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Norwegen

Inga Grundke

01.12.2010 Es fällt mir reichlich schwer, die zweieinhalb Monate irgendwie zusammenzufassen – vor allem, da keine Erfahrung wie die andere war, und es keine Emotion gibt, mit der ich es einfach beschreiben könnte.
Meine ersten Gedanken nach der Zusage: Oh. Das wird kalt und teuer. Und Fjorde gibt’s auch.

Von Norwegen hatte ich sonst nicht viele Vorstellungen, aber spannend klang sowohl das Projekt Medical Peace Work, das darauf abzielt, mittels Online-Kursen medizinisches Personal in Friedensarbeit und Gewaltprävention zu schulen, als auch die Famulatur in einer Landarztpraxis im tiefen Norden Norwegens.
Da ich dieses Jahr aufs Fliegen verzichten wollte, habe ich mich mit voller Freude in den slow travel gestürzt und diese „Hinaufreise“ als meine Norwegen-Rundumsicht genossen…Oslo, die Hardangervidda, Bergen, Flam, Solvorn, Lom und Jotunheimen, Otta, Andalsnes, Trondheim, Moskenes i Lofoten, Svolvaer, Harstad und dann endlich Tromsø.
Von der Naturschönheit Norwegens kann ich unendlich viel erzählen. Leider wird nichts davon dem wirklich gerecht. Vielfalt, Wildheit, Größe, Lebendigkeit, Wasser…Überall schönes, gut schmeckendes Wasser. Vielleicht bringt dieses Zitat aus einer Mail eine Ahnung davon: „Oft bin ich durch Nebel, Matsch, und Regen gelaufen, hab beinah geflucht, dann reißt der Himmel auf, die Sonne leuchtet in diesem ganz besonderen, nördlichen Licht und man sieht und staunt und weint beinahe, weil es so schön ist.“

Famulieren und engagieren
sah für mich vom Ablauf her so aus: zwei Wochen bei Klaus und Kristin für das Medical Peace Work Projekt, vier Wochen Famulatur bei Arthur im tiefen Norden, wieder zwei Wochen bei Klaus und Kristin für Medical Peace Work.
Bei Klaus und Kristin war es gemütlich und wie Zuhause. Aus dem Fenster habe ich auf  Fjord und Ozean, die Troms-Insel, und Berge schauen können. Es ist ein kleiner Hof außerhalb von Tromsø, auf dem die beiden wohnen - mit einigen Gänsen, Katzen und robusten, schwarz-grauen, wolligen Vikinger-Schafen. So konnte ich mich nicht nur im Projekt engagieren, sondern auch mit den beiden jeden Tag Heu wenden und Tiere füttern – auch eine unglaublich friedvolle und wohltuende Art des Engagements.
Sie sind unglaublich liebe und interessante Menschen, mit denen man tolle Gespräche führen und viel Spaß beim Wandern haben kann. Sie haben Erfahrungen auf der ganzen Welt gesammelt. Das Medical Peace Work Projekt haben sie aus der Taufe gehoben, und damit eine große Ressource geschaffen, die es sich lohnt, zu nutzen – sowohl als Faktensammlungen, als auch als Denkanstöße.

Meine Arbeit im Projekt bestand unter anderem aus Email-Listen erstellen, Anfragen verschicken und Curricula recherchieren, Werbung machen, Text sortieren und mit Klaus Flyer und Zukunft von Medical Peace Work diskutieren – viele Gedanken kamen da, und sind geblieben.

Während meiner Famulatur
habe ich zur Untermiete bei Freunden von Klaus und Kristin gewohnt in der kleinen Ortschaft Olderdalen, die zur Gemeinde Kafjord gehört. Rückblickend kann ich sagen: eine astreine Famulatur ist es nicht gewesen, vielmehr ein kleines Sozialprojekt – und auch eine persönliche Herausforderung.
Lerne die kleine Gemeinde Kåfjord kennen und lerne Norwegisch, so ungefähr war die Zielstellung.
Das hieß: viele Tage mit dem lieben Allgemeinmediziner Arthur bei Basisgesundheitspflege und kleinen Erfolgserlebnissen wie Patientengesprächen auf Norwegisch, Laboruntersuchungen und Pflegeheimbesuchen verbringen.
Auch und gerade im Umfeld der Medizin gab es einiges zu tun – so habe ich zum Beispiel Impftage in der Schule, Schwangerenvorsorge bei der Hebamme, Hospitationen und Gespräche bei der Heimkrankenpflege, in der Behindertenwerkstatt, in der Sozialstelle, in der Physiotherapie  und in der Sprachschule für Asylbewerber mitgemacht und miterlebt. In meinem kleinen Heimatort war nämlich unter anderem auch ein Asylbewerberheim – und führte mir wieder vor Augen, dass die Welt überall ist, auch in dem kleinsten norwegischen Dorf – und das ist Tatsache und Verantwortung.

Was noch zu wissen wäre?
Norweger: trinken mehr Kaffee pro Kopf als jeder andere Europäer. Sie hupen nicht und halten an, wenn man die Straße überquert. Und sie haben die Büroklammer und den Käsehobel erfunden.
Tromsø: ist ein lebendiges Städtchen, das durch seine Uni und die umliegende Natur geprägt wird – so konnte ich viele liebe Menschen und ein reiches Ausflugs- und Kulturprogramm erleben. Seien es Ausstellungen zu Sinti und Roma, Palästina, Vorträge zu Gandhi und Afghanistan, ein Rollenspiel zum Thema Flüchtlinge aus Somalia, Beschäftigung mit Konfliktfeldern in der Gesellschaft wie Einwanderer und samische Urbevölkerung, und schließlich auch die Geschichte gerade Nord-Norwegens im Dritten Reich. Eine bunte Mischung – und es ist auch immer wieder gut, daran erinnert zu werden, dass selbst die so genanten entwickelten Länder keineswegs sorgenfreie Zonen sind, und auch wir erst seit zwei Generationen Frieden kennen – und ihn allzu oft als selbstverständlich hinnehmen.

Was bleibt bei mir?
Das Immer-weiter-neugierig-Sein, die Erinnerung an die Nordlichter, und ein Gefühl von Frieden.
Für mich steckt Friedensarbeit mittlerweile in so ziemlich allem – ganz sicher in Konfliktsituationen weltweit, aber auch im alltäglichen Umgang miteinander, und auch gerade, um in Einklang mit sich selbst zu kommen.
Klaus hat mir an meinem ersten richtigen Tag in Tromsø schon diese ganz wichtige Friedensbotschaft gegeben. Er hat mir gesagt, meine erste Aufgabe sei Folgendes: Ankommen.
Das heißt für meine Erfahrung, sowohl mit Körper als auch mit Geist erst einmal Luft holen. Warten, bis man richtig da ist. Nicht gleich weiter hetzen. Schon reisen, aber nicht rasen.
Seine Umgebung bewusst wahrnehmen. Sich mitnehmen lassen von ihr. Staunend.
Und bei Menschen heißt es vielleicht: für einen anderen da sein. Wie viel Zeit das braucht, wirklich bei jemandem anzukommen, das Rasende und Lärmende hinter sich zu lassen und auf jemanden zuzugehen, und nicht nur kurz hallo zu sagen, sondern bei ihm zu bleiben – bis man eben wirklich angekommen ist. Bis beide wirklich beieinander angekommen sind. Eingeladen und aufgenommen. Dafür danke.

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