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Serbien

von Rebekka Post

01.12.2010 Serbien. Meine Vorstellungen vom Land waren doch eher vage, und ehrlich gesagt auch nicht nur positiv. Hatte ich doch vorher, bei einer zweiwöchigen Reise durch Bosnien-Herzegowina und Kroatien, immer wieder gehört, welche Gräueltaten „die Serben“ begangen hätten. Und da wollte ich also jetzt hin?
Ja, wollte ich. Schließlich wusste ich ja als aufgeklärte, nicht durch Medien beeinflusste und total tolerante EU-Bürgerin, dass „die Serben“ überhaupt nicht „die Bösen“ sind und alles bestimmt gaaaanz anders war... .

Nun ja, man darf wohl mit Recht behaupten, dass ich viel gelernt habe während dieser zwei Monate. Manches, was in mein Bild passte, vieles, was mich verstört hat. Ich habe wunderbare Gastfreundschaft erlebt und tolle, engagierte Menschen getroffen. Ich habe bei der Friedensakademie in Sarajevo über die Rolle von Erinnerungen in Konflikten diskutiert, viel guten Kaffee getrunken, stundenlang mit meiner Mitbewohnerin die politische und wirtschaftliche Lage Serbiens auseinandergenommen, im Krankenhaus den respektlosen Umgang der Ärztinnen und Ärzte mit den Patientinnen erlebt, im Centre for Nonviolent Action von den vielen Schwierigkeiten mit der Vergangenheitsbewältigung gehört, die schöne Landschaft des ehemaligen Jugoslawien bestaunt, stundenlang im Park gesessen und den BelgraderInnen zugeschaut... .
 
Erste Eindrücke
Aber von vorn. Während der ersten Woche in Beograd wurde ich herzlich von Dragan, dem IPPNW-Arzt, begrüßt, durch die Stadt geführt und mit vielen seiner FreundInnen bekannt gemacht. Tanja, eine dieser Freundinnen, sollte für die nächsten zwei Monate meine Mitbewohnerin sein. Wir wohnten zusammen im sechsten Stock eines wunderhübschen sozialistischen Wohnblocks, der ab morgens um 7 anfing, sich zur Sauna aufzuheizen. Aber auf dem Balkon war es mit Hilfe des reichlichen Wassermelonenvorrats noch einigermaßen auszuhalten, und dort haben wir auch so manche Stunde verquatscht und die großen und kleinen Probleme Serbiens und der Welt gewälzt.
Die Zeit und die Gespräche mit Tanja waren wohl die wertvollsten Erfahrungen des ganzen f&e-Aufenthalts. Ich habe erlebt, wie stark auch kritisch hinterfragende, intelligente Menschen durch ihre Herkunft und die Medien im jeweiligen Land beeinflusst sein können, und musste immer wieder an einen Satz denken, den Thomas (f&e in Kosovo und Mazedonien 2009) in seinem Bericht geschrieben hatte: „Impressions are stronger than facts.“
Serbische und jugoslawische Politik und Geschichte kommen übrigens zwangsläufig in fast jedem Gespräch irgendwann vor. Und das Bild, das mir die meisten GesprächspartnerInnen von Serbien vermittelten, wirkte nicht gerade optimistisch: Ein Nachkriegsland, in dem nationalistische Tendenzen eher zu- als abnehmen, dessen Wirtschaft marode und PolitikerInnen korrupt sind. Wo junge Menschen sich in Schulden werfen, um schnelle Autos, coole Handys und schicke Klamotten zu haben. Ein Land, dem seit den 90er Jahren wenig Sympathien entgegengebracht werden. Ein Land, das zwar in Europa liegt, aber von diesem doch irgendwie sehr weit entfernt ist.
In der ersten Woche lernte ich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Centre for Nonviolent Action (CNA) kennen, bei denen ich meinen „Engagieren“-Teil verbringen wollte, und wurde mit einer Unmenge Film- und Buchmaterial aus ihrer kleinen Bibliothek versorgt. Besonders die Interviews mit ZeitzeugInnen der Balkankriege fesselten mich. Seltsam, wie Leute, die so alt sind wie ich, so ähnlich aussehen wie ich, und gar nicht so weit weg von mir wohnen, vom Krieg erzählen. Davon, dass ihre Stadt bombardiert wurde, ihre Verwandten gestorben sind, sie vielleicht sogar selbst als Soldaten gekämpft oder sich versteckt haben, um dies nicht tun zu müssen.
 
Friedensakademie
Bei der Friedensakademie in Sarajevo, zu der ich dann für zehn Tage fuhr, lernte ich auch einige dieser ZeitzeugInnen kennen und hörte gebannt ihren Geschichten zu, die sie im Rahmen des Workshops „Memory and its role in conflicts and conflict transformation“ erzählten. Überhaupt war die Akademie eine wirklich tolle Zeit voller Informationen, Einblicke, Erkenntnisse, Fragen, Antworten, noch mehr Fragen... . Gegen Ende waren wir alle ziemlich erschöpft.
Nach vier Jahren Medizinstudium fand ich es zunächst mal ganz schön schwer, wieder "geisteswissenschaftlich" zu denken, Texte zu analysieren, die Wirkung von Filmen zu besprechen, wiederkehrende Muster im Denken und Handeln zu entdecken und all so etwas. Aber Orli, die israelische Kursleiterin, gab sich alle Mühe, jeden und jede einzubeziehen, Verbindungen zur persönlichen Geschichte aufzuzeigen und die Textarbeit durch Spiele, Diskussionen und viele gute Filme aufzulockern. Nach anfänglichem Widerwillen fand ich dann auch immer mehr Gefallen daran, sodass mir die Friedensakademie letztlich nicht nur wegen der vielen tollen Menschen aus aller Welt, sondern auch sehr wegen ihres Inhalts Spaß gemacht hat.
Und offenbar war dieser Inhalt wirklich nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen, wie mir Nenad vom CNA nach der Rückkehr nach Beograd bescheinigte: Mein Verständnis der geschichtlichen und politischen Zusammenhänge habe sich sichtlich verbessert. Vor allem ist mir bei den ganzen Diskussionen über „Erinnerung“ klar geworden, wie schwierig es offenbar ist, zu vergessen. In den nationalistischen Bewegungen, die zum Zerfall Jugoslawiens und Beginn des Krieges geführt haben, wurde oft mit Rache für Ereignisse längst vergangener Zeiten argumentiert. Und selbst die FriedensaktivistInnen bei der Akademie haben sich zwischenzeitlich sehr heiße Diskussionen darüber geliefert, wer damals wen wo zuerst angegriffen hatte. Ferner ist mir die Frustration der serbischen TeilnehmerInnen darüber aufgefallen, dass Serbien fast immer in der Rolle des Aggressors wahrgenommen wird und deshalb den serbischen Opfern weniger Beachtung und öffentlicher Gedenk-Raum zuteil wird als den anderen. Dass tatsächlich die Mehrzahl der Kriegshandlungen – und Kriegsverbrechen! - in serbischem Namen begangen wurde, scheint dabei weniger wichtig zu sein als das Erleben der eigenen Opferrolle („Alle halten uns für die Bösen.“). Und dieses Denken führt dann zu weiteren nationalistischen Tendenzen. Dies zu durchbrechen, um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte zu finden und zu fördern, scheint mir eine der Hauptaufgaben der serbischen Friedens-NGOs zu sein.
Nachdem ich beim CNA noch meinen Aufsatz für die Friedensakademie fertig geschrieben und mich über einige andere Organisationen und deren Arbeit informiert hatte, machte ich einen kleinen Abstecher nach Novi Sad, einer hübschen kleineren Stadt im Nordwesten Serbiens, wo ich einen Mitarbeiter des Novi Sad Humanitarian Centre traf. Leider lief da meine „Engagieren“-Zeit schon ihrem Ende entgegen, sonst hätte ich dort noch bei einem der vielen Projekte z.B. mit Jugendlichen, alten Menschen oder Roma-Mädchen mithelfen können. Vielleicht etwas für meine/n NachfolgerIn?

Die Stadt Beograd
Beograd ist beeindruckend, riesig und voller Gegensätze. Es gibt große, schöne Parkanlagen, viele Kinderspielplätze, überall Brunnen. Aber auch nationalistische Graffiti, Roma-Slums und endlose Plattenbausiedlungen. Vielleicht kann man die Stadt am besten bei einem kleinen Spaziergang kennen lernen:
An einem milden Juliabend verlasse ich das Büro des CNA am Studentenplatz und laufe am Trinkwasserbrunnen vorbei zur Fußgängerzone der Altstadt. „Studenten aller Fakultäten, vereinigt euch!“ steht an der Wand eines Unigebäudes. Und „Bildung ist keine Ware“. Zeugen der internationalen Studentenproteste. Etwas weiter lese ich „Kosovo=Serbien“, „Tod dem Faschismus“ und „Es lebe Tito!“. Hmmm?
Die Straßencafés sind voller lautstark redender Menschen; die Koffeinsucht scheint unbegrenzt. („Zu jedem Espresso eine Cola gratis.“) Zwei junge Frauen sprechen mich an, erzählen von einem Heim für Straßenkinder und verkaufen mir eine von Kindern gestaltete Grußkarte. Auf dem weiteren Weg reihen sich Eisverkäuferinnen an Portraitmaler, werden DVDs, Ohrringe und Kinderspielzeug verkauft. Ein Mann spielt Akkordeon, ein anderer wirbelt dazu Feuerpois durch die Luft. Am Ende der Straße kaufe ich einer Romni einen gegrillten Maiskolben ab und warte mit einer Unmenge anderer junger Menschen an der Fußgängerampel. Auf der anderen Straßenseite liegt Kalemegdan, die riesige Festungsanlage mit herrlichem Parkgelände und einer meiner absoluten Lieblingsorte in dieser Stadt. Maisknabbernd laufe ich entlang der Stände, an denen es Süßigkeiten, Münzen, Tischdecken, Tito-Anstecker, Lederschuhe und vieles mehr gibt. An vielen Ecken des Parks stehen Schachtische, die jeweils von einem Dutzend alter Männer belagert werden. Ein Tisch scheint besonders beliebt zu sein, und als ich neugierig näher herangehe, zeigt sich der Grund sofort: Dort spielt eine Frau! Etwas weiter stoße ich auf eine Open-Air-Fotoausstellung russischer FotografInnen. Wow, tolle Bilder sind das! Und immer weiter spaziere ich auf dem schier endlosen Gelände. Malerisch stehen die Ruinen über dem Zusammenfluss der Donau und Sava. Am Ufer sieht man große und kleine Hausboote, teils bewohnt, teils mit Cafés und Bars bestückt. In der Mitte des Flusses die Große Kriegsinsel, ein Naturschutzgebiet und Vogelparadies mit kleinem öffentlichen Badestrand. Noch weiter im Westen sieht man Novi Beograd. Hier ist das Wort „Bettenburgen“ wirklich angebracht. Ein Hochhaus reiht sich ans nächste; etwa 1 Million Menschen wohnen dort. Ich auch.
Auf den Burgmauern sitzend beobachte ich einen fantastischen Sonnenuntergang. Eine Gruppe britischer TouristInnen knipst ihre Digitalkameras voll, ein paar Hippies spielen auf der Wiese Gitarre, am Geländer stehen zwei Verliebte, ein Kind wäscht seiner Puppe im Brunnen die Haare. Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Serbien sind groß, der Nationalismus nimmt zu, Roma leben in regelrechten Slums, ein vernünftiger Umgang mit der Vergangenheit ist schwer zu finden. Aber Serbien ist auch wunderschön, lebendig, lustig, gastfreundlich, spannend.
 
Famulatur
Meine Famulatur habe ich am Klinischen Zentrum Beograd in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe gemacht. Zu beschreiben, was ich dort erlebt habe, fällt mir immer noch schwer und trotz vieler Erklärungsansätze kann ich nicht begreifen, wie es zu einem derart respektlosen Umgang miteinander und besonders mit den Patientinnen kommt. Wie kann man denn gebärende Frauen pausenlos anmotzen, von allen Seiten gleichzeitig an ihnen herumhantieren, ihnen durch pauschale Oxytocin-Stimulation willentlich Schmerzen zufügen, sie aber über nichts informieren geschweige denn nach ihrer Meinung fragen, ihnen das Aufstehen und Herumlaufen während der Wehen verbieten, keine Väter oder sonstige Personen mit reinlassen, ihnen durch rabiate Geburts"hilfe" in 100% der Fälle Dammverletzungen zufügen und ihnen direkt nach der Geburt das Kind wegnehmen, das sie dann erst Stunden später zum Stillen wiederbekommen?!
Darf man das überhaupt? Allein aus Zeitspargründen einen Menschen, der im Krankenhaus die Hilfe der Ärztinnen und Hebammen sucht, wissentlich quälen? Eine Frau im Wehenkrampf anschreien, sie solle doch endlich stillhalten, damit man den Blutdruck messen kann? Eine gerade hektisch und brutal von einer Frühgeburt entbundene 21jährige blutend, verweint und am ganzen Körper zitternd allein im Raum liegen lassen (die Beine noch festgeschnallt am Gyn-Stuhl), um erst einmal das Protokoll auszufüllen?
Auch auf den anderen Stationen zeigte sich die Respektlosigkeit den Patientinnen gegenüber: Privatsphäre gab es kaum; teilweise standen bei einer gynäkologischen Untersuchung zehn Leute im Raum herum, liefen rein und raus, ließen alle Türen offen und redeten über den Befund der untersuchten Frau, als wäre sie nicht anwesend. Die Visite dauerte nur wenige Sekunden pro Bett, wer ein „Guten Morgen!“ abbekam, durfte sich schon glücklich schätzen. Und unsichere oder weinende Patientinnen wurden häufig angeschrien. Oft hatte ich das Gefühl, beim Militär gelandet zu sein: Die Hierarchie ist himmelhoch, Befehle von Ärzten oder Krankenschwestern werden einfach befolgt, wer nachfragt oder gar widerspricht, hat es seeehhhr schwer.
Bei alldem konnte ich nur hilflos danebenstehen und manchmal verwirrte Fragen stellen – die im Kreißsaal meist mit „So ist halt die Richtlinie.“ oder „Das machen wir hier eben so.“ beantwortet wurden. Oder auch: „Wir wissen, dass das in anderen Ländern anders gemacht wird, aber am Ende sind doch Mutter und Kind gesund – wo ist das Problem?“
 
Nun ist es aber nicht so, dass nur ich darin ein Problem gesehen hätte. Es gibt beispielsweise eine Mütterinitiative zur Verbesserung der Zustände in serbischen Kreißsälen, die Hunderte von Schauergeschichten gesammelt hat und die Abschaffung uralter Richtlinien und einen humaneren Umgang mit (werdenden) Müttern und Säuglingen fordert. Und als ich Nenad vom CNA von meinen Eindrücken im Krankenhaus berichtete, war er keineswegs überrascht: "Ich weiß, dass es furchtbar ist; wie in einem Gefängnis. Aber wenn man den richtigen Leuten genügend Geld zusteckt, ändern sich die Richtlinien plötzlich stark. Übrigens ist die ganze Gesellschaft so.“ Gerne würde ich das nicht glauben... .
Gerne hätte ich auch wie viele FamulantInnen in aller Welt von einem herzlichen Empfang im Krankenhaus und engagierten Ärztinnen und Ärzten geschrieben. Aber überwiegend stieß ich leider auf schlechte Laune, Unzufriedenheit und Frustration. Wer in Serbien mit dem Medizinstudium fertig ist, muss (bei mangelnden Beziehungen) erst einmal einige Jahre unbezahlt „freiwillig" arbeiten, bevor es Jobaussichten und damit ein Gehalt gibt. Dass das nicht unbedingt zur Motivation beiträgt, kann man sich vorstellen. Wenn ich die serbischen Medizinstudierenden, die ich getroffen habe, nach ihren Zukunftsplänen oder -wünschen gefragt habe, kam als Antwort meist: „Na, Hauptsache ich finde überhaupt irgendwo eine Stelle. Im Ausland zu arbeiten wäre schön, aber in der EU ist es sehr schwierig, unseren Abschluss anerkannt zu kriegen.“
 
Fazit
Schöne und unschöne Erlebnisse gehören gleichermaßen zu meinen Erinnerungen an die Zeit in Serbien und haben zum Eindruck beigetragen, den ich vom Land und den Leuten bekommen habe. Durch den Kontakt zum IPPNW-Arzt und den Friedens-Organisationen habe ich Menschen getroffen, die sich viele Gedanken über die Situation in Serbien machen und sich für deren Verbesserung engagieren. Ich fand es sehr beeindruckend, mit wie viel Optimismus und Idealismus sie ihrer oft frustrierenden Arbeit nachgingen.
Sehr geschätzt habe ich übrigens auch den Austausch und die Diskussionen mit Benjamin, der seine f&e-Zeit im Kosovo verbrachte und mir noch so manchen anderen Blickwinkel aufgezeigt hat. Und wieder ganz anders sah der Balkan aus Johannas Sicht aus, die zum f&e in Sarajevo war.
Insgesamt bin ich sehr froh darüber, in Serbien gewesen zu sein und all diese Erfahrungen gemacht zu haben. Ich habe eine Menge gesehen und gelernt, habe mich an der Stadt Beograd und den Menschen gefreut und auch das wunderbare Gefühl von fremdem Land und seltsamer Sprache genossen. Gespräche auf Serbisch mit der Blumenhändlerin vorm Wohnblock, guter Kaffee in schönen Cafés, lange Radtouren an der Donau, fröhliche junge Menschen am Strand, beeindruckende Landschaften... das sind Erinnerungsfetzen, die es zwischen den düsteren, schwergewichtigen politischen Themen und den verstörenden Eindrücken im Krankenhaus nicht leicht haben, aber die doch unermüdlich hervorblitzen. Ob ich noch mal nach Serbien fahren würde? Ja, würde ich.
 
 

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