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Indien

von Shawki Bahmad

01.12.2010 Bevor ich losfuhr fragte ich mich oft, ob ich bereit dafür bin, mich genügend vorbereitet und an alles gedacht habe. Ich war der Meinung, dass ich dieser Herausforderung gewachsen bin. Während meiner Vorbereitungen bemühte ich mich an alle Eventualitäten zu denken. Damals war mir noch nicht bewusst, dass das schwierigste an dieser Reise sein wird, mir zu verdeutlichen am Ende der zwei Monate Abschied nehmen zu müssen.

In Nagpur angekommen wurde ich herzlich von Herrn Dr. Kurvey am Flughafen empfangen und nach Hause gebracht. Danach brach ich auf um die Umgebung zu entdecken.
Auf der Straße wurde man sehr oft von neugierigen und hilfsbereiten Menschen angesprochen, wodurch nicht selten Freundschaften entstanden.
Durch die Kurveys konnte ich Kontakt zu den IPPNW-Studenten in Indien und auch zu anderen Studierenden in Nagpur aufnehmen. Die Studenten waren immer offen, freundlich und interessiert. Ich habe sehr viel Zeit im Studentenwohnheim verbracht und viel über die Studenten erfahren. Jeder von ihnen erzählte mir etwas aus seinem Lebenslauf, welche sich als völlig anders erwiesen als die, die ich bisher kannte.

“Die Götter kommen in verschiedenen Gestalten und sie kommen gerne als Gäste zu Besuch, deswegen behandeln wir Gäste als Götter”  war eine bekannte Redensart die ich nicht nur oft gehört habe sondern auch in der Praxis erlebt habe. Dies konnte sehr schön, aber auch unangenehm sein; besonders wenn man nicht für sich selbst sorgen oder die eigene Einkaufstüte tragen durfte.
Durch die herzliche und liebevolle Art der Kurveys fiel es mir nicht schwer mich in ihrem Haus heimisch zu fühlen.
Mit den Kurveys war es nicht schwer gut auszukommen, wenn man ein paar einfache Regeln beachtete wie zum Beispiel: ältere Menschen darf man nicht mit Vor- oder Nachnamen ansprechen sondern die Bezeichnung Sir oder Madam benutzen.
Die Familie war so fürsorglich, dass es mir nicht erlaubt war etliche Aufgaben selbständig zu erledigen. Da diese Situation für mich gewöhnungsbedürftig war, versuchten die Kurveys vorsichtig zu sein indem sie die Privatsphäre und die persönliche Freiheit respektierten. Im Laufe der Zeit war es auch schön ein Teil der Familie zu sein und diese Geborgenheit zu genießen.
Es war erstaunlich wie nah man den Menschen  innerhalb kürzester Zeit kommen konnte. Sowohl bei den Kurveys als auch mit den Freunden unterwegs standen persönliche Beziehungen immer im Vordergrund, und man nutzte jede vorhandene Zeit um den Anderen besser kennen zu lernen und sich menschlich näher zu kommen.
Es war ein besonderes Erlebnis, intensive zwischenmenschliche Erfahrungen machen zu können und mit sehr interessanten Menschen zu leben von denen man viel lernen konnte.

Famulatur
Die Famulaturen absolvierte ich in verschiedenen Krankenhäusern, welche die Kurveys mir vermittelten. Ich rechnete damit, dass in indischen Krankenhäusern ganz andere Verhältnisse herrschen, trotzdem war es immer wieder eine Herausforderung hinzunehmen was man erlebte. Mangel an Hygiene und grundlegenden Mitteln machte es in manchen Fällen unmöglich Patienten zu helfen, deren Behandlung in Deutschland kein Problem dargestellt hätte. An manchen Tagen waren Handschuhe und Händedesinfektionsmittel Mangelware. Im Op-Saal durfte man nur “Flipflops” tragen. Während der Operateur die Op durchführte, waren die Anästhesisten zeitweise damit beschäftigt Fliegen zu fangen bevor sie den operierten Bereich kontaminieren konnten.
Die Arzt-Patient Beziehung hatte eine ganz andere Gestalt als in Deutschland. Sie war sehr persönlich aber sehr unprofessionell für deutsche Verhältnisse. Der Arzt war eher ein Mensch bei dem man sich ausheulen konnte und dessen Befehle man befolgen musste. Der Patient wurde in den meisten Fällen nicht aufgeklärt und durfte nie mitentscheiden. “Die Patienten sind ungebildet und würden nichts verstehen” oder “Sie sind nicht an ihrer Krankheit interessiert” erklärten die Ärzte. Hausärzte nahmen sich kaum Zeit für ihre Patienten, und manchmal fand gar kein Gespräch statt. Diese Vorgehensweise lässt sich dadurch erklären, dass ein Arzt um die 200 Patienten pro Tag behandeln musste.

Sozialprojekt
Die angebotenen Sozialprojekte waren sehr vielfältig. Das erste Projekt an dem ich mitwirkten konnte, war die Konferenz zu dem Hiroschima- und Nagasaki Gedenktag. Zu dem Thema haben wir verschiedene Konferenzen und Schulbesuche veranstaltet. Ich erkannte jedoch im Gespräch mit den Einheimischen die Ambivalenz zwischen der Wichtigkeit dieses Themas auf der einen Seite und der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse im Alltag (z.B. Hunger) der Menschen auf der anderen Seite.
Nach der Ankunft Frau Dr. Kurveys in Nagpur durfte ich mich an einigen ihrer Projekte beteiligen. Frau Dr. Kurvey leitet mehrere Projekte in Nagpur und Umland. In einer Aktion gegen den Bauernsuizid in Indien verteilten wir Spinnräder an Frauen eines Dorfes nördlich von Nagpur. Somit sind sie in der Lage, unabhängig “Khadi”(den traditionellen indischen Stoff) herzustellen und ihr eigenes Geld damit zu verdienen.
Frau Dr. Kurvey organisierte auch Lehrgänge, um den Frauen nahezubringen, wie man die Spinnräder am effektivsten nutzt. Ich war sehr begeistert wie man mit einfachen Mitteln vielen Familien helfen konnte, und es war sehr schön zu sehen wie glücklich und motiviert die Frauen dadurch waren.

In verschiedenen Universitäten veranstalteten wir Meetings, bei denen es zu Diskussionen mit den Studierenden kam und zu einem Austausch über den Alltag in Deutschland und Indien und darüber, welche Lebensbedingungen in beiden Ländern herrschen.
In Nagpur leitete Frau Dr. Kurvey das Peace Museum, in dem regelmäßig Besuche von Schulklassen und Aufklärungsgespräche stattfanden.Sowohl die Famulatur als auch die Sozialprojekte gestalteten sich spontan und nicht geplant. Man muss damit zurecht kommen, dass in Indien kaum geplant wird und darf sich nicht dadurch verunsichern lassen, dass auf einmal Pläne verändert werden - je nach dem wie es gerade passt. Man hat meistens erst ein paar Stunden im voraus gewusst was als Nächstes anstand. Trotzdem war man in der Lage gute Erfahrungen zu sammeln, und die Aktivitäten waren sehr lehrreich und vielseitig.

Reisen
Der August war sehr aktionsreich, dafür hatte ich im September viel mehr Zeit eingeräumt um das Land kennen zu lernen. Die Kurveys haben mir dabei geholfen eine Tour durch Nordindien zu organisieren. Das Land ist atemberaubend schön, aber die Tour lief nicht immer wie geplant so dass man manchmal Umwege machen musste.
An manchen überfüllten Orten wie zum Beispiel in Delhi habe ich mich unwohl gefühlt. Manche Menschen waren sehr aufdringlich wenn es darum ging, etwas zu verkaufen oder etwas zeigen zu wollen. Es ging so weit, dass Fremde an einem zerrten ohne dass man wusste was sie wollten.
Die Orte, die ich besuchte waren traumhaft, und es war sehr einfach alleine unterwegs zurecht zu kommen, weil die Menschen überall hilfsbereit waren. Und überall lernte man Menschen kennen die wie Freunde waren.

Indien bestand leider nicht nur aus warmen, braunen Augen, strahlender Sonne und einem gastfreundlichen Lächeln, sondern es gab viele Situationen in denen man sich unsicher oder durch die Menschen bedrängt fühlte. Von einigen Verkäufern und Schwindlern  werden Ausländer nicht mehr als Menschen sondern als ein volles Portemonnaie wahrgenommen.
Man war sehr oft dazu gezwungen die hygienischen Standards aufzugeben, und das fiel einem nicht immer leicht.
Da viele Menschen den “Neuen” kennen lernen wollten und Menschenmassen in Indien andere Dimensionen darstellen, traf ich manchmal über 50 neue “Freunde” pro Tag, die die gleichen Fragen stellten. Es war in verschiedenen Situationen sehr schwierig Grenzen zu setzen ohne die Menschen zu verletzen, da die Menschen in Indien, so wie ich sie wahrnahm, sehr sensibel und eine direkte Art nicht gewöhnt sind. Alle wollten sich kümmern und dich einladen um dir ihre Familien vorzustellen. Alle erwarteten auch eine gewisse Portion Aufmerksamkeit , welches zu Situationen führte, in denen manch einer enttäuscht war. Das alles erforderte manchmal Geduld.
Aber durch die besondere Art der Menschen in Indien konnte ich jeden Tag Wärme tanken.

Dieser Aufenthalt übertraf meine Erwartungen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich innerhalb dieser zwei Monate so viel erleben würde und dass ich in diesem Land ein Stück Zuhause finden und hinterlassen würde.
Unzählig viele Erinnerungen, Freundschaften und brennende Sehnsucht durfte ich mit nach Hause nehmen.

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