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Bosnien-Herzegovina

von Johanna Lindert

01.12.2010 Sarajevo - allein der Name klingt schon wie Musik in meinen Ohren, und es gibt viele Legenden, woher er stammt. – Früher wusste ich manchmal nicht, ob die Stadt die Hauptstadt Bosnien-Herzegovinas oder Serbiens oder die eines der anderen Balkanländer ist, aber heute erscheint mir der Gedanke absurd, was ja auch so sein sollte, weil ich zweieinhalb Monate das Glück hatte, in Sarajevo zu leben (und zu arbeiten).

Als ich, in einem unheimlich kleinen kroatischen Bahnhof umgestiegen, in einem langsamen bosnischen Zug mit zwei Waggons auf gemütlichen Sesselpolstersitzen saß, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Ich hatte zuvor keine Vorstellung oder Erwartung, wie das Land aussehen würde, doch es war (ist) so wunderschön, dass ich nur staunen konnte. Eigentlich besteht der Norden, durch den ich auf meinem Weg von Berlin nach Sarajevo fuhr, fast nur aus Mittelgebirgen mit runden Hügeln, die mit dunklem Wald bewachsen und von türkisfarbenen Flüssen durchzogen werden. (Die Landschaft ist so märchenhaft, dass man sich fast nicht vorstellen kann, dass oder welche Gräueltaten in den Wäldern oder im ganzen Land begangen worden sind.) Von Zeit zu Zeit gibt es Dörfer und Städtchen (Bosnien ist zu 70% ländlich besiedelt) und dann fuhr ich in das Tal Sarajevos ein, an sozialistischen Plattenbaustadtteilen vorbei zu einem ziemlich kleinen Bahnhof. Als es Jugoslawien noch gab, war der Bahnhof viel größer, doch wurde er - wie unzählige andere und eigentlich fast alle anderen Gebäude vieler bosnischer Städte - während des Krieges schwer beschädigt (oder zerstört) und danach in viel kleineren Dimensionen wieder aufgebaut. Denn der Krieg hat zum einen auch sowieso einen erheblichen Teil der Schienen unbefahrbar gemacht, zum anderen hat allgemein das Reisen und der Wille dazu wegen des Krieges innerhalb der Balkanländer sehr abgenommen. In den ersten Tagen habe ich gelernt, dass die Menschen eine besondere Zeitrechnung haben: vor dem Krieg, während dessen und nach dem Krieg.

Sarajevo
ist eine wunderschöne Stadt, nicht besonders groß, aber vielfältig, geschichtsträchtig und spannend. Mal ist es so wie in alten ottomanischen Basaren, mal wie in Wien, mal wie in orientalischen Gassen oder kleinen Bergdörfern, mal wie in beliebigen osteuropäischen, oder einer beliebigen deutschen (wegen der vielen alten deutschen Trams oder LKWs mit alten deutschen Werbungen) mal wie in südeuropäischen Städten. Es gibt eine Straße mit einer 400 Jahre alten Moschee, einer katholischen Kathedrale, einer alten sephardischen Synagoge und einer (serbisch)orthodoxen Kirche. Die Menschen sind stolz auf ein jahrhundertelanges friedliches Zusammenleben verschiedener Religionen (kulturell und im Alltag teilen die Menschen die vielleicht für den Balkan typischen Lebensweisen mit viel Café mit Freunden trinken und Zigaretten rauchen). Im Krieg ist alles auseinander gebrochen, die Menschen wurden Zeuge eines brutalen Völkermords; eigentlich hätte man glauben mögen, nach jahrhundertelangem Zusammenleben könnten Vorurteile nicht so schreckliche Früchte tragen und die Aufhetzung so erfolgreich funktionieren, sodass Familien von ihren Nachbarn oder von Freunden verraten werden würden. Vielleicht war es also eher ein jahrhundertelanges Nebeneinanderher- und nicht Miteinander-Leben.
Viele sagen allerdings (besonders) von Sarajevo, dass, egal welcher ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit, die Bewohner der Stadt während der Belagerung dageblieben seien, zusammengehalten haben und gemeinsam gegen die Angreifer um Sarajevo gekämpft hätten (also auch bosnische Serben aus Sarajevo gegen bosnische Serben- Paramilitärs aus der Republika Srpska), weil sie Sarajevo so sehr lieben. Sarajevo hat sich trotz des Krieges und der Auseinandersetzungen der Einwohner seine besondere Atmosphäre bewahrt, und die Menschen, obgleich der Krieg immer noch sehr präsent ist und in vielen Nebensätzen auftaucht, versuchen, das Leben mit ihren Freunden und ihren Familien und der Stadt zu genießen und verbringen so zum Beispiel unzählige Stunden in den zahlreichen Cafés, manchmal trifft man sich mit mehreren Freunden hintereinander zum stundenlangen Kaffeetrinken.
 
Im Krankenhaus
wurde ich liebevoll aufgenommen. Obwohl ich meine Famulatur auf einer Station für Abdominal- Chirurgie gemacht habe, luden mich die Chirurgen der anderen Fachrichtungen auch zu sich in die Operationssäle ein, um den OPs beizuwohnen. Auch die Anästhesisten halfen mir viel, erklärten mir die OPs oder die Anästhesie und ich durfte auch intubieren. Mit den allermeisten Ärzten konnte ich mich unterhalten: entweder auf Deutsch oder auf Englisch. Sehr viele waren eine Zeitlang, oft während des Krieges als Flüchtlinge, in Deutschland gewesen (oft durften sie hier aber nicht als Arzt praktizieren, sondern höchstens als Krankenschwester/-pfleger) und sprachen deshalb gut Deutsch. (Generell war es in der Stadt sehr häufig so, dass die Menschen auf die Frage, ob sie Englisch sprächen, mit Nein antworteten, dass sie aber Deutsch könnten. So konnte man in allen möglichen Ecken der Stadt oder des Landes mit Bosniern zum Teil akzentfrei und in einem der deutschen Dialekte alltägliche Gespräche auf Deutsch führen.) Viele der Ärzte, besonders die jüngeren und generell die Jugendlichen sprachen auch gut Englisch. So hatte ich eigentlich selten Probleme, mich zu verständigen oder Gespräche zu führen (auf dem Land konnte es allerdings schwierig werden, Leute zu finden, die entweder Englisch oder Deutsch sprechen konnten.)

Ich durfte bei einigen Operationen assistieren, die Ärzte ermutigten mich auch, mal selbst etwas zu machen. Allerdings war es nicht immer möglich, zum Beispiel bei schwierigen Operationen oder weil in der Zeit, als ich da war, die Krankenhauswäscherei eine Zeit lang nicht so gut funktioniert hat, sodass nicht genügend sterile Kittel zur Verfügung standen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Ärzte gerne viel erklären und einen assistieren lassen, wenn man interessiert ist und nachfragt. Es ist aber auch so, dass sie mich manchmal, wenn wenig los war, früher nach hause geschickt haben mit den Worten, ich solle auch die Stadt erkunden, denn ich sei ja schließlich auch hier, um die Stadt und das Land kennen zu lernen. So war ich manchmal bis um vier Uhr nachmittags im Krankenhaus und manchmal nur bis um ein oder zwei Uhr.
Ziemlich krass fand ich, dass in vielen Stationen Schilder hängen mit einer durchgestrichenen Zigarette, durchgestrichenem Handy und einer durchgestrichenen Pistole. Die gleichen Zeichen findet man oft auch an Caféhaustüren, auf Spielplätzen oder sonst oft auf allen möglichen Schildern im alltäglichen Leben der Stadt.
Traurig finde ich, dass die Menschen ihren eigenen Krankenhäusern oder Ärzten nicht sehr viel Vertrauen schenken. Viele waren verwundert wenn ich ihnen erzählte, dass es im Uniklinikum in Sarajevo ungefähr so aussähe wie in einer deutschen Klinik und dass dort hohe medizinische Standards gelten. Leider kann man das von den meisten Krankenhäusern auf dem Land nicht sagen, weil dort das Geld an allen Ecken und Enden fehlt und die Ärzte mit sehr alten Geräten auskommen müssen.
 
Mein Sozialpraktikum
wollte ich gerne in einer Organisation machen, die sich auf irgendeine Weise mit dem Krieg auseinandersetzt, weil ich mich schon zuhause und in meiner Zeit im Krankenhaus viel "mit dem Krieg" (wenn man das so sagen kann) beschäftigt habe, nach Srebrenica gefahren bin und mich mit vielen Leuten darüber, über ihre Meinung oder einige ihrer Erlebnisse unterhalten habe - früher oder später kommt man fast immer mit seinem Gesprächspartner irgendwie auf eine Art und Weise zum Krieg. Es war allerdings schwierig eine Organisation zu finden die bereit war, eine Praktikantin (die auch die Sprache nicht spricht) für eine so kurze Zeit aufzunehmen.
So verbrachte ich diese Zeit in der Organisation Žene za Žene, die zu Women for Women International gehört. Die Organisation arbeitet mit Frauen aller Altersgruppen zusammen, deren Lebensgrundlage im Krieg zunichte gemacht wurde, deren Männer ermordet wurden oder die (auf andere Art) im Krieg traumatisiert worden sind. Sie bietet Hilfe zur Selbsthilfe an, sodass die Frauen, oft Frauen vom Land, eine Möglichkeit bekommen ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu führen. So werden je nach Neigung und Kapazität in verschiedenen Zentren oder Seminaren im ganzen Land verteilt, Kurse angeboten zu Themenkomplexen wie Gewächshäuser, ökologischer Landbau, Computerumgang, Verwaltung oder generell auch Lebensführung. Eine große Rolle spielt auch Handarbeit, wie Stricken, Nähen und Weben, weil traditionell diese Dinge in den Dörfern sehr verankert sind und Handarbeit den Frauen eine gute Möglichkeit bietet, zuhause zu arbeiten. Die Organisation hat eine Kooperation mit einer US- amerikanischen Modefirma, die die gestrickten Waren in den USA verkauft.

Ich wurde auch hier in der Organisation sehr herzlich aufgenommen und habe viele interessante und tiefgründige Gespräche mit den Mitarbeitern geführt, habe mir die Arbeiten und das Arbeiten angeschaut und versucht zu helfen, wo es ging. Allerdings war es schwierig mit den Frauen zu sprechen, weil eigentlich die meisten weder Deutsch noch Englisch sprachen und die Seminare oft in abgelegenen Dörfern stattfanden. Aber ich bin begeistert von der Arbeit die die Organisation seit vielen Jahren leistet.
 
Ich hatte eine intensive Zeit in Bosnien- Herzegovina, in der wunderschönen Stadt Sarajevo, in anderen Städten wie Mostar oder Travnik, während mancher Ausflüge in die traumhaften Landschaften, hatte einen Einblick in die traurige und schreckliche jüngste Geschichte, und ich habe gesehen, wie die Menschen mit viel Kraft, Lebensfreude und Hoffnung aufzuholen versuchen, was ihnen Krieg und Armut genommen haben. Und ich habe mich definitiv verliebt in das Land und die Leute.
Wenn man aus dem Brunnen in Baščaršia, der Altstadt, trinkt -  so sagen die Einwohner Sarajevos - so wird man wieder zurückkommen in die Stadt, und auch ich freue mich schon auf mein nächstes Mal in Sarajevo.
 

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