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Nepal

von Kathrin Sonnenschein

01.12.2010 Ich sitze hier in Deutschland an meinem Schreibtisch und versuche einen Weg zu finden, von meiner Reise zu erzählen. Um zu beschreiben, welche Möglichkeiten einem f&e bieten, weshalb dieses Projekt so besonders ist. Die Erinnerungen an meine Zeit in Nepal lösen Freude und Trauer in mir aus. Die Erlebnisse und Erfahrungen waren ganz besonders, aber im Grunde nehme ich immer noch Abschied.

Kathmandu
Trotz all der Vorbereitungen war ich mit einem mal völlig überrascht, als das Flugzeug zur Landung in Kathmandu ansetzte. Plötzlich war ich kurz davor in einem Land anzukommen, von dem ich im Grunde keine wirkliche Vorstellung hatte. In dem ich noch nie gewesen war, aber die nächsten zwei Monate verbringen wollte. Schon im Flugzeug kam ich mit einem Nepali ins Gespräch, der mir eine Charaktereigenschaft bewies, die mir viele prophezeit hatten: Hilfsbereitschaft. Zum Glück musste ich sein Hilfsangebot nicht annehmen, da wie vorher mit der lokalen IPPNW-Studierendengruppe abgesprochen, ein junger Arzt mich am Flughafen abholte und zu meiner Gastfamilie brachte. Meine ersten Eindrücke waren geprägt vom Stromausfall am Flughafen, den vielen Menschen und dem Regen. An all diese Dinge würde ich mich in der nächsten Zeit gewöhnen, allerdings nie an den lauten und hektischen Straßenverkehr. Meine Gasteltern waren unheimlich freundlich zu mir und ich habe mich vom ersten Augenblick an willkommen gefühlt. Am nächsten Tag habe ich dann auch ihren 10jährigen Sohn, die Eltern und einen Neffen des Vaters kennen gelernt, die zu der Zeit ebenfalls in dem Haus wohnten. Die erste Nacht habe ich relativ schlaflos verbracht, bedingt durch meine Aufregung, aber auch durch Mücken, die mich ebenso die nächsten Wochen begleiteten.

Den ersten Tag verbrachte ich unter anderem mit zwei jungen Ärzten, die mich durch Kathmandu führten und ich so einen ersten Eindruck von dieser Stadt bekommen konnte. Hineingeworfen in dieses Land und diese mir fremde Kultur, folgte ich den beiden wie betäubt durch die Straßen. Alleine hätte ich den Weg zurück nie wieder gefunden.
Am darauffolgenden Tag begann bereits meine Famulatur in der Pädiatrie im Teaching Hospital, welches der Universität angeschlossen ist. Dementsprechend begegnen einem dort viele Medizinstudenten, auch ausländische, die dort meistens ein PJ-Tertial verbringen. Jeden Morgen um neun Uhr fand eine Präsentation bestimmter medizinischer Themen durch Studenten statt, die von den Ärzten kommentiert und kritisiert wurden. Danach ging es entweder zur Visite auf Station oder zur ambulanten Sprechstunde. Nach der Mittagspause fand dann eine Fallvorstellung statt, bei der die Anamnese über die Eltern eines Patienten auf Nepali geführt wurde und die Diskussion über Differentialdiagnosen dann auf Englisch stattfand. Sowohl die morgendliche Präsentation als auch die Visite wurden ebenfalls auf Englisch gehalten, aber besonders zu Beginn war es äußerst schwierig für mich, den Gesprächen zu folgen. Der Akzent war sehr gewöhnungsbedürftig, zudem wurde oft sehr schnell und sehr leise gesprochen. Eine echte Herausforderung für uns Ausländer.

Die folgenden fünf Wochen zusammenzufassen, ist enorm schwierig.
Im Krankenhaus gewöhnte ich mich an die Routine. Ich musste mich aber auch mit Problemen und Restriktionen auseinandersetzen, auf die ich mich vom Kopf her zwar vorbereitet hatte, die mich aber dennoch immer wieder zum Nachdenken veranlassten. Für mich war die Famulatur im medizinischen Sinne nur begrenzt lehrreich. Ich bekam zwar viel Theorie mit, aber immer nur aus einer gewissen Entfernung und auch da war es schwer, den vielen und langen Ausführungen zu folgen. Allerdings erfuhr ich einiges über das Gesundheitswesen und die sozialen Netze. Das medizinische Personal weiß um die neuesten Errungenschaften und Entwicklungen der Medizin, aber diese sind für die praktische Arbeit oft unerheblich, da nicht vorhanden und/oder nicht bezahlbar. Sowohl mit Ärzten als auch Studenten unterhielt ich mich über die Unterschiede unserer Länder und über den Umgang damit. Lehrreich war für mich die Erfahrung, ein Land und seine medizinische Versorgung über eine längere Zeit und in dieser Intensität kennen zu lernen.

Durch die Kontakte zur PSR-Gruppe (physicians for social responsibility, die lokale Studierenden - IPPNW) hatte ich ziemlich schnell Kontakt zu anderen Studenten und jungen Ärzten. Immer wieder kamen Studenten zu mir, um mich zu begrüßen. Mein Besuch in Nepal war schon angekündigt worden und jeder bot mir sofort Hilfe an, falls ich sie denn benötigte. Es war unheimlich schön, so herzlich willkommen geheißen zu werden. Mit einigen von ihnen habe ich mich mehrmals getroffen, um Kathmandu kennen zu lernen, essen zu gehen oder eine Mediziner-Party zu besuchen. Im Gegensatz zu anderen ausländischen Studenten hatte ich so sehr schnell Kontakt zu Nepali und erfuhr viel über ihre Kultur und ihr Leben.
Am Teaching Hospital lernte ich auch einige Ausländer kennen, mit denen ich besonders gerne Zeit verbrachte, wenn ich mir besonders fremd vorkam. Mit ihnen konnte ich etwas Abstand gewinnen und mich über Kuriositäten unterhalten.

Zu meiner eigenen Überraschung fand ich bei meiner Familie ein richtiges Zuhause. Bei religiösen Festen wurde ich zu Familienfeiern und Tempeln mitgenommen. Auch zwischendurch unternahmen wir kleinere Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten innerhalb Kathmandus. Die meisten Unterhaltungen führte ich, besonders aufgrund von sprachlichen Barrieren, mit meinem Gastvater und wir sprachen über Religion, Philosophie, Lebensweisen und vieles mehr. Diese Gespräche waren sehr anregend und haben in meinen Gedanken tiefe Spuren hinterlassen. Aber auch meine Gastmutter kümmerte sich sehr liebevoll um mich und mit Zuhilfenahme von Mimik und Gestik verstanden wir uns ebenfalls. Während man mich jeden Tag auf der Straße anstarrte und der Straßenverkehrslärm mich beinahe durchdrehen ließ, fand ich bei meiner Familie eine Ruhe, wie ich sie selbst in Deutschland selten erlebe. In Nepal wird das Leben langsamer gelebt. Das mag einige Nachteile haben und für uns oft unverständlich erscheinen, aber „Zuhause“ habe ich diesen Umstand sehr genossen.

Meghauli  
Nach fünf Wochen in Kathmandu machte ich mich auf die Reise nach Meghauli, einer Region direkt am Chitwan National Park. Über Ajay von der IPPNW hatte ich bereits vorher Kontakt zu jemandem von der Friendship Clinic Nepal aufgenommen. Zwar hätte ich gerne, wie Katharina im Jahr vor mir, an einem Health Camp teilgenommen, aber durch langen und starken Regen war dies leider nicht möglich. Trotzdem fuhr ich zu diesem Projekt nahe dem Dschungel, um mehr über die medizinische Arbeit in Nepal zu erfahren. Die Woche, die ich dort verbrachte, gehört mit zu meiner schönsten Zeit in Nepal. Ich wohnte in einem sehr gemütlichen und familiären Gästehaus zusammen mit einer Chinesin, mit der ich mich oft und lange nach dem Abendessen unterhielt. Vormittags besuchte ich mehrmals den Kindergarten der Klinik, ließ mir die „animal“ und „farming projects“ der Klinik zeigen und lernte einiges über die Traditionen der Dorfbevölkerung. Die Menschen im Ort waren überraschend offen und freundlich, auch wenn die wenigsten Englisch sprachen. Nachmittags verbrachte ich die Zeit mit Ärzten, die für einige Stunden in die Klinik kamen. Jeden Tag aus einer anderen Fachrichtung.
Im ganzen Dorf waren neue Brunnen mit Wasserpumpen gebaut worden. Diese waren von der Klinik initiiert worden und gleichzeitig war Aufklärung über Hygiene und Prävention betrieben worden. In diesem kleinen Rahmen sah ich zum ersten Mal erfolgreiche Veränderungen, die so wichtig sind für dieses Land. Nach der Aussage von Hari, einem Gründer der Klinik, waren seit dieser Aktion auffallend weniger Menschen wegen Beschwerden aufgrund von Wasserverunreinigung in Behandlung.

Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Die Menschen um mich herum waren sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Da die Dorfbevölkerung kaum von Touristen profitiert, fühlte ich mich viel weniger bedrängt. Die Neugierde bezog sich viel mehr auf mich als Besucher, als auf den vermeintlich reichen Ausländer. Diese „Unschuld“ tat nach der langen Zeit im hektischen Kathmandu unbeschreiblich gut. Zudem war da die wunderschöne Landschaft, die trotz der Regenzeit beeindruckend war. Die grünen Reisfelder und der dichte Dschungel begeisterten mich.
Leider hatte ich bereits vorher weitere Pläne gemacht und musste Meghauli nach nur einer Woche wieder verlassen.

Pokhara
In Kathmandu hatte ich mit dem Leiter des Waisenhauses „Hope for Himalayan kids“ (HFHK) gesprochen und über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen. Da ich nur sehr wenig Zeit hatte, aber mich gerne auch im medizinischen Bereich einbringen wollte, verabredeten wir, dass ich einige Unterrichtsstunden geben könnte. Mit einigen Büchern und Kopien des menschlichen Körpers im Gepäck fuhr ich also nach Pokhara, der zweitgrößten Stadt in Nepal. Von hier aus beginnen fast alle Touristen ihre Wanderungen und verbringen einige Zeit in den vielen Restaurants und Cafés. In den ersten Tagen besuchte ich zunächst HFHK, lernte die Mitarbeiter kennen und bereitete meine Stunden vor. Interessanterweise kommen die meisten Kinder aus sehr armen Familien, die ihre Kinder lieber in ein Waisenhaus schicken, da sie dort genügend Essen und eine schulische Bildung erhalten. Das große Ziel der Arbeit von HFHK ist aber nicht, das Waisenhaus an sich zu etablieren. Stattdessen sollten Projekte ausgebaut und fest verankert werden, die es den Kindern ermöglichen, in ihren Familien zu leben und trotzdem weiterhin zur Schule gehen können und sich ausreichend zu ernähren. Da die politische Situation in Nepal noch immer nicht stabil ist, ist es für solche Organisationen sehr schwer, langfristige staatliche Unterstützung zu sichern. Es gibt viele interessante Argumente für eine Rückführung der Kinder in ihre Familien. Eine doch völlig andere Problematik, als wir sie in Deutschland haben.

Die Unterrichtsstunden waren doch etwas schwieriger als erwartet. Die Kinder konnten viel weniger Englisch als andere Gleichaltrige, die ich kennen gelernt hatte, oder sie trauten sich einfach nicht. Aus diesem Grund hatte ich auch immer zwei oder drei Mitarbeiter bei mir, die für mich übersetzten. Dies verstärkte dann aber auch eine Unruhe und ein Durcheinander, bei dem ich mir manchmal nicht sicher war, wie viel tatsächlich von meinen Erklärungen ankam. Neben dem Umgang mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Hygiene sprach ich auf Wunsch von HFHK auch mit den Mädchen über die Menstruation und entsprechendes Verhalten. Trotz der sprachlichen Schwierigkeiten und einigen Verwirrungen machte ich interessante Erfahrungen und wurde sehr herzlich von den Mitarbeitern und den Kindern aufgenommen.
Bevor ich nach Kathmandu zurückfuhr, bin auch ich noch fünf Tage wandern gewesen, zusammen mit einem deutschen Freund, den ich am Teaching Hospital kennen gelernt hatte. Die Regenzeit war zum Glück vorbei und wir hatten eine beeindruckende Zeit. Die Wege führten durch Märchenwälder, Wolken und Reisfelder. Es gab nur ein Mal den Punkt, an dem mich meine Kräfte beinahe verließen, ansonsten waren die Anstrengungen alle Mühe wert. Der Ausblick auf die Berge hat für alle Anstrengungen entschädigt.

Abschied nehmen
Die restliche Zeit verbrachte ich mit Abschied nehmen. Bei meiner Familie genoss ich die Ruhe und mit einigen nepalesischen Studenten und jungen Ärzten ließ ich die letzte Zeit Revue passieren. Ich lernte auch ganz zum Schluss Apil kennen, der diesen Sommer in Deutschland verbrachte und mir bei der Organisation meines Aufenthaltes geholfen hatte. Wir haben viel gelacht und die Köpfe geschüttelt, während wir über unsere Erfahrungen in dem jeweils anderen Land erzählten.
Der Abschied fiel mir dann doch relativ leicht, da ich mich am Ende doch noch beeilen musste und mich auf viele Menschen und Umstände in Deutschland gefreut habe. Mit einigen Kilogramm weniger am Körper bin ich dann in Deutschland angekommen. Trotz aller Vorsicht hatte ich mich nicht durchgängig vor Infektionen schützen können und hatte immer wieder Verdauungsprobleme.
So schnell und plötzlich der Abschied von Nepal vor Ort war, so lange dauert er doch noch in meinem Kopf, nachdem ich schon längst wieder zurückgekehrt war.

Fazit f&e
Ich hätte auch ohne f&e nach Nepal oder sonst wohin fahren können. Aber besonders toll an diesem Projekt finde ich den Kontakt zu den Studenten/Ärzten im entsprechenden Land. Laut den Berichten der anderen f&e-ler ist die Präsenz von Ansprechpartnern nicht in jedem Land so gegeben. In Nepal wird einem die Kontaktaufnahme sehr leicht gemacht. Das war eine unheimlich schöne, interessante, lehrreiche, komplizierte, streckenweise auch anstrengende Erfahrung. Aber immer lohnenswert.
Der Kontakt zu den anderen f&e-lern war während meines Aufenthaltes weniger wichtig für mich als nach der Rückkehr. In Nepal fiel es mir manchmal schwer, mich auf die Gedanken und Problematiken der anderen einzulassen. Doch besonders das Auswertungswochenende in Deutschland hat mir zu meiner eigenen Überraschung persönlich enorm viel gebracht.
Meine Reise nach Nepal hat sehr viele neue Gedanken in mir angestoßen und mich vielseitig bereichert.

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