianisch (kreyòl), spanisch und französisch sprach und trotzdem immer wieder auf Kommunikationsprobleme stieß. Zur Not konnte ein Dolmetscher per Telefon hinzugeschaltet werden, was die ganze Behandlung oft nicht viel einfacher aber immerhin möglich machte. Zu der hohen Arbeitsbelastung durch lange Arbeitszeiten kamen also oft noch Kommunikationsprobleme und ich habe viele der Ärzte, die ich im Cambridge Hospital kennengelernt habe, sehr für ihr Engagement und ihren guten Patientenumgang bewundert.

Aber auch für die Seele der jungen Assistenzärzte wurde gesorgt. Alle zwei Wochen findet am Donnerstagnachmittag die Veranstaltung „food for the soul“ statt, in der gegessen, gesungen oder auch mal meditiert wird. Ich hatte das Vergnügen mit den Anderen in das Harvard Art Museum/ Fogg Museum zu gehen und zwei Stunden lang beim Anblick großartiger Gemälde die Seele baumeln lassen zu können.
 
Central Office
Nach den langen Arbeitszeiten im TCH war ich ziemlich froh, endlich im Central Office anzukommen, wo man mich sehr freundlich in Empfang nahm. Zusammen mit John Loretz haben wir dann ein Projekt für mich gesucht und so habe ich eine erste Übersetzung der Broschüre „Zero is the only Option“ angefertigt. Zudem bekam ich die Gelegenheit, viel zu lesen und mich intensiver mit den einzelnen Kampagnen der IPPNW wie „ICAN“ und den „One bullet stories“ auseinander zu setzten. Erst während meiner Arbeit dort wurde mir bewusst, wie hart der Kampf gegen die Atomwaffen und für eine friedlichere Welt ist und wie viele engagierte Menschen es braucht, um dieses Ziel zu erreichen. Ich habe die Mitarbeiter des Central Office oft für ihre Fähigkeit bewundert, den Kampf aufzunehmen und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. In Erinnerung werden mir vor allem die ausgedehnten Mittagessen und die damit verbundenen interessanten Diskussionen zu den gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen in den USA bleiben. So wurde nicht nur über IPPNW-Themen sondern auch über die Tea-Party, die Kommunalwahlen, Urlaubserlebnisse, Obama’s Gesundheitsreform, Musik und neue Filme geredet.

Und sonst noch so…
Boston und Cambridge das ist nicht nur Tufts University, Harvard und MIT sondern auch Berkley, dunkle Jazzkneipen mit großartiger Musik, Menschen aus aller Welt, die Red Sox und der Atlantikstrand, sondern auch große soziale Unterschiede, viele Obdachlose und schlechtbezahlte Arbeit, die die Menschen dazu zwingt, zwei oder drei Jobs anzunehmen um überleben zu können. Ich habe diese Stadt mit ihren vielen Facetten kennen und lieben lernen dürfen, auch wenn es Momente gab, in denen mir Amerika nicht sehr schimmernd erschien. Aber die kleinen Ausflüge mit Aki vom Central Office haben mir dann immer wieder die schönen Seiten dieses Landes und seiner Bewohner gezeigt. Auch wenn mir manche Dinge immer noch sehr bizarr und irrsinnig erscheinen, wie zum Beispiel eine fast zwei Meter große Reiterstatue aus Butter, die ich auf einem Jahrmarkt gesehen habe und die mich sehr an meine Vorurteile erinnert haben. Aber es gibt auch in den USA viele Menschen, die etwas in dieser Welt verändern möchten. So hatte ich während meiner Zeit in Boston auch die Möglichkeit, an einer Konferenz zu vernachlässigten Krankheiten teilzunehmen. Im Rahmen dieser Veranstaltung habe ich nicht nur viele engagierte amerikanische Medizinstudenten sondern auch neue Ansätze zur Beseitigung der Forschungslücke bei vernachlässigten Krankheiten kennengelernt, die von renommierten Forschern vorgestellt wurden und vielleicht die Chance bieten, dieses Problem zu lösen.

Ich habe während meiner Zeit in Boston viel gelernt, mir ein eigenes Bild von einem kleinen Teil der USA machen können, Freunde gewonnen, versucht die Baseballregeln zu verstehen, amerikanisches Essen genossen und tolle Ausflüge gemacht. Aber in die Arbeit der Geschäftsstelle der IPPNW blicken zu dürfen war wohl die beeindruckendste Erfahrung während meiner Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks.

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