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Kosovo

von Benjamin Ilse

01.12.2010 Kosovo - Europa?! Rückblickend habe ich das Gefühl immer noch nicht sicher sagen zu können, ob eher das Fragezeichen oder doch das Ausrufezeichen der Wahrheit entspricht.
Die Reise in das kleine Land im Balkan forderte mich oft heraus über mein Europabild nachzudenken. So selbstverständlich und deshalb so nebensächlich die deutsche Teilhabe an Europa ist, so wichtig und entscheidend ist diese jedoch für das Kosovo. Bedeutet diese doch den Zutritt in eine moderne Welt, in Rechststaatlichkeit und politische Legitimation und damit Zukunft als moderner Staat.

Ankommen
Meine Anreise per Bahn und Bus erlaubte mir einen Aufenthalt in Serbien. Auch wenn es nur wenige Stunden waren in denen ich mir die Altstadt Belgrads zusammen mit Rebekka (f&e Serbien) anschaute, so waren diese doch sehr wichtig. Immerhin sollten meine darauf folgenden zwei Monate im Kosovo hauptsächlich durch die furchtbarsten Berichte über Serben geprägt sein. Es half mir ein wenig, überparteilich zu bleiben, nachzufragen, nicht einfach abzunicken.
Rebekka erzählte auch reichlich von der Friedensakademie in Sarajevo und ich wünsche es meinem Nachfolger sehr, dass er/sie es möglich machen kann, daran teilzunehmen. Bei mir ging es terminlich leider nicht.

Ständige Verwirrung über die politische Situation...
Im Kosovo etwas über die Vergangenheit zu erfahren ist leicht und schwierig zu gleich. Erste Ansprechpartner waren für mich Ilirjana und Ilir. Beide verbindet ein bewegtes Leben, geprägt durch die ständigen Konflikte. Sie gaben mir für meine Zeit im Kosovo so nicht nur herzliche Unterkunft sondern auch sehr gern Auskunft über ihre Sichtweise auf die Situation des Kosovo. Ilir half mir dabei die Angst abzulegen, bei den Leuten durch meine Fragen zu dem Konflikt, der gerade einmal 10 Jahre her ist, etwas wieder aufzurühren worüber sie gerade Frieden gefunden hatten.
Meist kam ich gar nicht dazu mir zu überlegen jemanden anzusprechen, denn eh ich mich versah wurde ich schon in ein Gespräch verwickelt. Mein eindeutig nicht albanisches Aussehen war daran sicher nicht ganz unschuldig. Auch hatte ich das Gefühl, dass die Leute froh waren, ihr oftmals hervorragendes Deutsch wieder ausprobieren zu können. Die politischen Verhältnisse wurden mir durch die ganzen Diskussion allerdings nicht unbedingt durchsichtiger, ein Beispiel:
2004 gab es Gewalttätigkeiten, welche gegen die nicht- albanischen Minderheiten gerichtet waren. Dabei starben 19 Menschen, zahlreiche wurden verletzt und vertrieben. Serbische Kulturgüter wurden zerstört.
Ein ca. 45 jähriger, sehr adrett gekleideter Mann erklärte mir dazu, mit schweizer Dialekt, dass die zerstörten serbisch- orthodoxen Klöster früher katholisch und damit ganz und gar nicht serbisch, und die Gewalttäter zwar Albaner waren, diese aber von Serben bezahlt wurden, um die Kosovoalbaner in schlechteres und Serben in besseres politisches Licht zu rücken.

Famulatur
Ilirjana hatte mir einen Mentor in der Anästhesie vermittelt. So durfte ich Fatos Sada durchweg begleiten, hatte immer einen Ansprechpartner, der des Englischen mächtig war, und bed side teaching, welches ich mir in meinem Studium so oft gewüscht hätte. Im Kosovo, so erfuhr ich, existiert keine Krankenversicherung  - anders als im deutschen Gesundheitssystem. In den staatlichen Gesundheitseinrichtungen werden allerdings alle Bedürftigen behandelt. Die materiellen Gegebenheiten sind dürftig. Das medizinische Personal ist zwar meist im Ausland sehr gut ausgebildet, durch fehlende Logistik in ihren Möglichkeiten allerdings stark eingeschränkt und durch die niedrige Bezahlung oft unmotiviert. Trotzdem war es sehr schön zu sehen, was mit Idealismus trotz weniger Mittel möglich ist an medizinischer Versorgung zu leisten.

Soziales Projekt
Ähnlichen Idealismus erlebte ich in meinem sozialen Projekt in der Organisation „Kosovo Mental Disability Rights Initiative“. Als einzige NGO setzen sie sich für die Rechte geistig behinderter Menschen im Kosovo ein. Das Credo: „Wir betreuen Menschen mit Behinderung und nicht behinderte Menschen“, zieht sich durch das ganze Wirken. So ist es Ziel den Menschen Möglichkeiten und Wege aufzuzeigen, selbstständig im Leben zu bestehen. Praktisch bin ich dafür mit Yllka quer durch das Kosovo gefahren um an peer-support-group-meetings teilzunehmen. Diese Treffen stellen für die Teilnehmer oft die einzige Möglichkeit dar aus ihrer Behausung rauszukommen und sich mit anderen Menschen mit Behinderung zu vernetzen und auszutauschen.

Ausflüge
Dass das Kosovo nicht nur ein Land der politischen und sozialen Spannungen ist, sondern auch einfach wunderschön sein kann, stellte ich auf zahlreichen Kurzreisen fest. Den Startpunkt dafür bot meist der Busbahnhof in Prishtina. Prizren mit den Hamams, das idyllische Rugova Tal oder die so beeindruckenden Moscheen in Peja werden mir noch lange in Erinnerung bleiben.
Herzlichkeit und Ärgernisse
Das Gastrecht wird im Kosovo sehr hochgehalten. Dies möchte ich nicht nur so als nette Floskel sagen, sondern wirklich unterstreichen. Trotz der Sprachbarriere wurde ich sehr oft von wildfremden Menschen auf einen Kaffee eingeladen, auf der Straße angesprochen oder uns wurden mitten in der Nacht Decken geliehen. Weil auch in Prishtina zu der Zeit Semesterferien waren, lernte ich im Krankenhaus nicht allzuviele Medizinstudenten kennen.
Wenn ich aber mal das Glück hatte einen zu treffen, dann waren es immer sehr herzliche Begegnungen. Da war Diana, welche sich gleich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft für mich um Anschluss an andere Studenten bemühte und mir das Nachtleben von Prishtina näher , oder Labinot, welcher Johanna (f&e Bosnien) und mir eine liebevolle Stadtführung durch Peja ermöglichte.

Nicht verschweigen möchte ich in diesem Bericht allerdings die etwas betrüblichen Geschehnisse welche mir widerfahren sind. So wurde mir nach ca. einem Monat Aufenthalt meine Geldbörse geklaut und drei Tage vor meiner geplanten Abreise musste ich einen Raubüberfall über mich ergehen lassen. Ich schreibe dies nicht in den Bericht um euch abzuschrecken euch für diese Region zu bewerben, sondern viel mehr, um einfach ehrlich darzulegen, was eben passieren kann, hier und dort, überall auf der Welt.
Viele der Leute die ich kennen gelernt hatte waren nach dem Überfall sehr, sehr wütend auf die Täter. Es war für mich fast beschämend zu sehen, wie leid ihnen der Überfall auf mich tat.

Nachklang
Auf Ilirjanas Betreiben hin hielt ich vor einigen Studenten und Ärzten einen Vortrag über die IPPNW und f&e Deutschland. Ilirjana versucht gerade eine IPPNW Gruppe im Kosovo aufzubauen und erhoffte sich dadurch einige Impulse. Dadurch konnte ich einige sehr engagierte Kosovaren kennenlernen und darf mich jetzt regelmäßig an den Forschritten der IPPNW Kosovo erfreuen.
Das Thema Kosovo und soziales Engagement folgte mir auch noch, als ich schon längst wieder zurück in Deutschland war. So sammelte unsere Jenaer Medizinerzeitschrift Geld für K-MDRI und ich freute mich sehr, Vesa als kosovarischen Gast auf unserem Studierendentreffen begrüßen zu dürfen.
Auch über das Kommunikationsmittel Nummer eins im Kosovo: facebook, erfahre ich immer wieder Neues. So staunte ich eines Tages nicht schlecht, als alle meine Kosovokontakte ihre Profilbilder in die albanische Flagge verwandelt hatten und ich von eigentlich sehr friedfertigen Kosovaren Hassparolen gegen Serben lesen musste. Der Grund war schlicht folgender: „well it was a football game italya vs serbia in italy, and serbian huligans burned albanian flags and kosova flags and sang songs against Kosovo”

Fazit
Der Sommer im Kosovo war für mich eine sehr bereichernde Zeit. Ein Land und dessen Bevölkerung 10 Jahre nach einem Krieg zu erleben, die Aufbruchstimmung nach Gründung des eigenständigen Staates, aber auch die Resignation verursacht durch Korruption und politischen Stillstand zu spüren.
Was ich noch vor wenigen Monaten an Nachrichten über das Kosovo als unwichtige Randnotiz ignoriert hätte, verfolge ich nun viel genauer. Dabei ist wirklich auffällig, wie viele gravierende politische Meldungen und Wandel für die Balkanregion im Moment zu registrieren sind. Dass wir über unsere Medien nicht immer die Wahrheit (welche Wahrheit?) erfahren, wurde mir in einem Gespräch mit Vesa (Gaststudentin beim Studitreffen) wieder sehr bewusst. Als ich die Gründe wiedergab, warum der kosovarische Präsident gerade zurückgetreten sei, sagte sie trocken: „siehst du, es war eigentlich ganz anders...“
Vielen Dank an die IPPNW und besonders Ulla Gorges für ihre ständige und sehr liebe Begleitung!
ausführliche und direkt unter dem Eindruck des Erlebten geschriebene Texte finden sich hier:
http://fundekosovo.blogspot.com/

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