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Israel

von Katharina Higelin

01.12.2010 Vor meiner Reise nach Israel nahm ich mir bewusst vor, mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen was mich wohl erwarten würde, da ich wusste, dass es sich eh meiner Vorstellung entziehen würde. Und so kam es auch… . Während der ganzen Zeit bekam ich viele Eindrücke und Bilder von dort, die ich mir vorher nie so hätte vorstellen können. Und wenn diese Bilder nun in räumlicher und zeitlicher Ferne nochmals vor meinem geistigen Auge vorüberziehen, kann ich mir oft kaum noch vorstellen wirklich dort gewesen zu sein.

Interessiert war ich wohl schon immer an Israel, und die Geschichte die uns Deutsche mit diesem Land verbindet hat mich auch schon im Grunde mein Leben lang beschäftigt. Deshalb habe  ich auch nicht lange gezögert bei der Gelegenheit mit f&e dorthin zu gehen.
Ich denke mir ging es wie vielen jungen Menschen in Deutschland, die zwar schon viel über den Holocaust in der Schule gelernt haben, aber es sich trotzdem nicht wirklich vorstellen können was diese Menschen durchgemacht haben. Ich sah dieses Projekt von f&e in Israel daher als einmalige Gelegenheit, persönlich in Kontakt  zu kommen mit Menschen, die diese schreckliche Erfahrung gemacht hatten.

Die Möglichkeit dazu bekam ich zum einen bei meiner Famulatur in der Gerontopsychatrie der Shalvata Klinik in HodHaSharon. Dort war ich jeweils immer für drei Tage in der Woche in der Sprechstunde von Frau Dr. Abramovic, die schon seit vielen Jahren f&e StudentInnen betreut. In ihre Sprechstunde kommen  ältere Menschen,  die überwiegend an Depressionen, Schlafstörungen oder Demenz leiden. Für mich war es besonders interessant, die Lebensgeschichte dieser Menschen zu erfahren, weil sie oft  aus vielen verschiedenen Ländern nach Israel immigriert waren. Natürlich waren unter ihnen viele, die wegen des Holocaust aus Deutschland, Polen, Russland, Rumänien usw. geflohen waren, aber auch Juden die aus dem Jemen, Irak oder der Türkei nach Israel gekommen waren. Somit war es auch oft ein ganz schönes Sprachgewirr in der Sprechstunde, da die Patienten sich oft mit ihren Angehörigen lieber in ihrer Muttersprache unterhielten als auf Hebräisch. Vor allem wenn sie erst spät in ihrem Leben emigriert waren und somit Hebräisch, die Sprache ihrer neuen Heimat, nie ganz perfekt gelernt hatten. Diese Tatsache kam mir dann oft zugute, denn immer wenn es irgendwie möglich war, bat Frau Abramovic die Leute dann auf Englisch oder Deutsch zu sprechen, damit ich es auch verstehen konnte. War dies nicht möglich, übersetzte sie jedoch immer für mich die Gespräche und nahm sich immer viel Zeit, um mir noch mehr zu ihren Patienten und deren Leben zu erzählen.
Anfangs hatte ich manchmal ein mulmiges Gefühl wenn sie ihre Patienten bat, wegen mir deutsch zu sprechen - nachdem sie mir erzählt hatte was für eine schreckliche Vergangenheit die Leute aufgrund des Holocaust hatten und deshalb schwer traumatisiert waren. Aber ich merkte bald, dass die Menschen  sehr offenherzig und freundlich mir gegenüber waren. Und auch wenn vielleicht bei dem einen oder anderen Deutschland auch unangenehme Erinnerungen weckte, so ließen sie sich das im Umgang mit mir nicht anmerken. Die meisten waren sogar sehr erfreut darüber mit jemandem mal wieder auf Deutsch sprechen zu können.

Obwohl Dr. Abramovic sich immer viel Zeit nahm und mir auch Raum ließ um den Leuten Fragen zu stellen, war es natürlich in der Sprechstunde nicht möglich mit den Leuten ausführlich über ihre Lebensgeschichte zu sprechen. Zu diesem Zweck hatte Frau Abramovic ein paar ihrer Patienten gefragt, ob sie bereit wären, sich für längere Gespräche mit mir zu treffen. So besuchte ich drei ihrer Patienten in deren Zuhause.
Bei meinem ersten Besuch bei einer älteren Dame in ihrer Wohnung im Altenheim fiel es mir erst nicht so leicht, ihren Erzählungen von furchtbaren Dingen die passiert waren zu folgen und gleichzeitig ein Kuchenstück nach dem anderen, die sie mir fortlaufend anbot, runter zu drücken. Nach und nach gewöhnte ich mich jedoch an die nüchterne und trockene Weise, solche Erlebnisse geschildert zu bekommen und verstand es als eine Art wie viele mit diesen Erlebnissen umgehen, indem das Emotionale weitgehend ausgeblendet wird. 
Jedoch machte ich wieder ganz andere Erfahrungen bei einer anderen Frau die ich besuchte. Sie hatte oft auch Tränen in den Augen, während sie mir von ihrer Familie erzählte, die sie im KZ zum letzten Mal sah, und ergriff öfters beim Reden meine Hand.
Ich fand es sehr schön anzusehen was sich auch für eine persönliche Beziehung zu den Leuten aufbaute, die ich besuchte. Ich bin außerdem sehr froh darüber, mehrere Leute besucht zu haben, da die Erfahrungen die ich machte sehr unterschiedlich waren und ihre Lebensgeschichten selbstverständlich auch. Am Ende meines Aufenthaltes hätte ich mir jedoch noch ein bisschen mehr Zeit gewünscht, um die Leute noch ein paar Mal besuchen zu gehen. Ich fand es dann ein bisschen schade, weil ich gemerkt hatte, dass man doch oft viel Zeit braucht um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Da ich ja viel zu tun hatte mit Opfern des Holocausts, versuchte ich mich so viel wie möglich darüber zu informieren und besuchte einige Holocaust-Gedenkstätten, darunter auch  YadVashem, die größte und bekannteste. Des Weiteren besuchte ich auch den Überlebenden-Verein Amcha, wo die Opfer des Holocaust und ihre Angehörigen psychotherapeutisch betreut werden und die Möglichkeit haben, an verschiedenen anderen Beschäftigungsangeboten teilzunehmen, wie Malkurse, Spiele-Nachmittage usw. Schön fand ich vor allem, dass auch die Familien stark mit einbezogen wurden, da hier großer Nachholbedarf besteht. Denn gerade die Kinder der Opfer haben oft überhaupt nichts gewusst von dem was ihre Eltern durchgemacht hatten, da diese sich in Schweigen hüllten. Nicht selten hatten erst die Enkelkinder den Mut, ihre Großeltern direkt danach zu fragen.

Nun zum zweiten Teil meiner Famulatur. Die beiden Tage in der Woche, die ich nicht in der Gerontopsychatrie war, verbrachte ich in der Jugendpsychatrie der Shalvata-Klinik. Da gerade Schulferien waren, gab es auch hier ein alternatives Ferienprogramm. Ich nahm daher auch Teil an den Ausflügen ins Schwimmbad, zum Bowlen oder  ins Kino. Anfangs war ich ein bisschen verunsichert und wusste auch nicht so richtig wie ich mich einbringen kann, da ich doch die Sprache nicht kann und nichts verstehe von dem was so vor sich geht. Aber nach kurzer Zeit merkte ich, dass ich mich auch ohne viel zu sagen mit den Jugendlichen beschäftigen konnte und hatte viel Spaß bei  den Spielen, auch wenn ich bei SET immer verloren habe…
Im Nachhinein würde ich auch sagen, dass ich auch fachlich (psychatrisch) wohl einiges gelernt habe, was ich erst nicht gedacht hätte, weil ich immer der Auffassung war, Psychatrie sei ein Fach das viel über Sprache läuft. Was bestimmt auch wahr ist, allerdings habe ich festgestellt, dass ich gerade weil ich nicht alles Gesagte verstanden habe, mich vielmehr auf das Nonverbale konzentriert habe, was einem sonst meist entgeht.

Des Öfteren bin ich nachmittags nach Tel Aviv gefahren um in die Open Clinic zu gehen. Da ich mich auch in Deutschland schon mit der Thematik beschäftigt hatte, interessierte es mich, wie die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere in Israel funktioniert. Die Physicians for Human Rights in Israel haben hierfür die Open Clinic gegründet. Dort bieten täglich Ärzte verschiedener Fachrichtungen  medizinische Hilfe für Menschen an, die keinen legalen Aufenthaltsstatus in Israel haben oder es sich nicht leisten können zum Arzt zu gehen. Diese Menschen kommen überwiegend aus Äthiopien oder Eritrea, aber auch aus anderen Teilen Afrikas oder aus Asien. Auch psychotherapeutische Hilfe für die Flüchtlinge wurde dort organisiert.  Bevor die Leute zu den Ärzten gegangen sind wurden sie  von Studenten oder anderen Helfern voruntersucht, somit konnte ich mich auch ein wenig einbringen und war entweder dort oder habe mich mit zu einem der Ärzte in die Sprechstunde gesetzt. Die Physicians for Human Rights sind außerdem noch auf anderen Gebieten aktiv. Beispielsweise betreiben sie auch noch die Mobile Clinic, bei der Ärzte aus Israel in die Westbank fahren um die Leute dort medizinisch zu versorgen. Des Weiteren arbeiten sie auch politisch und haben einige Berichte beispielsweise zur Menschenrechtssituation und medizinischen Versorgung im Gaza Streifen herausgegeben.

An den Wochenenden bin ich jedes Mal aus Kfar Saba, wo ich in  ein Zimmer im Schwesternschülerwohnheim des Krankenhauses wohnte, geflohen und habe Ausflüge in andere Teile Israels gemacht.
Zweimal habe ich mich den Wochenendtrips angeschlossen, die von Studenten der Tel Aviv Universität organisiert waren. Die Reisen gingen einmal in den Süden, in die Negev Wüste und an das Tote Meer und ein anderes Mal in den Norden an den See Genezareth und die Golan Höhen. Diese Reisen zeigten mir, dass man in Israel auch einfach als Tourist unterwegs sein kann ohne sich große Gedanken zu machen über die Vergangenheit oder auch die aktuellen Konflikte in denen dieses Land steckt. Dies war auch mal entspannend, allerdings kam ich mir schon in manchen Situationen etwas seltsam vor beispielsweise als Tourist an einem Aussichtspunkt auf den Gaza-Streifen zu stehen oder bei einem Ausflug auf die Golan Höhen Erinnerungsfotos in einem ehemaligen syrischen Bunker zu schießen.
Aber diese zwiespältigen Gefühle gehören wahrscheinlich zu einem Aufenthalt in Israel dazu. Insgesamt muss ich nämlich sagen, dass ich viele schöne Dinge in Israel erlebt und gesehen habe. Dazu gehörten Besuche bei israelischen Familien, die mich eingeladen hatten, eine Nacht im Kibbutz am See Genezareth, ein Shabbat-Essen bei einer religiösen Familie und Strandausflüge mit Freunden. Der Gedanke an den Konflikt hat mich dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Und als ich ganz am Ende meines Aufenthaltes noch Ida in Bethlehem besucht habe, konnte ich spätestens beim Anblick der Mauer und Übertreten des Checkpoints nachempfinden, was die Palästinenser für ein Bild von den Israelis haben müssen. Und es macht mich traurig, dass die Menschen dort wohl nie die gleichen Erfahrungen in Israel machen werden können wie ich sie gemacht habe, und umgekehrt.

Schlussendlich möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bedanken bei allen Menschen die mir diesen Aufenthalt ermöglicht haben, wie Ulla Gorges, Dr. Kron und Dr. Abramovic aus Shalvata und allen, die diese Zeit etwas ganz besonderem gemacht haben für mich!

 

 

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