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Rumänien

von Hannah Förster

01.12.2010 Voller sehr widersprüchlicher Erwartungen - vollgepackt mit Vorurteilen, die ich aus Erzählungen von Freunden und Bekannten vor meiner Abreise ausgedacht habe, komme ich an einem Samstagmorgen Ende August am Bahnhof in Bukarest an. Ich werde gleich abgeholt von der Besitzerin des Zimmers, das ich zwei Tage vorher durch Freunde von Freunden von Freunden gefunden hatte. Sie wartet schon seit zwei Stunden, der Zug hatte Verspätung wie so oft und ich habe die ganze Zeit seelenruhig verschlafen...

Sofort werde ich in die Gefahren der Stadt eingeweiht: Vorsicht, pass immer schön auf Wertsachen auf...

Um zwölf soll ich schon am Casa Iuda sein, das ist ein Haus von Concordia. In dieser Organisation werde ich im Oktober mein Sozialpraktikum machen, und an meinem Ankunftstag ist “Vis de vara” (Sommertraum). Zu diesem Fest sind alle Menschen, die mit Concordia in Verbindung stehen, eingeladen. Es findet auf der Farm in ca.70 km Entfernung statt, und ich fahre zusammen mit anderen Volontären und “Kindern” aus Casa Iuda in einem Bus dorthin. Es ist eine sehr turbulente Busfahrt: voll von Menschen, die laut reden, lachen, meine Ohrringe klauen... . Ich kann teilweise gar nicht glauben, wenn ich höre, wie alt die Menschen wirklich sind, mit denen ich da gerade kommuniziere: Manche sehen aus wie 16, sind aber schon lääääängst älter als ich...
Auf der Farm beginnt gleich das Programm: Gottesdienst, und verschiedenste kulturelle Darbietungen. Kinder tanzen in traditionellen bunten Kleidern zu Akkordeon-Musik mit Geige, Gitarre...

Hier wird mir bewusst, wie groß die Concordia eigentlich ist: angefangen mit einem kleinen Haus in Bukarest, gibt es jetzt alleine in Bukarest neun oder zehn Häuser. Der Begründer ist Pater Sporschill, ein Jesuit aus Osterreich. Er wird sehnsüchtigst erwartet, aber kann leider nicht zum Vis de Vara kommen. Irgendwann gibt es Essen. Das dauert ein bisschen, denn es sind bestimmt 1000 Menschen auf dem Fest. Unter anderem gibt es Brot und Gebäck aus der eigenen Bäckerei. Concordia ist eine Organisation, die sich auch um Jugendliche und Erwachsene über 18 kümmert. Dazu gehören auch die Begleitung ins Berufsleben mit Ausbildungsplätzen und Studium. Dementsprechend bunt gemischt ist das Publikum, mit dem ich sehr schnell in Kontakt komme: man wird von allen Seiten angesprochen, und die Leute sind darauf bedacht, mir ein paar Brocken Rumänisch näher zu bringen. Zum Ausklang des Festes gibt es die Disko: Zu Manele-Musik tanzen alle in Latino-Balkan-Stil...
Wieder in Bukarest angekommen, gehe ich noch mit einem ehemaligen Freiwilligen aus Bukarest das Nachtleben dort genießen: sehr bunt gemischte Musik und tanzfreudige Menschen lassen mich bis in den Morgen nicht schlafen. 

Famulatur
Mein Praktikum im Krankenhaus soll eigentlich am darauffolgenden Montag beginnen. Am Sonntag finde ich allerdings eine Nachricht in meinem Mailfach, dass ich doch erst eine Woche später kommen soll, da der verantwortliche Arzt jetzt nicht da ist. Ich könne mich aber auch an einen anderen Arzt wenden, vielleicht klappt das dann: Viel Glück!
Also gehe ich am Montag Morgen einfach auf gut Glück ins Spitalul Filantropia. Das ist ein kleines Krankenhaus für Gynäkologie und Geburtshilfe, ziemlich zentral in Bukarest. Beim Ankommen sehe ich sehr viele Menschen, viele schwangere Frauen wartend vor der Tür stehen - hier ein ganz normales und alltägliches Bild. Als ich auf den Arzt warte, kommt eine schwangere Frau im Nachthemd auf mich zu und bittet um Geld für Brot. Die Patienten müssen sich hier selbst um Essen kümmern. Diese Frau hat in der anderen Hand eine Schachtel Zigaretten.

Als der Arzt - Herr Popescu - kommt, bringt er gleich eine junge Kollegin mit, die sich um mich kümmern soll. Sie ist “resident” (das entspricht ungefähr dem deutschen Assistenzarzt), und nimmt mich gleich mit in den OP der Gynäkologie, um mich dem Chef des Krankenhauses vorzustellen. Im Op-Saal läuft gute Musik. Das ist auch ein sehr wichtiger Bestandteil bei den Ops mit dem Herrn Professor. Er ist sehr nett, erklärt mir während der Ops sehr viel, auf Englisch oder Französisch, und ich verbringe dementsprechend viel  meiner Zeit dort.
Weiter gibt es die kleine Geburtsabteilung mit Kreissälen und Op für Kaiserschnitte, eine Neonatologie, Pränatologische Diagnostiken und die kleine onkologische Abteilung mit sehr wenigen Patientinnen.

Meine Famulatur habe ich vor allem in der Geburtsabteilung und in der gynäkologischen OP verbracht. Die Arbeitszeiten sind sehr variabel und frei. Am Anfang brachte  mich das ein bisschen durcheinander, weil man ab vormittags um 11 Uhr immer wieder mal einen Arzt hat gehen sehen. Ich  konnte immer selbst entscheiden, wie und wo ich wann sein wollte. Manchmal war genau das auch der Haken, wenn ich versuchte, etwas Interessantes für mich zu finden oder  Fragen stellte, und dabei nicht immer auf offene Ohren stieß. Mit der Zeit wurden mir die Menschen und ich ihnen aber vertrauter, und nach und nach hatte ich auch einige Telefonnummern von Ärzten, falls ich sie suchte.
Unterschiedlich zu deutschen Krankenhäusern fand ich vor allem die einfacheren Bedingungen. Darauf wurde ich auch von allen immer wieder hingewiesen: “In Deutschland hat man hierfür Fäden mit verschiedenen Farben, in weniger reichen Ländern nicht.” Ich hatte aber trotzdem den Eindruck, dass die medizinische Behandlung relativ gut und ausreichend war, genauso wie hygienische Bedingungen. Allerdings sah man schon fortgeschrittenere Stadien von Krebs,  mir ist da ein Beispiel von Mamma-Ca in Erinnerung geblieben. Wieso die betreffende Patientin nicht eher zum Arzt gegangen ist, konnte aber niemand genau sagen. Eigentlich muss nämlich jeder im Krankenhaus behandelt werden, egal, ob er dafür Krankenversicherung bezahlt oder nicht. 
Die Ärzte werden eher schlecht bezahlt. Während meines Aufenthalts fanden riesige Demonstrationen statt, da die Gehälter für Ärzte noch um 25% gekürzt werden sollten. Außerdem soll ein neues Gesetz in Kraft treten, das Ärzten verbieten soll, gleichzeitig in öffentlichen und privaten medizinischen Einrichtungen zu arbeiten. Dementsprechend herrscht Aufbruchstimmung von rumänischen Ärzten in andere europäische Länder.

Sehr verbreitet in - soweit ich weiß allen Krankenhäusern Rumäniens, ist Spaga, eine Form von Korruption, bei der Patienten den Ärzten meistens Geld zustecken für eine bessere Behandlung. Im Filantropia habe ich das nur bei einer Ärztin gesehen, ein Arzt hat mir erzählt, im Filantropia gebe es das nicht, andere fanden das ganz normal...
Spitalul Filantropia ist auf jeden Fall  ein ganz passables Krankenhaus.
In meiner Zeit dort konnte ich neben dem Vielen, was ich gelernt habe, auch nette Bekanntschaften machen, gute Gespräche führen und auch einmal mit Ärzten ein Bier trinken gehen.

Reisen
An einigen Wochenenden fuhr ich raus aus Bukarest. Zum einen natürlich, weil ich etwas vom Land sehen wollte, zum anderen ist Bukarest eine anstrengende Stadt, und ich hatte manchmal einfach das Gefühl, raus zu müssen.
Mit einer Freundin aus Deutschland habe ich eine viertägige Reise nach Transsylvanien unternommen, nach Brasov (Kronstadt) und Sibiu (Hermannstadt). Auf dem Rückweg liegt das Kloster “Sambada de Sus” mit einer beeindruckenden Geschichte. Per Anhalter kamen wir dort an und wanderten noch drei Stunden bis zur nächsten Cabana (Berghütte), wo wir die Nacht verbrachten. Am nächsten Morgen kletterten wir noch ein kurzes Stück zu einer kleinen Höhle, die der Mönch Arsenio Boca in der Zeit Causcescus als Versteck diente. Ansonsten war ich in den Bergen, nicht sehr weit von Bukarest. Und in Moldawien. Es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich diese Landteile sind.

Sozialpraktikum:
Ein bisschen habe ich ja schon am Anfang von Concordia erzählt. Ich war also Freiwillige für ein Monat. Eigentlich sollte ich jeden Morgen um acht am Sf. Lazar sein. Das ist eine Unterkunft für Menschen von der Straße, eine Art Erstanlaufstelle für Straßenkinder und -menschen. Ich wurde dort für den Dienst in der Küche eingeteilt und liebte es dort! Dadurch, dass ich schon ein bisschen rumänisch gelernt hatte, konnte ich mich einigermaßen gut mit den Leuten verständigen.

Mein erster Arbeitstag bestand zum Beispiel daraus, eine Kiste mikroskopisch kleiner Zwiebeln zusammen mit einem Jungen zu schneiden. Das Schöne war dann aber einfach das Quatschen mit den “Kollegen”.
Im Laufe der Zeit wurde ich gut aufgenommen, bekam viel zu hören und zu sehen. Die Lebensläufe vieler Menschen dort erschienen mir wie Sackgassen, aus denen man fast unmöglich oder nur mit sehr viel Mühe herauskommen kann. Zur Zeit Caucescus waren Abtreibungen verboten, und viele ungewünschte Kinder landeten in Heimen mit unmenschlichen Lebensbedingungen. Mit spätestens 18 landeten dann viele von ihnen auf der Straße, und oft begann dort eine Drogen-Laufbahn. Während meiner kurzen Zeit im Lazar sah ich viele kommen und gehen. Ein paar kannte ich schon von der Straße: viele leben am Gara de Nord, und ich hatte mich da schon vorher mit ein paar Menschen von der Straße unterhalten. Sie kamen dann, blieben für ein  paar Tage, in denen sie auch mithalfen, in der Küche oder anderswo. Und dann, wenn ich zum Beispiel nach einem Wochenende wiederkam, und nach ihnen fragte, hieß es: “Ah, die und der sind wieder am Gara.” Diese Suchtproblematik und dieses für mich unvorstellbare Leben in der Kanalisation, in der U-Bahn Station oder in leerstehenden Häusern, beschäftigten mich sehr. Es war Oktober, und nachts wie tags schon sehr kalt, aber irgendwie halten das viele Menschen aus, für ein Stückchen mehr Freiheit. Denn in Heimen wie Sf. Lazar gelten strenge Regeln. Soviel ich das beurteilen kann, ist das bei der Menge von 50 bis 60 Bewohnern plus Straßenmenschen, die nachmittags zum Duschen oder zur Ärztin kommen, viel anders auch gar nicht möglich.  Jedenfalls brachte mich dieser Kontakt sehr zum Überdenken meiner Einstellung zu diesen Problemen und zum Leben überhaupt.

Zweimal pro Woche kam die Ärztin, eine sehr patente Frau, die sehr gut mit diesen Menschen und ihren Problemen umgehen kann. Am Anfang war ich noch oft mit ihr und einem anderen Freiwilligen, der bereits Arzt ist, im Cabinet medicale. Später machte ich in dieser Zeit Musik: lehrte Geige, oder machte ein bisschen Raumdekoration.

Die Arbeit im Lazar machte mir auf jeden Fall sehr viel Spaß, ich nehme viele schöne Erlebnisse daraus mit. Aber es war auch anstrengend, weil ich ständig von Leuten umgeben war, die mit mir sprechen wollten, mich um etwas baten usw. Nach diesen Tagen war ich oft sehr, sehr müde. Auf der anderen Seite gab es mir auch viel Kraft und Lebenslust, denn dieses Haus ist voll von Leben und einer bestimmten, unbeschreiblichen Energie.

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